Christliches Manifest
Christliches Manifest

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Der „Volksstaat-Erzähler“ diente als Beilage zum „Volksstaat“. Ein unveränderter Nachdruck wurde vom Zentralarchiv der Deutschen Demokratischen Republik vorgenommen.

Leipzig 1971.

 

„Der Volksstaat – Erzähler erschien vom 7. Dezember 1873 bis zum 19. Dezember 1875 einmal wöchentlich.

 

Nach dem Exemplar der Berliner Stadtbibliothek fotomechanisch hergestellt.

Nationales Druckhaus Berlin, DDR, AG. Nr. 509/183/71.

Einband von Buchbinderei K. Schirmer, Erfurt, DDR.

 

Der „Volksstaat – Erzähler“ als Beilage zum „Volksstaat“ unterscheidet sich in Stil, Aufmachung, Inhalt und bildungspolitischer Zielsetzung vom „Volksstaat“ , der das unmittelbare politische Tages – und Zeitgeschehen im Blick hat, während der „Volksstaat – Erzähler“ als literarische Aufmachung angesehen werden muss, Erzählungen, historische Betrachtungen, philosophische Abhandlungen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse stehen im Mittelpunkt, und auch die Lyrik kommt nicht zu kurz, und findet sich wieder in zahlreichen Gedichten.

Die Novelle „Michael Kohlhaas“ erscheint in mehreren Folgen. Der Zug der Zeit, der Wert legt auf Literarisches, Philosophisches und Lyrisches tritt dem Leser entgegen, wobei Sozialistisches und somit auch Eigenständiges angestrebt wird. Es ist die Fortsetzung einer Tradition, die anknüpft an die Zeit der Kultur – und Geistesgeschichte mit ihren Höhepunkten in der letzten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, zugleich aber den Umbruch und das Bemühen erkennen lässt, sich zu lösen von der literarischen und philosophischen Welt, verknüpft mit der vorwiegend idealistischen und romantischen bürgerlichen Weltanschauung, hin zu einer eigenständigen sozialistisch geprägten Kunstgattung mit einer materialistischen Weltsicht.

Die wesentlichen Inhalte aus dem „Volksstaat – Erzähler“ sollen nachfolgend wiedergegeben und in Beziehung gesetzt werden zu historischen Vorgängen der Epochen, die angesprochen werden.

Erscheint wöchentlich                     Volksstaat – Erzähler                           Erster Jahrgang

                                                        Beilage zum „Volksstaat“

 

Nr. 1.                                                Leipzig, 7. Dezember                                                 1873

 

Die Nr. 1. der Beilage zum „Volksstaat“ beginnt mit einer „Hausgeschichte“, die den Titel trägt:

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                                                     Allerhand Proletarier

                                       Eine Hausgeschichte von A. Otto Walster

 

Der Titel lässt schon erkennen, welches Gesellschaftsbild  gezeichnet werden soll, welche Gesellschaftsschichten  bestimmend sind für Ort und Handlung, und sich in ihren unterschiedlichen Lebenseinstellungen und Lebensumständen wiederfinden.

Die Hausgeschichte nimmt ihren Anfang bei Proletariern und mit Proletariern. Der Zeitpunkt der Handlung lässt sich auch ohne genaue Zeitangaben unschwer herausfinden, wenn Personen der Darstellung mit Ereignissen in Verbindung gebracht werden wie  dem Deutsch – Französischen Krieg 1870/71.

Düster und bedrückend beginnt alles: An einem regennassen Herbsttag wird eine Familie mit Kindern und dem Mobiliar ohne Umschweife aus ihrer Wohnung verwiesen und auf die Straße gesetzt, weil der Mietzins nicht pünktlich entrichtet worden war. Aus den umliegenden Wohnungen und Häusern versammeln sich Menschen, die,  je nach Herkunft, ihr Urteil zum Geschehen verkünden, das sich ihnen darbietet.

Die handelnden Personen eröffnen den Blick in das Wesen, in dem sich das gesellschaftliche Schema der Zeit entfaltet. Es sind einmal die etwas abseits stehenden, kritisch beäugt von der Seite, die obrigkeitstreu  auftritt, und so ein Wesensmerkmal der Zeit literarisch ausmalt.

Es entwickelt sich ein Dialog unter den Umstehenden, der die Gegensätzlichkeiten hervorhebt, der behutsam hinführt in eine bessere Welt, in eine sozialistische, sozialdemokratische Welt.

Es entspinnt sich ein Dialog, der die gesellschaftliche Wirklichkeit der Zeit erfassen und beleuchten und mit ihren Wesensmerkmalen einfangen sollte:

„Es ist heute großes Hauswirthsfest, es ist der berühmte „Rausschmeißetag“, das Hohefest der sogenannten „göttlichen Weltordnung“ , an welchem die Leute, die in unserer schönen, glanzvollen Residenz keine Wohnung finden, an die Luft gesetzt werden und später als obdachlos von der Polizei in Gewahrsam genommen werden. „Die Häuser bringen nicht genug Zinsen, deshalb wird solange mit dem Gelde, wenigstens an der Börse, speculirt, bis die Wohnungsnot so groß geworden ist, daß jeder, um nur nicht ausziehen zu müssen, lieber das Dreifache zahlt. Wir sind hier die Glücklichen, die dieses Schauspiel genießen, auf allen Straßen sieht man, wie Menschen und Möbel gelüftet werden“.

„Sie sind ein gefährlicher Mensch, ein Sozialist, ja, Sie sind sogar ein Internationaler, ein Petroleur, Herr Schnürer, dem ich sofort kündigen werde“:

Ein lautes Getöse auf der Straße unterbrach das interessant werdende Gespräch. Die Dienstmänner hatten den Küchenschrank der „herausgesetzten“ Familie heruntergebracht und so unachtsam niedergesetzt, daß er, da er ohnehin beim Fortbringen auf der Treppe zwei Füße abgebrochen waren, umstürzte, und jenes lärmende Geräusch in seinem Innern vernehmen ließ, welches das Zerbrechen von vielem Geschirr begleitet.

Die Umstehenden, welche schon seit Anbeginn mit hörbaren Aeußerungen des Mißfallens, die in unserem „humanen“  Zeitalter nicht seltene Szene mit angesehen, brachen jetzt in

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lebhafte Vorwürfe gegen die Dienstmänner sowohl, wie gegen den noch immer in vollster Gleichgültigkeit verharrendem Gerichtsvollzieher aus. Man hatte erfahren, daß der Herausgesetzte ein äußerst fleißiger und ordentlicher Mann sei, den nur eine zeitweilige Entfernung von seinem Wirkungskreise, welche, da er Landwehrmann war, der „heilige“ Krieg herbeigeführt, zurückgebracht hatte. Die Dienstmänner zuckten die Achseln, und der Gerichtsvollzieher meinte kaltblütig:

„Warum wartet er, bis er herausgesetzt wird?“

„Fiat justitia“, und wenn die ganze arme Menschheit der Teufel holen sollte“, bemerkte mit schneidendem Hohne der lange hagere Mensch, den wir unter dem Namen Schnürer kennengelernt hatten.

Das Publikum aber beruhigte sich so leicht nicht und ging dem Dienstmännern wie dem Gerichtsvollzieher auf den Leib, als plötzlich zwei Schutzmänner erschienen, welche die Leute mit kräftiger Hand links und rechts beiseite schoben.

„Was ist das hier für ein Skandal“ rief der Eine, „den Augenblick auseinander, wer stehen bleibt, wird sofort arretirt“.

„Meine Sachen werden mir hier von den Dienstmännern ruiniert“, rief der Geschädigte, indem er auf die Schutzmänner zutrat, „ich bitte um Schutz für mein Eigenthum“.

„Warum sind Sie nicht früher ausgezogen?“

„Ich hatte keine Wohnung“.

„Warum haben Sie keine beizeiten gesucht?“ „Ich habe keine finden können, obwohl ich viel Arbeitszeit deshalb versäumte.“

„Ausflüchte, Sie wußten, wenn Sie ausziehen mußten, aber das denkt nie an den anderen Tag, dann beklagen sie sich. Wir kennen „die Sorte“ schon.“

„Herr, ich bin keine „Sorte“, ich habe dem König seit 8 Jahren gedient, beleidigen Sie mich nicht.“

„Schweigen Sie sofort, oder ich arretire Sie auf der Stelle, mit solchen Bummlern wissen wir fertig zu werden.“

„Bummler?“ ich ein Bummler? Was unterstehen Sie sich, den Augenblick lassen Sie mich los...“

Mit großer Heftigkeit warf der angegriffene den Schutzmann, der ihn angefaßt hatte, bei Seite, so daß er in das Haus taumelte, der andere Schutzmann zog sofort blank und hieb dem unglücklichen Familienvater über den Kopf, der blutend zurückwich. Der andere Schutzmann aber, der sich schnell gesammelt, zog einen Todtschläger hervor und schwang ihn über dem Haupte des Verwundeten. Das Publikum drängte drohend vor und ein junger ziemlich feingekleideter Mann entriß den Händen des Schutzmannes  den „Todtschläger“ und ließ ihn auf das eigene Haupt des früheren Inhabers niederfallen.

„Reitende Schutzmänner, rettet Euch“, rief da eine schrill durchdringende Stimme.

Und vom anderen Ende der Straße kam in scharfem Trabe eine Patroulle reitender Schutzmänner mit blank gezogenen Säbeln. Der Haufe stob schnell auseinander, nur die Letzten wurden von einigen flachen Hieben erreicht.

„Hier ist der Hauptrebell“, schrie der unverletzt gebliebene Schutzmann, indem er den jungen Mann mit beiden Händen faßte, „er hat einen Kameraden erschlagen.“

Einer der beiden Schutzmänner lenkte sofort sein Pferd dorthin, der junge Mann aber schleuderte seinen Gegner mit der Kraft der Verzweiflung gegen die Haustür und flüchtete quer über die Straße, unterwegs einem nach seinem Kopfe geführten Säbelhieb geschickt ausweichend, worauf  er den unbeweglich und vorsorglich in seiner Haustür

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stehenden Herrn Schnober halb über den Haufen rannte und die Treppe hinauf flüchtete.

Herrn Schnober war die obere Hälfte der Pfeife in den Mund hinauf gestoßen und die untere mit dem Pfeifenkopf abgebrochen worden. Ehe er sich noch recht von seinem Schrecken erholt, schrie ihn schon der Polizeisergeant an:

„Wo ist der Mörder hin?“

„Mörder, wie sagten Sie....?“

„Nur keine Ausflüchte, Sie kennen ihn, Sie stehen im Complott!“

„Herr, ich Ausflüchter, ein Complotter oder....“

„Schweigen Sie und gestehen Sie.“

„Sollen wir den auch mitnehmen?“ frug jetzt ein herangerittener Schutzmann.

„Auch mitnehmen? Ach du mein Gott, Gnade meine Herren für einen unglücklichen Hauswirth, der sich vor seinen Mietsleuten nicht retten kann.“

„So, Sie sind Hauswirth, das ist etwas anderes, aber kennen Sie den Verbrecher, der in Ihr Haus geflüchtet ist?“

„Ich kenne ihn nicht“

Inzwischen waren die übrigen reitenden Schutzmänner nach Säuberung der Straße, bei der nur ein Kind mit tödlichem Erfolge umgeritten, ein Greis gefährlich verletzt und ein Weib nicht minder erheblich durch ein Pferd an den Brunnen gequescht worden, zurückgekehrt. Das Haus wurde von oben bis unten durchsucht, ohne daß man auf eine Spur des „Verbrechers“ kam.

Die „geheime“ Criminalpolizei war inzwischen auch eingetroffen und hatte die Nachforschungen unterstützt. Der ganz außer Fassung gerathene Hauswirth versicherte, daß der „Verbrecher“ nicht weiter habe flüchten können, daß er sowohl als auch die Hausmannsfrau scharf Acht haben werden, um den Schuldigen der gebührenden Strafe zuführen zu können, und nachdem einige Geheimpolizisten sich passende Observationsposten ausgesucht, und über das Signalement des jungen Mannes die nötigen Notizen aufgeschrieben, zog die Sicherheitsmannschaft ab, indem sie zu gleicher Zeit die Verwundeten mitnahm. Unter Letzteren befand sich auch der übel zugerichtete Familienvater Husmann, von dem die laut jammernde Gattin gewaltsam getrennt wurde.

Ein menschlich gesinnter „Nachbar“ nahm, um künftigen Skandal auf der Straße zu verhüten, die Frau mit ihren Kindern im Souterrain auf. Die Sachen blieben einstweilen auf der Straße.

Aehnliche Szenen kamen an diesem Tage in der glänzenden Residenz zu Hunderten vor. Die feierliche Wachparade wurde dadurch in keiner Weise gestört.

Viele Wohnungsgeräthe lagen am Abend noch hier und da auf der Straße. Bei einbrechender Dunkelheit verschwand manches davon, weil keine Gerichtswehr da war.

Und der heiße „Rausschmeißertag“ war vorüber. Die ungastlichen Hauseigenthümer ließen ihre Thore schließen. Und es regnete fort und fort.

 

                                                Pfarrer Meslier und sein Testament

                                                    Aus David Strauß‘ „Voltaire“

David Strauß beginnt mit der Kurzbiographie des Pfarrers Jean Meslier, hier einige Auszüge dazu: Pfarrer Meslier wurde 1664 in einem französischem Dorf in der Champagne geboren, in einem Seminar in Chalons sur Marne zum Pfarrer ausgebildet, um sich dem geistlichen Stande zu widmen. Neben seinem eigentlichen Fach der Theologie wandte er sich der Philosophie René Descartes (1596-1650) zu, um sich darin zu vertiefen. 1692 wurde er Pfarrer in Etrépergny im Departement der Ardennen, wo er bis an sein Lebensende 1729 tätig war.

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Seine kleine Bibliothek umfasste die Kirchenväter, eine Abhandlung über das Dasein Gottes von Fenelon und die Schrift über die Erforschung der Wahrheit von Mallebranche.

Pfarrer Meslier gehörte nicht zu den Geistlichen, die mit Rücksicht auf den gesellschaftlichen Stand über die Handlungen seiner ihm Anbefohlenen hinwegsah. So begann eine Geschichte, die dem Leben des Pfarrers die entscheidende Wende gab.

Es kam zu einem Zerwürfnis mit einem Edelmann seines Sprengels, Herrn von Clairy. Öffentlich hatte Pfarrer Meslier von der Kanzel den Adeligen der Misshandlung seiner Bauern bezichtigt. Der Streit, der sich daraus entspann, gelangte bis zum Erzbischof von Reims, einer der führenden kirchlichen Würdenträger zur damaligen Zeit in Frankreich. In der Kathedrale zu Reims wurden die französischen Könige gekrönt.

Pfarrer Meslier hinterließ ein literarisches Werk mit der Bezeichnung: „Mein Testament“, worin er seine Überzeugungen, die nicht nur die gesellschaftlichen Zustände betrafen, sondern  auch und gerade theologische und philosophische Ansichten preisgab, die er mit seinem Amt nicht hätte im Einklang bringen können.

Zu Lebzeiten hatte Meslier als Pfarrer, wie es für ihn unumgänglich war, den katholisch- christlichen Glauben und Gehorsam gegen die Obrigkeit gepredigt.

„Ich habe, war auf dem Umschlage des für seine Gemeinde bestimmten Exemplars zu lesen, „ich habe gesehen und erkannt die Irrthümer, die Mißbräuche, die Eitelkeiten, die Thorheiten und Schlechtigkeit der Menschen; ich habe sie gehaßt und verwünscht; ich habe nicht gewagt, es zu sagen bei meinem Leben, aber ich will es wenigstens im Tode und nach meinem Tode sagen, und darum setze ich die gegenwärtige Denkschrift auf, damit sie zum Zeugnis der Wahrheit dienen könne für alle, die sie sehen und für gut finden, sie zu lesen.“

Im „Volksstaat – Erzähler“ heißt es zu diesem Zitat aus Mesliers Testament:

„Schon diese Worte weisen darauf hin, daß wir es hier nicht blos  mit einem Proteste gegen Irrthümer in der Religion, sondern auch gegen Mißstände im Leben und Zusammenleben der Menschen zu thun haben: das Testament des Pfarrers Meslier ist nicht blos eine philosophisch – theologische, sondern ebenso sehr eine politische Absageschrift. Dadurch unterscheidet es sich wesentlich von einem deutschen Schriftstücke, woran es jedoch unvermeidlich erinnert: der bekannten Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes von Hermann Samuel Reimarus.1 Beidemale ein Verstorbener der über einen Gegensatz, der ihn in seinem Leben um so schwerer drückte, je fester er ihn in sich zu verschließen mußte, nun nach seinem Tode den Mund eröffnet. Aber den einen drückte nur der religiöse, den andern auch der politisch – soziale Zustand der Menschheit um ihn her, und, wie wir bald schon sehen werden, während der eine der offenbarungsgläubigen Theologie gegenüber sich auf eine doch immer noch gottgläubige Theologie stützte, ging der andere mit seinem philosophischen Denken bis zum Atheismus fort. Das Gebiet mithin, worauf sich der Zweifel bewegt, ist bei Meslier ein viel weiteres als bei Reimarus: die Ausführungen gegen die Wahrheit des Christentums und der Bibel, denen das ganze Werk des Letzteren gewidmet ist, bilden bei dem ersteren nur einen Theil“.

Reimarus sieht die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes mit ihren Berichten im Widerspruch, so heißt es dazu:

„Die vornehmste und erste Frage, worauf das ganze neue System der Apostel ankommt, ist dennoch diese, ob Jesus, nachdem er getötet worden, wahrhaftig auferstanden sei?

1 Reimarus (1699-1768) war Professor für orientalische Sprachen am Gymnasium Johanneum in Hamburg, verteidigte das Christentum als natürliche Religion gegen die radikale französische Aufklärung, vertrat in einer posthum in Auszügen durch Lessing veröffentlichten „Apologie“ freilich sehr viel radikalere Auffassungen, indem er mit Hilfe der Bibelkritik Theologie und Dogmen als Priesterbetrug  zur Unterdrückung des armen Volkes zu entlarven versuchte. Zitiert aus: Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen hrsg. Von Heiko A. Oberman, Bd. IV Vom Konfessionalismus zur Moderne hrsg von Martin Greschat, Neukirchen – Vluyn 1997 S. 114 f

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Zeugen, die bei ihrer Aussage in den wichtigsten Umständen so sehr variieren, würden in keinen weltlichen Händeln, wenn es auch bloß auf ein wenig Geld einer Person ankäme, als gültig und rechtsbeständig erkannt werden, so daß der Richter sich auf ihre Erzählungen sicher gründen, und den Spruch darauf bauen könnte. Wie kann man denn begehren, daß auf die Aussage von solchen vier variierenden Zeugen, die ganze Welt, das ganze Geschlecht zu allen Zeiten und allen Orten ihre Religion, Glauben und Hoffnung zur Seligkeit gründen soll“.2

 „Sie machen es nicht wie andere aufrichtige Leute, die mit Wahrheit umgehen und sich frei auf mehrere Menschen berufen dürften, die ihn hätten kommen, weggehen, wandern sehen, nein, er sieht bei ihnen ohne zu kommen, er kommt auf eine menschliche Augen unsichtbare Art, durch verschlossene Türen, durchs Schlüsselloch, und so verschwindet er wieder vor den Augen, niemand auf der Gasse oder im Hause sieht ihn kommen und weggehen. Ja in aller der Zeit von 50 Tagen, solange er nach seiner Auferstehung soll auf der Erde gewandelt haben und von den Jüngern hin und wieder gesehen sein, läßt sich auch kein einziger Jünger zu einem Freunde was von seiner Auferstehung was vermerken. Sie halten die Sache heimlich, man möchte sonst von ihnen gesagt haben, weiset ihn uns auch, so wollen wir glauben, daß er lebt“.3

„Gewiß, wenn wir auch keinen weiteren Anstoß bei der Auferstehung Jesu hätten, so wäre dieser einzige, daß er sich nicht öffentlich sehen lassen, allein genug, alle Glaubwürdigkeit davon über den Haufen zu werfen, weil er sich in Ewigkeit, warum Jesus soll in die Welt gekommen sein, zusammenreimen läßt. Es ist Torheit über den Unglauben der Menschen zu klagen und zu seufzen, wenn man ihnen die Überführung nicht geben kann, welche die Sache selbst, nach gesunder Vernunft, notwendig erheischt“.4

Von Reimarus ist nur ein kleiner Schritt zu Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der sein Leben lang leidenschaftlich spezifisch theologischen Fragen umging. Die folgenden Texte bieten eine Auswahl, die auf den Streit um die von Lessing edierten „Fragmente eines Ungenannten“, die sich auf Reimarus beziehen, zurück geführt werden können. Die wesentlichen Gedanken zu diesem Thema lassen sich auch in seinem Drama „Nathan der Weise“ wiederfinden, das einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad erlangt hat.5

a) Gegen – Sätze des Herausgebers zu den Fragmenten des Ungenannten (1777)

Und nun genug dieser Fragmente! – Wer von meinen Lesern sie mir aber ganz geschenkt hätte, der ist sicher furchtsamer als unterrichtet. Er kann ein sehr frommer Christ sein, aber ein  aufgeklärter ist er sicher nicht. Er kann es mit seiner Religion herzlich gut meinen, nur müßte er ihr auch mehr zutrauen.

Denn wie vieles läßt sich noch auf alle diese Einwende und Schwierigkeiten antworten. Und wenn sich auch schlechterdings nichts darauf antworten ließ: was dann?

Der gelehrte Theolog könnte am Ende darüber verlegen sein aber auch der Christ? Der gewiß nicht. Jenem höchstens könnte es zur Verwirrung gereichen, die Stützen, welche er der Religion unterziehen wollte, so erschüttert zu sehen, die Strebepfeiler so niedergerissen zu finden, mit welchen er, wenn Gott will, sie so schön verwahret hatte. Aber was gehen den Christen dieses Mannes Hypothesen und Erklärungen und Beweise an? Ihm ist es doch einmal da das Christentum, welches er so wahr, in welchem er sich so selig fühlet.

2 Hermann Samuel Reimarus: Die neutestamentlichen Berichte über Jesu Auferstehung. Zitiert in Kirchen und Theologiegeschichte in Quellen, aus Band IV. Vom Konfessionalismus zur Moderne, Martin Greschat (Hrsg) Neukirchen- Vluyn  1997 S. 116.

3 ebd. S. 117

4 Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen. S. 118

5 Zitiert nach Lessing in Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen(Hrsg Martin Greschat)  S. 118

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– Wenn der Paralytikus die wohltätigen Schläge des elektrischen Funkens erfährt, was kümmert es ihn, ob Nollet oder ob Franklin oder ob keiner von beiden Recht hat? –

Kurz der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist nicht die Religion. Folglich sind Einwürfe gegen den Buchstaben und gegen die Bibel nicht eben auch Einwende gegen den Geist und gegen die Religion.

Denn die Bibel enthält offenbar mehr als zur Religion Gehöriges, und es ist bloße Hypothes, daß sie in diesem mehreren gleich unfehlbar sein müsse. Auch war die Religion ehe eine Bibel war. Das Christentum war ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten. Es verlief eine geraume Zeit, ehe der erste von ihnen schrieb; und eine sehr beträchtliche, ehe der ganz Kanon zustande kam. Es mag aber von diesen Schriften noch soviel abhängen; so kann doch unmöglich die ganze Wahrheit der Religion auf ihnen beruhen.

War ein Zeitraum, in welchem sie bereits so weit ausgebreitet war, in welchem sie sich bereits  so vieler Seelen bemächtigt hatte, und in welchem gleichwohl noch kein Buchstabe aus dem von ihr aufgezeichnet war, was bis auf uns gekommen so muß es auch möglich sein, daß alles, was Evangelisten und Apostel geschrieben haben, wiederum verloren ginge und die von ihnen gelehrte Religion doch bestände. Die Religion ist nicht wahr, weil Evangelisten und Apostel sie lehrten, sondern sie lehrten sie, weil sie wahr ist. Aus ihrer innern Wahrheit müssen die schriftlichen Überlieferungen erklärt werden, und alle schriftlichen Überlieferungen können ihr keine Wahrheit geben, wenn sie keine hat.6

b) Der Beweis des Geistes und der Kraft (1777)

Ein anderes sind erfüllte Weissagungen, die ich selbst erlebe, ein anderes erfüllte Weissagungen, von denen ich nur historisch weiß, daß sie andere wollen erlebt haben. Ein anderes sind Wunder, die ich mit meinen Augen sehe und selbst zu prüfen Gelegenheit habe: ein anderes sind Wunder, von denen ich nur historisch weiß, daß sie andere wollen gesehen und geprüft haben.

Das ist doch wohl unstreitig? Dagegen ist doch wohl nicht einzuwenden?

Oder wenn ich noch jetzt erlebte, daß Christum oder die christliche Religion betreffende Weissagungen, von deren Priorität ich längst gewiß gewesen, auf die unstreitigste Art in Erfüllung gingen; wenn noch jetzt von gläubigen Christen Wunder getan würden, die ich für echte Wunder erkennen müßte, was könnte mich abhalten, mich diesem Beweise des Geistes und der Kraft, wie ihn der Apostel nennet,7 zu fügen?

In dem letzten Falle war noch Origines,8 der sehr Recht hatte zu sagen, daß die christliche Religion an diesem Beweise des Geistes und der Kraft einen eigenen göttlichen Beweis habe als alle griechische Dialektik gewähren könne. Denn, noch war zu seiner Zeit „die Kraft wunderbare Dinge zu tun, von denen nicht gewichen“, die nach Christi Vorschrift lebten; und wenn er ungezweifelte Beispiele hiervon hatte, so mußte er notwendig, wenn er nicht seine eigenen Sinne verleugnen wollte, jenen Beweis des Geistes und der Kraft anerkennen.

Aber ich, der ich auch nicht einmal in dem Falle des Origines bin, der ich dem 18ten lebe, in welchem es keine Wunder mehr gibt; wenn ich anstehe, noch jetzt, auf den Beweis des Geistes und der Kraft etwas zu glauben, was ich auf andere meiner Zeit angemessene Beweise glauben kann: woran liegt es?

Daran liegt es: daß dieser Beweis des Geistes und der Kraft jetzt weder Geist noch Kraft mehr hat, sondern auf menschliche Zeugnisse von Geist und Kraft herabgesunken ist.9

6 Zitiert nach Lessing  ebd. S. 118f

7 „...und mein Wort und meine Predigt war nicht in vernünftigen Reden menschlicher Weisheit, sondern in der Beweisung des Geistes und der Kraft.“

Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde zu Korinth, Kapitel 2, Vers 4, nach der Übersetzung Martin Luthers, Stuttgart 1954

8 Einer der Kirchenväter (Patristiker) ( 185-254)

9  Zitiert nach Lessing in Kirchen – und Theologiegeschichte in Quellen S. 120f

 

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c) Wahrheitssuche

Nicht die Wahrheit in deren Besitz irgend ein Mensch ist, oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge und stolz. –

Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit, und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche wähle! Ich fiele ihm in Demut in seine Linke: Vater gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.10

Johann Melchior Goeze: Lessings Schwächen (1778)

Goeze war seit 1755 Hauptpastor in Hamburg. Er erwies sich, u. a. im Streit mit Lessing, als einer der letzten Vertreter der lutherischen Orthodoxie. Das folgende Stück ist seine Antwort auf Lessings Duplik.11

In dem Besitz der Wahrheit zu sein oder zu sein vermeinen, sind zwei sehr verschiedene Dinge, welche Herr Lessing hier aber als gleichgültig nebeneinander setzt, um die Leser zu verblenden. Ein großer Teil der Menschen hält Vorurteile für Wahrheit. Er glaubt also im Besitz der Wahrheit zu sein, wenn er auf seine Vorurteile und törichte Einbildungen trotzt. Das ein solcher vermeintlicher Besitz der Wahrheit den Wert oder die Glückseligkeit nicht ausmacht, wissen wir, und müssen solches nicht erst von Herrn Lessing lernen. Also auch der wirkliche Besitz der Wahrheit, das ist, die Erkenntnis der Wahrheit ohne Ausnahme, eine Erkenntnis derselben, welche richtig gegründet, überzeugend und lebendig ist – hat Herr Lessing dieses mit dem Besitz der Wahrheit nicht sagen wollen, so hat er betrügerisch gehandelt – macht den Wert des Menschen nicht aus, er kann ihn nicht glücklich machen. Das sagt Herr Lessing. Was sagt Jesus?  Das ist das ewige Leben, daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen, Joh 17,3, Welche Wahrheit kann höher sein als die, welche der Erlöser hier nennt? Die Erkenntnis dieser Wahrheit ist, nach dem Ausspruch Jesu, das ewige Leben, sie gibt dem, der sie besitzt, den Wert, daß er das ewige Lebens, der höchsten Glückseligkeit, zu welcher der Mensch gelangen kann, fähig wird und derselben teilhaftig werden kann. Sie ist der Weg zum ewigen Leben, sie ist dem Wissen nach das ewige Leben selbst. Diesem Ausspruch Jesu widerspricht Lessing geradezu. Wer verdient nun unseren Beifall, unsern Glauben: Jesus oder Lessing?12

 

Nr. 2.                                              Leipzig, 14. Dezember                                              1873

                                                        Allerhand Proletarier

                                    Eine Hausgeschichte von A. Otto Walster (Fortsetzung)

Der Dialog beginnt mit der Schilderung einer Baletttänzerin, die sich einer aufdringlichen Annäherung zu erwehren gehabt hatte:

„Sie erbärmlicher Mensch,“ rief ich, indem ich ihn gebührend zurückstieß, „Sie stammen aus einer gebildeten Familie, haben selbst studirt, und dabei doch so wenig Bildung erworben, um nicht einmal es für nöthig zu erachten, Anderen ihren Mangel an Zartgefühl zu verbergen. Weil ich arm bin, weil ich in meiner Bildung vernachlässigt wurde, weil ich nichts weiter gelernt habe als Ballettanzen und die sozialen Verhältnisse in dieser Beziehung schmutziger Art sind, halten Sie sich für berechtigt, mich als ein Geschöpf anzusehen, dem man ungenirt

10 Zitiert nach Lessing in Kirchen – und Theologiegeschichte in Quellen S. 123

11 Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen S.123

12 Zitiert nach Goeze in Kirchen und Theologiegeschichte in Quellen S. 123f

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seine schmutzigen Ansichten offenbaren darf. Gehen Sie, ich verachte Sie mit Ihrer Bildung, wären Sie doch lieber damals in der unglückseligen Nacht, wo ich Sie kennenlernte, erfroren und verdorben, die Welt, die Humanität hätte an einem Wesen, wie Sie, das ungefähr 5000 Thaler kostet, bis es halbwegs brauchbar zu irgend einem Zwecke wird, nichts verloren.“ Und wie ich so meinem Herzen gründlich Luft gemacht, wandte ich ihm stolz den Rücken und entfernte mich, ohne zu sehen, wie lange Zeit seine Verdutzheit gedauert hat. Habe ich das nicht gut gemacht?“

„Das Alles haben Sie gesagt?“ fragte der Maler ganz erstaunt.

„Das Alles hab‘ ich wirklich so gesagt“ entgegnete sie triumphirend und schaute den Maler lächelnd an, der bewundernd in die leuchtenden Augen und das in freudigem Erglühen nun wirklich schöne Gesicht der Tänzerin blickte.

„Und Sie haben nun nichts wieder von ihm gesehen oder gehört?“

„O freilich habe ich das. Einmal schrieb er mir einen Brief, worin er mich um Entschuldigung bat, daß er nicht daran gedacht, wie es doch Ausnahmen von jeder Regel gäbe, und daß er jedesmal entzückt wäre, wenn seine „Angebetete“ in der Oper gleich einer reizenden Sylphide dahinschweben sähe, ich möchte ihm doch verzeihen, was er so unbedachtsam geschwätzt, er hätte damals „humoristisch“ sein wollen, um die Anknüpfung zu finden. Das Wort fällt mir jetzt immer ein, wenn ich an seine gegenwärtige Stellung denke. Er ist nämlich Staatsanwalt geworden, und nun stellen Sie sich einen humoristischen Staatsanwalt vor; in dieser Sache liegt wirklich Humor, wie man zu sagen pflegt.“

„Fräulein, wissen Sie, daß man in die Verlegenheit kommen kann, Sie für eine sozialdemokratische Rednerin zu halten?“

„Ob ich eine Rednerin bin, weiß ich nicht, weil ich keine Gelegenheit hatte, Reden halten zu müssen. Wenn Sie mich aber in den  Verdacht der Sozialdemokratie nehmen sollten, dann schadet es nichts, denn ich bin meiner Geburt, meiner Erziehung und meinem Lebensschicksale nach Proletarier, und die ächte Religion der Proletarier ist die Sozialdemokratie.“

„Es ist so, ja, es ist so,“ stimmte der Maler bei. „Niemand hat mehr als ich Ursache  das anzuerkennen. Ich habe Talent, kein Mensch streitet mir das ab, ich war immer fleißig, eisern fleißig zuweilen, ich mußte mir die Möglichkeit des Studirens auf der Kunstakademie durch Retouschiren bei einem Photographen verschaffen und später dumme Bilder auf Porzellan malen. Zwar hätte ich auch einige magere Stipendien bekommen können, wenn ich in der Manier der einflußreichen Professoren und vor allen Dingen fromme Gegenstände malen wollte, aber meine Kunst mußte frei sein, denn nur im freien Schaffen schafft man Großes. Aber frei soll man nicht schaffen, der Geldsack giebt die Gesetze. Bei der Kunstausstellung bekomme ich die dunkelsten Plätze, gehe ich zum Bilderhändler, so soll ich nach dessen Anweisung malen, wenn auch der Mensch vom Malen so viel versteht, wie das Rhinoceros von dem „Immergrün unserer Gefühle.“ Reich gewordene Händler, Bierbrauer, Häuserschacherer und Güterschlächter halten es vor allen Dingen für wichtig, daß ihr dummes, fettes Gesicht der Nachwelt überliefert werde, sonst finden Sie allenfalls noch nackte Frauenleiber und Schlachtenscenen Anerkennung bei den Culturhelden unserer Tage. Brennende Dörfer, einstürzende Thürme, zerschossene Bäume, niedergetretene Felder, geängstigte Menschen werden freudig angeschaut, wenn nur Pickelhauben im Vormarsch begriffen und rothe Hosen im Fliehen sind. Schließlich läuft man noch Gefahr für seine guten Bilder und die mit baarem Gelde beschaffte Zuthat hierzu mit Papieren bezahlt zu erhalten, in die man sein Abendbrod wickeln kann, wenn man sie verwerthen will, so wie mir’s gestern ging. Da sehen Sie her, das sollen 500 Thaler sein!“

„Sie Ärmster, und da ist nichts mehr herauszuschlagen?“

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„Wie man mir sagte, nichts. Indessen will ich noch einmal den alten Hernig fragen, der versteht sich darauf. Zuvor muß aber ein wenig Toilette machen.“

„Versteht sich schon wegen Veronica. Es fehlte Ihnen auch das noch.“ Was fällt Ihnen ein.. Fräulein Veronica?“

„Schon gut, wir haben scharfe Augen. Vergessen Sie nur nicht, daß heute Nachmittag bei mir ästethischer Kaffee ist, wir lesen „Das Leben ist ein Traum“ von Calderon, ein tiefsinniges Märchendrama, der Kaffee soll auch nicht so schlecht sein, wie der bei Häuslers letzten Sonntag, brrr, die reine Runkelrübe. Wenn Sie übrigens nicht zu Mittag zu essen haben, so können Sie bei mir frische Wurst mit Kartoffelsalat bekommen, ich halte mich nicht gern mit Kochen auf.“

 

                                           Der Pfarrer Meslier und sein Testament

                                                     Aus David Strauß‘ „Voltaire“ (Fortsetzung)

Der Protest und der Angriff Mesliers, sagten wir, gilt nicht blos der Kirche, wie der von Reimarus, der christlichen Religion, nicht blos der Kirche, sondern auch dem Staate. Wir können jetzt hinzusetzen: er gilt in erster Linie dem Staate, und der Religion und Kirche erst in zweiter. Oder richtiger vielleicht umgekehrt: das letzte Ziel seiner Angriffe, über die Kirche hinüber, ist der Staat, wie er damals war. „Eine Religion,“ sagt Meslier, welche Mißbräuche duldet, ja billigt, die der natürlichen Gerechtigkeit zuwider laufen, die der natürlichen Gerechtigkeit und der gemeinen Wohlfahrt Eintrag thun, eine Religion, welche die Tyrannei der Könige und Fürsten gut heißt, die den Völkern ihr drückendes Joch auflegen, eine solche Religion kann nicht die wahre sein.“ Wer witzig sein wollte, könnte sagen, um den Königen ihren Anspruch auf den Titel: von Gottes Gnaden, abzuthun, habe Meslier kein gründlicheres Mittel gefunden, als zu leugnen, daß es überhaupt einen Gott gibt. Wer ihn den Mißbrauch dieses Titels recht fühlbar und verhaßt gemacht hatte, war aber kein anderer als der große französische Ludwig, nach ihm, nur groß im Rauben und Blut vergießen, in Verletzung der beschworenen Eide wie der ehelichen Treue. Es ist merkwürdig, wie entgegengesetzt dieser Monarch und seine Regierung auf Meslier und Voltaire gewirkt hat. Ist dieser ganz beherrscht von dem Zauber der glänzenden Erscheinung, so ist der andere im tieffsten Innern empört über alle die Greuel, wodurch dieser täuschende Glanz ermöglicht wurde. Meslier sieht überall die Kehrseite des Prachtgemäldes, das Voltäre von dem Zeitalter Ludwig XIV. entwirft. Der Grund ist, daß er es von einem anderen Standpunkt aus sah, und freilich wohl auch mit einem anderen Herzen empfand. Voltaire vom Standpunkt der höheren Gesellschaftsklassen, der Schriftsteller und Dichter insbesondere, die sein Musterkönig begünstigt hatte. Meslier von dem des niederen Volkes, des Bauernstandes vornehmlich, unter dem er lebte, und den er durch die Last dieser prunkenden Regierung in den Staub getreten, zu einem bejammernswerthem Dasein herabgedrückt sah. Die gewaltig gewordene Monarchie hatte für sich wohl den Widerstand des Adels und der Geistlichkeit gebrochen, ohne jedoch die Schwere, womit beide Stände jetzt neben dem Königthum auf dem Volke lasteten, zu erleichtern.

„Die Teufel, die eure Pfarrer und Maler euch unter so häßlichen und unerfreulichen Gestalten vorstellen, sind nur eingebildete Teufel, die nur Kindern und Unwissenden Furcht einjagen und denen, die sie fürchten, nur eingebildete Uebel verursachen können. Jene anderen Teufel  und Teufelinnen dagegen die Herren und Damen, von denen ich rede, die sind nicht eingebildet, sie sind sichtbar und wirklich vorhanden, wie die Uebel, die sie den armen Völkern zufügen nur gar zu wirklich und fühlbar sind.“

Bei der Prüfung der Religion geht auch Meslier, wie sich dieß auf dem Standpunkte des beginnenden Zweifels von selbst ergibt, von der Thatsache der Vielheit der Religionen auf der Erde aus. Davon will jede die wahre und von göttlicher Einsetzung sein; aber alle

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zusammen können nicht wahr und göttlich sein, weil sie sich vielfach widersprechen, ja sich gegenseitig verwerfen und verdammen. Höchstens eine könnte es also sein; vielmehr aber ist es keine, die christkatholische so wenig als irgend eine andere. Alle Religionen sind Menschenwerk, und da sie sich doch alle für göttlich ausgeben, so beruhen sie folglich alle auf Betrug, ursprünglich von schlauen Politikern ausgesonnen, dann von Schwindlern und falschen Propheten weitergebildet, von unwissenden Völkern angenommen und von den großen und Mächtigen der Erde als Kappzaun für die Menge sanctionirt. Hätte ein unendlich weiser und gütiger Gott für gut gefunden, eine Religion zu offenbaren, so würde er vermöge seiner Weisheit und Güte sie mit ganz unverkennbaren Zeichen ihrer Göttlichkeit versehen, den Menschen jedes Irregehen in dieser Hinsicht unmöglich gemacht haben, denn wozu hätte er die ganze Veranstaltung getroffen?

(Fortsetzung folgt)

In der Ausgabe Nr. 2. ist in vier Strophen ein Gedicht veröffentlicht von August Geib unter dem Titel, die erste Strophe dazu lautet:                           

                                                                 Arbeiterlied

                                     (Melodie: Und hörst Du das mächtige Klingen)

                                           Alldeutschland, das mächt’ge erzittert,

                                           Europa, das Stolze erbebt,

                                           Mit Kräften, die lange zersplittert,

                                           Ein neues Geschlecht sich erhebt;

                                           Wir sehen es wachsen und ringen,

                                           Voll Liebe sich innig umschlingen:

                                         Zu leben für der Arbeit heil’ges Recht

   

Nr. 3.                                          Leipzig, 21. Dezember                                                     1873 

                                         Der Pfarrer Meslier und sein Testament

                                         Aus David Strausß‘ „Voltaire“ ( Fortsetzung )  

In dem die als Beweise für das Christenthum angesehenen Wunder und Weissagungen in den heiligen Schriften der Juden und Christen verzeichnet liegen, und diese Schriften selbst für göttlich eingegeben gelten, so ist zunächst eine Prüfung dieser Schriften erforderlich. Da erweisen sich denn nach Meslier alle die Bücher des Neuen Testaments nicht weniger als die des Alten, so beschaffen, daß jeder Gedanke an eine göttliche Eingebung wegfallen muß, und selbst, als menschliche Bücher betrachtet, ist ihr Werth nicht hoch angeschlagen werden kann. Dem Inhalte nach voll von Fabeln, Irrthümern und Widersprüchen, sind sie der Form nach äußerst mangelhaft. Das Alte Testament fängt mit dem Märchen vom Paradiese und der redenden Schlange an, bringt dann einen Haufen gottesdienstlicher Gesetze, so abergläubischer Art als bei irgend einen götzendienerischem Volke, dann wenig erbauliche Königsgeschichten, hierauf die Propheten, die als eben so viele Schwärmer und Phantasten erscheinen. Dazu brauchte es keine göttliche Eingebung, und selbst mit nur weniger menschlicher Bildung der Verfasser hätten diese Bücher viel besser ausfallen müssen. Was das Neue Testament betrifft, so hat Meslier ein scharfes Auge, insbesondere die Abweichungen und Widersprüche der verschiedenen Evangelien zu bemerken, und fast alle

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die Punkte, die bis auf die neueste Zeit die Zankäpfel zwischen Kritikern und Apologeten ausmachen, sind von ihm schon blosgelegt und in’s Licht gesetzt worden.

Im Uebrigen wirft er den Evangelien Plumpheit und Niedrigkeit des Stils, Mangel an Ordnung und Folge in der Erzählung vor; von den übrigen neutestamentlichen  Schriftstellern ist ihm wie unserm Reimarus besonders der Apostel Paulus als verwirrter Kopf zuwider. Im Ganzen und Einzelnen nach ihm die Bibel, sowohl des Neuen wie des Alten Testamentes, mit so manchen Prosaschriftstellern, einem Xenophon, und Plato, Cicero und Virgil, an Werth und Gehalt keine Vergleichung aushalten; die Fabeln Aesops, sagt Meslier einmal, sind ungleich sinn- und lehrreicher als jene niedrigen und plumpen Gleichnisreden in den sogenannten Evangelien.  (Fortsetzung folgt)

 

Nr. 4.                                         Leipzig, 28. Dezember                                                    1873                                              

                                                 Allerhand Proletarier

                                   Eine Hausgeschichte von A. Otto Walster (Fortsetzung)

„Sie haben sich gar nicht zu entschuldigen Herr Frohner,“ bemerkte das Mädchen, es ist ganz so wie Sie sagen. Ich habe meine schönen Jugendjahre in dieser grundverlogenen Welt zugebracht und gefunden, wie sie ihre Hab – und Raubsucht dem „dummen“ Volke gegenüber in sittliche und patriotische Motive einzukleiden pflegt. Der Schlachtenmaler und der Fürstenbesinger angeln ebensogut nach Reichthum und Ehren, wie der Kaufmann für eine deutsche Flotte schwärmt, damit sein Handel besser geschützt und seine Ausbeutung fremder Völkerschaften gefördert werde. Ja, ihre Habsucht braucht sogar die süßen Worte der Liebe, um das Geld einer reichen Erbin zu erbeuten. Durch alle Seelen und folglich durch alle Künstlerseelen ist die Corruption gezogen, das Edle, umgebene Streben nach den höchsten Zielen der Kunst hat der Sucht nach Erwerb von Reichthümern Platz gegeben, nicht wer in seiner Kunst das Höchste leistet, nein, wer aus seiner Kunst das meiste herauszuschlagen versteht, der ist der angeshendste Künstler. So jagte ein Davidson in rastlosen Gastreisen dem Gelde bis nach Amerika nach, so ging eine Januscheck, eine Clara Ziegler  verloren, so sehen wir eine ganze Reihe von so ehemals so selbstbewußten Künstlern und Künstlerinnen  ihr Talent an einen Kunsthändler wie den Reklameschmied Ullmann verpachten, der sie, weil ihr Talent nicht ohne ihre Person zur Erscheinung kommen kann, auf solche Schwindelreisen mit sich führt wie ein Menageriebesitzer  seine wilden Tiere. Das Entwürdigendste  eines solchen Selbstverpachtens empfinden sie nicht, denn das Geld deckt alle Fehler und Flecken zu, so gut wie es alle Würden und Ehren kauft.“

„In der That,“ rief der Maler, der mit förmlichen Erstaunen aus die schöne Sprecherin blickte uns sich unwillkürlich an das Gespräch mit der Ballettänzerin erinnert fühlte, „ Sie haben einen tiefen, einen überraschend klaren Einblick in den Geist unserer Zeit getan.

Nimmer hatte ich gedacht, solche Anschauungen aus Ihrem Munde zu hören. Die sozialistischen Ideen greifen überall mehr oder weniger Platz, trotz allem Gezeter der Privilegierten.“

„ Der Sozialismus greift überall da Platz, wo das Unglück wohnt.“

 

                                         Der Pfarrer Meslier und sein Testament

                                                Aus David Strauß‘ „Voltaire“ (Fortsetzung )

Auch sonst ist hier der Punkt, wo Voltaire von Meslier Abschied nimmt, und wo auch Reimarus, wenn er ihn gekannt hätte, Abschied von ihm genommen haben würde. Diese beiden legten alle die Herrlichkeit, die sie dem Gottmenschen und dem Wundergott der Offenbarung abnehmen zu müssen glaubten, dem Gotte der Vernunft und der Natur zu

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Füßen; der eine mit mehr der andere mit weniger Ernst und Zuversicht, doch auch Voltaire mit all der Ueberzeugung, deren seine skeptische Natur fähig war.

Bei Meslier ist das anders: er setzt das Werk der Zerstörung, daß er an dem christlichem Gott und Gottmenschen vollzogen, an dem Gottesbegriff der Philosophen fort und findet sich jetzt eher am Ziel, als bis er jede mögliche Vorstellung eines Gottes als Wahn und Blendwerk erwiesen zu haben glaubt.

Unsere Gottesverehrer wissen sich etwas damit, daß sie die vielen Götter des Heidenthums in ihrer Nichtigkeit erkannt und sich auf einen einzigen Gott zurückgezogen haben. Allein damit haben sie nur die Widersprüche, die in jenen Gottesvorstellungen lagen, recht nahe zusammen gezogen.

„Weder die Chimära der Alten,“ sagt Meslier, noch die Sphinx noch Typhon, noch Ekthonen der Plether und Romanschreiber haben etwas, das auch nur annäherungsweise den Ungereimtheiten gleiche, die in dem Gottesbegriff unserer neuen Gottesverehrer enthalten sind. Zu diesen Widersprüchen rechnet er nicht den zwischen der Einheit und der Dreiheit in der christlichen Trinitätslehre, sondern auch den blos theistischen Gottesbegriff findet er aus solchen ganz zusammengesetzt. Ein Wesen, das ohne selbst Räumlich zu sein den ganzen Raum erfüllen, ohne Bewegung in sich die Welt bewegen, ohne Veränderung lebendig und thätig sein soll, erscheint ihm rein undenkbar; unsere Gottesverehrer, meint er, operiren mit lauten Worten, mit denen sie selbst keine Vorstellungen verknüpfen.

Doch sie machen sich anheischig, mehr als einen Beweis zu führen, daß es ein solches Wesen geben müsse. Wir erinnern uns wie fest und zuversichtlich auch Voltaire vor Allem auf das physicotheologische Argument für das Dasein Gottes baute.

Käme die Bewegung der Materie von außen, so könnte sie nur von einem immateriellen Wesen kommen; denn wenn von einem materiellen, so käme sie ja aus ihr selbst. Ein immaterielles Wesen aber kann ein materielles nicht bewegen; da es ja selbst keine Bewegung hat; denn Bewegung setzt Räumlichkeit, Leiblichkeit voraus, was ausschließlich Eigenschaften der Materie sind.

Zudem Meslier das allgemeine Sein, das Fundament und Prinzip aller Dinge, und diese, mit Ausschluss jedes Gedankens , an eine Schöpfung, nur verschiedene Modifikationen des Seins nennt, nähert er sich Spinoza13 und seine Substanz: nur das er nicht wie dieser das Denken der Ausdehnung als das andere Attribut der Substanz ebenbürtig gegenüber stellt, sondern dasselbe vielmehr des ausgedehnten der Materie betrachtet.

Der Hinweis auf Baruch Spinoza (1632-1677) eröffnet eine weitere vergleichende Betrachtung, und lässt zugleich erkennen, wie Geistesströmungen, philosophische und theologische Systeme und Gedankengebäude einwirken auf den Verlauf der Geschichte und das jeweilige Geschichts – und Staatsverständnis, auch bestimmend ist für den gesellschaftlich Aufbau in einem Staat. Er wurde 1656 aus der Amsterdamer Synagoge ausgeschlossen und als Jude damit auch aus der jüdischen Gemeinde. Bedeutend war seine direkte und indirekte Wirkung seines 1670 erschienenen „Theologisch – politischen Traktats“. Worin er, hier vergleichbar mit Pfarrer Meslier, aus aktuellem politischen Anlass mit Hilfe der Bibelkritik versuchte den konfessionell – absolutistischen Staatsgedanken aus den Angeln zu heben.

Die folgenden Texte stammen aus diesem Buch:14

13 Baruch Spinoza (1632-1677) war ein umfassend gebildeter jüdischer Gelehrter. Er suchte in der Auseinandersetzung mit der jüdischen und christlichen Tradition sowie der Naturwissenschaft und Philosophie seiner Zeit nach einer neuen Verhältnisbestimmung von Individuum und Gott.

Aus Kirchen – und Theologiegeschichte in Quellen (Hrsg Martin Greschat) Neukirchen-Vluyn 1997 S. 26

14 ebd. S. 26ff

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a) Historische Bibelkritik

Um aus diesem Wirrwarr zu entwinden und den Geist von theologischen Vorurteilen zu befreien und um nicht leichtfertig menschliche Empfindungen als gleich Lehren hinzunehmen, müssen wir von der wahren Methode der Schrifterklärung handeln und sie auseinandersetzen. Denn, wenn man diese nicht kennt, so kann man auch keine Gewißheit darüber haben, was die Schrift und der Heilige Geist lehren soll.

Die Hauptregel der Schriftinterpretation besteht also darin, daß man der Schrift keine Lehre zuschreiben soll, die nicht mit völliger Deutlichkeit aus ihrer Geschichte sich ergibt. Wie aber ihre Geschichte beschaffen sein und was sie enthalten muß, davon soll jetzt die Rede sein.

Erst wenn wir diese Geschichte der Schrift besitzen und uns fest vorsetzen, nur das als zweifellose Lehre der Propheten15 anzunehmen, was aus dieser Geschichte selbst folgt oder mit voller Klarheit aus ihr entnommen werden kann, erst dann wird es an der Zeit sein, daß wir uns anschicken, den Sinn der Propheten und des Heiligen Geistes zu erforschen.

Auch dazu ist eine Methode und eine Ordnung erforderlich ähnlich derjenigen, die wir bei der Erklärung der Natur aus ihrer Geschichte in Anwendung bringen. Die Untersuchung der Naturdinge suchen wir bei allen die allgemeinen und der ganzen Natur gemeinsame Dinge zu erforschen, nämlich  Bewegung und Ruhe so wie deren Gesetze und Regeln, welche die Natur immer beobachtet und nach denen sie beständig handelt, und von diesen schreiben wir Stufe für Stufe zu anderen minder allgemeinen fort. Gerade so muß auch aus der Geschichte der Schrift zuerst geforscht werden, was das Allgemeinste, was Basis und Grundlage der ganzen Schrift ist und endlich, was ihr als ewige und allen Sterblichen höchst heilsame Lehre von den Propheten empfohlen wird. Dazu gehört beispielsweise, das es einen allmächtigen Gott gibt, der allein anzubeten ist, der für alle sorgt, und diejenigen liebt, die ihn anbeten und ihren Nächsten lieben wie sich selbst usw. Dies und ähnliches lehrt die Schrift überall so klar und so ausdrücklich, daß noch niemand in dieser Beziehung über ihren Sinn hat im Zweifel sein können. Was aber Gott ist, und auf welche Weise er alles sieht und für alles sorgt, dieses und ähnliches lehrt sie Schrift nicht ausdrücklich und als ewige Wahrheit, vielmehr waren die Propheten darüber, wie ich oben gezeigt habe, keineswegs einer Meinung. Darin läßt sich in derartigen Fragen nichts als Lehre des Heiligen Geistes aufstellen, auch wenn man sie nach der natürlichen Erleuchtung sehr wohl entscheiden kann.

b) Moralgesetz

Wer die Bibel, so wie sie ist, als einen Brief betrachtet, den Gott, den Gott den Menschen vom Himmel gesandt hat, der wird ohne Zweifel Klage erheben, ich habe ein Verbrechen wider den Heiligen Geist begangen, weil ich dieses Wort Gottes für fehlerhaft, verstümmelt, verfälscht und widerspruchsvoll erkläre und behaupte, daß wir nur Fragmente davon besitzen und daß die Urschrift des Bundes, den Gott mit den Juden geschlossen hat, verloren gegangen ist. Wollten  sie aber die Sache gehörig erwägen, so würde ohne Zweifel die Klage verstummen. Denn die Vernunft selbst ebenso wie die  Aussprache der Propheten und Apostel verkünden es offen, daß das ewige Wort und der ewige Bund Gottes nicht die wahre Religion den Herzen der Menschen, d. h. dem menschlichen Geiste von Gott her eingeschrieben und daß dies die wahre Urschrift Gottes ist, die er mit seinem Siegel, nämlich nur die Idee als dem Bilde seiner Göttlichkeit bezeichnet hat.(...)

Das wird nicht schwer sein, sobald man weiß, daß die Schrift nicht die Absicht hatte Wissenschaft zu lehren. Daraus kann man leicht entnehmen, daß sie nur Gehorsam von den Menschen fordert und bloß die Halsstarrigkeit, nicht die Unwissenheit der Menschen verdammt. Da ferner der Ungehorsam gegen Gott bloß in der Liebe zum Nächsten besteht (denn wer den Nächsten liebt in der Absicht Gott zu gehorchen, der hat wie der Apostel Paulus in dem Brief an die Römer Kap. 13, 7 sagt, das Gesetz erfüllt), so kann lediglich in der Schrift keine andere Wissenschaft empfohlen werden als jene, die alle Menschen nötig haben, damit sie Gott nach seiner Vorschrift gehorchen können, und ohne deren Kenntnis die

15 Gemeint sind die Propheten des Hebräischen Kanons der Heilgen Schrift, des Alten Testamentes.

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mit sie Gott nach seiner Vorschrift gehorchen können, und ohne deren Kenntnis die Menschen notwendig widerspenstig wären oder doch ohne Zucht des Gehorsams. Die übrigen Spekulationen, die nicht unmittelbar dies zum Ziel haben, mögen sie die Erkenntnis Gottes oder die natürlichen Dinge betreffen, berühren also die Schrift nicht und sind darum von der offenbarten Religion zu trennen.

c) Vernunft und Glaube

Die Leute, die die Philosophie nicht von der Theologie zu trennen wissen, sind streitig darüber, ob die Schrift der Vernunft oder im Gegenteil die Vernunft der Schrift dienstbar ist, d. h. ob der Sinn der Schrift der Vernunft oder aber die Vernunft der Schrift angepaßt werden müsse. Das letztere wird von den Skeptikern behauptet, die die Gewißheit der Vernunft leugnen, das erstere aber von den Dogmatikern. Daß aber die einen wie die anderen ganz und gar im Irrtum sind, geht aus dem Gesagten hervor. Denn ob wir der einen oder der anderen Ansicht folgen, entweder müssen wir die Vernunft oder die Schrift verfälschen. Ich habe gezeigt, daß die Schrift nichts Philosophisches, sondern allein die Frömmigkeit lehrt, und daß ihr ganzer Inhalt der Fassungskraft und den vorgefaßten Meinungen des Volkes angepaßt ist. Wer sie daher der Philosophie anpassen will, der muß natürlich den Propheten vieles andichten, woran sie auch nicht im Traum gedacht haben, und der muß ihre Meinung falsch auslegen. Wer im Gegenteil die Vernunft und die Philosophie zur Magd der Theologie macht, der muß die Vorurteile eines alten Volkes als göttliche Dinge gelten lassen und den Geist durch sie einnehmen und verblenden. Beide wollen Unsinn, die einen ohne die Vernunft, die anderen mit der Vernunft. (...)

d) Freiheit

Aus den oben dargelegten Grundlagen des Staates folgt ganz offenbar, daß der letzte Zweck des Staates nicht zu herrschen, noch die Menschen in Furcht zu halten oder sie fremder Gewalt zu unterwerfen: sondern vielmehr den einzelnen von der Furcht zu befreien, damit der so sicher als möglich leben und sein natürliches Recht zu sein und zu wirken ohne Schaden für sich und andere vollkommen behaupten kann. Es ist nicht der Zweck des Staates, die Menschen aus vernünftigen zu Tieren oder Auto zu machen, sondern vielmehr zu bewirken, daß sie selbst, daß ihr Geist und Körper ungefährdet seine Kräfte entfalten kann, daß sie selbst frei ihre Vernunft gebrauchen, und daß sie nicht mit Zorn, Haß und Hinterlist sich bekämpfen und feindselig gegeneinander gesinnt sind. Der Zweck des Staates ist in Wahrheit die Freiheit. (...)

Nr. 5.                                            Leipzig, 11. Januar                                                        1874

                                      Der Pfarrer Meslier und sein Testament

                                               Aus David Strauß‘ „Voltaire“ ( Fortsetzung)

Während in dem ersteren Punkte die Beseitigung des göttlichen Werkmeisters, Meslier mit dem Standpunkte Voltaires und des Theismus überhaupt sich geradezu in Opposition befindet, liegt in dem andern, der Betrachtung des Denkens als einer Modifikation der Materie, schon wieder eine Annäherung. Aber statt daß Voltaire sich hier mit der schlechten Auskunft behilft, das Denken als eine der Materie durch die Allmacht willkürlich übertragene, Funktion zu betrachten, sucht Meslier die Beweise für  die Immaterialität des Denkens und der Seele zu entkräften. Die Gedanken, die Empfindungen, sagen die Carthesianer16 habe keine Ausdehnung, keine Gestalt, lassen sich weder spalten noch schneiden, also seien nichts Materielles.

16 Anänger des französischen Philosophen René Descartes (1596 – 1650)

René Descartes, ein französischer Aristokrat, der die scholastische Philosophie des Mittelalters in einer kritischen Darstellung zusammenfaßte, und damit zu einem Wegbereiter  des modernen naturwissenschaftlichen Weltverständnisses wurde.

Aus Kirchen – und Theologiegeschichte in Quellen (Hrsg Martin Greschat) Neukircen-Vluyn 1997 S. 7

                                                                              372

Aber ein Ton, erwiedert Meslier, ein Duft sind gleichfalls weder rund  noch viereckig; Gesundheit und Krankheit, Schönheit und Häßlichkeit lassen sich auch nicht mit der Elle messen, und sind dennoch materiell. Es kann etwas eine Modifikation der Materie sein, ohne darum sämtliche Eigenschaften der Materie zu haben, und wenn man Denken und Empfinden nicht als Funktionen der Materie, sofern sie einen menschlichen Körper bildet, fassen will, und darum als Träger dieser Thätigkeiten eine immaterielle Seele vorausgesetzt, ist es dann im mindesten leichter, die Gemeinschaft dieser Seele mit dem materiellen Körper zu erklären? Wenn der Körper nicht empfinden kann, wie soll er dann der Seele die Empfindungen zuführen? Und wenn die Seele ein immaterielles  einfaches Wesen ist, wie soll sie dann der Lust und des Schmerzes fähig sein?

Faßt man das Denken als Funktion einer immateriellen Seele auf, und schreibt als solches den Thieren nicht zu, so ist es nur folgerichtig, wie in der carthesischen Schule geschah, den Thieren die Empfindung  abzusprechen, sie als bloße Maschinen zu beachten. Gegen eine solche Aussicht empörte sich in Meslier nicht allein der gesunde Menschenverstand, sondern auch das menschliche Gefühl. Er nennt diese Lehre eine abscheuliche, weil sie darauf hinwirke, in den ohnehin harten Herzen der Menschen jedes Mitgefühl für diese Armen zu ersticken, die doch als unsere treuen und Lebens – und Arbeitsgenossen eine freundliche Behandlung verdienen.

Und hier bereitet uns der Mann, den es erbarmte einen Hahn  schlachten zu lassen, eine eigene Ueberraschung. „Ein Alter hat gesagt,“ schreibt er, „nichts sei seltener, als einen bejahrten Tyrannen zu sehen, und der Grund davon war, daß die Menschen noch nicht die Schwäche und Feigheit hatten, die Tyrannen lange leben und regieren zu lassen. Sie hatten den Verstand und Muth, sich ihrer zu entledigen, sobald sie ihre Gewalt mißbrauchten; aber heutzutage ist es sogar nichts Seltenes mehr, Tyrannen lange leben und herrschen zu sehen.“ (wie Ludwig XIV. meint er). Wir trauen unseren Augen kaum, wenn wir in dem Testamente des freundlichen Pfarrers die Auslassung finden: „Wo sind jene edlen Tyrannenmörder der Vorzeit? Wo sind die Brutus uns Cassius, wo die wackeren Mörder eines Caligula und so mancher anderen? Und wo sind andererseits die Trajane und Antonine, die guten Fürsten und würdigen Kaiser?

Hätte man sich nun so der geistlichen und weltlichen Tyrannen entledigt, welch ein Regiment unser mildherziger Königsmörder an seine Stelle zu setzen? Daß nun die gesellschaftliche Ordnung zu erhalten, eine Unterordnung, eine Abhängigkeit unerläßlich ist, erkennt er an.

 

                                      

Nr. 6.                                         Leipzig, 18. Januar                                                     1874                                                                                                  

                                                       Allerhand Proletarier

                                        Eine Hausgeschichte von A. Otto Walster

Neben breiter angelegten Schilderungen, die das Leben der Proletarier ansprechen, oft mit Unterhaltungswert, ins romanhafte, abenteuerliche übergehend, werden die Lebens – und Leidensphasen des Daseins hervorgehoben, behutsam, fast unbemerkt, fließt politisch – sozialistisches und weltanschauliches ein. Die Absicht, die mit der Hausgeschichte verfolgt wird ist offenkundig; sie soll ein Stück gesellschaftlicher Wirklichkeit aus sozialistisch- sozialdemokratischer Sicht der Zeit wiederspiegeln.

                                                                          373                                                                                     

Die aromatische Vorlesung und der „Ästhetische Kaffee“ waren längst zum allgemeinen Bedauern zu Ende, Fräulein Theodora lag bereits in den Armen des Schlafes, nicht minder auch die jüngeren Mitglieder der Häuslerschen Familie, sowie der alte Meister, der seine letzten Pflöcke halb im Schlaf eingeschlagen, während die Meisterin noch aufzuräumen und Alles zum Montag früh zurechtzustellen hatte, weil da die Kinder früh zur Schulde mußten und früh um 7 Uhr verlangende Blicke nach der Mehlsuppe auswarfen. Der Schreiber aber huschte mit einer Flasche Rum die Treppe hinauf nach seinem Zimmer, in welchem der Maler und der Flüchtling im lebhaften Gespräche waren, welches jedoch so leise geführt wurde, daß man es kaum von dem Sieden des Wasserkessels über der Spirituslampe vernehmen konnte. Die Thür wurde geschlossen, der Schreiber holte Gläser und Zucker herbei und dann, sich an seinen Besucher wendend: „jetzt sind wir soweit fertig, den Feldzugsplan zu berathen, aber es muß auch der Fall in Betracht gezogen werden, daß uns ein lästiger Feind nicht während der Berathung überfallen kann, unsere Zimmer sind durch eine Thüre zu trennen und zu verbinden, Sie haben drüben den Riegel und ich hier den Schlüssel, sobald wir wollen können wir die Thüre öffnen, und dieselbe in Ihr Zimmer geht, so habe ich hier einen alten Kleiderschrank, von dem die Rückenbretter sich ohne Mühe aufheben lassen, Fußbretter sind so wie so nicht mehr vorhanden.. Zu gleicher Zeit bei mir und bei Ihnen drüben sucht man so wie so nicht aus also öffnen Sie vor allen Dingen drüben und lassen Sie uns die Communikation herstellen.

Der Maler that wie ihm gerathen war, er begab sich vom Gange in sein Zimmer, das er von innen verschloß und kehrte durch den Kleiderschrank wieder zurück  in das Hinterzimmer, in welchem Herr Schreiber bereits den Grog servierte. Letzterer wurde nun auch mit dem bekannt gemacht, was Julius seiner Schwester am Nachmittag und später dem Maler gebeichtet hatte.

„Es wird dem Fräulein sehr schwer werden eine genügende Summe aufzutreiben“, meinte er darauf nachdenklich, ich kenne die Verhältnisse der Leute besser, als sie selbst in der Regel. Ich weiß, daß heute Abend die Riecke von Geheimraths das Silber wieder zum Pfandleiher getragen, mit dem sie gestern bei der unvermeidlichen Soirée geprunkt, und in der zweiten Etage wird heute Nacht geräumt, weil die Firma Scheffel und Bluth zum 7. Male Pleite ging.“

„Wie geräumt? Bei der Bewachung, die in diesem Hause stattfindet?“

„O, diese Leute kommen nicht wie gewöhnliche Menschen: Möbel, Bilder, Spiegel, Statuetten, Blumenvasen, alle gehören dem Möbelverleiher, der morgen abholen läßt, weil er seit 4 Wochen keine Miethe und auch keine Vertröstungen mehr bekam. Was sie mitnehmen sind einige Portefeuilles, welche einige der Herren in der Reisetasche forttragen.“

„Mich wundert nur, daß Herr Schnober nicht am ersten sein Geld verlangt hat.“

„O, er hat es schon am letzten bekommen, freilich in einer Sorte, deren wahrer Werth ihm erst morgen aufgehen wird.“

„Sie wissen aber auch alles.“

„O, ich weiß mehr als andere wissen dürften, ich weiß sogar, wo Herr Schnober seine Werthpapiere vergräbt.“

„Was er vergräbt sie?“

„Ja, wundert sie das? Ein Mann, der sich bewußt ist, daß er ohne Geld gar nichts mehr sein wird, und der auch keinen Menschen mehr traut, weil er keinen Unterschied zu machen versteht und alle Menschen nach seiner eigenen Niedrigkeit beurtheilt, der gibt seine Werthpapiere nicht aus der Hand, denn das gälte ihm halb als Verlust, und weil er gehört hat, daß bei Feuersturm die Papiere auch in fest verschlossenen Cassetten verkohlen, gräbt er sie ein in die Erde, denn die brennt nicht ab.“

                                                                               374

„Und Sie wissen wo?“

„Ja, ich weiß wo, und es ist mein Triumph, daß ich den Mann in meiner Hand habe, der fortwährend ausnützt und mich dabei verachtet wie einen Hund. Eine oberflächliche Bemerkung von mir an gewissen Orten fallen gelassen, und Schnober wird ein gewöhnlicher Hauswirth mit Hypthekenschulden, während er jetzt die Regierung, der es übrigens nichts schadet, jährlich um eine erklägliche Summe Rentensteuer  beluxt zu werden. Denn Schnober sollte Gott danken, daß er in einer Lage ist, die er nicht zum mindesten Theile verdient, er sollte wenigstens nicht durch seine Niedrigkeiten das Schicksal herausfordern. Sein Haus, das er  um 7000 Thaler gekauft, ist durch das schnelle Wachsthum zu einem Werth von 30000 gestiegen, ohne daß er das geringste dazu beigetragen, und dabei behaupten die verlogenen Nationalökonomen der liberalen Bourgeoisie auch noch, das Privatkapital sei eine Frucht von Fleiß und Sparsamkeit der Besitzer und deren Nachkommen.“

               

                                         Der Pfarrer Meslier und sein Testament

                                                   Aus David Strauß‘ „Voltaire“

                                                               (Fortsetzung)

Um schließlich von dem Schicksale seines hinterlassenen Werkes noch etwas zu sagen, so ging es nach seinem Tode geraume Zeit in Abschriften um, die, wie Voltaire berichtet, in Paris als verbotene Waare theuer bezahlt wurden. Aus einer solchen Abschrift, die ihm ohne Zweifel durch Thierot zugekommen war, machte Voltaire den Auszug, den er 1762 unter dem Titel: Sentimans du curé Meslier drucken ließ und unentgeldlich verbreitete. Da er aber auch hier nur die antichristliche Seite der Schrift ans Licht gezogen, die andere in absichtlichen Dunkel gelassen hatte, so gab zehn Jahre später der Baron Holbach, der Verfasser der Systeme de la nature, unter dem Titel: Bon sens du curé Meslier, einen neuen Auszug aus seinem Werke heraus, worin auch die atheistisch – materiealistische Seite seiner Denkart zu ihrem Rechte kam. Nachdem im Jahre des Ausbruchs der französischen Revolution noch ein sogenannter Katechismus  des Pfarrers Mesliers erschienen war, stellte endlich in der Schreckenszeit, im November 1793, der närrische Anarchist Caotz im Convent den Antrag, Meslier als dem ersten Priester, der den Muth und die Ehrlichkeit gehabt, die religiösen Irrthümer abzuschwören, ein Denkmal zu errichten, ein Antrag, der, an das Comté des öffentlichen Unterrichts verwiesen, ohne Folgen blieb. Der Convent hatte damals vollauf zu thun, die Lehren des Testaments in Praxis zu setzen; während andererseits kaum ein halbes Jahr darauf Robbespierre das Dasein des höchsten Wesens decretiren ließ. Wie schon unter dem alten Regime um 1775, so wurden auch unter der Restauration, und selbst unter der Juliregierung, in Frankreich die Auszüge aus Jean Mesliers Testamente verschiedentlich zur Vernichtung verurteilt; bis endlich 1864 ein Liebhaber aus Holland, durch einen vollständigen Abdruck des Werkes sich den Dank aller Geschichtsfreunde verdiente. (Schluß)

Ohne Angabe des Autors wird in obiger Ausgabe des Volksstaat = Erzählers in vier Strophen ein Gedicht veröffentlicht. Hierzu eine Strophe daraus:

Was Gott thut, das ist wohlgetan!

Nur scheint er nichts zu thuen,

Und seit dem ersten Schöpfungsplan

Gemüthlich auszuruhen.

Darum beten wir auch für und für

Trotz Micheln und trotz Matzen:

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„Den Himmel überlassen wir

Den Engeln und den Spatzen.“

In der ersten Folge „Der Pfarrer Meslier und sein Testament“ in Nr. 1. Leipzig, 7. Dezember 1873, wird der Pfarrer vorgestellt als ein Denker, der einen besonders tiefgreifenden Einblick in das philosophische Gedankengebäude von René Decartes gewonnen hatte. Ob Meslier ein wirklicher Carthesianer war geht daraus nicht hervor, denn wie in späteren Folgen gezeigt wird, stand er auch im Gegensatz zur Philosophie des René Descartes.

David Strauß stellt gleich zu Beginn  Vergleiche an zwischen Meslier und Reimarus und ist überzeugt, Meslier sei tiefer eingedrungen in die Philosophie des Descartes, als Reimarus in das System der Philosophie von Leibniz und Wolff, zugleich hebt David Strauß die Überlegenheit des Reimarus als Philosoph im Vergleich Meslier hervor. Reimarus sein System, so führt er aus, sei, im Gegensatz zu Mesliers Darstellung, „geordnet, scharf, durchsichtig und übersichtig“.

Da Meslier, nach der Einschätzung von David Strauß als ausgewiesener Kenner, und somit als Carthesianer gilt, folgen hierzu einige Gedankengänge des französischen Philosophen René Descartes:17

a) Die neue Methode

Aber wie ein Mensch, der allein und im Dunkeln , entschloß ich mich , so langsam zu gehen und in allen Dingen so viele Vorsicht zu gebrauchen, daß, wenn ich auch nur wenig vorwärts käme, doch wenigstens nicht Gefahr laufen würde zu fallen. Auch wollte ich nicht damit anfangen, alle Meinungen, die sich einmal in meinem Glauben eingeschlichen hatten, ohne durch die Vernunft eingeführt zu sein, vollständig aufgeben, ohne daß ich vorher hinreichend Zeit darauf verwendet hätte, den Entwurf des Werkes, das ich unternahm, auszubilden und die wahre Methode zu suchen, um zu der Kenntnis aller Dinge zu gelangen, die mein Geist fassen könnte. (...) Und wie sich mit der Menge der Gesetze oft die Gesetzwidrigkeiten entschuldigen lassen, so daß ein Staat weit besser geregelt ist, wenn er nur wenige Gesetze hat, diese aber sehr genau befolgt werden, so glaube ich, statt einer großen Anzahl von Regeln, aus denen die Logik besteht, mit den folgenden vier genug zu haben; natürlich unter der Bedingung, daß ich den festen und beharrlichen Entschluß faßte, sie stets zu befolgen.

Der erste war, niemals eine Sache als wahr anzunehmen, die als solche deutlich erkennen würde, d. h. sorgfältig die Übertreibung und das Vorurteil zu meiden, und in meinen Urteilen nur soviel zu begreifen, als sich meinem Geist so klar und deutlich darstellen würde, daß ich gar keine Möglichkeit hätte, daran zu zweifeln.

Die zweite jede der Schwierigkeiten, die ich untersuchen würde, in so viele Teile zu teilen, als möglich und zur besseren Lösung wünschenswert wäre.

Die dritte meine Gedanken richtig zu ordnen, zu beginnen mit den einfachsten und faßlichsten Objekten und aufzusteigen allmählich und gleichsam stufenweise bis zu der Erkenntnis der kompliziertesten, und selbst solche Dinge in gewisser Weise zu ordnen, bei denen ihrer Natur nach nicht die einen den anderen vorausgehen.

Und die letzte überall so vollständige Aufzählungen und so umfassende zu machen, daß ich sicher wäre, nichts auszulassen. (...)

b) Mensch und Gott

Ich setze also voraus, daß alles, was ich sehe, falsch ist, ich glaube, daß nichts jemals existiert hat, was das trügerische Gedächtnis mir jemals darstellt: ich habe überhaupt keine Sinne, Körper, Ausdehnung, Bewegung und Ort sind nichts Chimären. Was also bleibt Wahres übrig? Vielleicht nur dies eine, daß nichts gewiß ist.

Also woher weiß ich denn, daß es nichts anderes als alles Aufgezählte gibt, an dem zu zweifeln auch nicht der geringste Anlaß vorliegt? Gibt es etwa einen Gott, oder wie ich

17 Zitiert aus Kirchen- und Theologiegeschichte in Quellen: Martin Greschat (Hrsg) Neukirchen-Vluyn 1997 S. 7

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den sonst meinen mag, der mir diese Vorstellungen einflößt? – Weshalb aber sollte ich das annehmen, da ich am Ende selbst ihr Urheber sein könnte? Also wäre doch wenigstens ich irgend etwas? Aber – ich habe bereits geleugnet, daß irgend einen Sinn irgend einen Körper habe. Doch hier stutze ich, was soll daraus folgen? Bin ich etwa so an den Körper  und die Sinne gefesselt, das ich ohne sie nicht sein kann? In dessen ich habe mir eingeredet, daß es schlechterdings nichts in der Welt gibt: keinen Himmel, keine Erde, keine denkenden Wesen, keine Körper, also doch auch wohl mich selbst nicht? Keineswegs. Sicherlich war ich, wenn ich mir etwas eingeredet habe. Aber es gibt einen, ich weiß nicht welchen, allmächtigen und höchst verschlagenen Betrüger, der mich geflissentlich stets täuscht. – Nun, wenn er mich täuscht, so ist es also unzweifelhaft, daß ich bin, solange ich denke, daß ich etwa sei. Und so komme ich, nachdem ich nun  alles mehr als genug hin und her erwogen habe, schließlich zu der Feststellung, daß dieser Satz: „Ich bin, ich existiere“, so oft ich ihn ausspreche oder in Gedanken fasse, notwendig wahr ist. (...)

Zu diesen Gedankengängen passt ein Wort Heiliger Schrift aus dem Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth: „ Denn welcher Mensch weiß was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? Also weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes“. (1. Korinther, Kapitel 2, Vers 11 nach der revidierten Übersetzung von 1956 nach Luther)

 

Nr. 7.                                           Leipzig, 25. Januar                                                         1874

 

In mehreren Folgen von der Ausgabe Nr. 7  bis Ausgabe Nr. 15. Wird die Herrscherpersönlichkeit Friedrichs des Großen (1740-1786) vorgestellt. Darin wird eine gänzlich andere Sicht dieses preußischen Königs vermittelt, wie es zu dieser Zeit üblich war.

                                            Zur Charakteristik des „Alten Fritz“

                                                                         I.

Es hat noch zu keiner Zeit und in keinem Lande irgend einen Fürsten gegeben, der nicht seine Lobredner und Schmeichler gehabt hätte. Selbst unter den ärgsten Despoten wird man vergeblich nach einer Ausnahme von der Regel suchen. Sobald aber ein Herrscher – nach dem Urtheil eines Adeligen aus dem vorigen Jahrhunderte (v. Bebra’s) – „nur einen halben Menschenverstand äußert, ist er ein Orakel seines Zeitalters. Läßt er endlich einmal nach unendlichen Widersprüchen eine gute Anstalt zustande kommen, die irgend ein Biedermann in Vorschlag gebracht hat, so declariren sie sich heiser über den großen allumfassenden Geist des Regenten der so etwas geschehen ließ, wenn er auch vielleicht erst durch ungestümes Andrängen dazu gezwungen werden mußte“.

Zu den wirksamsten Mitteln der um die Herrschergunst bettelnden Schmeichler gehört die Verherrlichung der früheren Kroneträger, das Beweihrauchen der Dynastie: Das zweifelhafte Glück, solche Panegyriker zu finden, ist namentlich dem Hause Hohenzollern in reichem Maße zu Theil geworden, freilich ohne daß – wie Alexander von Macedonien sich gewünscht -  ein Homer unter den Lobrednern entstanden wäre.

Die Quantität der Schriftsteller hat die Qualität möglichst zu ersetzen gesucht.

So ward der unmittelbar nach dem Dreißigjährigem Kriege die Mark Brandenburg, die ständischen Rechte mit eisernem Fuß niedertretende Gebieter zum „großen Kurfürsten“ gemacht und selbst ein so ungebildeter und geistesbeschränkter Mann wie Friedrich Wilhelm I. findet sich nicht selten zu einem großen Fürsten aufgebauscht.

Was wunder, daß ein König von der wirklich nicht gewöhnlichen Begabung eines Friedrich II. wahre Idolatrie erfuhr! Den Epigonen ist er zum Halbgott geworden; der

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Beinahme des „großen“ genügte nicht, man erhob ihn zum „Einzigen“. Er ist der Mann der Legende und alle zahlreichen Schriftsteller der mannigfachsten Arten, welche ( nicht erst seit dem Bestehen des „Reptilienfonds“18, sondern seit zwei Jahrhunderten) Belohnungen von Berlin zu erhaschen suchen, haben es an sich nicht fehlen lassen, ihn mit jedem dankbaren Nimbus zu umgeben.

Gewiß könnte nur Thorheit die hohe Begabung, die gewaltigen Talente des Königs bestreiten. Insbesondere gelangte der Feldherr und Kriegsführer Friedrich als „Stern erster Größe“. Dabei kann aber auch nur Verkleidung und Schmeichelei die tiefen Flecken im Charakter und Herrscherweise dieses Fürsten verkennen und ableugnen. Pflicht der Geschichte ist es jedoch nicht blos die Lichtseiten hervorzuheben, wie es bei diesem Herrscher fast ausschließlich geschehen ist, sondern eben die Schattenseiten zu bezeichnen, was meistens sorgsam vermieden ward und deshalb nachzuholen und zu ergänzen ist.

Wir werden den Leser nicht mit „Declamtionen“ über Eroberer u. dgl. Dinge behelligen. Wir gehen sofort in medias res.

Es waren besonders zwei schlimme Momente, welche den Charakter Friedrichs ihren schwarzen Stempel aufprägten und seinen Talenten eine sehr üble Richtung gaben: eine verkehrte Erziehung, die ihn zum Abstreifen aller Wahrheitsliebe brachte, so daß ihm Täuschung und Trug gleichsam zur anderen Natur wurden und Ausschweifungen in der Jugend, deren Folgen ihm eine Familienleben unmöglich machten, worauf die Rastlosigkeit und Thatenlust den lebhaften, feurigen Jungen Mann in andere Bahnen drängte, so daß er, um im Waffengetümmel sich zu betäuben, in äußeren Erfolgen seinen Ehrgeiz zu befriedigen suchte. Diese beiden Momente übten weit mehr als man meistens ahnt, ihren durchgreifenden Einfluss auf das Leben und die ganze Regierungsweise des Königs aus; sie bilden psychologische Faktoren, die nicht unbeachtet bleiben dürfen. –

Eine solche, von den gewöhnlichen Auffassungen und Darstellungen völlig abweichende Ansicht bedarf wenigstens einer kurzen Spezialbegründung. Daß die Verhältnisse in der elterlichen häßlich, fast möchte man sagen, abscheuerweckend waren, wird nach den Aufzeichnungen eines Gliedes dieser königlichen Familie selbst, nämlich der Prinzeß Frederike Sophie Wilhelmine, nachmalige Markgräfin von Bayreuth, wohl in keiner Weise zu bestreiten sein. Man mag immer hin sagen, daß diese Prinzeß ( eine „Lieblingsschwester“ Friedrichs) sei eine giftige Lästerzunge, ein boshaftes und falsches Weib gewesen. Allein daran reiht sich nur die Frage: ob die hohe Dame diese Eigenschaften unter solcher Erziehung und Behandlung und in solchen Familienkreise nicht annehmen mußte, sondern – das Wesentliche – ein noch so strenges Urtheil über den Charakter der Markgräfin ändert eben die Thatsache nicht.

Je bornierter der Vater, desto eigensinniger und despotischer war er zugleich. Die an einen solchen geistlosen und widerlichen Tyrannen gekettete Königin ihrerseits integrirte fortwährend gegen ihn, namentlich mit ihren beiden ältesten Kindern, dem Kronprinzen und seiner genannten Schwester. Der König duldete nicht eine wissenschaftliche Ausbildung seines Sohnes; er trieb denselben auch durch rohe Mißhandlung dahin, Gleißner und Heuchler zu werden. „Was die lateinische Sprache anbelanget,“ so schrieb der Vater in einer Instruktion oder ließ vielmehr schreiben, „soll mein Sohn solche nicht lernen und will Ich auch nicht, daß Mir einer davon sprechen soll.“ Später verfügte er: „L’ Histoire des Grecs et des Romains doit être abolée, elles ne sont bonnes à rien.“ Dagegen sei dem Kronprinzen „die Historie seines Hauses sorgfältig beizubringen.“ Im Uebrigen solle er „von Jugend auf  angeführet werden,

18 Geheime und unkontrollierte Mittel, die einer Regierung zu Zwecken einer Geheimpolitik zur Verfügung stehen. Der Begriff als solches geht auf Otto von Bismarck zurück, der nach 1866 das Vermögen des Königs von Hannover und des Großherzogs von Hessen eingezogen hatte, um daraus einen Fonds zu bilden zum Einsatz gegen „Reptilien“, gemeint waren damit aus Bismarcks Sicht „Feinde“ des nach 1866 von ihm geschaffenen Norddeutschen Bundes und später des Deutschen Reiches nach 1871. (Aus Ploetz: Lexikon der Deutschen Geschichte, Freiburg im Breisgau 1999).

 In sozialdemokratischen Publikationen der Zeit wurde gerne auf den Reptilienfonds hingewiesen, um Bismarcks Öffentlichkeitsarbeit einer kritischen Betrachtung zu unterziehen.

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einen Offizier und General zu agiren.“ Der „evangelische“ Bigottismus, ein Erbstück vom Großen Kurfürsten her, fehlte nicht. Den Gouverneuren des Kronprinzen ward u. A. vorgeschrieben: schädliche Irrungen, als Atheist-, Arrian-,(kein Druckfehler!) Socinanisch, zu meiden, auch ihn vor die katholische Religion, als welche mit gutem Fug mit unter denselben gerechnet werden kann, so viel als immer möglich ist einen Abscheu zu machen, deren Ungrund und Absurdität vor Augen zu legen und wohl zu imprimiren.“ Daran reihte sich die charakteristische weitere Anweisung: „Sollte aber mein Sohn wider Verhoffen sich unartig und diesem nicht gemäß aufführen, so sollen sie Ihm bedeuten, es der Königin zu hinterbringen und müssen sie Ihm mit derselben alle Zeit schrecken(!), mit Mir niemalen.“ (Fortsetzung folgt)

 

Nr. 8.                                                Leipzig, 1. Februar                                                  1874

                                          Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ I (Fortsetzung)

Das launenhafte und despotische, dabei nicht selten von dem Knaben als vernunftwidrig und ungerecht erkannte Verfahren des Vaters weckte anfangs den Starrsinn und den Trotz des Jungen, der sich darin gefiel, gerade das Gegentheil dessen zu thun, was jener haben wollte. Die körperlichen Mißhandlungen, bis zum Blutigschlagen, steigerten die Erbitterung des heranwachsenden Kronprinzen und trieben ihn zu dem bekannten Fluchtversuche, als dessen Opfer – ein bloßer Beihelfer hingerichtet ward, - zufolge königlichen Gewaltdictats, unter Vernichtung der nur auf Festungshaft lautenden kriegsgerichtlichen Sentenz. Dem Kronprinzen drohte gleichfalls die Todesstrafe, und es scheint, daß er seine Rettung wesentlich der eindringlichen Verwendung des Kaisers Karl VI. verdankte, dem er es später schlimm genug vergalt. Wie dem sei: Friedrich erkannte nun, daß er sich unbedingt in der schrankenlosen Gewalt seines barbarischen Vaters befinde. Da erfolgte denn eine durchgreifende Aenderung in seinem ganzen Benehmen gegen denselben. An die Stelle des Trotzes trat die unbedingteste, blindeste – vielmehr die unwürdigste Unterwürfigkeit in möglichst ostentativen Formen, - eine Gleißnerei und Kriecherei der widerlichsten Art, die sein ganzes Leben hindurch nachwirkte, - vollständiger Mangel an Wahrhaftigkeit! (...)

Friedrich war frühzeitig ausschweifend in höchstem Maße. Seine Verheirathung hinderte ihn nicht daran; indeß scheint das Verhältnis zwischen den Neuvermählten anfange wenigstens ein erträgliches gewesen zu sein. Doch bald nach der Hochzeit trug der Prinz eine Ansteckung davon. Wir wissen nicht, ob seine Gemahlin unmittelbar darunter litt. Was aber den Prinzen betraf, so wurde das anfangs verheimlichte Uebel durch einen Pfuscher schlecht behandelt, und das Endergebnis war, das der Patient einer Operation unterzogen ward, die jede fernere Ausschweifung unmöglich machte. Diese, von dem in der letzten Krankheit Friedrichs herbeigezogenen Arzte Zimmermann, einem Schweizer, enthüllte Thatsache erklärt sehr einfach, warum der König schließlich verbot, seinen Leichnam zu seciren. Sie erklärt ebenso das ganze Verhältnis zwischen Friedrich und seiner unglücklichen Gemahlin. Die Wirkung war indeß eine viel weiter reichende. Des Familienlebens beraubt, und ebenso der Genüsse verlustig, welche ihm die wilde Ausschweifung bisher gewährt hatte, ward der, von einem inneren Drange, sich bemerkbar zu machen und hervorzuthun, beherrschte Prinz in Bahnen gedrängt, die ihm zuvor fremd, theilweise sogar zuwider waren. (Forts. folgt)

 

Es folgt Lyrisches, ein Gedicht in neunzehn Strophen von M.Kegel, Titel:

Der fliegende Holländer.

Man sagt, ein Schiff, ein schwarzes,

Durchstreift den Ocean,

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Darin säß ein schwarzer Schiffer,

Belegt mit schwerem Bann.

Das Kap muß er umsegeln,

So lang die Woge braust,

So lang des Sturmes Odem,

Um jene Klippen saust.

Der schwarze Schiffer ist ein Symbol für die Arbeiterklasse, die in ihren Kämpfen und Leiden  die Geschichte durchzieht:

So ohne Ruh’n und Rasten

Durchstreift den Ocean

Seit vielen hundert Jahren

Der schwarze Schiffersmann.

                * * *

Am Schluss gelangt der schwarze Schiffer an das Ziel seines Kampfes, ein Ziel, das allen anderen verwehrt ist, ganz im Sinne des Dialektischen Materialismus:

Hei, wie die Planken Krachen,                                 Der Schwarze ist gewöhnet

Hei, wie das Kriegsschiff sinkt,                               Das wilde Sturmgebraus -

Und wie des Handels Schätze                                  Ihr liegt am Grund des Meeres,

So schnell die Fluth verschlingt...                            Er steigt am Ufer aus.

 

Nr. 9.                                              Leipzig, 8. Februar                                                      1874

                                       Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ I  (Fortsetzung)

Er hatte ursprünglich eine entschiedene Abneigung gegen das Soldatenthum gegen die Vorliebe seines Vaters für dasselbe; auch in der späteren kronprinzlichen Zeit zeigte er insofern Sinn dafür, las er dem Vater damit Sand in die Augen streuen konnte (daher das Bemühen, große lange Rekruten zu bekommen, was ihm sonst höchst gleichgültig blieb). Er hatte das Treiben der Eroberer in einer Weise verdammt, die, so viele Deklamation auch mit unterlief, doch allem Anschein nach wenigstens einige Grundlage in seiner Anschauungsweise fand, Alles änderte sich. Anfangs suchte er durch Herbeiziehen der hervorragendsten Männer der Zeit, unter den Kronprinzen und Fürsten sich hervorzuthun und sich einen Namen zu verschaffen. Allein dies genügte ihm sehr bald nicht mehr; konnte er dabei eigentlich nur eine passive Rolle spielen. Ehrgeiz, Thatendurst und Thatendrang tirben ihn weiter. Die absolute Wehrlosigkeit Oesterreichs beim Tode Karls VI. wirkte lockend. Die langen Soldaten waren ja zur Hand; wie leicht konnte man auch einmal Nutzen aus ihnen ziehen. In der ersten Schlacht bei Mollwitz, brach nochmals das wirkliche Naturell des Königs durch, - er entfloh vom Schlachtfeld und ließ Andere den Sieg mit ihrem Blut erstreiten. Allein – er gewöhnte sich an den Pulverdampf; das Glück bewies ihm seine Gunst; er ward weiter und weiter fortgezogen. – Er hatte gehofft, in einem einzigen, unter den günstigsten Umständen unternommenen Kriege sein Ziel zu erreichen; doch in Wirklichkeit hängte sich an diesen ersten eine ganze Reihe anderer Feldzüge, als Nachwirkung der schlimmen That.

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Unter diesen Verhältnissen bildete sich Friedrich, der Flüchtling von Mollwitz, was er Anfangs wohl selbst kaum geahnt, zum Feldherrn, zum Eroberer aus.

Als Friedrich den Anti – Machiavell zu schrieben begann, meinte er noch, durch das Heranziehen hervorragender, geistreicher, freisinniger Männer, auf welche die ganze gebildete Welt blickte, sich mit hohem Ruhm umgeben, und damit allein genügend glänzen zu können; er ahnte insbesondere noch nicht, daß die Gunst der äußern Verhältnisse ihm zu Eroberungen ein so lockendes Feld eröffnen würde. Wäre dies anders gewesen, er hätte gewiß nicht ein Thema ausgesucht, über welches er sich gar nicht zu äußern brauchte, und bezüglich dessen er sich nun alsbald selbst Lügen strafte. In dieser Hinsicht sind die Worte beachtenswerth, mit denen er seinen Antimachiavell einleitet: „In frühern Zeiten zog man den traurigen Ruhm der Eroberer, die glänzenden Thaten, welche durch ihre Größe einen gewissen Respekt einflößen, der Sanftmuth, der Billigkeit und aller Tugend vor. In unsern Tagen sehe ich, daß man die Menschlichkeit höher preist, als alle Thaten eines Eroberers. Man begeht nicht mehr den Unsinn, durch Lobreden die grausamen Leidenschaften zu ermuthigen, welche den Umsturz geordneter Zustände bezwecken. Ich frage, was kann einen Menschen dahin bringen, seine Macht vergrößern zu wollen? Was für Ansprüche hat er, kraft deren er seine Macht bauen will auf das Elend und die Zerstörung anderer Menschen? Wie mag er glauben, sich reicher machen zu können, indem er Unglück über seine Mitmenschen bringt?“ In diesem Tone geht es unausgesetzt fort. Würde Friedrich so geschrieben haben – während er ja unbedingt schweigen oder einen anderen Gegenstand der Beprechung beliebig aussuchen konnte – wenn er vorhergesehen hätte, daß er gerade in der nämlichen Zeit, in welcher sein Buch die Druckerpresse verließ, zu einem Eroberungskrieg in das Feld ziehen würde? Hier handelte es sich offenbar nicht um eine vorbedachte, wohl überlegte Täuschung der Gegner, sondern um den Eintritt einer nicht vorhergesehenen Gestaltung der politischen Situation. (...)

 

Nr. 10.                                              Leipzig, 15. Februar                                               1874

                                     Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ II (Fortsetzung)

Wenn die preußische Politik in der Neuzeit fast Unglaubliches geleistet hat in geschickter Bearbeitung der öffentlichen Meinung, dabei insbesondere durch das Aufstacheln der kirchlichen Vorurtheile vieler Protestanten, so war dies nichts Anderes als eine Fortsetzung und weitere Ausbildung einer schon von Friedrich, ja schon vor diesem angewandte Taktik. Friedrich, hiervon ein Gegensatz zu allen anderen Zollern, - nicht blos frei von jeder kirchlichen Befangenheit, sondern völlig glaubenslos, - benützte gleichwohl schon bei seinem ersten Einrücken in Schlesien den Confessionalismus, um Propaganda für den „protestantischen“ Fürsten zu machen. Schaaren von Pastoren wurden in die eroberte Provinz gesandt, um der ihrer Mehrzahl nach lutherischen Bevölkerung an’s Herz zu legen, welches Glück es für sie sei, einem „evangelischen“ Landesherrn zu gehorchen. Den Kirchen der alten Provinzen regnete es Predigten zur Verherrlichung derjenigen Macht, welche das „reine Evangelium“ vertrete; und selbst in den übrigen Theilen des protestantischen Deutschlands vernahm man beinahe überall eine Kanzelpolitik gleicher Art. Das wirkte mehr als die besten juristischen Deduktionen im Stande gewesen wären, zum Beweise der unumstößlichen Rechtsansprüche des Königs auf den Besitz von Schlesien. (...)

Wahrhaft entsetzlich war das Loos  der von Friedrich im Kriege besetzen fremden Länder. Die Kunst systematischen Aussaugens der okkupierten Gegenden, deren Anwendung man nicht ohne Grund dem alten Napoleon zum Vorwurfe macht, - sie war, und zwar in ungleich höherem Maße, lange zuvor schon durch den „großen König“ – von einem deutschen Fürsten gegen deutsche Völker – geübt worden. Insbesondere hatte dies während des Siebenjährigen Krieges das unglückliche Sachsen zu empfinden. Und Friedrich begnügte sich nicht einmal mit den ärgsten Gelderpressungen; er verfügte über die Einwohner wie über Sklaven.

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Tausende junger Männer ließ er gewaltsam ausheben – es waren Sklavenjagden mitten in Deutschland, - er zwang die unglücklichen zum Militärdienst für seine Zwecke – in Wirklichkeit gegen ihr eigenes Vaterland. (...)

Um Soldaten – Kanonenfutter – zu bekommen, erlaubten sich die Agenten Friedrichs, wie schon die seines Vaters gethan hatten, im In – und Ausland alle denkbaren Gewaltthaten. (...)

(...) Nur zu sehr gerechtfertigt war der Ausspruch des Engländers Moore: „Der gewöhnliche der Sklaven in Afrika ist gegen die Art preußischer Soldatensklaverei noch ein Stand der Freiheit!“ (...)

 

Nr. 11.                                          Leipzig, 22. Februar                                                  1874

                                       Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ (Fortsetzung)

Man hat den König nicht selten als den Repräsentanten, ja als Bahnbrecher des Geistes der Neuzeit in Deutschland gepriesen und dabei mit Emphase hervorgehoben: „In welcher geistigen Versumpfung würde sich unser Vaterland beim Ausbruche der französischen Revolution befunden haben, wenn Friedrich nicht zuvor die wichtigsten freiheitlichen Prinzipien ins Leben geführt hätte?“

Es hat nun seine vollkommene Richtigkeit, daß der König vielfach freiheitliche Ideen theoretisch aussprach; allein ebenso gewiß ist es, daß er niemals danach handelte. Er nannte sich den ersten Diener des Staats, allein wehe Dem, der den Dictataten dieses angeblichen Dieners nicht blinden Gehorsam leistete. Wahr ist, und wird dem immer bedenklichen Feldherrnglanze den dauernden Ruhm des Königs bilden, daß er sich über die religiösen Vorurtheile erhob, und in dieser Beziehung wirklich freier dachte, als alle anderen Angehörigen seiner Dynastie, vor ihm und nach ihm – es war die Wirkung seines Umgangs mit frei denkenden Franzosen. Gleichwohl bedürfte jenes Lob, um wahr zu sein, einer viel allseitigeren Begründung.

Was der Geist der Neuzeit vor Allem fordert, ist: Anerkennung der weltlichen Gleichheit aller Staatsangehörigen und Beseitigung des Absolutismus. Es wird nun aber schwerlich von irgend einer Seite bestritten werden, daß Friedrich kein anderes System, als das des uneingeschränkten Herrscherthums duldete. Alles war gleichsam auf eine einziges Individuum gesetzt; dieses allein im Staat zählte wirklich, die Uebrigen glichen angefügten Nullen; alles geschah durch einen einzigen Menschen und für ihn; Erfüllung seines Willens trat an die Stelle der „Erfüllung der Gebote Gottes“. Bei diesem Punkte brauchen wir wohl nicht weiter verweilen. – Wie aber hielt er es mit dem wichtigsten, entscheidendsten Prinzipe, dem der rechtlichen Gleichheit der Menschen? (...)

(...) Noch heute, fast ein Jahrhundert nach dem Brechen des Feudalismus in Frankreich, leidet Preußen, der sog. Intelligenzstaat, unter dem furchtbarem Drucke dieses Feudalismus. Nirgends in Europa hat man dem Adel die Steuerfreiheit abgekauft; nirgends steht das heillose Junkerthum  noch jetzt in solcher Blüthe. Und daß dem so ist, daran trägt Friedrich keinen geringen Theil der Schuld. (...)

 

Nr. 12.                                              Leipzig, 1. März                                                         1874

                                 Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ III (Fortsetzung)

Ebenso wie zum Vertreter der Menschenrechte, hat man Friedrich (dies freilich erst in jüngster Zeit) zum Vertreter des Deutschthums machen wollen. In Wirklichkeit hatte er dafür gar keinen Sinn. Kam überhaupt das Prinzip der Nationalität in Frage, so zeigte der König für das Deutschthum nur Geringschätzung und selbst Verachtung. Was er erstrebte, war die Begründung einer nationalité prussienne, sogar die Bezeichnung französisch!

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In der praktischen Politik lag ihm nichts so ferne, als ein Kräftigen des Reichs und der Reichsgewalt. Er suchte die Letzte vielmehr zu schwächen und so viel es nur anging, zu vernichten; sein ganzes Wirken zielte thatsächlich auf die Auflösung des Reichs. Seine Bündnisse mit dem Ausland sind bekannt. Dabei kam es sogar vor, namentlich im zweiten schlesischen Kriege, daß es dem deutschen Reichsfürsten Friedrich nicht genügte, wenn die Franzosen seine Gegner überhaupt angriffen; er forderte noch besonders, daß es auf deutschem Boden geschehe. Jene wollten den Krieg hauptsächlich in Flandern führen; damit war der König unzufrieden; sie sollten Deutschland überschwemmen und sich nach verschiedenen Richtungen ausbreiten, namentlich den Kurfürsten von Hannover heimsuchen und die Reichskreise lahmlegen.

Nicht anders als in der praktischen Politik, hielt es Friedrich, so weit es auf ihn ankam, mit der geistigen Entwicklung des Deutschthums. Die Volksschulen waren, selbst nach dem ausdrücklichen Zeugnisse seines Lobredners Dohm, „von der schlechtesten Beschaffenheit.“ Die höchste Bedeutung dieser Volksschulen lag für ihn darin, daß sie als Versorgungsposten für invalide Unteroffiziere dienten, also die Militärkasse erleichterten, wobei die allerelendeste Besoldung ausreichen mußte. Das Deutsch ward vom Könige „eine halbbarbarische Sprache“ genannt, die Schreibweise des Deutschen „ein Kauderwelsch“. Die Berliner Akademie veröffentlichte ihre Schriften in französischer Sprache. Die deutschen Abhandlungen mußten, behufs der Herausgabe, ins Französische übersetzt werden. Es bedurfte der dringenden Verwendung des Akademiepräsidenten Maupertuis, der selbst nicht einmal Deutsch verstand, beim Könige, um die Erlaubnis zu erwirken, daß auch lateinische Abhandlungen veröffentlicht werden durften; von Deutsch war keine Rede. (...)

 

Nr. 13.                                              Leipzig, 8. März                                                        1874

                                     Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ (Fortsetzung)

Der Zustand des preußischen Volkes unter Friedrich war der der Unfreiheit, der Unterdrückung, der Aussaugung. Der König ließ einsperren, wen er wollte. Niemand durfte auf fremden Universtäten studiren, Niemand ins Ausland reisen ohne spezielle königliche Erlaubnis; dadurch sollte insbesondere „das Geld im Lande erhalten werden“. Um reichliche Mittel für die enormen Militärbedürfnisse zu erlangen, wurde der Handel mit den verschiedensten Waaren zum königlichen Monopole gemacht; gegen fünfhundert Artikel unterlagen dieser Monopolisirung. (...)

Der König hatte die wunderlichsten Ansichten über volkswirthschaftliche Angelegenheiten. Er wollte das Geld im Lande erhalten, versuchte auf die wunderlichste Weise Fabriken zu begründen, meinte die Landwirthschaft (vor allem freilich den Adel) zu heben, wenn er Millionen des Volksvermögens an verschuldete Junker vergeudete, und ließ sich in Begründung von Colonistensitzen gerade so , wie es die Kaiserin Katharina II. von Rußland durch Potemkin geschah, vermittels der plumsten Vorspiegelungen gerne täuschen. Es hatte Friedrich Wilhelm I. die Wollenweber zu begünstigen gesucht durch ein Verbot der Wollenausfuhr, und zwar bei Gefängnisstrafe, und im Wiederholungsfalle bei Strafe des Galgens. Friedrich seinerseits erneuerte dieses Dictat, und verhängte, da in Folge der hierdurch bewirkten Absatzbeschränkung viele Großgrundbesitzer ihre Schäfereien ganz aufgaben – auch noch bei Strafe von 100 Dukaten über jeden, der seine Schäfereien nicht forterhalte. (...)

Die Landstraßen waren durchgehend schlecht und sie sollten so bleiben. In einer an das Generaldirektorium unterm 25. Februar 1781 ergangenen Entschließung finden sich die Motive unverhohlen ausgesprochen, nämlich: „damit die fremden Fuhrleute auf den schlechten Straßen desto länger liegen bleiben und mithin mehr verzehren müssen.“ (...)

Wie Friedrich während des Siebenjährigen Krieges systematisch eine heillose Münzverschlechterung betrieb, ist bekannt. Aus den englischen Subsidien von 670,000

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Pfd Sterl. Jährlich, ließ er 10 Mill. Thaler schlechtes Geld prägen, aber – mit dem Bildnisse des Königs von Polen und des Fürsten von Bernburg! Die Preise der Waaren stiegen im Allgemeinen auf das Dreifache.

Sehr gefeiert ist Friedrich wegen seiner Gerechtigkeitsliebe und seiner und seiner unbedingten Achtung der Justiz. Diese, sagt man, habe unter ihm die größte Unabhängigkeit genossen, ein einfacher Müller von Sanssouci konnte mit dem bekannten: „Es gibt noch Richter in Berlin!“ dem gewaltigen König imponiren und ihn zum Aufgeben seines Herzenswunsches bringen.

Wir wollen nicht erörtern, wie die Manifestationen dieses Gerechtigkeitssinnes sich gerade in großen, wichtigen, überhaupt in Staatsangelegenheiten schwer auffinden lassen. Sie beschränkte sich meistens auf Nichtparteinahme in Streitigkeiten Anderer, Dritter. (...)

Kein erst später Lebender, sondern ein Zeitgenosse und zwar kein geringerer als Lessing war es, der unterm 25. August 1769 an Nicolay in Berlin schrieb: „In dem französischen Berlin reduzirt sich die Freiheit, zu denken und zu schreiben – auf die Freiheit gegen die Religion so viel Sottisen als man will zu Markte zu bringen, und dieser Freiheit muß sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen sie es einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben, als Sonnenfels in Wien geschrieben hat; lassen Sie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen, als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten, der für die Rechte der Unterthanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht, und Sie werden bald die Erfahrung machen, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land  in Europa ist. (...)

Der geniale Rousseau war mitten in seinem Elende so durchdrungen von der Unerträglichkeit des Zustandes eines freidenkenden Mannes unter Friedrichs Regime, daß er, vertrieben von der Petersinsel, und umherirrend, gleichwohl ein ihm angebotenes Asyl von sich wies. (...)

 

Nr. 15.                                                Leipzig, 22. März                                                     1874

                                                         Allerhand Proletarier

                                       Eine Hausgeschichte von A. Otto Walster (Schluß)

Die Hausgeschichte erscheint als Serie in den Ausgaben von Nr. 1 bis Nr. 15. In den Folgen 1, 2, 4 und 6 werden Ausschnitte daraus im Original, versehen mit kurzen Interpretationen, wieder gegeben.

Die letzten Sätze daraus lassen noch einmal Rückschlüsse zu auf Inhalt und Tendenz der Hausgeschichte:

Das nächste Weihnachtsfest feierten sie beide gemeinschaftlich am Meerbusen von Sorriento, und keines dachte mehr an das Sterben.

                                                                 * * *

Wie verschiedenartig aber gestaltete sich dieses Weihnachtsfest für Millionen von christlich getauften Erdenbürgern?

Wann wird wohl ein Weihnachtsfest, ein schönes für alle kommen?

Wenn sich das Volk selbst zum Heiland geworden.

                                                                   Ende

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                                     Zur Charakteristik des „Alten Fritz“ (Schluß)

In der nämlichen Depesche äußerte sich Malmesbury über die damaligen Zustände des preußischen Volkes. Er sagt: Die Preußen sind im Allgemeinen arm, eitel, unwissend und ohne Grundsätze. Wären sie reich, so würde sich der Adel nie dazu verstanden haben, in Subalternstellen mit Eifer und Tapferkeit zu dienen. Sie glauben in ihrer Eitelkeit, ihre eigene Größe in der Größe ihres Fürsten zu erblicken. Ihre Unwissenheit erstickt in ihnen jeden Begriff von Freiheit und Opposition. (...)

Onno Klopp berichtet, daß der gestorbene König nur von seinem Hunde nur von seinem Hundes betrauert wurde.

Doch das schneidendste Urtheil über Friedrich haben weder englische Staatsmänner, noch deutsche oder italienische Schriftsteller, sondern der König selbst gesprochen, und er hat es dem eigenen Volk verkündet und der Nachwelt aufbewahrt in jener 1785 – ein Jahr vor seinem Tode – erlassenen Cabinettsorder, deren Schwerpunkt in den Worten liegt:

„Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen!“

Das Unglück, das von 1792 an über Deutschland und vom Jahre 1806 speziell über Preußen kam, war ebenso, ja noch mehr die Frucht der Regierung Friedrichs, wie der seiner unfähigen Nachfolger. Die Immoralität und Demoralisation datirte aus seiner, nicht erst aus des gemein ausschweifenden Friedrich Wilhelm des II. Zeit. Der Absolutismus trug seine Früchte.

(„Frankfurter Ztg.“)

 

Nr. 16.                                              Leipzig, 29. März                                                    1874

An unsere Leser.

Mit dem neuen Quartale beginnt eine neue interessante Erzählung.

Culturgeschichte der Menschheit von Friedrich Kolb*

Von dem obigem Werk welches zuerst 1869 und 1870 erschien, ist binnen drei Jahren eine zweite Auflage fällig geworden, und obgleich wir auf einem anderen Standpunkte stehen als der Verfasser und mit dessen Behandlungs – und Beurtheilungsweise keineswegs durchaus übereinstimmen, so müssen wir doch diesen „Erfolg“ für einen im Wesentlichen  verdienten erklären. Die zweite Auslage übertrifft die erste nicht blos an Reichhaltigkeit, wie schon der vergrößerte Umfang zeigt (1219 Seiten in zwei Bänden gegen 1014 Seiten); sie zeichnet sich auch vielfach vor ihr durch sorgfältigere Bearbeitung des Materials aus. Namentlich in den Anfangskapiteln sind zahlreiche Ergänzungen und Verbesserungen angebracht; der Darwin’schen Lehre ist z. B. ein eigener Abschnitt gewidmet. Kolb wollte „eine allgemeine Weltgeschichte nach den Bedürfnissen der Jetztzeit“ liefern, und bis zu einem gewissen Punkte ist ihm dies gelungen. Seine Darstellung der griechischen und römischen Welt, seine Charakteristik des Judenthums, Christenthums und Mohamedanismus, des Mönchswesens, der tausendjährigen Nacht des Mittelalters, der arabischen Cultur, des Jesuitenordens, der Reformation wird von Niemand, der Belehrung sucht, ohne Nutzen gelesen werden; und einzelne Partien reihen sich entschieden dem Besten an, was über deutsche Geschichtsschreibung bietet. Auch die Geschichte nach der Reformationszeit, bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts wird, im Ganzen genommen, mit genügender Uebersichtlichkeit und in richtiger Beleuchtung vorgeführt. An der Schwelle der französischen Revolution macht der Verfasser aber Halt und giebt nur noch Skizzen.

Das Zeitalter der Revolution mit samt dem Nachspiel des Kaiserreiches wird auf fünfzig Seiten abgethan; und das folgende Kapitel: „Streiflichter (das Wort ist  bezeichnend) auf die Umgestaltungen nach dem Sturz des alten Napoleon“ beginnt mit den Worten ( S. 629): Wir müssen unsere Aufgabe im Wesentlichen als beendet ansehen. (...) Dennoch ist diese Periode der Geschichte nach vielen Richtungen so reich an Material zu praktischen

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Lehren, daß es gerechtfertigt sein wird, wenn wir eine Reihe von Bermerkungen, obwohl in ganz fragmentarischer und aphoristischer Weise** anfügen.“

** zusammenhangslos hingeworfen

Wir halten eine Schilderung der neuerlichen Zeit und Gegenwart für so „gerechtfertigt“, daß wir die bloß „ganz fragmentarische und aphoristische Weise“ für nicht „gerechtfertigt halten, und können nicht umhin, zu erklären, daß der Verfasser, indem mit Abschluß des ersten Napoleonischen Kaiserreiches „seine Aufgabe als beendet ansah“, sich in einem starken Irrthum befunden hat. (...)

Bein einer solchen Geschwindigkeit ist es denn kaum zum verwundern, wenn ihm (S. 638) das Malheur passirt, daß er die amerikanische Sklavenemanzipation, welche dreimal so viel Menschenleben kostete als unser „heiliger“ Krieg von 1970/71, zu den „auf friedlichem Weg bewirkten Revolutionen“ zu rechnen scheint. (...)

Ist diese „fragmentarische und aphoristische Weise“ für die Geschichte der neuesten Zeit schon an sich sehr bedenklich, so wird es  noch mehr durch die gänzliche Ignorirung der sozialen Bewegung. Von Babeuf, Saint Simon, Fourier, Proudhon kein Wort. Von der chartistischen Bewegung kein Wort. Von der Junischlacht, von der Commune = Tragödie kein Wort. Das ist kennzeichnend; und hierin enthüllt sich der Hauptmangel des Buchs: der Verfasser hat keine Ahnung von der sozialen Frage, von den ökonomischen Triebrädern der Geschichte. (...)

Allein im Werk selbst macht er nicht den leisesten Versuch, die Natur dieser „gewaltigen sozialen Revolution“ klarzulegen: er hat buchstäblich keine Zeile für sie! An der nämlichen Stelle bemerkt er weiter:  „Die Lösung der obschwebenden Frage ist eine unendlich schwierige. Noch vermag Niemand zu sagen, wie diese Lösung schließlich erfolgen wird. Eins aber ist klar: soll sie auf gütliche stattfinden, dann ist es nur möglich, wenn der ganze Staat auf freiheitlicher Grundlage organisirt ist.“ Offenbar ist das gut gemeint. Aber was heißt „freiheitliche Grundlage“? Auch die Herren Bamberger, Lasker, Braun, Biedermann wollen „freiheitliche Grundlagen“. (...)Dem Kriegsruhm und der Fürstenherrlichkeit ist unbarmherzig die Maske abgerissen und dargethan, wie die Culturarbeit sich nicht auf den Theorien in den Staatszimmern vollzieht, sondern in der bescheidenen Werkstätte des Kopf – und Handarbeiters. (...)

Mit gutem Gewissen können wir sonach Kolb’s Culturgeschichte unseren Lesern empfehlen. Ist es auch nicht die beste Culturgeschichte welche geschrieben werden kann, so ist es doch die beste, welche geschrieben ist, weitaus die beste.

*Culturgeschichte der Menschheit, mit besonderer Berücksichtigung von Regierungsformen, Politik, Religion, Freiheits – und Wohlstandsentwicklung der Völker.

Zwei Bände, 2. Auflage, Verlag von Arthur Felix 1873.

 

Ueber die „Darwinische Therorie“.*

Beginnend mit der Nr. 16 im „Volksstaat = Erzähler“ wird in jeder Ausgabe bis Nr. 24 die „Darwinische Theorie abgehandelt.

(...) Die Frage nach dem Ursprung der Pflanzen und der Thiere und des menschlichen Stammes selbst hat von jeher den denkenden Menschen beschäftigt und zu mannigfachen, oft einander widersprechenden Antworten Anlaß gegeben. Sind Pflanzen, Thiere und Menschen, eine jede Art unmittelbar durch das „Werde“ eines allmächtigen Schöpfers ins Leben gerufen? Oder sind sie Ergebnisse eines viele Millionen Jahre hindurch fortgesetzten Entwicklungsganges natürlicher Materien unter dem Einflusse allgemeiner und ewiger Gesetze? Das sind die Fragen, die vorliegen, schon seit der ältesten Zeit. (...)

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* Als Hauptquellen sind hierbei die nachstehenden zwei Schriften benützt: Dr. Ernst Häckel „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, 2. Auflage, Berlin 1872.

Dr. Georg Seidlitz „Die Darwinische Theorie“, Dorpat 1871.

Die älteste und nach Europa verpflanzte  Schöpfungsgeschichte ist die, welche Moses dem jüdischen Volk gab. Diese biblische Schöpfungsgeschichte schildert uns die Entstehung der Erde und ihrer Bevölkerung, als das unmittelbare und persönliche Werk der Gottheit selbst. Sie war durch Jahrtausende hindurch für Juden und Christen unbedingte Richtschnur und Grenze der menschlichen Forschung und wird heute noch in unseren Schulen gelehrt.

Die Griechen und Römer nahmen für die Entstehung der ersten Organismen, welche aber schon sehr hoch organisirt waren, da sie niedere, unvollkommene Thiere noch nicht kannten, eine Art Urzeugung an. Eigentliche tiefere Forschungen kannten sie noch nicht. Im Mittelalter waren solche Forschungen erst recht unmöglich. In allen naturwissenschaftlichen Dingen galt die Bibel mit der mosaischen Schöpfungsgeschichte als Richtschnur. Kirchenbann und Verfolgung bedrohten den Andersdenkenden. (...)

Der, von der alles beherrschenden Kirche gehegte religiöse Fanatismus erlaubte nur theologische Untersuchungen. (...)

Die Entwicklung des menschlichen Geistes schien ein Jahrtausend lang unterbrochen.

Darwin spricht sich in folgendem Sinne aus: der ganze Schöpfungsplan, soweit er sich unseren Nachforschungen enthüllt hat, ist nichts anderes als das Produkt nothwendiger physischer Kräfte, welche nach unveränderlichen Gesetzen in der Materie wirken; die Thiere und Pflanzen sind allmählich aus einander durch Umformungen, also durch eine langsame Entwicklung und Vervollkommnung von niederen einfachen Formen zu den immer höheren und complicirteren hervorgegangen. (...)

*Als Hauptquellen sind hiebei die nachstehenden zwei Schriften benützt:

Dr. Ernst Häckel „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, 2. Auflage, Berlin 1872

Dr. Georg Seidlitz „Die Darwinische Theorie“, Dorpat 1871

 

Nr. 17.                                               Leipzig, 5. April                                                        1874

                                                         Eine Weberfamilie

                                Eine schlesische Dorfgeschichte von Otto Ruppius*

Es war Freitag vor Pfingsten. Ein reiner goldgesäumter Abendhimmel spannte sich über das Gebirge. Allen seinen Gefährten vorausgeeilt, blickte schon der Abendstern auf die ruhende Landschaft hernieder, über welcher einschläfernd, unbewegt die laue Luft ruhte.

Auf dem Fußwege, der nach dem langen Dorfe im Grunde führte, schritten zwei Gestalten hinab, eine feiner junger Mann mit Sporen und Reitpeitsche, zu seiner rechten Seite eine junge Dame in eleganter Sommertracht.

„Seien Sie ernsthaft Cousine“ sprach der Letztere bittend, die Gesellschaft ist uns bereits auf den Fersen, und wenn jetzt nicht, finde ich sobald keine ungestörte Minute zu dem wieder, was ich Ihnen sagen muß!“

„Wollen Sie mir ein Geheimnis entdecken Vetter?“ fragte sie lachend, „ich werde schrecklich ernsthaft sein!“

„Sie quälen mich geflissentlich, aber ich werde mir den Augenblick nicht rauben lassen. Clara – mein Herz und meine Hand.“ –

Er war stehen geblieben und faßte ihre Hand, sie aber entzog sie ihm leise und schritt weiter.

„Haben Sie denn wirklich ein Herz, Vetter?“ fragte sie nach einer Weile und sah in das sich vor ihnen öffnende Dorf, wo überall aus den kleinen Fenstern schon die Lichtlein blinkten.

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„Ob ich ein Herz habe?“ entgegnete er, von ihrem Tone betroffen, „daran zweifeln Sie, Clara?“

„Horchen Sie einmal!“ rief sie und hielt ihre Schritte an, „das ist eine merkwürdige Melodie!“

Der letzte Bergvorsprung, die an den ersten Häusern, lag vor ihnen, und dahinter klang es, monoton wie das Lied eines Leiermannes hervor:

„Armer Conrad wehe zu

Ohne Rast und ohne Ruh,

Hungersleben, Noth genug;

Webst die Kraft aus Deinem Arm,

Webst Dir doch, daß Gott erbarm,

Nur Dein eigen Leichentuch!“

„Vermaldeites Pack!“ brummte der junge Mann ärgerlich. „Kommen Sie, Cousine“ es ist Einer von dem Webervolke, der seinen Lohn vertrunken hat und sich nun, statt zu arbeiten, in elegische Klagen ergießt!“ fuhr er spottend fort. „Kommen Sie, die Elenden sind frecher als Sie glauben, und es sollte mir um Ihrentwillen Leid thun, wenn wir uns hier einer unangenehmen Begegnung aussetzten.“

Das Mädchen warf einen ernsten Blick auf ihren Begleiter und schritt vorwärts.

Kurz vor dem Eingang in den Ort stand ein Bursche in der dürftigen Kleidung und ließ gesenkten Hauptes das Paar an sich vorübergehen.; der Herr klatschte mit der Reitpeitsche, Clara aber ließ lange den Blick auf den Zügen des Dastehenden ruhen.

„Der Mann folgt uns,“ sprach sie nach einer Weile, „er hat vielleicht ein Anliegen, wollen Sie ihn nicht anhören? Es ist auch wohl besser, wir erwarten jetzt das Nachkommen der übrigen.“

„Ihr Wunsch ist mir Befehl! erwiderte der Angeredete, „sonst gäbe ich dem Unverschämten eine Lection. Ihr weiches Herz hat freilich keinen Begriff von der Zucht, die man halten muß, wenn man ruhig leben und bestehen will. Will er etwas?“ wandte er sich barsch an den Nachfolgenden.

Der Bursche kam heran. „Lieber Herr,“ begann er in bittendem Tone, „ich wollte nicht wieder kommen und um Vorschuß betteln, aber wir haben halt seit gestrigen Tags kein Brinkel zu essen im Haus, und wenn der alte Rake und’s  Mädel und ich und die Kinderle nicht verhungern sollen, müssen Sie mir ein klein Vorschußzettel geben. Ich hab’s nicht thun wollen, aber ich habe den Jammer nicht mehr mit ansehen können!“

„Sehen Sie, Cousine, so geht’s!“ wandte sich der junge Fabrikherr an seine Begleiterin. „Diese Menschen haben schon mehr Vorschuß als sie in ihrem ganzen Leben erarbeiten können. Wir sind viel zu gut gewesen, nun wird es als ein Muß gefordert. Jetzt gebe ich aufs Neue eine Vorschußanweisung, die ist heute Abend größtentheils vertrunken und in einigen Tagen geht das Lamento von neuem los. Morgen könnt ihr eure Arbeit abliefern und erhaltet Geld, jetzt gebe ich nichts!“

Damit wandte er sich ab und bot seiner Begleiterin den Arm, aber mit zwei Schritten ahtte ihm der junge Weber den Weg vertreten.

„Herr,“ er und sein Gesicht war finster geworden, seine Stimme zitterte und mit den vor der Brust gefalteten Händen schien er die innere Aufregung zurückdrängen zu wollen; „Herr,‘s sind drei Jahre, daß ich kein Tröppel Schnaps über die Zunge gebracht habe und wenn’s Elend die alte Raken nicht danieder geworfen hätte, wo’s Geld kostet und immer wieder Geld, bis wir sie ‚nausgelegt haben in die stille Bucht, wenn Sie barmherzig gewesen wären und uns’s hebe Brod und die Erdtoffeln nicht so hoch angerechnet hätten, wir wären halt nicht so weit im Vorschuß ‘neinkommen und wenn’s Elend nun nicht so gar groß wär‘, ich hätt‘  mich

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nicht hergestellt und Sie abgewartet, Herr geben Sie mir ein Zettel, ich will ja halt nur ein klein Tüchel Erdtoffeln, geben Sie mir’s lieber Herr, Sie müssen barmherzig sein, ich kann nicht eher fortgehen!“

In das Gesicht des Fabrikherren war die helle Zornesröthe geschossen. „Ertrotzen will er es?“ brach er hervor und hob seine Reitpeitsche, „aus dem Wege, niederträchtiger Lump!“

„Schlagen Sie zu“ sprach der Weber und senkte den Kopf, „aber geben Sie mir was für die daheime!“

„Alfred!“ rief jetzt die junge Dame und hielt den aufgehobenen Arm ihres Begleiters zurück, „haben Sie denn wirklich kein Herz?“

„Aber liebe beste Clara!“ entgegnete er halb ärgerlich, „soll ich denn dem unverschämten etwa erzwingen lassen? Morgen früh hätte ich meine ganze Webergesellschaft über dem Halse und da die Jeremiaden nichts mehr helfen, würde es nach dem jetzigen Audtritte Drohungen geben. Ich zwinge niemand für mich zu arbeiten, können die Leute bei dem Lohne nicht auskommen, so mögen sie woanders hingehn, ich aknn mich aber doch nicht für sie zum armen Manne machen?“

 „Das ist kein Trotz, das ist helle Verzweifelung,“ sagte Clara leise, „er will ja nur die trockenen Kartoffeln! Geben Sie ihm, mir zu Liebe, etwas; es würde mich den ganzen Abend verstimmen, wenn ich in unserem Ueberflusse an den abgewiesenen Hungernden denken müßte.“

„Ich bringe Ihnen heute gern alles zum Opfer, selbst meine Ueberzeugung,“ sprach er, ihre Hand drückend.

„Geh Er voran“ rief er dem jungen Weber zu, und wart‘ Er an der Thür. Dank Er’s aber nur der Dame, wenn ich ihm statt der verdienten Züchtigung Seinen Willen thue. – „Kommen Sie“ fuhr er gegen Clara gewendet fort, „könnten Sie so ganz die Verhältnisse durchschauen, Sie würden mich anders beurtheilen, als sie es vielleicht jetzt thun. Will der Kaufmann, der Fabrikant gleichen Schritt mit der Zeit halten, so muß er hart sein, hart wie Eisen. Ist er es nicht, so sind es seine Conkurrenten, er wird überflügelt und geht zu Grunde! Das weiche Frauenherz mag das freilich oft nicht fassen können. – Jetzt kommen Sie, liebe Clara, die Gesellschaft wird schon lange auf einem anderen Wege zurückgekehrt sein!“

Lächelnde Gesichter, leise Neckereien empfingen in dem glänzenden, mit allem Luxus ausgestatteten Salon des großen Fabrikgebäudes die Heimkehrenden, deren bereits die mit üppiger Verschwendung angeordnete Tafel harrte. Mit leuchtendem Gesichte führte nach kurzer Zögerung der junge Fabrikherr die schöne Clara zu Tische, bald knallten  die Champagnerpropfen und unter lautem Jubel erklang der Toast zum Wohle der reizenden Tageskönigin. - -

                                                         Wiederum voran!

Unter diesem Titel bringt die „Arbeiterzeitung“, unser in New – York erscheinendes Parteiorgan die Reden, die in jener großen Massenversammlung gehalten wurden, wo die New – Yorker Arbeiter, die unseren Lesern bekannt gewordenen Excesse der New – Yorker Polizei besprachen. Wir entnehmen die Rede eines Mannes und einer Frau, um zu zeigen, wie die Stimmung in der „großen Republik“ augenblicklich ist und wie man dort von der Bourgeoisie denkt, welche die Staatsgewalt dazu benutzt, um die Arbeiterklasse auszubeuten, und, wenn der Hunger die Massen treibt, Brod zu verlangen, sie von der Polizei mit knüppeln niederschlagen lassen.

                                                Rede des Herrn Alexander Jonas

Wenn Reden immer Thaten wären, wenn Versammlungen stets die Macht der Verhältnisse, Resolutionen die Gemüther der Menschen verändern könnten, dann wäre das tausendjährige Reich des Friedens, der Freiheit und der Gleichheit auf beiden Hemisphären längst etablirt und der Zukunftstaat wäre kein Staat der Zukunft mehr. Als der Antrag zu dieser Versammlung in unserem Verein zur Debatte kam, habe ich mich dagegen erklärt,

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weil ich der Ueberzeugung bin, daß rein demonstrative Versammlungen, - d. h. solche, die nicht der Propaganda für eine neue Idee dienen – im Allgemeinen nur die Thatkraft der Menschen lähmen und abschwächen. Man hört die Reden an, acceptirt die Resolutionen mit mehr oder minder Begeisterung und geht befriedigt nach Hause mit dem erhabenen Gefühl, das Vaterland wieder einmal gerettet zu haben. Und so wird sehr oft eine solche Versammlung, die der Ausgangspunkt einer neuen Bewegung sein soll, das Grab derselben. Nun, das Schicksal ist uns diesmal günstig gewesen und hat dieser Versammlung eine erhöhte Bedeutung gegeben – das Schicksal in Gestalt der heiligen Hermandad der Polizei, die sich in aller Herren, ja selbst in aller Völker Länder durch einen ungewöhnlichen Grad von Klugheit und Weitsichtigkeit auszuzeichnen pflegt. Nicht zufrieden damit, durch Verhinderung jener Versammlung auf Tomptins Square einen Gesetzesbruch begangen zu haben, sie, die Hüterin und Schützerin der Gesetze sein sollte, nicht zufrieden damit, daß sie mit unerhörtem Heldenmuth eine wehrlose Menge nierdergeknüppelt und triumphirend ein paar Dutzend Gefangene davonführte – o nein, diese republikanischen Gesetzeswächter lassen die Lorbeeren des französischen Petri und des preußischen Hinkeldey nicht schlafen und der ruhmreichen Knüttelaffäre folgt ein freundschaftlicher Druck auf diejenigen unglücklichen Wesen, die in ihrer Eigenschaft als Wirthe dem unbestechlichen Gerechtigkeitssinn der N. – Y . Polizei auf Gnade und Ungnade anheimgegeben sind. (...)

Der Nachbar spreche mit dem Nachbar und wo sich zehn zusammenfinden im Namen der Noth, da mögen sie eine Genossenschaft bilden und treue Kämpfer bleiben, ausharrend bis ans Ende. Ich habe nichts weiter hinzuzufügen. Ein einziges Wort schreibt auf Euer Banner: Organisation! Unter diesem Zeichen werdet ihr siegen!

 

Ueber die „Darwinische Theorie“. (Fortsetzung)

„Nach den Vererbungsgesetzen muß aber nothwendig in Folge dessen bei jeder folgenden Generation nicht allein eine weitere Verbreitung, sondern auch eine tiefere Ausbildung des Körperlichen und des davon untrennbaren geistigen Schwächezustandes eintreten. Durch diese und durch andere Formen der künstlichen Zuchtwahl ist eine zunehmende Entkräftung der modernen Kulturvölker bedingt.

Wenn jemand den Vorschlag wagen wollte, nach dem Beispiel der Spartaner und der Rothhäute die elenden und gebrechlichen Kinder, denen mit Sicherheit ein sieches Leben prophezeit werden kann, gleich nach der Geburt zu tödten, statt sie zu ihrem eigenen und zum Schaden der Gesamtheit am Leben zu erhalten, so würde unsere sogenannte „humane Civilisation“ in einen Schrei der Entrüstung ausbrechen. Aber dieselbe „humane und christliche Civilisation“ findet es ganz in der Ordnung und fügt sich ohne Murren darein, daß bei jedem ausbrechenden Kriege und bei dem jetzigen Aufgehen des Kulturlebens in der Ausbildung stehender Heere müssen natürlich Kriege immer häufiger werden, Hunderte und Tausende der besten, jugendkräftigsten Männer dem Hazardspiel der Schlachten und doppelt so viele den allgemeinen Strapazen des Krieges geopfert werden.“

Der arme Jakob und die kranke Lise. I.

Ein Doppelgedicht von G. Herwegh.

Der arme Jakob.

Der alte Jakob starb heut Nacht –

Da haben sie am frühen Morgen

Sechs Brettchen ihm zurecht gemacht

Und drin den Schatz geborgen.

Ein schmuckes Haus! Man gibt in’s Grab

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Dem Feldherrn doch den Degen –

Warum nicht auch den Bettelstab

Auf diese Bahre legen? (...)

Das Gedicht enthält noch weitere sieben Strophen.

 

                                                   Deutsche Hundedemuth.

Von unserem Kronprinzen theilte der „Gerichtszeitung“ ein Augenzeuge einen Zug mit, welcher als ein neuer (!!!) Beweis für seinen ritterlichen Sinn gelten kann, , aber auch (!!) die ihm innewohnende zärtliche Gattenliebe dokumentirt.....“

(...) Was in aller Welt war also das tragische Ereignis, das „als ein neuer Beweis für seinen ritterlichen Sinn gelten kann, aber auch die ihm innewohnende Gattenliebe dokumentirt?“ Höret und staunet! „Der kronprinzliche Wagen hielt vor dem königlichen Schlosse. Schon wollte die Kronprinzessin aussteigen und den von weißem Atlasschuh umkleideten Fuß auf die Erde setzen, als ihr hoher Gemahl bemerkte, daß die ausgebreitete, in den Korridor leitende Fußdecke nicht ganz bis an den Wagen reichte, während das Asphaltpflaster infolge des regnerischen Wetters feucht war. Ohne zu überlegen entledigte sich nun der Kronprinz seines Paletots, warf ihn an die Erde, und so stieg die Kronprinzessin trockenen Fußes die Stufen zum Schlosse empor.“ Das ist die ganze schreckliche Geschichte. –

Wäre der Kronprinz nicht Kronprinz, sondern zufällig General, so würde er wahrscheinlich in Anbetracht, daß sein Paletot einige Friedrichsd’ors kostet, seinen Lakeien beauftragt haben, die Decke näher an seinen Wagen heranzuziehen oder eiligst eine herbeischaffen. Den Kronprinzen aber, der seine Apanage vom Staate bekommt, kostet der Paletot nichts, - warum sollte er ihn nicht „an die Erde werfen“?

Wir wundern uns nicht darüber, daß ein Kronprinz nicht mit Pfennigen oder Groschen rechnet, aber wir bewundern die Leidenschaft, mit der das deutsche Volk seine Menschenwürde von sich wirft, um vor dem Hochgeborenen zu hündeln.

 

Nr. 18.                                             Leipzig, 12 April                                                      1874

                                                            Wiederum voran.

                                                     Rede von Frau Lilienthal

Die Männer, die heute Abend vor mir zu dieser Versammlung gesprochen, haben ihre Worte mit dem Ausrufe „Mitbürger“ begonnen, nur aber, der Frau, ist es versagt, mit diesem Worte, das uns als Mitglieder derselben Gemeinschaft, desselben Staates bezeichnet, meine Anrede zu beginnen, denn ich, eine Frau, obwohl ich einen Bürgerbrief der Ver. Staaten erworben habe, bin dennoch nicht ihre Mitbürgerin, meine Herren, denn wir Frauen sind ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Männer im Staatsleben. Wenn ci nun trotzdem heute Abend meine Stimme erhebe, um gegen die Mißachtung der Gesetze von Seiten unserer Beamten zu protestiren, so geschieht es, weil mich eine zu tiefe Entrüstung über das Benehmen unserer Polizei ergriffen hat. Ich bin in einem monarchischen Staate geboren und erzogen, und habe die Monarchie mit ihrer Sodalteska und ihren Polizeiknütteln gründlich verachten gelernt. Mit einer wahren Verehrung für die nordamerikanische Republik kam ich in dieses Land, und ich glaube, es gibt nicht viele Bewohner der Ver. Staaten, die dieses Land trotz vieler Mängel mehr geliebt haben als ich. Aber seit dem 13. Januar 1874, wo ich Augenzeuge eines Polizeiskandals wurde war ist dies anders, und es bedarf erst eines ganzen Umschwungs dieser Polizeipaschawirthschaft, bis ich mich wieder freuen kann, Bewohner einer Republik zu sein. (...)

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Die höchste Gewalt in einer Republik ist das stimmberechtigte Volk, aber hier in unserer Republik, Ihr Männer; aber wie kläglich handhabt Ihr dieses Recht, anstatt es als Eure heilige Pflicht zu betrachten, habt Ihr es zu einem Schacher herabgewürdigt. Und da wundert Ihr Euch, wenn die Polizei Euch das Versammlungsrecht in einer Republik verkürzen will?

 

Ueber die „Darwinische Theorie“. (Fortsetzung)

Die Zahle der Hummeln ist bedingt durch die Zahl ihrer Feinde, unter denen die Feldmäuse die verderblichsten sind. Je mehr die Feldmäuse überhand nehmen, desto weniger wird der Klee befruchtet. Die zahl der Feldmäuse ist wiederum von der Zahl ihrer Feinde abhängig, zu denen namentlich die Katzen gehören. Daher gibt es in der Nähe der Dörfer und Stadte, wo viele Katzen gehalten werden, besonders viele Hummeln. Eine große Zahl von Katzen wird also offenbar die Kleeernte begünstigen. (...)

 

Nr. 19.                                             Leipzig, 19. April                                                      1874

Ein paar Züge aus der Geschichte des Jahrhunderts 1640 bis 1740.

( Aus der „Frankfurter Zeitung“)

In unseren Tagen suchen Historiker der bezeichneten Art vorzugsweise das preußische Königshaus heim. Schriftsteller, welche früher in Verherrlichung der Wittelsbacher oder Wettiner, der Askanier oder Beutelspacher thätig waren, vertauschen dieses Gebiet mit einem anderen; jetzt sind sie die Ruhmeskündiger des Hauses Hohenzollern. Nicht nur der trotz seines Despotismus jedenfalls geniale Friedrich II – sondern selbst sein Vater, natürlich noch mehr der sogenannte „Große Kurfürst“ – sie alle werden in die Sterne versetzt. Zu diesen Bemerkungen sind wir zwar durch mancherlei Wahrnehmungen, speziell aber allerdings durch Berichte über den Vortrag eines Professors am Münchener Polytechnikum, den dieser in der dortigen „kaufmännischen Verein“ hielt, veranlaßt. Nach den „Neuesten Nachrichten“ schilderte derselbe „die Jugend Friedrichs des Großen.“ Er, gab vorher ein Bild der damaligen Zustände an den Höfen Europas, und betonte, die Ausnahmestellung, welche Friedrich Wilhelm I. sich der Sittenlosigkeit seiner Zeit gegenüber zu bewahren wußte. Der Redner zeigte dann, welchen bedeutenden Einfluß der derbe, ja fast tyrannische Charakter jenes Regenten auf die Entwicklung Friedrichs des Großen zur Folge hatte, und wies ferner darauf hin, daß die weisen Einrichtungen desselben bis zum heutigen Tag im preußischen Militär – und Staatswesen „ihre guten Früchte getragen haben.“

 

Vom „Großen Kurfürsten“ (1640 bis 1688)

Unbestreitbar hat er die Macht des Staats – d. h. des Fürsten – nach außen recht ansehnlich erweitert, im Innern aber das Alleinherrscherthum hergestellt, und darum insbesondere die Rechte der Stände, die Ueberreste der Volksvertretung, gänzlich vernichtet.

Zu diesem Behufe war kein irgend zweckdienliches Mittel verschmäht. List, Betrug, Gewalt - kamen um die Wette zur Anwendung; nach Recht und Moralität fragte der Große Kurfürst in keinerlei Weise. Er schloß Allianzen, bald mit dem nördlichen Nachbarn gegen den östlichen oder westlichen, bald umgekehrt mit diesen gegen jenen. Allianzen schienen überhaupt nur als Mittel zu dienen, den Verbündeten von heute – gleich morgen an den angeblich gemeinsamen Feind zu verrathen und auf diese Weise beide zu überlisten. „Als Schweden in Polen in Noth war“ – dies sind die Worte von Leibniz - marchandirte Brandenburg. Wer mir das meiste gibt adhärire ich.“ Bei einer späteren Gelegenheit wiederholte der eben citirte Gelehrte die letzten Worte, indem er beifügte: „nach seiner des Kurfürsten Gewohnheit.“

Für das in der Neuzeit an dem Hause Hohenzollern so sehr gerühmte Deutschthum, besonders den Franzosen gegenüber, hatte der Kurfürst gar keinen Sinn; ja, er war es

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vorzugsweise, der, nach dem Zeugnisse von Leibniz, alle energischen Beschlüsse des deutschen Reiches, um das von Ludwig XIV. treulos überfallene Straßburg dem Reiche wieder zu beschaffen, systematisch hintertrieb. (Forts. folgt)

 

Nr. 20.                                                Leipzig, 26. April                                                   1874

Ein paar Züge aus der Geschichte des Jahrhunderts 1640 bis 1740.

(Aus der „Frankfurter Zeitung“)

Forts. „In allen diesen Kriegen mit Polen, mit Schweden und den Franzosen – so schreibt selbst der Lobredner Vehse,19 der freilich in diesem Falle nicht von Leibniz redet – „bewies sich der Große Kurfürst als ein Meister der Diplomatie, wie sie damals herrschte.... hatte sein Vater aus Schwäche diplomatisirt, so diplomatisirte er mit der überlegenen Kraft eines weltklugen Mannes. Immer wußte er eine „dritte Partei zu halten.“

Nachdem dies der Panegyriker im Einzelnen nachgewiesen und gerühmt, kommt er zu dem Geständnisse: „Friedrich Wilhelm war bei großen Regententugenden nicht frei von Fehlern und Gebrechen, die allen (?) Menschen, welche nach Größe in menschlichen Dingen streben, anhängt. Er war ehrgeizig, er war prachtliebend, er war bis zur Dpoppelzüngigkeit verschlagen.“ Doch in „einem Punkte“ sei er „goldrein und stahlhart“ gewesen, nämlich in dem Punkte der „Religion“. Das heißt er war ein starrer, bigotter Calvinist.

Ist Friedrich Wilhelm jemals auch nur als Eroberer, für eine höhere Idee eingetreten – für eine ideale Sache, gleichviel ob sie richtig oder falsch gewesen, - wie z. B. Gustav Adolph für den Protestantismus, oder wie Kurfürst Maximilian von Bayern für den Katholizismus? Niemals! Es wird uns gewiß nicht einfallen, die Sache zu rühmen, welche dem genannten bigotten Bayernfürsten die höchste war; gegenüber den bloßen niedrigen Eroberungssucht aber erscheint das Einstehen selbst für eine verkehrte, wenn auch nur vermeintlich sittliche Idee immerhin als das relativ Höhere. (...)

Schon vor der Zeit Friedrich Wilhelms hatten andere, nach Absolutismus im Innern und Eroberung nach Außen strebende Fürsten erkannt, daß das beste Mittel zur Förderung dieser ihrer Zwecke ein jederzeit zu allen Gewaltthaten bereites stehendes Heer sei. Eifrig ahmte der Brandenburger dieses ihr Beispiel nach. Hätten die alten Landstände noch ihre früheren Rechte besessen, so wäre das Unterhalten eines solchen Heeres schon am Kostenpunkt gescheitert. Nachdem jedoch deren Macht gebrochen war, half sich der Kurfürst durch Einführung bleibender indirekter Auflagen; dadurch brachte er denn den gesammten Steuer – und Abgabenertrag in Brandenburg, der sich noch im Jahre 1678 auf 653000 Thaler belaufen hatte, innerhalb der nächsten zehn Jahre auf 17000000 Thaler, also beinahe auf das Dreifache. Die „Unterthanen“, jeder wirklichen Vertretung beraubt, wurden erdrückt durch die immer mehr gesteigerten Lasten; dafür aber – hatten sie einen „Großen Kurfürsten.“ Land und Leute waren gleichsam nur seinetwegen und für das Soldatenthum vorhanden. Doch alle Lastensteigerungen genügten nicht der Kurfürstlichen Geldbegehrlichkeit für militärische Zwecke und abenteuerliche Colonaialprojekte. Die Goldmacherkunst sollte noch ganz andere Mittel schaffen. Der Kurfürst hatte selbst ein großes Laboratorium für alchymistische Zwecke, und er kaufte, wo sich die Gelegenheit bot, Manuskripte über die geheime Kunst an sich. Daß er dabei Betrügereien nicht entging, versteht sich von selbst. (...)

Nr. 21.                                                 Leipzig, 3. Mai                                                        1874

Ein paar Züge aus der Geschichte des Jahrhunderts 1640 bis 1740

(Fortsetzung) (...) Und nun muß man fragen, ob eine keinerlei Mittel scheuende wilde und rohe Thatkraft, verwendet zur Eroberung und zur Begründung des Selbstherrscherthums

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bloß weil der Erfolg nicht fehlte, alle Lobpreisungen verdient, welche dem „Großen Kurfürsten“ so übermäßig zu Theil geworden sind?

                                                 Von Friedrich I. (1688 bis 1713)

Dem Begründer des preußischen Königthums wissen selbst die Speicherlecker zu einem großen Manne nicht aufzubauschen. Die Aufgabe ist auch zu schwer, nachdem selbst der nachmalige „Alter Fritz“ geringschätzig genug von seinem Großvater geredet und gesehen hat. Ein paar Bemerkungen auch über diesen Fürsten konnten wir jedoch nicht ganz übergehen. Vehse findet, daß es seine gewisse (!!) Wahrheit hat, was einer der größten preußischen Patrioten, Niebuhr, äußerte: „Der Hof Friedrich’s war, wie alle damaligen deutschen Höfe, unbeschreiblich widerlich, er war roh und frivol zugleich!“

Die Königin Sophie Charlotte diesen eitlen, prunksüchtigen verwachsenen Gecken und sein treibenmit – der – sterbend an eine ihrer geliebten Hofdame gerichteten – Bemerkung , gekennzeichnet: „Beklagen sie mich nicht, denn ich werde jetzt meiner Neugierde genug thun über den Grund der Dinge, den mir Leibniz nie erklären konnte, und ich verschaffe dem König den Anblick eines Leichenbegängnisses, das ihm Gelegenheit geben wird, alle Pracht zu entfalten.

Die Union der protestantischen Kirchen – dieses seltsame Werk, auf dessen Zustandebringen sich über ein Jahrhundert später Friedrich Wilhelm III. so viel zu Gute hielt – beschäftigte schon den ersten König von Preußen.

Wie dieser Herrscher auf das Soldatenthum hielt, beweist u. a. sein Patent vom Jahre 1711 gegen das Desertiren. Die „abscheuliche Todesstrafe des Stranges“ hieß es darum, habe nichts geholfen, deshalb ward denn der  Deserteur für ehrlos erklärt, ihm Nase und ein Ohr abgeschnitten, er sollte darauf an die Karre geschmiedet werden, zu schwerer Arbeit lebenslänglich auf die Festung gebracht werden. Dazu kam noch, da auch dies nicht genügte, 1712 das von den Russen herrührende Spießrutenlaufen und brandmarken. (...)

                                              Friedrich Wilhelm I. (1713 bis 1740)

Das Jahr 1713 brachte Friedrich Wilhelm I. auf den preußischen Königsthron. Die überall und allzeit hervortretenden Züge seiner Regierung waren Soldatenthum, korporalsmäßigen Begriffen, und speziell mit der Sucht, große Leute zu besitzen; Geiz, ein Mittel für den Unterhalt des enormen Militärstandes zu erkaufen, endlich maßloses despotisches Selbstherrscherthum, nach Laune schrankenlos waltend gegen jedermann aus dem Volke, der ihm aufstieß, ebenso wie gegen seine Familienangehörigen, und zwar mit einer Rohheit, die nicht einmal von seinen moralischen Grenzen etwas wissen wollte, welche auch der Selbstherrscher, wenn er nur einige Bildung besitzt, seiner selbst wegen beobachtet. (...)

Für Bildung und Wissenschaft hatte Friedrich Wilhelm so wenig Sinn, daß er dem genialen Leibniz nur als „einen selbst zum Schildwache stehen unbrauchbaren, närrischen Kerl“ qualificirte. Im Jahre 1722 strich der König die Besoldungen  sämmtlicher Angestellten an der Berliner Bibliothek. In diesen Jahren wurde nicht ein Buch angeschafft; im Jahre 1734 betrug der Aufwand der königlichen Anstalt für Literatur 4 und 1735 5 Thaler.

Nr. 22.                                                  Leipzig, 10. Mai                                                   1874

Die Ausgabe Nr.22 beginnt mit einer Erzählung, die in Nr. 23 fortgesetzt wird. Es handelt sich um Erlebnisse eines Deutschen in holländisch – indischen Militärdiensten. Die Autorenangabe ist anonym gehalten: Von W. zu P. Der Titel: „Die Sclavin“. Es folgt ein Auszug daraus, der deshalb von Bedeutung ist, weil darin eine politische Tendenz sichtbar wird. Es handelt sich also um mehr, als nur um eine spannende Geschichte:

In der Cantine der Offiziere der Garnison Weltevreden bei Batavia war in den späten Abendstunden stets ein Kreis gebildeter Militärs, größtentheils Deutsche, versammelt, um

                                                                                      394

in geselligem Verkehr sich von den Beschwerden des Dienstes und der Hitze des Tages zu erholen. Die friedlichen und kriegerischen Erlebnisse des europäischen Soldaten auf den Inseln der holländisch – indischen Colonien bieten so vielfachen Stoff zu interessanten Mittheilungen, daß es nie an spannenden Erzählungen fehlte.

Eines Abends im Sommer des Jahres 1863, wurden vorzugsweise die Folgen des Gesetzes vom 10. Januar 1861, nach welchem in ganz holländisch Indien die Sclaverei aufgehoben wurde, besprochen. Das Für und Wider fand Stimmen, doch die überwiegende Mehrheit sprach sich entschieden zu Gunsten der Aufhebung aus. Besonders eifrig aber trat ein Marine – Offizier der Meinung der Majorität bei und bemerkte gelegentlich, wie er an einem Beispiele darthun konnte, zu welchem, gelinde gesagt, Inconvenienzen, sogar in Kreisen der höheren Gesellschaft das Bestehen der Sclaverei führen könne und führte. Der allgemein ausgesprochene Wunsch, dies Beispiel kennen zu lernen, fand Erhörung. Der Marineoffizier versprach, am nächsten Abend sein Tagebuch mit zur Stelle  bringen zu wollen und die von ihm genau aufgezeichnete Begebenheit vorzutragen. Dies geschah, und da nur durch die Güte dieses Kameraden eine Abschriftnahme gestattet wurde, so bin ich in den Stand gesetzt, die Erzählung hier wörtlich wiederzugeben:

                                                             „Die Sclavin“

Auf der Rückkehr von Sörebaya nach Europa im Jahre 185 – liefen wir Batavia an, um eine erlittene Havarie auszubessern und Depeschen sowie einige Beamte und Militärs mit nach Holland zu nehmen. (...)

Auf dem schönen Landsitz fand ich die gastliche Aufnahme. Die Gattin des Herrn de L....eines indischen Residenten, sie hatte ihm ein Vermögen zugebracht, daß er selbst hier zu den Reichsten gezählt werden und einen mit orientalischem Luxus ausgestatteten Hauhalt führen konnte.

Madame de L....war eine noch in voller Blüthe stehende Frau von kaum dreißig Jahren, eine üppige Schönheit, nur mit etwas strengen Zügen und wenig entsprechender gesellschaftlichen Haltung, da man die sanfte Weiblichkeit und Milde vermißte, obgleich die treffliche Erziehung, die sie genossen, in der Unterhaltung hervorleuchtete. Eine oft bei den unterhaltenden Controversen im Gespräch sich zeigende Heftigkeit und leidenschaftliche Aufregung, die sich vorzugsweise in der Behandlung der zahlreichen weiblichen und männlichen Dienerschaft, ausschließlich aus Sclaven bestehend, kundgab, ließen mich schließen, daß gerade hierin der Grund der Mißstimmung und des Trübsinns des Hausherrn zu suchen sein dürfte. Vorzugsweise erstrecken sich die Ausbrüche ihres Zorns und wenig weiblichen Heftigkeit, die nach europäischen Ansichten oft in Grausamkeit ausartete, auf ein überaus schönes liebliches Mädchen von etwa sechzehn Jahren, die sich förmlich zum Opfer ihrer Launen ausersehen zu haben schien. Die größte Hingebung, Sanftmuth, willigsten und unverdrossensten Dienstleistungen dieser gewandten und reizenden Kindes wurden von der strengen Gebieterin nicht beachtet und das geringste Versehen selbst der anderen Sclavinnen, wurde fast nur bei ihr durch grausame Züchtigungen geahndet. Oft weckte mich schon, wenn der Morgenstrahl in mein Schlafzimmer fiel, der schmerzliche Ruf des jungen Mädchens: „ampon! ampon! Sjonja!“ (Vergebung! Gnädige Frau!) der aus dem Boudoir der Herrin drang, obgleich sicher – nichts zu vergeben war.

Als Seeoffizier wahrlich an strenge Handhabung der Disziplin gegen die untergebene Schiffsmannschaft gewöhnt und nicht mit den zarten Nerven einer Salondame ausgestattet, ergriff auch doch dieser tyrannische unweibliche Behandlung des zarten leidenden Geschöpfes so, daß ich nur durch das Band der Etikette und der Rücksicht für meinen Freund gehalten wurde; - ich bereute sehr, der Einladung desselben, Folge geleistet zu haben. (...)

Noch hatte ich die Veranda nicht betreten, als ich, begünstigt durch das Licht des Mondes, während ich selbst mich im Schatten befand, in der äußersten Ecke meinen Freund erkannte, die sylphenartige Gestalt der weißgekleideten schönen sechzehnjährigen Sclavin Muteava, von seinen Armen umschlungen, an seiner Brust lehnend.

                                                                                 395

Auf diese, bei mir bekannten Charakter des Herrn de L...nie geahnte Weise löste sich also das Räthsel; die sündhafte Liebe zur reizenden Sclavin war das Motiv zum Unglück der Ehe und zur sonst nicht zu rechtfertigenden Handlungsweise der gekränkten Gattin! Wie viel hatte ich ihr im Herzen abzubitten, wie tief sank der Freund in meinen Augen und welch widerstreitende Gefühle bemächtigten sich meiner. (...)

Noch einen Augenblick blieb ich unentschlossen stehen, obgleich von der Straffälligkeit dieses Verhältnisses durchdrungen und überzeugt, machte Herr de L....dem jungen Mädchen gegenüber eines Wüstlings, im Ausdruck der leidenschafftlichen Liebe lag nichts Sinnliches, eher etwas Poetisches mit einer tiefen Trauer vereint; dies blieb mir allein räthselhaft. (...)

„Eduard!“ rief ich, wie kannst Du das Herz Deiner Frau so zerreißen?“

„Den Eid, den ich geschworen, habe ich noch nie gebrochen!“ erklärte de L....bewegt und feierlich.- (...)

Länger vermochte ich nicht ruhig der Zeuge diese mich so empörenden und aufregenden Auftritts zu sein! „Leb wohl, Dein Freund vermag ich nicht länger zu heißen, noch in dieser Stunde verlasse ich Dein Haus!“

Ohne ein Wort zu erwidern, richtete er nur einen schmerzlichen Blick auf mich, warf sich dann auf einen Stuhl, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte hörbar. (...)

Plötzlich erhob sich de L....und sprach ruhig und resigniert: „Ein Fehltritt sei genug; - meine theure Gattin, - mein theurer Freund, - - wollt ihr denn den Vater zwingen, seine Tochter zu verkaufen!“ (...)

Nun kam die Reihe an mich; auch ich war tief bewegt und in einer Aufregung, wie ich sie noch nie empfunden; - eine herzliche Umarmung und ein Händedruck mochte meinen Freund sagen, was ich empfand. Ehe wir nur einigermaßen Ruhe erlangt hatten, kehrte Frau de L...., die schöne Sclavin an der Hand führend, zurück.

Das arme Kind, blaß und ergeben, folgte wie zur Schlachtbank geführt, sie ahnte noch nicht, daß dies die letzten Augenblicke ihrer Leiden und Prüfungen sein würden. (...)

„Margaretha, Du sollst von jetzt ab auch meine Tochter sein.“ (...)

Doch ich bin unfähig, diese Szene auch nur annähernd wiederzugeben, wie ich und wohl alle Betheiligen sie empfanden. Glück und heimischer Friede waren von diesem Augenblick an wieder in das Haus meines Freundes eingezogen und ich verlebte noch einige höchst angenehme Wochen im Kreise dieser mir so lieb gewordenen Familie.

Zur Aufklärung diene noch Folgendes: de L....hatte vor seiner Verheirathung, wie dies in den niederländisch – indischen Colonien leider ganz allgemein bei unverheiratheten Europäern der Fall ist und gewissermaßen aus Gründen, deren Erörterung hier nicht am Platze, von den Gouvernement begünstigt wird, ein intimes Verhältnis zu einer Kreolin, die ihm den Haushalt führte. Die Folge dieses Umgangs war die Geburt eines Töchterchens; de L. erkaufte der Mutter die Freiheit und sorgte für dieselbe, sowie für eine sehr gute Erziehung des Kindes. Bei seiner Verheirathung beging er den Fehler, dies Verhältnis seiner Gattin zu verheimlichen. Ungefähr ein Jahr vor dem erzählten Erlebnisse starb nun die Mutter des Mädchens und empfahl noch auf dem Sterbebett ihre Tochter dem Vater, welcher derselben auch mit der innigsten Liebe zugethan war, als sich das junge Mädchen körperlich und geistig so herrlich entwickelt hatte und die legitime Ehe des Herrn de L....kinderlos geblieben war. Mochte es nun Schwäche oder Besorgnis sein, daß seine Frau das Mädchen nicht als Tochter anerkennen und sich unglücklich über das frühere ihr verheimlichte Verhältnis ihres Mannes fühlen würde; kurz de L....beging das sich so hart bestrafende Unrecht, die Tochter seiner Frau gegenüber als erkaufte Sclavin in sein Heim einzuführen. Das Uebrige wissen wir.

Mutuave, oder vielmehr Margarethe, welche Herr de L....gesetzlich hatte legitimiren lassen, ist jetzt die glückliche Gattin eines deutschen Edelmannes in holländisch – indischen Diensten.

                                                                                 396

Ein paar Züge aus der Geschichte des Jahrhunderts 1640 bis 1740. (Fortsetzung)

Unter der Regierung des vorigen Königs war es dem Philosophen Leibniz und der Königin Charlotte gelungen, in Nachahmung der Pariser Akademie, die Errichtung einer ähnlichen Anstalt zu Berlin, „Societät der Wissenschaften“ genannt zu erwirken. Die Ausstattung war kläglich, Leibniz machte die wunderbarsten Vorschläge, um nur einige Geldmittel zu erlangen, war es doch dem Herrscher blos im Namen und Schein, nicht um die Sache zu thun; den Ertrag der Kalender mußte zur Deckung der Kosten genügen. Allein noch viel übler gestaltete sich das Verhältniß unter Friedrich Wilhelm I. Ihm diente die Akademie zum Gegenstande des Spottes. Zum Präsidenten desselben ernannte er den Paul Gundling, seinen Hofnarren, den er auf wahrhaft menschen – entwürdigende, gemein – rohe Weise ununterbrochen quälte und marterte, (derselbe ward zur königlichen Unterhaltung häufig körperlich mißhandelt, mußte die plumpsten Verhöhnungen hinnehmen, einen kleinen Affen als natürlichen Sohn adoptiren). Die Anstalt sollte überhaupt wieder aufgehoben werden; da kam man auf den pfiffigen Gedanken, dem Selbstherrscher vorzuschwindeln vermittels Anlegung eines anatomischen Theaters würden gute Feldscheren für die Armee verschafft. Nach Gundlings Tod wollte der Selbstherrscher einen anderen Hofnarren; Namens Stein, an dessen Stelle ernennen; man bemüthe den Bigottismus  und Mystcismus des unwissenden Gebieters, um einen protestantischen Theologen voran zu schieben, der denn schließlich den Vorzug vor dem Hofnarren erhielt.

Dabei handelte es sich nicht etwa um einen speziellen Widerwillen gegen das eine Institut der Akademie: der souveräne Beherrscher des Intelligenzstaates haßte und verachtete Bildung und Wissenschaft überhaupt gründlich. So zwang er u. A. den Professor der Universität Frankfurt a. O. zu einer öffentlichen Disputation mit einem dritten Hofnarren, einem gewissen Morgenstern. –

Pietistische Kopfhänger hatten, in Ermangelung besserer Mittel zur Bekämpfung eines ihnen verhaßten Mannes, dem geistesbeschränkten Könige eingeredet, die philosophischen Theorien des furchtsam – frommen Professors Christian Wolf in Halle könnten die großen Soldaten zur Desertion verleiten. Daraufhin ward der arme Mann durch Cabinettsordre vom 8. Nov. 1723 nicht nur seiner Stelle entsetzt, sonder ihm überdies „bei Strafe des Stranges“ befohlen, binnen 48 Stunden die preußischen Lande zu verlassen. (...)

 

Ueber die „Darwinische Theorie“ (Fortsetzung)

Freilich, wenn wir einen gebildeten Europäer mit einem Menagerieaffen vergleichen, dann scheint eine solche, besonders eine solche geistige Entwicklung ganz unmöglich, wenn wir aber die höchstentwickelten Thierseelen, z. B. Hund, Elephant, mit den tiefstentwickelten Menschenseelen vergleichen, dann ist dieser Unterschied viel geringer. Um sich davon zu überzeugen, muß man vor Allem das Geistesleben der wilden Naturvölker und der Kinder vergleichen. (...)

Nr. 24.                                              Leipzig, 24. Mai                                                      1824

Die Ausgabe beginnt unvermittelt mit der Novelle von Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas, und wird ohne Unterbrechung in gleicher Weise fortgesetzt bis zur Ausgabe Nr. 37

Diese Veröffentlichungen in mehreren Folgen bedeuten zugleich einen Einstieg in die deutsche Kultur – und Geisteswelt, die mit dem ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert einen Höhepunkt erreichte.

 

Ueber die „Darwinische Theorie“ (Schluß)

Wenn wir uns noch umschauen, wer die sind, welche sich mit dem größten Eifer und zumeist dieser neuen Annahme widersetzen, so zeigt sich, es sind vor allem die Priester der verschiedenen Religionen. Natürlich! Die waren es zu allen Zeiten, welche sich dem

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menschlichem Fortschritt widersetzten: einmal handelt sich bei ihnen um Brod, und zweitens verstehen sie von der Sache gar nichts. Sie verlangen Glauben und freilich, glauben heißt, Nichts wissen, wo der Glaube beginnt, hat das Wissen aufgehört, denn Wissen ist ein Erkennen: sie wissen also selbst nicht, was sie zu glauben verlangen. (...)

Da also die verschiedenen Pfaffen nur allein im Glauben machen, so sind sie ja gar keine Gegner, denn mit dem Glauben hat die heutige Naturwissenschaft absolut nicht zu thun.

Allerdings gibt es außerdem noch eine große Anzahl wohlmeinende ehrliche Leute, welche vor dem Consequenzen dieser neuen Lehre zurückschrecken, da sie überhaupt den Radicalismus fürchten. Doch denen ist nicht zu helfen, radical heißt consequent sein und die Wahrheit steht höher als die Furcht, und endlich werden die Consequenzen der Wahrheit nicht zu fürchten sein.

Allerdings stehen die Sätze der Darwinischen Lehre noch nicht alle fest, und es mag im Laufe der Zeit noch manches geändert werden, doch die Grundlagen der Entwicklungslehre sind unstreitig wahr, und damit ist Gewaltiges gewonnen. Es ist hier wie mit dem Sozialismus, auch dessen theoretische Grundsätze werden einmal ins praktische Leben versetzt, mancherlei Änderungen erleiden müssen und es ist der theoretische Kampf selbst noch nicht beendet; doch sicher enthalten die sozialistischen Lehrsätze das Zukunftsbild des menschlichen Gesellschaftslebens. (...)

Wir Sozialisten müssen den Darwinismus mit Freuden begrüßen, für den Sozialismus sind diese neuen naturwissenschaftlichen Anschauungen von großer Bedeutung, sie sind die Sanktion derselben, von Seiten der Naturwissenschaft, denn es ist wohl schließlich die Haupterrungenschaft, oder die praktischen Bedeutung der Darwinischen Lehre neben den tieferen geistigen Einblick in das wirken der Natur überhaupt, gewiß nur die Anerkennung des Satzes von der Gleichheit aller Menschen. (...)

In den Ausgaben Nr. 25 bis 27 werden in Aufsätzen über das Alter des Menschengeschlechts in Anlehnung an die zuvor vorgestellten Lehre des Charles Darwin abgehandelt.

Nr. 25.                                             Leipzig. 31. Mai                                                        1874

Anthropologische Aufsätze *

Das Alter des Menschengeschlechts von Kp

In diesen Blättern wurde früher schon die Entstehung und Entwicklung der organischen Wesen nach den neuesten von dem englischen Naturforscher Darwin zuerst systematisch zusammengefaßten Anschauungen erläutert und wir haben aus jenen Betrachtungen gesehen, daß auch der Mensch, gleich den übrigen Thieren, nur aus ihm ähnlichen, oder verwandten Thierformen hervorgegangen sein kann. Wann und wo  dieses geschehen, ist freilich nicht mit Bestimmtheit  anzugeben; doch gibt es verschiedene Anhaltspunkte, welche eine jedenfalls eine annähernd richtige Bestimmung darüber zulassen, wielange der Mensch als solcher, also als selbstbewußtes denkendes Wesen die Erde bewohnt und diese Frage ist es, mit welcher wir uns hier beschäftigen wollen.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat der Umstand, daß man in verschiedenen Gegenden Europas Gebeine des Menschen oder von Menschenhand roh gefertigte Werkzeuge u. dgl. In Gemeinschaft mit Ueberresten entweder ganz oder doch in jenen Gegenden längst ausgestorbenen Thiere und Pflanzen in Höhlen, Torf oder tiefer liegenden Erdschichten, dann im Schlamm und auf den Grund von Seen auffand, großes Aufsehen erregt und der Vermuthung Raum gegeben, das die Entstehung des Menschen in eine viel frühere Zeit fallen müssen, als man bisher geglaubt hat, ganz abgesehen von der in der Bibel enthaltenen kindlich naiven Angabe, welche den Anfang aller Dinge auf 4000 Jahre vor Christus setzt. - -

*Aufsätze über die Entwicklung des Menschengeschlechts. Unter diesem Titel werden wir im Anschluß an die „Darwinische Theorie“ Aufsätze naturgeschichtlichen und

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ethnographischen Inhalts bringen, und zwar in der Reihenfolge, daß sie zunächst die Entwicklung des Menschengeschlechts zur Anschauung bringen und dann einiges über die Entwicklungen, Sitten und Gebräuche verschiedener Völker erzählen. Da die Aufsätze nur eine populäre Uebersicht darstellen sollen und durchaus nicht als gelehrte Arbeit gelten können, so sind die Quellenangaben vermieden.

Nr. 26.                                            Leipzig, 7. Juni                                                         1874

Anthropologische Aufsätze (Fortsetzung)

Auch in Amerika gibt es dergleichen Beweise für ein sehr hohes Alter des Menschengeschlechts. – Bei der Entdeckung von Amerika war das Pferd dort nicht bekannt, „Die eingeborenen Peruaner und Mexikaner wollten die Reiter der erobernden Horden Pizzaros für ein einziges Wesen und wunderten sich als die Männer vom Pferd steigen sahen. Sie hatten auch keine Ueberlieferung bezüglich dieses Thieres; und doch wurden in neuerer Zeit versteinerte Pferdeknochen zusammen mit Menschenknochen ausgegraben. Das Pferd war also in Amerika einheimisch und wahrscheinlich von Menschen gezähmt. (...)

Nr. 28.                                                Leipzig, 21. Juni                                                       1874

                                                             Moderne Folter

Vor dem Militärbezirksgericht zu Würzburg wird Anfang nächsten Monats endlich die Angelegenheit des zu Tode mißhandelten Soldaten Plattner aus Neumark in Bayern zur Verhandlung kommen. Der Fall ist so grauenhaft und wirft ein solches Schlaglicht auf gewisse Seiten der „militärischen Disziplin“, daß wir aus der aktenmäßigen Darstellung des Ergebnisses der Voruntersuchung nach Nürnberger Blättern das Hauptsächlichste mittheilen. (...) (Folgt noch eine lange Reihe von Mißhandlungen, welche Plattner erduldete, bis ihn der Tod von seinen Peinigern befreite.)

Nr. 31.                                               Leipzig, 12. Juli                                                       1874

Abhandlungen in Folgen in den Ausgaben von Nr. 31. bis Nr. 36 zum Thema:

Kp  Die Menschenarten und ihre Abstammung.

Es ist im „Volksstaat – Erzähler schon über das Alter des Menschengeschlechts gesprochen worden; diesmal wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, wie die gegenwärtig die Erde bewohnenden Menschen in gleichartige Merkmale zusammengestellt werden können, denn es weichen die Menschen nicht nur durch verschiedene Intelligenz, sondern auch durch bedeutende körperliche Unterschiede voneinander ab. (...)

Von der Landwirthschaftlichen Ausstellung in Bremen.

Gedicht in acht Strophen ohne Angabe des Autors.

Der Landwirthschaft in Bremen hat

Ein Diplomat präsidiret,

Und die Feldherrn des Reiches haben beim Mahl

Das große Wort geführet.

 

Das ist ganz Recht: die Steuern muß

So Bürger wie Bauer bezahlen,

Damit mit dem Zwei – Milliarden – Heer

Das Deutsche Reich kann prahlen. (...)

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Nr. 32.                                            Leipzig, 19. Juli                                                         1874

Kp   Die Menschenarten und ihre Abstammung. (Fortsetzung)

Die individuenreichste bildet neben der mittelländischen oder kaukasischen Menschenart

7. Der Mongolische Mensch. Dahin gehören alle Bewohner des asiatischen Festlandes, mit Ausnahme diejenigen im höchsten Norden, der Malayen im Südosten, der Dravidas in Vorderindien und der Mittelländer im Südwesten. In Europa ist diese Menschenart durch die Finnen und Lappen im Norden und Magyaren in Ungarn vertreten. (...)

Die Hautfarbe der Mongolen ist stets durch einen gelben Grundton bald heller, bald dunkler ausgezeichnet. Das Haar ist immer straff und schwarz. (...)

Die Sprache der Mongolen läßt sich wahrscheinlich auf eine gemeinsame Ursprache zurückführen: Das größte und seit langem cultivirte Volk dieser Art sind die Chinesen. (...)

9. Zur Zeit der Entdeckung  Amerikas war dieser Erdtheil nur von einer einzigen Menschenart, von den Rothhäuten oder Amerikanern bewohnt. Zur Zeit ist ihre Bevölkerungszahl noch zwölf Millionen, diese Art ist aber in rapiden Abnehmen begriffen. Die Hautfarbe ist durch einen rothen Grundton ausgezeichnet, welche jedoch bald rein kupferroth, oder heller röthlich, bald mehr dunkel, rothbraun, gelbbraun wird. (...)

Die zahlreichen Sprachen der verschiedenen amerikanischen Rassen und Stämme sind außerordentlich verschieden, aber doch in der ursprünglichen Anlage wesentlich übereinstimmend. (...) Wahrscheinlich ist Amerika zuerst vom nordöstlichen Asien her bevölkert worden, von demselben Mongolenstamme, von dem auch der Polarmensch (Hyperborder, Eskimo) sich abgezweigt hatte. (...)

Nr. 33.                                             Leipzig, 26. Juli                                                       1874

Kp. Die Menschenarten und ihre Abstammung. (Fortsetzung)

(...) Die semitische Rasse theilt sich wieder in zwei voneinander abweichenden Zweige, in den ägyptischen und arabischen. Der erstere umfaßt die alte Bevölkerung Ägyptens, die Berber und Äthiopier in Afrika; die letztere umfaßt die Bewohner der großen arabischen Halbinsel, die uralte der eigentlichen Araber und sodann die höchst entwickelte Semitengruppe, die Hebräer oder Juden.

Die indogermanische Rasse allein, welche alle übrigen Menschen in der geistigen Entwicklung weit überflügelt hat, spaltete sich gleich der semitischen sehr früh in zwei auseinandergehende Zweige, den grecogermanischen und den slavogermanischen Zweig auf. Aus dem ersteren gingen einerseits die Arier (Inder, Iraner) andererseits die Grecoromanen ( Griechen, Albanesen, Italier und  Kelten) hervor.

Aus dem slavogermanischen Zweige entwickelten sich einerseits die Slawen ( russische, bulgarische, czechische und baltische ) Stämme andererseits die Germanen ( Skandinavier, Deutsche, Niederländer und Angelsachsen). (...)

(...) Die beiden höchstentwickelten Arten, Mongolen und Mittelländer, übertreffen in Individuenzahl bei weitem alle übrigen Menschenarten. (...)

Natürlich wechselt das Zahlenverhältnis mit jedem Jahr und zwar nach dem von Darwin dargestellten Gesetze, daß im Kampfe ums Dasein die höher entwickelten, begünstigten und größeren Formengruppen die bestimmte Neigung und die sichere Aussicht haben, sich immer mehr auf Kosten der niederen, zurückgebliebenen und kleineren Gruppen ausbreiten. So hat die Mittelländische Art, und innerhalb derselben die indogermanische Rasse, vermöge ihrer höheren Gehirnentwicklung alle übrigen Rassen und Arten überflügelt und spannt jetzt das Netz ihrer Herrschaft über die ganze Erde aus.

Erfolgreich konkurriren kann mit dem Mittelländer, wenigstens in gewisser Beziehung, nur die mongolische Art. Innerhalb der Tropengegenden sind die Neger, Kaffern und Nubier, die Malayen und Dravida'’ durch ihre bessere Anpassungsfähigkeit an das heiße Klima, ebenso in den Polargegenden die Arktiker durch ihr kaltes Klima einigermaßen geschützt.

                                                                               400

Dagegen wiederum die übrigen Rassen, die ungemein sehr zusammengeschmolzen sind, den übermächtigen Mittelländern im Kampf um’s Dasein früher oder später gänzlich erliegen. Schon jetzt gehen die Amerikaner und Australier mit raschen Schritten ihrer völligen Ausrottung entgegen, dasselbe gilt auch für die Papua und Hottentotten.(...)

Nr. 37.                                          Leipzig, 23. August                                                    1874

Materielle Vererbung geistiger Eigenschaften.

 Ein Bruchstück aus „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ von Dr. Ernst Häcker

(...) Wie sich in der Generationsfolge manche Dynastien die echte Vorliebe für Wissenschaft und Kunst durch viele Generationen erblich überträgt und erhält, wie dagegen in vielen anderen Dynastien Jahrhunderte hindurch eine besondere Neigung für das Kriegshandwerk, für die Unterdrückung der menschlichen Freiheit und für andere rohe Gewaltthätigkeiten vererbt wird, ist aus der Völkergeschichte hinreichend bekannt. Ebenso vererben sich in manchen Familien viele Generationen hindurch ganz bestimmte Fähigkeiten für einige Geistesthätigkeiten, z. B. Dichtkunst, Tonkunst, bildende Kunst, Mathematik, Naturforschung, Philosophie u. w. s. In der Familie Bach hat es nicht weniger als 22 hervorragende musikalische Talente gegeben.

In Nr. 37 beginnen die Auszüge aus Varnhagens Tagebüchern, die insgesamt mehrere Bände umfassen. Diese Auszüge ermöglichen die Bezugnahme auf die deutsche Kultur – und Geistesgeschichte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Karl August Varnhagen von Ense hatte Rahel Levin geehelicht, die eine herausragende Stellung in der Salonkultur um die Wende vom 18. Zum 19. Jahrhundert, neben Henriette Herz und Dorothea Veit, innehatte, in der sich die Geistesgrößen der Zeit trafen. In einem ersten Abschnitt schließen die Tagebücher mit der Ausgabe Nr. 42.

Aus Varnhagens Tagebüchern.

Im vorigen Jahr bereits hatten wir siehe Nr 8 des „Volksstaats“ aus dem 5. und 6. Bande der Varnhagenschen Tagebücher einige Stellen abgedruckt, die uns den Mann von einer sehr interessanten Seite zeigen: er nahm darin nicht nur die Revolution, sondern auch für den Pariser Junikampf in entschiedener Weise Partei, er erklärte unumwunden seine Sympathien für das unterdrückte Volk. Jedenfalls nur deshalb, weil er so genau „hinter die Coulissen“ geguckt und die Vorgänge dort in seinen Tagebüchern der Welt rückhaltlos verrathen hat, ist Varnhagen jetzt in der von oben beeinflußten öffentlichen Meinung so discreditirt, als „Kaltschweib“ und dergleichen verschrieen. Und doch leuchtet aus seinen Tagebüchern das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit unzweifelhaft hervor. Mag auch das eine oder andere von ihm mitgetheilte Geschichten nicht wahr sein – im Allgemeinen sind seine Beiträge zur Zeitgeschichte, insbesondere über die Regierungszeit Friedrich Wilhelm IV., dessen Charakter und Eigenthümlichkeiten von unschätzbarem Werthe; sie zeigen jenen Regenten in einem Lichte, wie ihm eine zusammenfassende Darstellung nicht zeigen kann. Ueber Preußen, seinen Hof und dessen Camarilla, die Vertreter der Diplomatie, des Heeres, der Künste und Literatur, erfahren wir aus Varnhagen das werthvollste, von anderen Zeitgenossen nicht bekanntgegebene Material; er hat Alles, was ihn das Herz drückte niedergeschrieben, - nicht aus Haß gegen Preußen, sondern im Gegentheil, weil er ein Stockpreuße war und seinem Lande und Königshause gern die Schmach erspart hätte, die es so oft erlitten. Er ist erst nach vieljährigem inneren Kampfen Demokrat geworden, erst als er sah, daß ein von ihm verhimmeltes Preußen unter der Wirthschaft, die er miterlebt, des Fortschritts unfähig sei. Noch Anfangs 1848 wünschte er dem Könige, an dessen Ehrlichkeit er fest glaubte, das Beste; sehr spät überzeugte er sich, das von oben für das Volk nichts zu


 


 


 

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