Christliches Manifest
Christliches Manifest

 

                                                Der Volksstaat

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Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der internationalen   Gewerksgenossenschaften.

Nr. 1.                                                     Mittwoch, 6. Januar                                             1875

Die Nothwendigkeit der Gewerkschaften.

Angesichts der Thatsache, daß bereits eine ganze Anzahl, zum Theil gut organisirte Gewerkschaften bestehen, könnte es überflüssig erscheinen, an dieser Stelle nochmals über die Nothwendigkeit der gewerkschaftlichen Organisation zu sprechen. Die weitere Thatsache aber, daß der bei weitem größte Theil der Arbeiter den Gewerkschaften noch nicht angehört, bestimmt uns, nochmals auf dieses Thema zurückzukommen.

Was wollen die Gewerkschaften? Diese Frage ist kurz dahin zu beantworten: Die Gewerkschaften wollen jedem einzelnen Mitgliede innerhalb der heutigen Verhältnisse ein möglichst gesichertes Dasein verschaffen. Ein gesichertes Dasein erstrebt freilich auch der einzelne Arbeiter; aber in dieser Vereinzelung ist er zu schwach, dieses Ziel zu erreichen. Er ist nicht nur bei allen möglichen Wechselfällen auf seine isolirte Kraft angewiesen, er ist auch völlig außer Stande, dem Arbeitgeber zu widerstehen, wenn dieser für geleistete Arbeit weniger Lohn als bisher zu zahlen und die Arbeitszeit verlängern will. Ja, der einzelne Arbeiter muß es sich gefallen lassen, wenn der Arbeitgeber ihn behandelt wie einen Sklaven. Kurz, der einzelne, keiner Gewerkschaft angehörende Arbeiter, trotzdem er Alles aufbietet, um nach Möglichkeit gut zu existiren, ist ein Spielzeug der Verhältnisse, ein Opfer der Laune des Arbeitgebers. Das ändert sich ganz gewaltig, wenn die Arbeiter sich vereinigen, wenn sie die vereinzelt zu einem erfolgreichen Widerstande unzureichenden Kräfte zusammenwerfen, wenn sie gemeinsam handeln, wenn sie einstehen: Einer für Alle, Alle für Einen!

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Nr. 2.                                                   Freitag, 8. Januar                                                  1875

Die Reichsbank und die Reichsfreunde.

Lassalle sagte in einer Rede über die indirekten Steuern, als er die Annahme zurückwies, daß die Luxussteuern ein wesentlicher Theil der indirekten Steuern wären oder sein könnten, ungefähr folgendes: „Wenn es möglich wäre, durch Luxussteuern einen wesentlichen Theil der Staatsausgeben zu decken, dann würde die Staatsregierung einen derartigen Gesetzentwurf vorlegen, einerlei ob ein Ministerium Manteuffel, Bismarck oder Lassalle an der Spitze steht, denn das höhere Amt erhebt über den Parteistandpunkt, das Amt giebt den Willen und einigermaßen die Einsicht, das Beste des Staates wahrzunehmen. Lassalle meint also, wenn eine Maßregel ganz klar zum Besten des Staates diene, und ganz klar und leicht zu verfolgen sei, dann werde jeder Staatslenker sie ergreifen, natürlich auch eine offenbar verkehrte, das Staatswohl schädigende vermeiden. Dieser Ausspruch Lassalle’s ist, wenn man darauf verzichtet ihn auf ganz gemeine Seelen anzuwenden, gewiß ein richtiger; der Besitz der höchsten erreichbaren Macht im Staate erhöht den Willen und die Fähigkeit, für das Wohl des Staates zu wirken.*)

*) Was wir entschieden bestreiten müssen. Das Beispiel des Fürsten Bismarck allein genügt zur Widerlegung des grundfalschen Satzes. A. d. R.

Die letzten Wochen aber waren sehr geeignet, uns an der Wahrheit dieses Lassalle’schen Satzes irre zu machen. – Ist es heut zu Tage nicht klar, daß die Begünstigung Papiergeld zu drucken, den Privaten, denen es gewährt wird, Nutzen, der Allgemeinheit aber schaden bringt? Ist es nicht ganz leicht, wie wir es in Nr. 140 des „Volksstaat“ gezeigt, aus dem Verhältnis der gedeckten zu den ungedeckten Banknoten, den Gewinnantheil zu berechnen, welcher den Privaten und den, welcher dem Staate gehört? Statt dessen begnügt sich der Staat mit dem Geringern, mit der Hälfte des Gewinns, macht also den reichen Bankinhabern ein Geschenk auf Kosten der Gesammtheit.

Alle Fehler, welche wir in Nr. 140 des „Volksstaat“ an dem Gesetzentwurf rügten, sind in dem Zusatzgesetz über die Umwandlung der preuß. Bank in eine Reichsbank conservirt, neu hinzugekommen aber ist das Recht gesetzlich unbegrenzter Ausgabe gegen eine Steuer von 5 pCt. (den unglücklichen Vergleich dieser Steuer haben wir mit dem für Hypotheken gebräuchlichen Zinsfuß haben wir in Nr. 140 dargelegt), neu hinzugekommen ist die Vermehrung der von der fünfprozentigen Steuer befreiten und nur mit 1 pCt. (ein netter Zinsfuß!) bedachten Banknoten um 40 Millionen Mark, neu hinzugekommen ist die Bestimmung, daß die Actiengesellschaft mit der Firma Reichsbank in den nächsten 15 Jahren nicht gekündigt werden kann. Das sind die Verschlechterungen, welche nach unserer Ansicht der Bankgesetzentwurf durch die neuen Vorschläge des Bundesrathes erfahren hat. Wir können aber den Staatsmännern, die jenen Entwurf ausgearbeitet und ihm zugestimmt haben, die gemeine Gesinnung nicht zutrauen, daß sie für einige hunderttausend Mark, die in ihre oder ihrer Verwandten Casse fließen, einen Verrath am Volkswohle begehen; wenn wir daher sehen, daß die höchstgestellten Staatsmänner Deutschlands das nach unserer Ansicht durchaus Verkehrte, durchaus Verwerfliche vorschlagen, so prüfen wir immer wieder Urtheil. Diese Prüfung hat freilich unsere Ueberzeugung nur bestätigt, daß das Bankgesetz das Volkswohl gründlich schädigt. So kommen wir denn zu der Ansicht, daß nicht volkswirthschaftliche auch nicht persönliche Interessen, sondern politische Gründe den Bundesrath bestimmen, das Großkapital und die Handelswelt zu begünstigen. (…)

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Nr. 5.                                                     Freitag, 15. Januar                                              1875

Politische Uebersicht.

Garibaldi, der alte brave Freiheitskämpfer, hat eine Nationaldotation, die ihm die italienische Deputirtenkammer für seine Verdienste um Italien votirt hat, abgelehnt. Er begründet die Ablehnung der Dotation in folgendem Schreiben an seinen Freund Dr. Riboli:

„Capera, 25. Dezember 1874.

Mein lieber Riboli! Ich bitte Sie, folgende Zeilen veröffentlichen zu lassen: Noch bevor ich nachstehenden Brief an meinen ehrenwerthen Freund Mancini richtete, theilte ich demselben meinen Entschluß mit, ein Nationalgeschenk oder vielmehr die Dotation, welche unsere Freunde dem Parlament vorschlagen wollten, nicht anzunehmen. Die Gründe für diesen meinen Entschluß liegen in dem beklagenswerthen Zustand unserer Finanzen. Da meine Freunde indessen von ihrem edelmüthigen Vorhaben nicht abstanden, so schrieb ich am 10. Dezember wie folgt: „Mein lieber Mancini, ich verehre mit achtungsvoller Dankbarkeit die Gefühle der Nation – und würde jedes Nationalgeschenk angenommen haben, wenn die Verleihung desselben nicht durch die Hände einer Regierung gehen müßte, der ich die Schuld für die Leiden des Landes beilege, und deren Mitschuldner ich nicht sein will. – Trotzdem bin ich nicht weniger erkenntlich gegen Sie und unsere Freunde.      Auf ewig der Ihrige  Garibaldi.“

Nr. 7.                                                  Mittwoch, 20. Januar.                                              1875

Wie man reich wird.

„Heutzutage wird Niemand schnell reich, ohne mit dem Aermel das Zuchthaus zu streifen“, rief einst  der Gründer Ofenheim aus, der jetzt in Wien wegen Betrugs vor Gericht steht, den Spieß aber umgedreht hat und als Ankläger gegen seine Ankläger auftritt. „Was ich gethan, entspricht der herrschenden Geschäftspraxis, – bin ein Spitzbube, gut, dann sind Tausende und aber Tausende von Bankiers, Fabrikanten, Kaufleuten, Ministern – kurz, sind die meisten reichen Leute Spitzbuben!“ Das ist im Wesentlichen die „Vertheidigung“ Ofenheim’s, des Retters vom Schwarzen Meere, der das Zuchthaus so wohl verdient hat. In der Bourgeoisiewelt findet man die „Vertheidigung“ des frechen Betrügers „glänzend“, und ist ordentlich stolz auf den „genialen“ Anwalt und Märtyrer des Bourgeoisieevangeliums: der groben Botschaft vom Reichwerden ohne Arbeit.

Wird Ofenheim schuldig befunden werden? Warten wir ab. Jedenfalls wäre es eine große Ungerechtigkeit, denn er ist nicht schuldiger als die Andern. (…)

Nr. 22.                                                Mittwoch, 24. Februar.                                             1875

Fr. Chr. Schlosser’s Weltgeschichte für das deutsche Volk.

Besorgt von Dr. Oscar Jäger und Prof. Dr. Th. Creizenach. Neue Ausgabe 1870 – 1874 18 Bände.

K. Wenn man den Werth einer Weltgeschichte beurtheilen will, so so muß man sich vor allen Dingen klar machen, was die Geschichtskennniß vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende überhaupt für die moderne Generation bedeutet. Soll sie blos zur Unterhaltung oder gar Zerstreuung dienen? Soll sie Moral lernen und den Leser fähig machen, sich schneller und leichter mit der Politik der Gegenwart bekannt zu machen?  Soll sie die Bildung des Einzelnen befördern? Von einer wahrhaft guten Weltgeschichte verlangen wir, daß sie unterhält

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und Moral lehrt, die Bildung befördert und daß Verständniß der modernen Geschichte weckt. Legen wir diesen Maßstab an die vielen Weltgeschichten an, welche in diesem Jahrhundert veröffentlicht worden sind, so müssen wir ohne Zweifel dem Schlosser’schen Werke die Palme reichen, obgleich in neuester Zeit von Seiten moderner Historiker (von Sybel, Treitschke) in Schriften und Reden alles gethan wird, um das deutsche Volk diesem Altmeister der Geschichtsschreibung zu entfremden. Schlosser (geb. 1776, gest. zu Heidelberg 1861) war einer der ersten Historiker, welcher sich von der im vorigen Jahrhundert so sehr beliebten Geschichtsfärbung und subjektiven Geschichtsfälschung frei machte, welcher seinen wissenschaftlichen Schriften eine genaue und exacte Geschichtskenntniß zu Grunde legte und  mit unabhängigem Sinne, klarem Geiste und großem Scharfsinne den Leser in das Labyrinth der Vergangenheit einführte, überall mit der Leuchte der Wahrheit Gutes und Böses scharf beleuchtend. (…)

Wenn man eine Weltgeschichte zur Bildung des Volkes schreiben will, so ist die vornehmste Bedingung, eine möglichst genaue Kenntniß des Thatsächlichen. In früheren Zeiten sah man von dieser Bedingung ab, theils weil die Quellen nicht vorhanden oder schwer zugänglich waren, theils weil man die Geschichtskenntniß nicht für nothwendig, ja für schädlich hielt. Die Scholastiker, denen die Bibel und Kirchengeschichte als oberste Richterinnen in weltlichen und kirchlichen gelten, bemüthen sich nicht, das Dunkel der Geschichte zu erhellen. Wenn es ihnen nothwendig und praktisch erschien, aus der profanen Geschichte Beweise und Belege ihrer kirchlichen Anschauung zu gewinnen, so griffen sie zu den alten Geschichtsschreibern, um deren Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit sie sich nicht kümmerten. Selbstverständlich wurde durch solche Manipulationen die Kenntniß in Unkenntniß verdreht.Erst gegen ende des vorigen Jahrhunderts, seit Lessing, begann man in unbefangener, unparteiischer Weise die Resultate der bisherigen Geschichtsforschung zu prüfen, doch erstreckte sich diese Kritik nur auf gewisse Länder und Völker, und auch nur in einseitiger Beziehung. Lessing und Winkelmann beschäftigten sich hauptsächlich mit den künstlerischen Zuständen der alten Griechen. Die politische Geschichte der Völker blieb ganz unberührt. Erst in diesem Jahrhundert wandte man  auf dem Gebiete der Kirchengeschichte und der politischen Geschichte eine unbefangene Kritik an. Die Kritik der Kirchengeschichte hat zuerst en Anlaß gegeben zu der modernen Beurtheilung der christlichen Kirche und ihrer Entstehung. Die Kirchenhistoriker Bauer, Strauß etc. geriethen bald in Streit mit Anhängern der traditionellen Anschauung. Der Kampf wüthet augenblicklich noch fort, da die sich unfehlbar dünkende Kirche ihre früher allgemein anerkannte geschichtliche Grundlage nicht fallen lassen will. Anders ist es mit der politischen Geschichtsforschung, welche in den letzten Jahrzehnten einen so großen Aufschwung genommen hat. Die Regierungen unterstützten sie sogar, da ihre Resultate harmloser Natur und nicht zu kontrastiren scheinen mit den bis heute üblichen Glaubens = und Moralsätzen. Die politischen Geschichtsforscher gingen auch nicht so aggressiv vor, wie die aufgeklärten Kirchenhistoriker, sondern begnügten und begnügen sich noch heute damit, die Resultate ihrer exacten Forschung aufzuhäufen, ohne das gewonnene Material übersichtlich zu ordnen. Ein solcher Sammelfleiß verdient das größte Lob!

Wer je als Student zu den Füßen eines Ranke, Köpke, Waitz etc. gesessen hat, weiß es, welche Mühe, welche Arbeit, welch große Anstrengung dazu gehörte, um längst veraltete Vorurtheile und Anschauungen zu beseitigen. Jahrelange Studien sind oft nöthig, um nur ein Jahrzehnt z B. des Mittelalters richtig beurtheilen zu können. Man betrachtet jetzt das bis dahin so viel geschmähte Mittelalter mit ganz anderen Augen als früher, obgleich eine unbefangene Würdigung und Kritik desselben auch jetzt noch nicht möglich ist. Andere Zeitalter kennt man

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schon zu Schlossers Zeit genau, besonders die spätere Geschichte der Römer und Griechen, soweit die Neuzeit seit der Reformation waren schon zu allen Zeiten mit vieler Mühe durchforscht. Die Geschichtsforscher, welche die verborgene Wahrheit an’s Licht bringen, haben aber nicht den Beruf, und sehr häufig auch nicht die Fähigkeit, eine Geschichte für’s Volk zu schreiben. (…)

Nr. 23.                                                  Freitag, 26. Februar.                                                1875

Fr. Chr. Schlosser’s Weltgeschichte für das deutsche Volk.

Besorgt von Dr. Oscar Jäger und Prof. Dr. Th. Creizenach Neue Ausgabe. 1870 – 1874 18 Bände. (Schluß)

Neben allen anderen Fähigkeiten zum Geschichtsschreiber besaß Schlosser eine ideale, moralische Gesinnung, welche über aller Parteileidenschaft stand. Er nennt sich zwar selbst einen Demokraten, aber gewiß weniger in politischer, als in menschlich = Sozialer Beziehung, da er von dem Grundsatze ausgeht, daß alle Staatslenker darauf bedacht nehmen müssen, des gesammten Volkes ideales und materielles Wohl herbeizuführen. In diesem Lichte betrachtet er die ganze Geschichte, nimmt Rücksicht auf die Schwierigkeiten und Verhältnisse einer jeden Zeit, unterläßt nicht, für jede böse That Motive und Entschuldigungen aufzuspüren, erkennt zwar Fähigkeiten und guten Willen der Fürsten und Völker an, auch wenn sie ihm nicht sympathisch sind, aber mit evidenter Klarheit geht aus seinen Excursen*) hervor, daß die Geschichte nicht eine fortlaufende Reihe moralischer, sondern vielmehr unmoralischer Handlungen enthält. (…)

Hr. v.  Sybel, der „ausgezeichnete“ Geschichtsschreiber, und Hr. v. Treitschke, kgl.  Preußischer Hoflieferant historischen Dalmigoldes, sind es vorzüglich, welche, wie schon erwähnt, in Schriften und Reden gelegentlich die Schlosser’sche Weltgeschichte zu diskreditiren belieben. Besonders des Letzteren Aussprüche und kgl. preußische Meinungen finden in der sogenannten liberalen Presse viel Verwerthung. Es ist dies zu bedauern, denn der Herr befleißigt sich, die gesunde Moral im Volke zu verflachen. Er sowohl, wie Hr. v. Sybel, haben die Losung gegen Schlosser ausgegeben, daß dessen historische Kritik  lediglich auf „hausbackene Privatmoral“ beruhe, welche viel zu niedrig stehe, viel zu einseitig sei, um mit derselben große historische Ereignisse zu messen und zu beurtheilen! Schon oft sind wahrheitswidrige  Behauptungen  mit kecken Worten ausgesprochen worden, aber so unverschämt wie in jetziger Zeit noch keine.  Früher schüttelte man den Kopf mißbilligend, wenn man auf die unvermeidlichen Schliche der Diplomatie und Cabinetspolitik hinwies und nannte dieselben entschuldigend ein „nothwendiges Uebel“; jetzt entschuldigt man aber nicht mehr, sondern stellt diese Uebel als etwas Erhabenes und Großartiges hin, wenn sie nur das „Staatswohl“ bezwecken. (…)

Die Bände 16 – 18 bilden ein besonderes Werk für sich. Es betitelt sich: „1816 – 1871, Versuch einer Darstellung neuester Geschichte  von Oscar Jäger.“ Wir erkennen die große Bescheidenheit des Verfassers, welche in diesem Titel liegt, willig an und freuen uns, aus seiner Hand eine so übersichtliche und klare Erzählung der neuesten Zeit zu empfangen, müssen aber offen gestehen, daß der Schlosser’sche Geist in dieser Fortsetzung nicht weht. So viel Vortreffliches das Buch hat, es steht immer allzusehr unter dem Einfluß moderner deutscher Selbstüberhebung. Namentlich die Darstellung der Vorgänge seit dem Jahre 1864 ist ganz von dem Geiste beherrscht, der dem noch lebenden Schlosser die bitterste Feindschaft

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entgegenbringen müßte. Es ist eben die alte Leier: Die Kinder schmücken die Gräber. Welche ihre gleichgearteten Väter verfolgt haben. Traurig – aber auch lächerlich.

Nr. 28.                                                   Mittwoch, 10. März                                              1875

Die nationale Frage.

Von einem österreichischen Parteigenossen. (Fortsetzung.)

Wenn solcher Haß oft nacheinander denselben Volksstamm traf, was liegt näher, als daß er sich vererbte, daß der Feind zum Erbfeinde? Warum soll man annehmen, es sei die Verschiedenheit der Charaktere, der natürlichen Anlagen, die Nebenbuhlerschaft in dem Kampfe um’s Dasein, die den Haß zwischen den Nationalitäten hervorriefen, da doch im Leben der Individuen weder Charakterverschiedenheit noch Konkurrenz, die doch bei zwei Mitgliedern derselben Nation viel unmittelbarer sich fühlbar macht als zwischen zwei Völkern, allein tiefen Haß zu erzeugen pflegen. Warum sollte z. B. ein Gelehrter stolz sein auf seinen deutschen Collegen, seinen französischen dagegen Eifersucht entgegenbringen? Diese Aeußerungen des Nationalgefühls wird wohl Niemand der Nebenbuhlerschaft allein zuschreiben wollen.

Warum also nicht dem Haß, der in Folge der unaufhörlichen Beute = und Eroberungskriege sich entwickelte, die Schuld zuschreiben, welche Kriege übrigens nie das Werk des Volkes, immer nur das Einzelner waren, warum sollen die Deutschen die Franzosen ihrer Erbfeinde nennen und nicht vielmehr deren Beherrscher von Ludwig XIV. bis Napoleon III.? Die Ländersucht der Czaren hat den Groll zwischen Polen und Rußland geweckt, die Römerzüge den Deutschen in Italien verfehmt.

Daher erklärt es sich leicht, warum die Elsässer trotz gemeinschaftlicher Abstammung und Sprache sich gegen die Einverleibung in das deutsche Reich so sträuben; 200 Jahre waren es immer die Deutschen gewesen, die ihre Väter, ihre Brüder, ihre Söhne erschlagen, ihren Reichthum vernichtet hatten.

Nur die dynastischen Kriege der letzten Jahrhunderte also haben den Nationalitätenhaß erzeugt, dadurch aber auch die modernen nationalen Ideen. (…)

Heutzutage werden die Arbeiter eines Reichs alle auf gleiche Weise, ohne Unterschied der Nationalität ausgebeutet. (Schluß folgt)

Nr. 33.                                                      Sonntag, 21. März.                                               1875

Aus Amerika.

                                                                                                                     Chicago, 16. Januar.

Einiges über die amerikanischen Arbeiterverhältnisse. Diejenigen, welche das alte Vaterland verlassen, um sich hier eine neue Heimat zu gründen, stellen sich Amerika, besonders die Vereinigten Staaten, als ein Land der Freiheit vor. Im Allgemeinen haben sie Recht. Wir haben hier vollständige Gewerbefreiheit, die Presse ist frei, man kann drucken, was Einem gefällt, wir haben volle Redefreiheit, und können unsere Meinung frei äußern, ohne befürchten zu müssen, daß ein bismarck’scher Spitzel unsere Versammlung schließt, und beim Ohr nimmt und in die Calebuse führt. Amerika hat gewiß Europa gegenüber manche Lichtseiten. Aber trotz alledem fühlen sich Viele, welche den atlantischen Ozean gekreuzt haben, in ihren Erwartungen aufs bitterste getäuscht. Und das mit Recht.

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Was speziell die Arbeiterklasse betrifft, so steht sich hier dieselbe in materieller Hinsicht in Folge des bekannten Gesetzes von Angebot und Nachfrage jetzt thatsächlich nicht besser als drüben. Die im vergangenen Jahre eingetretene Abnahme der Einwanderung um beinahe 50 Prozent, sowie die äußerst starke Rückwanderung sind gewiß deutliche Zeichen, daß Amerika

seine Anziehungskraft zu verlieren beginnt, wenn nicht schon verloren hat. Die günstige Conjunktur ist vorüber, und die Folgen der planlosen Produktionsweise treten zu Tage. (…)

Nr. 44.                                                    Sonntag, 18. April.                                                 1875

Politische Uebersicht.

Fürst Bismarck und die Pariser Commune. In dem schon erwähnten Werke Jules Favre’s befindet sich eine Depesche Bismarcks, welche derselbe im Mai 1871 von Frankfurt aus an Farve – damals französischer Minister des Aeußern – gerichtet  hat. Es heißt darin:

„Der Pariser Aufstand hat, indem er die Lage änderte, die Zukunft, auf welche wir zu zählen dürfen glaubten, auf’s Spiel gesetzt. Seitdem die französische Regierung sich gezwungen sah, Paris den Händen der Insurgenten zu überlassen und sich außerhalb der Bedingungen der Friedenspräliminarien zu stellen, um die Mittel zur Wiederherstellung ihres verkannten Ansehens ausfindig zu machen, liegt uns die Besorgniß nahe, daß ähnliche Vorgänge sich auch dann noch erneuern könnten, falls es der Regierung wirklich gelänge, sich der Hauptstadt wieder zu bemächtigen.“ Nachdem weiter noch auf die Bürgschaft der ausgemachten Friedenspräliminarien aufmerksam geworden, heißt es: Die Interessen unserer beiden Länder gestatten uns nicht, eine Sachlage fortbestehen zu lassen, welche beide in der Ungewißheit erhält, sowohl was die Zukunft ihrer gegenseitigen Beziehungen als die Dauer von Zuständen, die weder Friede noch Krieg sind, betrifft. Wir werden, um ihnen ein Ziel zu setzen in unseren gegenwärtigen Unterredungen danach trachten, uns über die in dem endgültigen Friedensvertrage zu erledigenden Hauptfragen zu einigen. Wenn dies uns nicht gelänge, und wenn die französische Regierung sich weigerte, uns die Bürgschaften zu gewähren, die Ew. Excellenz anzudeuten ich soeben die Ehre hatte, so würde Deutschland sich vor Allem das Recht vorbehalten, seinerseits Schritte gegen die unregelmäßigen, augenblicklich in Paris herrschenden Zustände zu thun und auf der strengen Ausführung der Bedingungen zu bestehen, welche die französische Regierung dazu anhält, ihre Truppen auf die Südseite der Loire zurückzuziehen.“

Das ist klar. Namentlich interessirt uns das Gesändniß, daß Fürst Bismarck die französische Regierung ihre Versailler Armee vertragswidrig über die stipulirte Zahl hinaus hat verstärken lassen. –

Nr. 45.                                                    Mittwoch, 21. April.                                               1875

Herwegh’s Brief an den König von Preußen.

Im Jahre 1842, als Herwegh auf der Höhe seines Ruhmes war, erwachte in dem damaligen König Friedrich Wilhelm IV. die Marotte, den berühmten Freiheitsdichter einmal zu sehen und zu sprechen. Dieser war auch so unvorsichtig, sich dazu herzugeben, und eine „Begegnung“ hatte statt. Bei welcher der König das famose Wort aussprach: Ich liebe eine gesinnungstüchtige Opposition. Herwegh, der nachträglich sein Verhalten nicht ganz richtig fand, suchte es wieder gut zu machen durch folgenden Brief, den er dem königlichen Liebhaber einer gesinnungstüchtigen Opposition zusandte:

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Daß dieser mein Name auch bei Ew. Maj. einen so schlechten Klang habe, kann und darf ich nicht glauben nach Dem, was Sie vor wenigen Tagen an mich geäußert. Ohne Zweifel haben Ew. Maj. Von diesem Verfahren gar keine Kunde, und der Zweck dieses Briefes ist auch nur, diese einfache Thatsache zu Ihrer Kenntniß zu bringen, damit Ew. Maj. weiter beschließen mögen, was Rechtens ist. (…)

Nr. 48.                                                  Mittwoch, 28. April.                                                 1875

Nationalökonomie. II.

Der Luxus.

Es ist eine weitverbreitete, von den meisten Menschen im guten Glauben als unumstößlich richtig angenommene Meinung, daß der Luxus der reichen Leute eine Nahrungsquelle, ein Segen für die arbeitende Bevölkerung sei. Man glaubt, wenn die Reichen ihre Frauen und Töchter nicht mehr in Sammt und Seide und Spitzen kleideten, wenn sie ihre Wohnungen nicht mit köstlichen Teppichen, glanzvollen Tapeten, mit geschnitzten Möbeln und mit tausenden von theuren Luxusartikeln ausstatteten, würden alle die Arbeiter, keine Arbeit, also auch keinen Verdienst, somit auch nicht die Möglichkeit der Existenz haben.

Man behauptet und glaubt also, der Luxus der Reichen ernähre die Armen.

Unter den heutigen vernunftwidrigen Gesellschaftsverhältnissen ist diese Ansicht leider nur zu begründet. Betrachtet man aber den Luxus der reichen Leute aus einem anderen, aus wahrhaft volkswirthschaftlichen Gesichtspunkte, dann gewinnt man eine ganz andere, geradezu entgegengesetzte Ansicht von der Sache.

Man muß sich also wieder klar machen, daß alle Menschen durch den Verbrauch, durch den Konsum von Waaren leben, daß also die sogenannten produktiven Arbeiter, welche Waaren erzeugen, zusammen so viel von allen Waaren herstellen müssen, daß alle Menschen aus dieser Menge der erzeugten Waaren ihren Lebensunterhalt finden können. (…)

Die Fortschritte der Technik, die Einführung des Dampfes und der Maschinen haben eine gewaltige, früher für unmöglich gehaltene Arbeitsersparung bei der Produktion der großen Consumartikel herbeigeführt; die hierdurch frei gewordene Arbeit, richtiger gesagt, die für die Herstellung jener Consumartikel nicht mehr nöthigen Arbeiter dienen unter den jetzigen Gesellschaftsverhältnissen dem unnützen Luxus weniger Menschen und werden auf’s Pflaster geworfen, sobald die vernunftwidrige Vergeudung plötzlich aufhört; bei einer vernünftigeren Gesellschaftsorganisation, wie sie der Sozialismus anstrebt, werden dagegen alle Fortschritte in den Produktionsverfahren nur benützt werden, um Allen ein besseres, auskömmlicheres Leben zu

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verschaffen und Allen Gelegenheit bieten, den Geist und Sinn für Wissenschaft und Kunst zu bilden.

Dann wird auch der Luxus Allen gleich zugänglich sein und Alle befriedigend, segensreich wirken und ein Mittel werden zur Erreichung des Zieles, welches Aristoteles als den Zweck des Staates bezeichnete, und welches wir als den Zweck des Sozialismus betrachten:

„Die Erlangung eines würdigen uns glückseligen Lebens für Alle!“ –

Nr. 50.                                                   Sonntag, 2. Mai.                                                      1875

Politische Uebersicht.

Die Selbstmorde in der Armee. Die von uns mitgetheilte Notiz der „Vossischen Zeitung“ hat den Reptilien Kopfschmerzen verursacht, und ein Reptilienblatt, das keinen Ruf mehr zu verlieren hat, die „Neue Frankfurter Presse“, sucht die häßliche Thatsache der zunehmenden Selbstmordepidemie in der deutschen Armee aus der Welt zu lügen. Zu diesem Behufe giebt es, wie die „Vossische Zeitung“ nachweist, unrichtige Zahlen an, aber selbst aus diesen unrichtigen Zahlen erhellt, daß die Zahl der Selbstmorde gestiegen ist. (…)

Nr. 54.                                                     Mittwoch, 12. Mai.                                                1875

Ueber den Programmentwurf.

Zwei Stimmen aus der Partei.  I.

Zum neuen Parteiprogramm.  „Kein Ort der Freiheit. Sei dem andern Fremd.“

Wenn wir hiermit den von allen Gesinnungsgenossen mit Freuden begrüßten Entwurf eines neuen Allen gemeinschaftlichen Parteiprogramms zum Gegenstande einer Besprechung machen, so geschieht es nicht, um eine ausführliche Erörterung der einzelnen Paragraphen desselben einzugehen. Das bleibe berufeneren Kräften vorbehalten. Vielmehr ist es ein einzelner Punkt jenes Entwurfes, dem unsere Betrachtung gelten soll und auf den wir die Erwägungen aller Gesinnungsgenossen hinlenken möchten, weil er und von den einschneidender prinzipieller Wichtigkeit zu sein scheint – eine Ansicht, in welcher wir durch die vielfache Hervorhebung, die er bei Freund und Feind bereits erfahren, bestärkt werden.

Es ist der vorgeschlagene Name der neuen Partei: „Deutsche Arbeiterpartei“.

Der Name einer politischen Partei soll, so viel wir wissen, Zweck und Ziele der betreffenden Partei für Jedermann erkennbar weitergeben, die Quintessenz, möchten wir sagen, des ganzen Programms enthalten.

Erfüllt nun der in dem Entwurfe vorgeschlagene Name jene Bedingung? Findet, müssen wir hier fragen, das gewichtige Betonen, ja geradezu Andiespitzestellen der Nationalität, wie es in der Benennung „Deutsche Arbeiterpartei“ liegt, irgend eine Begründung in dem Programm und den Bestrebungen des Arbeiterthums?

Einer der schönsten Ehrentitel der gegenwärtigen proletarischen Bewegung ist es, daß sie zuerst es war, die mit dem bornirten Nationalismus offen gebrochen hat, mit jenem Völkerwahn, in dessen Namen jetzt, wie einst in dem des „Glaubens“, die Feinde der Menschheit ihre blutigen Orgien feiern. Sie hat diesen Bruch zur That werden lassen in jener grandiosen Idee, die vor nun mehr als einem Jahrzehnt zu London in die erstaunte und erschreckte Welt getreten ist, und

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die vielleicht nur an dem einen Fehler leiden mag, daß sie um so und so viel Dezennien zu früh (?) kam. (…)

Nr. 55.                                                Freitag. 14. Mai.                                                      1875

Was wird auf dem Vereingungskongreß geschehen?

So fragen heute sich Tausende deutscher Arbeiter.

Die Erwartung ist auf das Höchste gespannt, ob auf dem Kongreß das bis heute so segensreich gediehene Werk der Einigung denselben ungestörten Fortgang nehmen wird, wie bisher, oder ob die Delegirten, in zwei getrennten Lagern, sich gegenüberstehen und gewissermaßen diplomatische Unterhandlungen miteinander pflegen werden. Offene Verbrüderung oder kluge Kompromißschließung – wird diese oder jene stattfinden?

Es ist nicht zu verwundern, ja sogar mit Freude zu begrüßen, daß die alte Garde der Parteigenossen, welche in zehnjährigen Stürmen aller Art sich erprobt hat, derartige Fragen stellt; denn es ist eben das Kennzeichen der bewußten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung,  im Gegensatz zu allen anderen unklaren Parteiströmungen, daß die Masse der Parteigenossen nicht einer Führerparole blindlings folgen, sondern selbst denken, selbst handeln muß. Schöne Demokraten und Sozialisten wären wir, wenn wir Staat und Gesellschaft auf Grund der Volksherrschaft organisiren wollten und nicht einmal uns selbst demokratisch regieren könnten! – Frei und offen gesprochen, was wir befürchten und was wir hoffen! – kein Blatt vor den Mund genommen! – und sicherlich werden Klarheit, Einmüthigkeit und Förderung unserer großen Sache die Folge davon sein. (…)

Nr. 59.                                                 Freitag, 28. Mai.                                                      1875

Gotha, den 25. Mai.

1. Congreß. Die Einigung der deutschen Arbeiter ist vollzogen. Nach eingehender Debatte wurde soeben, 6 Uhr Nachmittags, das Programm der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (für den Namen entschied sich die Majorität gegenüber dem von der Commission vorgeschlagenen: Arbeiterpartei Deutschlands) in folgender Fassung einstimmig angenommen:

Programm der sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands.

Die Arbeit ist die Quelle allen Reichthums und aller Cultur, und da allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist, so gehört der Gesellschaft, d. h. allen ihren Gliedern das gesammte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem Recht Jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen.

In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in allen Formen.

Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Vertheilung des Arbeitsertrages.

Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reactionäre Masse sind.

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II.  Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit.

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche derselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung aller Menschen zur Wahrheit zu machen.

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Controlle des arbeitenden Volks. Die Produktivgenossenschaften sind für die Industrie und Ackerbau in solchem Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische Organisation der Gesammtarbeit entsteht.

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands als Grundlagen des Staats:

  1. Allgemeines gleiches direktes Wahl = und Stimmrecht, mit geheimer und obligatorischer Stimmabgabe aller Staatsangehörigen vom 20. Lebensjahr an für alle Wahlen und Abstimmungen in Staat und Gemeinde. Der Wahl oder Abstimmungstag muß ein Sonntag oder Feiertag sein.
  2. Direkte Gesetzgebung durch das Volk. Entscheidung über Krieg und Frieden durch das Volk.
  3. Allgemeine Wehrhaftigkeit, Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.
  4. Abschaffung aller Ausnahmegesetze, namentlich der Preß = Vereins = und Versammlungsgesetze, überhaupt aller Gesetze, welche die freie Meinungsäußerung, das freie Denken und Forschen beschränken.
  5. Rechtsprechung durch das Volk. Unentgeldliche Rechtspflege.
  6. Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat. Allgemeine Schulpflicht. Unentgeldlicher Unterricht in allen Bildungsanstalten. Erklärung der Religion als Privatsache.

Die sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands innerhalb der heutigen Gesellschaft:

 

1) Möglichste Ausdehnung der politischen Rechte und Freiheiten im Sinne der obigen Forderungen.

2) Eine einzige progressive Einkommenssteuer für Staat und Gemeinde, anstatt aller bestehenden, insbesondere der das Volk belastenden indirekten Steuern.

3) Unbeschränktes Coalitionsrecht.

4) Ein den Gesellschaftsbedürfnissen entsprechenden Normalarbeitstag. Verbot der Sonntagsarbeit.

5) Verbot der Kinderarbeit, und aller die Gesundheit und Sittlichkeit schädigenden Frauenarbeit.

6) Schutzgesetze für Leben und Gesundheit der Arbeiter. Sanitätliche Controlle der Arbeiterwohnungen. Ueberwachung der Bergwerke, der Fabrik = Werkstatt = und Hausindustrie durch von den Arbeitern gewählte Beamte. Ein wirksames Haftpflicht gesetz.

7) Regelung der Gefängnißarbeit.

8) Volle Selbstverwaltung für alle Arbeiterhilfs=und Unterstützungskassen.

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Die Berathung über den Organisationsentwurf hat begonnen. Ernsthafte Differenzpunkte liegen nicht vor, so daß der Congreß wahrscheinlich schon im Laufe des morgigen Tags seine Aufgabe vollendet haben wird.

Nr. 70.                                                       Mittwoch, 23 Juni                                                     1875

Nationalökonomie. VIII.

Das Kapital.

Wer dem sachlich geführten Streit des Sozialismus mit dem Liberalismus aufmerksam gefolgt ist, wird bemerkt haben, daß die Ansichten dieser Parteien über den Werth und die Wirksamkeit des Kapitals sich geradezu diametral gegenüberstehen.

Die Sozialisten behaupten, das Kapital sauge den Arbeiter aus, nehme ihm den größten Theil seines Arbeitsertrages ohne irgend eine Gegenleistung weg und trage deshalb die Schuld an der Zunahme des Elends und der Massenarmuth; das Kapital müsse daher bekämpft werden. „Kampf gegen das Kapital“ – ist die Parole geworden, an welcher sich die sozialistischen Arbeiter erkennen.

Der Liberalismus erklärt dagegen, das Kapital sei die segensspendende Göttin, ohne welche die Menschheit sich nicht aus dem Zustande der Rohheit emporzuarbeiten vermocht habe; das Kapital erhalte und ernähre die Arbeiter; mit der Zunahme des Kapitals erhebe sich die Menschheit immer mehr zu allgemeinen Wohlstand, zu größerer Bildung und Gesittung; Förderung der Kapitalansammlung sei also durch das gemeinsame Interesse Aller geboten, und der Feind der Menschheit, als Zerstörer der fortschreitenden Cultur müsse Jeder betrachtet und behandelt werden, der den Kampf gegen das Kapital predige.

Abgesehen von Denen, welche aus klar erkanntem Eigeninteresse den Sozialismus bekämpfen, haben wir auch eine große Zahl von Gegnern, welche die vorstehend angedeuteten Ansichten nur deshalb theilen, weil sie unter Kapital etwas anderes verstehen, als die Sozialisten.

Die Volkswirthschaft hat es nämlich versäumt, feste Definitionen der Begriffe aufzustellen, welche in jeder volkswirthschaftlichen Abhandlung gebraucht werden; jede Debatte muß aber in ein leeres Wortgefecht ausarten, sobald Meinungsverschiedenheiten über die Grundbegriffe bestehen. Wenn man aber über eine Frage vernünftig debattiren will, müssen sich beide Theile erst über die Grundbegriffe verständigen, damit der Eine nicht dies, der Andere jenes mit demselben Worte meint; Begriffe sind wissenschaftliche Rechenpfennige, deren Werth fest tarisirt sein muß.

Der Liberalismus hat nun eine andere Vorstellung von dem Begriff: Kapital, als der Sozialismus.

Sehen wir uns also zuerst die Erklärung an, welche der Liberalismus dem Begriff „Kapital“ giebt; wir werden das nicht besser thun können, als durch die Wiedergabe der betreffenden Stellen aus den: „Volkswirthschaftlichen Harmonien“ von Bastiat, da ja Bastiat noch heute als der  des wirthschaftlichen Liberalismus gilt; seine Schriften noch heute von den Anhängern des Harmonie = Aberglaubens als Evangelium betrachtet werden. (…)

Kürzer und präziser noch definirt Bastiat den Begriff des Kapitals in seiner Schrift: Kapital und Verzinsung. Er sagt da: „Einige Leute bilden sich ein, daß Kapital blos Geld sei; und eben deshalb

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sprechen sie ihm die Erzeugungsfähigkeit ab; denn allerdings sind Thalerstücke nicht mit der Kraft begabt, sich durch Begattung zu vermehren. Aber es ist nicht wahr, daß Kapital

gleichbedeutend sei mit Geld. Vor der Entdeckung der Edelmetalle gab es schon Kapitalisten in der Welt, und ich wage zu behaupten, daß damals, so wie jetzt, Jedermann mehr oder weniger Kapitalist war.

„Was ist denn Kapital? Es besteht aus dreierlei Dingen. Erstens aus Stoffen zur Verarbeitung, insofern dieselben, wegen irgend einer darauf verwendeten Mühe, nicht ohne Vergütung überlassen werden also einen Werth haben, z. B. Wolle, Flachs, Leder, Seide, Holz u. dgl.

„Zweitens aus Werkzeugen, deren sich Menschen zur Verrichtung der Arbeit bedienen; Handgeräth, Maschinen, Schiffe, Fuhrwerk u. dgl.

Drittens aus Vorräthen, welche man während der Dauer jeder Arbeitsverrichtung verbraucht; Lebensmittel, Kleidungstücke, Häuser u, dgl.

„Ohne diese Dinge wäre Menschenarbeit unergiebig, würde fast gar nichts schaffen; und doch haben diese Dinge selber eine lange Arbeit erfordert. Darum legt man einen so hohen Werth auf den Besitz derselben, und aus ebendemselben Grunde ist es völlig rechtmäßig, sie auszutauschen und zu verkaufen, einen Gewinn aus ihnen zu ziehen, wenn man sie selber verwendet, oder eine Vergütung dafür zu fordern, wenn man sie einem Andern leiht.“.

De Liberalismus sieht also in allen Vorräthen, Rohstoffen und Werkzeugen Kapital, in diesem Sinne kann man freilich behaupten, daß Jedermann von jeher Kapitalist gewesen ist, denn soweit unsere Kenntniß des früheren Zustandes der Menschen reicht, bis in das Alter der Steinzeit und der Pfahlbauten, haben die Menschen immer Werkzeuge, wenn auch der rohesten Art besessen, haben in allen Zonen der Erde sich Vorräthe sammeln, Kleider und Wohnungen anfertigen müssen. (…)

Nr. 71.                                                  Freitag, 25. Juni.                                                      1875

Nationalökonomie.  VIII.

Das Kapital. (Schluß dieses Artikels)

„Vorausgethane, angesammelte, angehäufte Arbeit“ – so definiren daher auch die älteren Oekonomen den Begriff des Kapitals.

Aus dem Zusammenhange, in welchem die bürgerlichen Oekonomen ihre Definition des Kapitals bringen, erkennt man aber deutlich, daß sie selbst aber mit ihrer Erklärung noch nicht recht zufrieden sind, daß sie die Einkommen  erzeugende Eigenschaft des Kapitals doch nicht ganz zu übersehen vermögen. Deshalb knüpft Bastiat, wie wir gezeigt haben, an die Erklärung des Kapitalbegriffs gleich die Auseinandersetzung von der Berechtigung des Zinses, des aus dem Kapitalbesitz entstehenden Gewinnes; es wird also anerkannt, ohne es offen einzugestehen, daß Zins, Rente, Gewinn mit dem Begriff Kapital in Verbindung stehen. Es fällt ja auch nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch Niemanden ein, den Erdarbeiter, der eine Schippe besitzt und mit derselben tagelöhnert, einen Kapitalisten zu nennen: zu behaupten der Holzfäller, der mit des Axt und einem Kober voll Lebensmittel in den Wald geht, um dort die Woche über Bäume zu fällen, habe sein „Kapital“ mit in den Wald genommen; schon der einfache Sprachgebrauch deutet darauf hin, daß nur die Güter als Kapital angesehen werden, deren Besitz ohne Arbeit Einkommen verschafft.

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Kapitalgüter, also Verräthe, Rohstoffe, Werkzeuge, schaffen dem Besitzer aber nur dann Einkommen, wenn sie in neuer Produktion verwendet werden; daher fügen denn die liberalen Oekonomen ihrer Definition des Kapitalbegriffs zumeist die Klausel hinzu, daß nur der Theil jener Kapitalgüter als Kapital zu betrachten sei, der nicht sofort verbraucht, sondern für zukünftige Zwecke angesammelt und aufgehoben werde.

Alles Einkommen besteht aus Werthgegenständen; alle Gegenstände haben aber nur so viel Werth, als in ihnen allgemein menschliche, gesellschaftlich nothwendige Arbeit, gemessen nach Zeit, enthalten ist; das Kapital selbst schafft keinen Werth. Alle Kapitalgüter werden daher nur in dem Falle Kapital, wenn die Möglichkeit geboten ist, fremden Arbeitsertrag einzukassiren; und diese Möglichkeit liegt in dem gesellschaftlichen Besitz = und Eigenthums = Verhältnissen.

In diesem Sinne hat es freilich schon seit Jahrtausenden Kapitalien und Kapitalisten gegeben, denn die Existenz des Privat = Eigenthums gestattete immer die Aneignung fremden Arbeits = Ertrages. Zuerst erscheint das Kapital freilich nur in der Gestalt des Handel = und Wucher = Kapitals; als Handelskapital sucht es durch billigen Einkauf und theuren Verkauf aus Geld mehr Geld zu machen; als Wucherkapital benutzt es die Noth oder Verlegenheit eines Menschen, um Zinstragendes Darlehen zu geben, also Geld für mehr Geld zu erhalten. Wer aber mehr Werth zurücknimmt, als er gegeben hat, nimmt fremden Arbeitsertrag, da Werth nur in der Arbeit besteht.

Die Unsittlichkeit und Rechtswidrigkeit solchen Verfahrens ist ganz allgemein anerkannt und verurtheilt worden, bis es dem Liberalismus in neuester Zeit gelungen ist, durch Abschaffung der Wuchergesetze seine ureigene Lebensbedingung, die wucherische Aneignung fremden Arbeitsertrages, zu  legitimiren, ohne doch im Bewußtsein des Volkes das Gefühl von der Verwerflichkeit des Wuchers ertödten zu können.

Bekannt sind die verdammenden Urtheile der Bibel und der Kirchenväter über das Zinsnehmen und den Wucher; wir wollen den Lesern noch die Aussprüche von zwei Männern vorführen, welche beide von unseren Gegnern als unparteiische Beurtheiler anerkannt werden dürften; wir meinen Aristoteles und Luther.

Ersterer spricht von Gelderwerben und sagt:

„Der Handel schafft Geld und zwar nie anders, als durch Geldumsatz. Ihm kommt es lediglich auf baares Geld an, baares Geld ist Anfang und Ende des Umsatzes, und dieser, aus einem solchen Geldmachen entsprungene Reichthum hat seine Grenze. Dies Gelderwerbswesen kommt nie an das Ende seines Zieles, denn das Ziel ist wieder diese Art Reichthum und das Geldmachen.

„Jene Thätigkeit (des Handels) erfährt eine gerechte Mißbilligung, weil sie unnatürlich und auf gegenseitige Uebervortheilung gegründet ist. Und aus diesem Grunde ist mit vollem Recht das Wucherhandwerk verhaßt, weil hier aus dem Gelde selbst der Erwerb gezogen, und dasselbe seiner Bestimmung, als Tauschmittel, entzogen wird- Denn es war zur Erleichterung des Waarenaustausches erfunden, der Zins aber vermehrt es, woher er auch diese seine Benennung erhalten hat (die Griechen haben für den Zins noch heute das Wort tokos d. h. das Gebären oder das Geborene), denn die Kinder schlagen den Eltern nach, sind selbst das, was jene sind; der Zins ist Geld vom Gelde, und daher auch dieser Erwerbszweig im höchsten Maße unnatürlich.“

Und Luther schreibt: „An die Pfarherrn, wider den Wucher zu predigen:

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Wer aber mehr und besseres nimmt (als er giebt), das ist Wucher und heißt nicht Dienst, sondern Schaden gethan seinem Nehesten (eben so sehr) als mit stehlen und rauben geschieht.“

Wir sehen also, daß die Benutzung der Kapitalgüter, um sich im Austausch Mehrwerth anzueignen, schon immer stattgefunden hat, aber auch als schädlicher Wucher gleich dem Rauben und Stehlen geachtet wurde.

Das Handels = und Wucherkapital hat also auch schon in früheren Zeiten existirt, gleichsam in der Kindheit des eigentlichen Kapitals. Reif und mannbar ist das Kapital aber erst in dem Augenblicke geworden, indem die Arbeiter ihre Arbeitskraft auf dem Markte anbieten müssen und somit denen, welche jene Kapitalgüter: Rohstoffe, Werkzeuge, Vorrähte oder deren Werthäquivalent, Geld, besitzen, die Möglichkeit gewähren, als Händler in Arbeitsnutzung und Kapitalnutzung aufzutreten. In jenem Augenblicke gewinnen die Besitzer jener Güter die Fähigkeit, aus Geld mehr Geld, immer mehr Geld zu machen, d. h. fort und fort immer von Neuem und immer mehr fremden Arbeitsertrag anzueignen.

Der aufmerksame Leser wird aus diesen Andeutungen schon den Unterschied ersehen, der zwischen dem sozialistischen und liberalistischen Kapitalbegriff besteht. Dieser sieht in jedem Besitzstück schon Kapital und gesteht ebenfalls zu, daß nur der Theil der Güter, welcher zur Produktion verwendet wird, Kapital sei; er behauptet, Kapital habe immer bestanden und es sei nur eine Böswilligkeit der Sozialisten, von einer jetzt bestehenden Produktionsweise zu sprechen.

Nach dem sozialistischen Kapitalbegriff, wie ihn Carl Marx zuerst definirt hat, sind nur die Güter Kapital, modernes Kapital, welche zum Ankauf der Waare Arbeitskraft verwendet werden und es daher dem Besitzer ermöglichen, im Lohn den vollen Tauschwerth der Waare Arbeitskraft zu zahlen und durch Benutzung des Gebrauchswerthes dieser Waare wirklichen, reellen Mehrwerth zu schaffen und als Eigenthum zu behalten.

(Fortsetzung im nächsten Artikel)

Erkenntnisvermögens nicht gewollt haben könne, daß wir und um ihn kümmern sollten. Denn bei seiner vorausgesetzten Allmacht hätte er sich uns offenbaren können; bei seiner vorausgesetzten Weisheit und Vaterliebe hätte er unserer Sehnsucht nach ihm eine Offenbarung gewähren müssen. Solch eine allen Menschen

Nr. 77.                                                  Freitag, 9. Juli                                                       1875

Antwort an die Bekenner des Theismus.  Von A. Donai.

Die Bekenner des Theismus im Sprechsaal der „Concordia“, welcher meine Herausforderung angenommen hat, bringt seine erste Entgegnung in den Nummern 13 – 19 dieses Jahrgangs. (…)

Machen wir und zuförderst klar, was mein Satz bedeutet. Ich hatte 1. keineswegs behauptet, es gebe keinen Gott. Im Gegentheil hatte ich mich am Schluß meiner letzten Einsendung (Nr. 149 des „Volksstaat“ v. vor. I.) ausdrücklich erklärt, daß an dem Vorhandensein eines Absoluten oder Unbedingten, oder Unendlichen, welches allem Endlichen Zugrundeliegenden vernünftigerweise, ein Zweifel nicht obwalten könne. Ich hatte dagegen 2. erklärt, daß das, was gewöhnlich Gott genannt werde, also ein mehr oder weniger menschenähnlich gedachtes Wesen, welches Schöpfer des Alls, Weltenlenker, ein liebender Vater aller Wesen sei, welches unsere Gebete erhöre, sich uns offenbare, seinen Willen uns zum Gesetz mache, und in dessen Namen man uns schwere Bürden auferlege, allerdings im Widerspruch mit allen unseren festgestellten Erkenntnissen sei. Ich hatte 3. Auseinandergesetzt, daß Alles, was man aus dem Vorhandensein eines Absoluten folgern wolle, uns in unauflösliche Widersprüche verwickele, weil unser Erkenntnisvermögen so eingerichtet sei, daß wir nichts Uebersinnliches erkennen können. 4. Daraus hatte ich gefolgert, daß der angebliche Einrichter unseres

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Erkenntnisvermögens nich gewollt haben könne, daß wir uns um ihn kümmern sollten. Denn bei seiner vorausgesetzten Allmacht hätte er sich uns offenbaren können; bei seiner vorausgesetzten Weisheit und Vaterliebe hätte er unserer Sehnsucht nach ihm eine Offenbarung gewähren müssn. Solch eine allen Menschen zugängliche Offenbarung gebe es aber schlechterdings nicht. (…)

Ich kann nicht umhin, die ganze Stelle aus Kant’s „Kritik er reinen Vernunft“, welche mein Gegner anführt ebenfalls hierher zu setzen und meine Widerlegung an dieselbe zu knüpfen, nicht nur weil sie den Hauptgedankengang des Gegners enthält, sondern weil dieser durchblicken läßt, ich hätte nicht ehrlich gehandelt, wenn ich meinen Lesern den Glauben beibringe, Kant sei ein Atheist gewesen. Da ich von Kant nur nebenbei sprach, und da größte Kürze bei meiner Auseinandersetzung geboten war, so hatte ich  allerdings nicht für nöthig gehalten, meine Leser wissen zu lassen, daß dieser kritische Vernichter aller Beweise für Gottes Dasein den Gottesbegriff zur Hinterthür wieder hereingelassen hat, wie es vor hundert Jahren ganz natürlich war. Ich bitte die Leser, ja recht aufmerksam und wiederholt zu lesen, was Kant sagt:

„Wenn die menschliche Natur zum höchsten Gute zu streben bestimmt ist, so muß auch das Maß ihrer Erkenntnißvermögen, vornehmlich ihr Verhältniß unter einander, als zu diesem Zwecke als schicklich angenommen werden, Nun beweiset aber die Kritik der reinen spekulativen Vernunft die größte Unzulänglichkeit derselben, um die wichtigsten Aufgaben, die ihr vorgelegt werden, dem Zwecke angemessen aufzulösen, ob sie zwar die natürlichen und nicht zu übersehenden Winke eben derselben Vernunft, ingleichen die großen Schritte, die sie thun kann, nicht verkennt, um sich diesem großen Ziele, das ihr ausgesteckt ist, zu nähern, aber doch ohne es jemals für sich selbst sogar mir Beihülfe der größten Naturkenntniß zu erreichen. Also scheint die Natur hier und nur stiefmütterlich mit einem zu unserem Zweck benöthigtem Vermögen versorgt zu haben. (…) Also möchte ich es auch hier wohl damit seine Richtigkeit haben, was uns das Studium der Natur und des Menschen sonst hinreichend lehrt, daß die unerforschliche Weisheit, durch die wir existiren, nicht minder verehrungswürdig ist in dem, was sie uns versagte, als in dem, was sie uns zu Theil werden ließ.“

Soweit Kant. Man sieht, daß dieser durch seine sittliche Begeisterung und kritische Schärfe bedeutendste und wirkungsreichste aller Philosophen nicht auf Seiten meines Gegners steht, sondern auf der meinigen. Denn der verblaßte Schatten eines Gottes, den er noch aufrecht erhält, hat mit dem gewöhnlichen Gottesbegriffe so wenig gemein, daß wir ihn ohne Heuchelei ebenfalls bekennen könnten. Dieser Gott der Philosophen ist ebensogut als der meinige der Todfeind aller Offenbarung. Er mag, er darf sich und seinen Willen den Menschen nicht offenbaren, um ihre sittliche Freiheit nicht zu zerstören, um sie nicht zu „Marionetten“ ihre Handlungsweise nicht zu einem „Mechanismus“  zu machen und alles moralischen Wertes(der bei Kant mit „Werth der Welt“ gleichbedeutet) zu berauben. Wenn der Kant’sche Gott nicht einmal eine natürliche Offenbarung gestatten kann, die durch menschliche Vernunft entstünde, ohne unsere Freiheit, also unseren ganzen moralischen Werth zu zerstören: wieviel weniger kann er eine übernatürliche durch einen Gottessohn und sein geschriebenes Evangelium gestatten, welche durch Priester ausgelegt, und deren Wohlthat durch Glauben von vornherein erkauft werden muß! Wie kann ein gläubiger Christ, welcher doch mein Gegner sein will, diese Kant’sche Stelle für sich ins Feld führen wollen! Aus Stellen wie diese ergiebt sich, daß Kant, wenn er später in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“, (um die Anklage des Atheismus von sich abzuwehren, die seinem folgerechtesten Schüler Fichte so nachtheilig wurde) den Gottesbegriff für nothwendig erklärt, um einen Stifter einer

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sittlichen Weltordnung und eine Stütze für unsere Sittlichkeit zu haben, – daß Kant nicht über den Gesichtskreis seiner Zeitgenossen hinaus konnte.

Denn Kant irrt in Obigem, wenn er im Interesse der menschlichen Willensfreiheit es weise eingerichtet findet, daß Gott uns seines Dasein und Willens nicht gewiß gemacht habe. Denn daraus würde mit unerbittlicher Nothwendigkeit folgen, daß er auch das Entstehen jeder angeblich geoffenbarten Religion hätte verhüten müssen. Diese legt ja der Freiheit einen vernichtenden Zwang auf. Der Offenbarungsgläubige glaubt viel eher dem, was ihm die Priester lehren, als dem Zeugniß seiner Sinne und Erfahrung; er glaubt gar Manches, „eben weil es unsinnig, ja unmöglich“ ist. Und aus diesem Zwange kommt er niemals heraus; denn solange er dem geoffenbarten Willen Gottes entgegen handelt, lähmt der Alpdruck der Furcht vor der für unausbleiblich gehaltenen ewigen Strafe das Entstehen der Liebe zum Guten aus eigener Werthschätzung. Sobald er aber einmal „die Vernunft ganz gefangen genommen hat unter dem Gehorsam Christi“, und im vermeintlichen Besitze „der Freiheit der Kinder Gottes ist“, handelt nicht mehr er selbst, sondern Gott durch seinen heiligen Geist in ihm. Deshalb kommt ja auch der wahrhaft Gläubige nie zu dem Bewußtsein eigenen Verdienstes, wenn er gut handelt, und eigener Schuld, wenn er böse handelt. In jedem Falle hat Gott, in diesem der Teufel durch ihn gehandelt, der ohnehin durch die Erbsünde von der Geburt auf von ihm Besitz genommen hat. In jedem Falle ist das Freisein von Sünde Werk der göttlichen Gnade, welche auch sein Erkenntnißvermögen soweit verbessert, daß er sich nun für wirklich frei hält; in diesem Falle ist sein Gebundensein an die Sünde Werk des vorausbestimmten Fluches von Adam her. Sein Hinundherschwanken zwischen Gott und Teufel hat blos den Zweck, in ihm die Todesangst vor ewiger Verdammniß und die Sehnsucht nach ewiger Seligkeit zu erwecken.

Kant hätte von Gott und seinem Willen überhaupt gar nicht reden, geschweige denn dessen Weisheit vertheidigen dürfen. Zur Strafe dafür, daß er’s dennoch that, verwickelt er sich in unauflöslichen Widerspruch, die Möglichkeit einer Offenbarung anerkennen zu müssen, welche das Wesen der Freiheit aufhebt, obschon sie ihm so viel werth ist. Er vergißt, daß es für unser endliches Erkenntnißvermögen eine unverzeihliche (wenn auch noch so wohlgemeinte) Anmaßung ist, Gottes, des schlechthin Unerkennbaren, Willen und Weisheit rechtfertigen zu wollen, gleich als hätte er in seinem Rathe gesessen, eine Anmaßung, welche sich noch immer durch Verfallen in unlösliche Widersprüche gerächt hat. (…)

Nr. 110.                                                    Freitag, 24. September.                                             1875

Die soziale Frage

Vom Standpunkte eines Kopfarbeiters betrachtet.  II.

Die Fehler und die Rekonstruktion (Umgestaltung) der modernen Gesellschaft.

„Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ sagte der konservative Rabbi ben Akiba und viele Menschen beten es ihm nach, ohne zu wissen, was sie sagen. Wohl mancher wird, wenn ihm der Titel dieser Abhandlung zu Gesichte kommt, in helllautes Lachen ausbrechen. „Der Sozialismus respektive Kommunismus ist ein Unding!“ mag er rufen, „schon seit jeher hat es Kommunisten gegeben, ohne daß sie das Geringste vom praktischen Werthe geleistet hätten. Die Glücklichen wurden immer von ihren minder gesegneten Mitmenschen mit scheelen Augen angesehen – es ist die alte Geschichte, die ewig neu bleibt.“

Es hat allerdings eine Art von Sozialisten schon vor undenklichen Zeiten gegeben; ich erinnere nur an Agis III. und Kleomenes III. von Sparta, die beiden Gracchen, die ersten Christen, aber die

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soziale Frage, mit der sie sich beschäftigten, war eine ganz andere als die unsere, man kann sie daher auch nicht Sozialisten im modernen Sinne nennen.

Denn das wird ein jeder zugeben, daß die Richtung der damaligen Wissenschaft eine ganz andere war als die moderne, der Zeitgeist aber wird nur durch die in der Wissenschaft herrschende Richtung bestimmt. Jedes soziale Problem, an dem eine Epoche krankt, und eine jede laborirt an einem solchen, besteht in dem Kampfe zwischen den Anschauungen des Zeitgeistes und den Formen, die eine vergangene Zeit geschaffen, und die das Gewohnheitsthier Mensch nur sehr schwer und ungern aufgibt.

Die Richtung der Wissenschaft also schafft die sozialen Fragen, denn es ist nicht genug, daß Fehler in der Gesellschaftsorganisation da seien, sondern auch, daß man sie erkenne. Der Bauer im Mittelalter empfand die schreiende Ungerechtigkeit seiner Stellung nicht, erst die Reformation (es gab Bauernkriege lang vor der Reformation R. d. V.) machte ihn auf dieselbe aufmerksam. Ebenso brauchte es lange, bevor man nur erkannte, wie verwerflich das Institut der Sklaverei sei.

Allerdings ist der Einfluß der geänderten Richtung in den Wissenschaften oft nur ein indirekter, von denselben gar nicht beabsichtigter. Die Reformation z. B. wollte nur den Bann der römischen Kirche brechen, aber sie rüttelte die Leute aus ihrer Lethargie zum Nachdenken auf, sie predigte die Freiheit, freilich blos die der Bibelauslegung, und als die Bauern nur einmal das Beispiel der Widersetzlichkeit gegen bisher geheiligte Institutionen sahen, da zweifelten sie auch in anderen als in geistlichen Dingen an der Heiligkeit der bestehenden Zustände,“ sie mißverstanden Luthers Lehren und empörten sich. Auch die Richtung der Wissenschaft vor der französischen Revolution war anfangs nur gegen das Christenthum, gegen die Religion gerichtet; Voltaire, Helvetius etc. errangen auf diesem Gebiete vorzüglich ihre Lorbeeren. Und da sahen wir die merkwürdige Erscheinung zu Tage treten, die sich heutigen Tages wiederholt, daß die Regierung und die herrschenden Klassen, die früher streng kirchlich gewesen waren, plötzlich den Kampf gegen die Kirche eröffneten, freilich zu spät, da zu derselben Zeit die großen Geister sich bereits vom religiösen dem politischen und sozialen Gebiete zuwandten und da alles untergruben. (…)

Gemeinsam war dieser Zeit mit der unsern ihr lebhaftes Interesse an der Naturwissenschaft. (…) Unbewußt pflegt also die Bourgeoisie ihren Todtengräber, die Naturwissenschaft. Freilich meint sie, die Erkenntniß gelange nicht unter das Volk, für welches die Religion gut genug sei, solange der Cleruns zu ihren Diensten stehe; aber sie irrt sich. Die französische Revolution brach los, ohne daß alle französischen Bauern Voltaire und Rousseau gelesen häten; die moderne soziale Umwälzung, die in den Gemüthern bereits vor sich geht, wird auch unvermuthet losbrechen, ohne daß alle Bauern Büchner, Häckel und Feuerbach kennen.

Jedenfalls hat die Wissenschaft die soziale Frage erzeugt(?), sie allein befähigt uns. Die Uebel der Gesellschaft wirklich zu erkennen und zu beseitigen. Allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, da alle menschliche Erkenntniß beschränkt ist. So finden wir zwar schon im Alterthume und Mittelalter, als die scholastische Philosophie herrschend war und man fast gar keine Naturgesetze kannte, soziale Systeme aber, wenn auch den modernen ähnlich, doch nur philosophische Systeme auf spekulativer Grundlage, noch nicht im Volke wurzelnd.  Praktisch befolgte man dieselbe Methode, wie die damalige Medicin, man wollte die Krankheit durch Pillen und ähnlich Palliativmittelchen heilen. So sucht z. B. die Schule der Kyniker, worunter Diogenes der bekannteste ist, ebenso wie das Christenthum, nur aus anderen Gründen, die Frage zu lösen durch Anempfehlung der Bedürfnislosigkeit. „Nichts bedürfen ist göttlich.“

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Von unseren modernen Sparaposteln unterscheiden sie sich dadurch, daß sie selbst mit gutem Beispiele vorangingen.

Weiter geht Plato, der eine kommunistische Aristokratie gründen wollte, eine Aristokratie der Talente und edleren Naturen, „Die Ungleichheit des Besitzes wird, weil sie auf Ungleichheit des Genusses beruhen kann, dadurch fern gehalten, daß man diesen verbannt, weil ohne den Reiz des Genusses Niemand nach großem Gute streben wird. Enthaltsamkeit kann aber nicht durch ein Verbot des Genusses erreicht werden, sondern nur dadurch, daß man die Begierde in ihrem Entstehen zurückdrängt und den Sinnen ein anderes Ziel als den Genuß steckt. (…)

Viel weniger großartig als die Griechen fassen die Römer ihre soziale Frage auf. Mittelchen über Mittelchen, es regnet förmlich Ackervertheilungen, Luxusgesetze, Aussendung von Colonien etc. etc. aber auf den Grund der Sache kommt man nicht.

Seitdem das Christenthum zu Herrschaft gelangt ist, schläft die soziale Frage; erst mit der Zeit eines Kopernikus, Kepler, Galilei erwacht sie zu neuem Leben. Noch immer aber waren die sozialistischen Systeme, soviel Wahres  im Einzelnen sie enthalten mochten, in ihrer Grundlage doch ebenso schwankend, wie das Platos, weil auch sie, wie die ganze damalige Wissenschaft auf spekulativer Grundlage, nicht auf Kenntniß der Naturgesetze beruthen. (…)

Man sieht, die Keime der heutigen Ansichten, waren schon früher da, aber sie hatten keine Wirkung, ebensoweinig wie die damalige Philosophie, und sind daher auch nicht mit dem modernen Sozialismus zu vergleichen. Weder ein Thomas Morus noch ein J. J. Rousseau dachte je daran, seine Pläne verwirklichen zu wollen. Wenn daher auch die bisherigen sozialistischen Systeme undurchführbar gewesen sein mögen, so ist das noch kein Beweis gegen den modernen Sozialismus, der auf einer ganz anderen Grundlage ruht. Bis zur französischen Revolution war das, was man Sozialismus nennt, größtentheils eine Privatspielerei der Gelehrten, erlag nicht im Zeitgeist und drang darum nicht ins Volk. (…)

So haben wir in Griechenland, speciell in Athen, zwar eine fortgeschrittene Wissenschaft, aber die Bedürfnißlosigkeit unter diesem angenehmen Klima, die politische Gleichheit, die Unterstützungen der Armen ließen Klassengedanken nicht aufkommen. Umgekehrt in Rom – dort ist der Klassenhaß im höchsten Grade ausgebildet. Aber Rom hatte keine Wissenschaft, dort war daher der Boden für ein sozialistisches System nicht vorhanden, Palliativmittel bilden den Ersatz. Erst die römische Herrschaft über den ganzen damals bekannten Erdkreis sich verbreitet, treten römischer Klassenhaß und griechische Wissenschaft zusammen und bilden das Christenthum. (?)

Im Mittelalter giebt es weder Klassenbewußtsein noch Wissenschaft, die Gedanken der Menschen sind dem Jenseits zugewandt.

Im Beginn der Neuzeit erwachen beide. Anfangs in der Reformation sind sie noch zu jung, um nicht unterliegen zu müssen, aber in der französischen Revolution zeigen sie sich schon stark genug, um dieselbe zu einer eminent sozialen zu machen.

Wenn jetzt wieder eine Umwälzung nöthig wird, so rührt dies daher, daß die Wissenschaft seitdem fortgeschritten ist, und eine neue Produktionsweise sich gebildet hat, Neuer Klassenhaß, neue Wissenschaft zusammen, das sind die Gehrungsmittel im Völkerleben. (…)

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Nr. 138.                                                 Sonntag, 28. November.                                             1875

Liebknecht‘ Rede in der Sitzung des deutschen Reichstages am 23. November.

Meine Herren, die Frage der Ministerverantwortlichkeit, welche zuletzt noch in die Debatte geworfen ward, will ich zunächst in einigen Worten berühren. Wenn es überhaupt eine Frage gibt, die nicht eine Rechts, = sondern eine Machtfrage ist, so ist es gerade die Ministerverantwortlichkeit. Es mögen da Organisationen und Gesetze geschaffen werden, wie sie wollen: ist die Volksvertretung der Regierung gegenüber nicht im Besitz der nöthigen Macht, so wird jedes Gesetz über Ministerverantwortlichkeit ein werthloses Stück Papier sein; und die bisherige Praxis im Reichstage ist allerdings nicht eine solche gewesen, um das Volk erwarten zu lassen, daß eine ernste Ministerverantwortlichkeit hier zu Stande kommen werde. Ist doch diese Volksvertretung wohl die einzige, von der die Geschichte Kenntniß gibt, welche, statt sich der Regierung gegenüber Rechte und Macht zu erkämpfen zu wollen, stets sehr breitwillig gewesen ist, die Macht und die Rechte, die sie besaß oder sich hätte sichern können, aufzugeben. (…)

Jetzt zu dem eigentlichen Gegenstande der Tagesordnung: der projektirten neuen Steuer.

Wir sind nicht prinzipielle Gegner einer jeden Steuererhöhung, einer jeden Vermehrung der Staatsausgaben; es fragt sich bei uns in erster Linie: zu welchem Zwecke wird die neue Steuer gebraucht? Handelt es sich darum, den Nothstand, der wiederholt in der Debatte berührt wurde, zu lindern, so wäre keine Neubesteuerung uns zu hoch; oder gelte es, das Schulwesen, welches in Deutschland so schmählich vernachlässigt ist, (oho!) zu heben. Sie rufen „oho!“ meine Herren; es ist eine Thatsache, die sich durch die Statistik nachweisen läßt, daß in Deutschland und speziell in Preußen das Schulwesen in der traurigsten Weise darniederliegt, daß der Militärstaat den Intellegenzstaat todt gemacht hat. Wir sind hier in Berlin, – wohlan, vor zehn Jahren besaß Berlin die erste Universität in Deutschland, jetzt steht es weit hinter Leipzig, hinter der Universität eines kleinen Staates zurück. (Gelächter.) – Daß Sie darüber lachen, beweist nur, wie wenig Werth Sie auf den wahren Culturkampf legen. Jedenfalls müßte es für die sächsische Regierung, wenn sie partikularistisch zu fühlen im Stande wäre, eine große Genugtuung sein, daß sie auf diese Weise durch Erhebung der Leipziger Universität über die Berliner Universität eine Art Revanche für 1866, für Sadowa, gewonnen hat. (Heiterkeit.)

Nr. 150.                                                     Mittwoch 29. Dezember.                                           1875

Schutzzoll und Freihandel.

Die „wirthschafliche Krisis“, wie man die gegenwärtig herrschende Stockung in dem Handel und Wandel zu bezeichnen beliebt hat, rüttelt selbst die stagnirendsten Bourgeois = Gemüther aus ihrer  gewohnten Denkträgheit auf und zwingt sie, den Ursachen dieses Uebels nachzuforschen. (…)

Wir erwähnten unter den von einer gewissen Klasse verabscheuten Dingen auch den Freihandel. Die Frage hierüber hat sich bekanntlich zu einem Kampfe gestaltet, welcher unter dem Namen die „Schutzzollfrage“ schon seit Monaten unendlich viel Staub aufgewirbelt. Daß nun einige Industrielle, deren Schundprodukte die Concurrenz mit englischen und französischen Fabrikaten nicht aushalten können, diese Art von Staatsintervention herbeisehnen ist nur allzu natürlich; daß sich sogar Leute finden, welche die Vortheile dieses Systems wissenschaftlich zu begründen suchen, ist ebenfalls nicht wunderbar – für Geld kann man heutzutage noch viel mehr haben; daß aber auch im Volke selbst schutzzöllnerische  Ideen mitunter Anklang finden, das ist das Schlimme an der Sache. Es muß daher unsere Aufgabe sein, die Ansicht, welche hier und da auftaucht, daß durch den Schutzzoll der Arbeitslohn

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gesteigert wird und in Folge dessen die Lage des Arbeiters gebessert werde, auf das Entschiedenste zu bekämpfen. (…)

Vielleicht (wir sagen ausdrücklich vielleicht, damit sich der „Herr Reichskanzler“ nicht beleidigt fühlt) haben Diejenigen nicht ganz Unrecht, welche dem Fürsten Bismarck schutzzöllnerische Ideen in die Schuhe schieben: bei der Vorliebe, welche dieser „geniale Staatsmann“ erst neuerdings wieder für indirekte Steuern an den Tag gelegt hat, dürfte das wenigstens nicht Wunder nehmen. Der Schutzzoll ist ja auch weiter nichts, als eine indirekte Steuer, welche an den Grenzen des Reiches erhoben wird, statt innerhalb derselben, eine indirekte Steuer, welche gleich allen anderen immer weiter und weiter „gewälzt“ wird bis auf die Schultern des „vierten Standes“, des Lastthieres, welches keine Rechte und Tausend Pflichten hat. (…)

 

 

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