Christliches Manifest
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                                                   Der Volksstaat

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Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der internationalen   Gewerksgenossenschaften.

Nr. 9.                                                   Freitag, 23. Januar                                                 1874

Die Krisis in Amerika.

In verschiedenen Bourgeoisblättern lesen wir nachstehende Correspondenz aus Amerika:

„Die Aufregung unter den Arbeitern in den westlichen Staaten wird immer drohender, je mehr Arbeitsmangel und Hunger sie drücken. An sehr vielen Orten werden Meetings abgehalten, Demonstrationen veranstaltet und die Deutschen spielen die Hauptrolle bei denselben. Der Vorsitzende muß bald englisch, bald deutsch die Versammlung anreden, wenn er, was nur zu oft vorkommt, Ausschreitungen zu verhindern hat. Gegen das Kapital wird da nicht minder wie gegen die Presse hergezogen, welche letztere als käuflich, korrumpirt, faul verschrieen wird. Auf einen dieser Meetings schrie ein Deutscher: „Hinaus mit diesen verd – Hunden von der Presse“ und dieser Ruf fand solchen Beifall, daß die armen (ach!) Reporters aus Furcht oder Unwillen sich davon zu machen suchten. Es wurden sodann die Forderungen vorgelesen, welche die Arbeiter an den Stadtrath stellen sollten. Die Stadt sollten nach diesen allen Arbeitsfähigen acht Stunden per Tag gegen hinreichenden Lohn Arbeit verschaffen, den Arbeitsfähigen und Solchen, die keine Arbeit erhalten können, Vorschüsse in Geld oder Lebensmittel machen, die Vertheilung unter Aufsicht eines Arbeitercomitées ausführen lassen und schließlich, falls die Fonds der Stadt nicht ausreichen, Anleihen zu diesen Zwecken aufnehmen. Neben Amerikanern, Deutschen  und Franzosen sprach ein Pole, der den Arbeiter den Kapitalisten voranstellte, ein Engländer, der die Arbeiter als die Stütze der Gesellschaft (gewiß) hinstellte und für sich das von den Aristokraten und Kapitalisten angesammelte Geld beanspruchte, und endlich ein Däne, der seine Landsleute aufforderte, so lange

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nach Brod mitzuschreien, bis sie es endlich erhielten. Am anderen Tage, nachdem die erwähnten Forderungen  von den Arbeiterversammlungen angenommen worden waren, zog man an 10,000 Köpfe stark zum Sitzungssaale der Stadträthe. Unter den Banner sah man auch zwei deutsche, mit den Inschiften: „Krieg dem Müßiggang“ und Tod der Noth“. Der Mayor und die Stadträthe

waren über den Aufzug nicht wenig erschreckt und versprachen die Forderungen in Erwägung (wirklich) zu ziehen. (…)

Rechnet man von diesem Artikel die Dummheiten und Albernheiten, ohne welche es in den Bourgeoisblättern nun einmal nicht abgehen kann, ab, so hat man ein in ziemlich scharfen Umrissen gezeichnetes Bild der Situation in Nordamerika. Die amerikanischen Arbeiter haben begriffen, daß der Staat, der ohne Massenarbeit nicht existiren kann, auch verpflichtet ist, der Massenarmuth abzuhelfen. Mit „Erwägungen“ werden sich die Arbeiter der vereinigten Staaten nicht begnügen. Vielleicht lernen die europäischen Arbeiter etwas davon.

Nr. 14.                                                  Mittwoch, 4. Februar                                            1874

Ueber die letzte Gründungsepoche.

Den Lesern des „Volksstaat“ sind die Gegenwärtigen Vorgänge an den Börsen beider Hemisphären wohl bekannt. Wir erleben jetzt wieder einmal den letzten Akt jener tollen Farce, die, so oft sie auch schon angeführt worden, und so dumm sie dem Einsichtigen auch erscheinen mag, doch immer und immer wieder ihr Publikum findet und die auch so recht das wahrste und ureigenste Produkt der heutigen Gesellschaft ist: Nach einer kurzen Epoche scheinbaren Emporblühens aller wirthschaftlichen Verhältnisse, nach einer Zeit, in welcher die schwarze Kunst erfunden zu sein schien, ungemessene Reichthümer nach irgend einer Zauberformel nur so aus der Erde hervorzustampfen – der Arbeit zum Hohn, der ewig einzigen Mutter allen Reichthums, nach einer solche Epochen gemalten Wohlergehens – ein plötzlicher Zusammenbruch des ganzen schimmernden, lustigen, haltlosen Gebäudes. Wer erinnerte sich nicht noch, wie unsere von der Börse „inspirirte Press – und dazu gehörten sie alle, alle, die „anständigen“ Blätter und Blättchen,  von gewissen rothangelaufenen an bis hinauf zu den oberanständigen, urreaktionären Organen der Regierung – wie diese selbe Presse, sagen wir, Jubelhymnen sang über den großartigen Aufschwung deutschen Unternehmungsgeistes, deutschen Nationalreichthums, die so schön Hand in Hand gehe mit der glorreichen „Gründung“ des deutschen Reiches; wer erinnerte sich noch, wie jeder Tag die Nachricht von der Schöpfung neuer Werthe, neuer Millionen brachte, so daß sich schließlich die Summe dieser neu entstandenen papierenen Reichthümer auf Milliarden belief, so daß ferner jeder vernünftige Maßstab der Preis der vorhandenen Gebrauchswerthe verloren ging und unter anständigen Leuten überhaupt nur noch nach Hunderttausenden  gerechnet wurde; wer erinnerte sich nicht noch all der glänzenden Verheißungen triefenden Gründungsprospekte, zum großen Theile für schweres Geld von den Gelehrten unserer Manchesterschule   verfaßt – man sieht diese Leute wissen von ihrem laisser aller, das deutlicher laisser voler*) heißen müßte, überall die richtige Anwendung zu machen – jeder einzelne dieser Prospekte im Namen des Fortschritts der Cultur sprechend – ohne „Cultur“ thun sie es ja jetzt überhaupt nicht mehr – jeder einzelne irgend eine menschheitsbeglückende  Mission ins Feld führend? (Man denke z. B. nur an die Baugesellschaften, „die Jedem, „auch dem einfachstem Manne“ wie es damals hieß, eine eigenes Haus und Herd versprochen.)

Und heute? –

Jene gepriesenen Reichthümer, sie haben sich inzwischen als vollständig eingebildete Werthe erwiesen, und das aus dem überaus einfachen Grunde, weil bunt bemalte Papierwische – man denke hierbei nur an die moderne Aktie oder an das billet de banque John Law’s seligen Angedenkens – nie und nimmermehr, auch wenn sie noch so massenhaft fabriciert und mit noch so hohen Zahlen bedruckt worden sind, eine wirkliche Zunahme des Reichthums eines Volkes

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repräsentiren können, die vielmehr einzig und allein in der Vermehrung seiner, durch seine Arbeit zu schaffenden Nutzwerthe und Genußmittel zu finden ist; jene hochtönenden Gründungsprospekte, sie haben sich inzwischen als eine schätzenswerthe Sammlung der frechsten und schamlosesten Lügen herausgestellt, die von Lumpen ausgeklügelt, , um von Dummköpfen geglaubt zu werden. (…)

Nr. 15.                                                    Freitag, 6. Februar.                                              1874

Reichstagswahlen. III.

Die nach Einwohnerzahl und Ausdehnung des Landes geringste Stimmenzahl hat die Partei in Preußen erhalten. Auf 28 Bezirke inclusive Hamburg sind nur 20,450 Stimmen gefallen; die niedrigst vorhandene Durchschnittszahl kommt hier auf die einzelnen Bezirke. Ursachen für diese Erscheinung giebt es verschiedene. Zunächst besteht der Allgmeine deutsche Arbeiterverein seit länger als zehn Jahren vorzugsweise in Preußen und hat dort seine größte Ausdehnung. Unsere Mitgliedschaften haben fast ausnahmslos mit den Mitgliedschaften des Allg. deutschen Arbeitervereins zu kämpfen gehabt und diesen den innehabenden Boden sozusagen abringen müssen. Eine fernere Thatsache ist, daß die preußischen Behörden unsere Partei überall mit der ausgesuchtesten Feindschaft entgegentraten, und unseren Mitgliedschaften in den bedeutendsten Städten des Landes durch Machinationen die Gewinnung von Lokalitäten zur Abhaltung von Versammlungen unmöglich machten. Noch kürzlich hat die Polizei in Frankfurt am Main der Agitation unserer Partei wie keiner anderen Hindernisse in den Weg gelegt. Dabei soll auch nicht verschwiegen werden, daß die politisch = radikale Haltung unserer Partei bei der größtentheils zu ganz besonderer Loyalität und in preußischem Partikularismus systematisch großgezogene Bevölkerung schwerer Eingang finden mußte, wie irgendwo anders. (…)

Ueber die Gründungsepoche. (Schluß)

Die moderne Gesellschaft, welche die in ihrer Produktionsweise begründete und sich täglich und stündlich in ihr vollzeihende Concentration alles Besitzes in immer weniger Hände offenbar zu langsam vor sich geht, glaubt diesen Prozeß von Zeit zu Zeit durch Anwendung noch drastischerer Mittel  beschleunigen zu müssen. Dieser Umstand ist es ohne Zweifel, dem wir die seit ihrem Bestehen in gewissen Perioden immer wiederkehrenden Finanzschwindelepochen zu verdanken haben. Denn jedesmal wenn solch ein Anfall vorbei, wenn der unvermeidliche Rückfall erfolgt ist, dann sind eben einfach wieder einige hunderttausend kleine Vermögen vernichtet. Eine geringe Zahl enormer Reichthümmer dagegen neu geschaffen. (…)

Nr. 24.                                                  Freitag, 27. Februar                                              1874

Politische Uebersicht.

„Deutschland hat das Recht einer gebildeten Nation überschritten“ (durch die Annexion von Elsaß Lothringen), sagte der Elsässer Abgeordnete Teutsch in der skandalösen Reichstagssitzung vom 18.  d. M.  und wegen dieser Aeußerung wurde er von Hrn. Forkenbeck, den die Lorbeeren des verflossenen Simson nicht schlafen lassen, zur Ordnung gerufen. Teutsch hatte offenbar sagen wollen: „einer zivilisirten Nation“, und in dem Bestreben deutsch zu sprechen, vergessen, daß wir für das wälsche Wort „zivilisirt“ keinen deckenden Ausdruck haben. „Das Recht einer gebildeten Nation“ ist nun freilich auch „überschritten“ worden, und zwar durch die angeblichen Vertreter des deutschen Volkes; ist „überschritten“ worden in der Reichstagssitzung vom 18. d. M. Das Benehmen der Reichstagsmajorität, während Teutsch seinen Protest verlas, kann der politische Schönfärber vielleicht als „patriotisch“, als „national“, als „gesinnungstüchtig“, als „entschieden und kräftig“ bezeichnen, – es gebildet zu nennen, wird selbst „unser  Braun“ sich nicht erdreisten. „Heiterkeit“, „Gelächter“ – das war der

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Empfang, den der „deutsche Reichstag“ den abgesandten Vertrauensmännern der neu erworbenen Reichslande zu Theil werden ließ, das war die Antwort, die einzige Antwort, die er dem Protest gegen den Menschenschacher im Großen, der Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker, der Hindeutung auf die nothwendigen Folgen des an Elsaß = Lothringen verübten Gewaltaktes entgegenzusetzen hatte. Und was die „Heiterkeit“, das „Gelächter“ des deutschen Reichstags ist, das wissen wir zur Genüge durch die Berichte unserer eigenen Abgeordneten. (…)

Nr. 26.                                                   Mittwoch, 4. März.                                                1874

Die englischen Wahlen.

London, 22. Februar 1874.

Die englischen Parlamentswahlen sind nun auch vorüber. Der geniale Gladstone, der mit einer Majorität von 66 nicht regieren konnte, löste das Parlament plötzlich auf, ließ die Wahlen innerhalb von 8 bis 14 Tagen vornehmen, und das Resultat war – eine Majorität  von über 50 gegen ihn. Das zweite unter der Reformbill von 1867. Das erste mit geheimer Abstimmung gewählte Parlament, ergiebt eine starke konservative Majorität. Und zwar sind es verzugsweise die großen Industriestädte und Fabrikbezirke, wo die Arbeiter jetzt unbedingt die Majorität haben, die Konservative ins Parlament schicken. Wie geht das zu?

Zunächst ist dies Resultat verdankt dem von Gladstone versuchten Wahlstaatsstreich. Die Wahlausschreiben folgten so rasch auf die Auflösung, das manche Städte kaum fünf, die meisten kaum acht, die irischen, schottischen und die Landwahlkreise höchstens vierzehn Tage zur Besinnung behielten. Gladstone wollte die Wähler übertöpeln, aber Staatsstreiche ziehen nun einmal in England nicht, und Uebertöpelungen schlagen hier aus gegen den, der sie versucht. die Folge war, daß die ganze zahlreiche Masse der Indifferenten und Schwankenden gegen Gladstone stimmten: (...)

Daß die „Arbeiterführer“ gern ins Parlament gekommen wären, nimmt ihnen niemand übel. Der nächste Weg dazu wäre gewesen, sofort zur Neubildung einer starken Arbeiterpartei mit bestimmten Programm zu schreiten – die Volkscharte bot ihnen das beste Programm, das sie wünschen konnten. Aber der Name der Chartisten – eben weil diese eine ausgesprochen proletarische Partei gewesen – stand bei den Bourgeois in üblen Geruch, und statt an die glorreiche Tradition der Chartisten anzuknüpfen, zogen die „Arbeiterführer“ es vor, mit ihren vornehmen Freunden zu verhandeln und „respektabel“, das heißt in England bürgerlich aufzutreten. Hatte das alte Stimmrecht die Arbeiter bis zu einem gewissen Grad gezwungen, als Schwanz der radikalen Bourgeoisie zu figuriren, so war es unverantwortlich, sie diese Rolle fortspielen zu lassen, seitdem die Reformbill mindestens sechzig Arbeiterkandidaten die Thüren des Parlaments öffnete. (…)

Plötzlich löst vor vier Wochen Gladstone das Parlament auf. Die unvermeidlichen Arbeiterführer athmen auf: entweder lassen sie sich wählen oder sie werden wieder wohlbezahlte Reiseprediger der „großen liberalen Partei“. Aber nein: der Wahltermin ist ja nah, das sie um beide Chancen geprellt sind. Zwar treten Einige als Kandidaten auf; aber da in England jeder Kandidat ehe er zur Abstimmung kommen kann, zweihundert Pfund (1240 Thaler) als Beitrag zu den Wahlkosten deponiren muß, und die Arbeiter fast nirgends zu diesem Zweck organisirt waren, so konnten nur solche ernstlich kandidiren, die diesen Betrag von Seiten der Bourgeoisie gestellt erhielten, also mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung der Bourgeoisie auftraten. Damit aber hatte die Bourgeoisie ihre Schuldigkeit gethan, und ließ sie dann bei der Wahl selbst sämmtlich mit Glanz durchfallen. (…)

Die beiden bewegenden Kräfte in der englischen politischen Entwicklung sind also hiermit ins Parlament getreten: einerseits die Arbeiter, andererseits die Irländer als kompakte nationale Partei.

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Und wenn sie auch in diesem Parlament schwerlich eine große Rolle spielen werden –

die Arbeiter sicher nicht – so ist doch mit den Wahlen von 1874 die englische politische Entwicklung unbedingt in eine neue Phase eingetreten.

Nr. 30.                                                   Freitag, 30. März.                                                 1874

Ein neuer „Communist“.

Unsere Parteigenossen werde die Ueberschrift erstaunt betrachten. Wie, ist ein Communist mehr denn so was seltenes, daß ihm ein Artikel im Parteiorgan gewidmet werden muß? Je nachdem. Unsere Partei wächst täglich und gewinnt neue Anhänger, und wenn jedem ein Artikel gewidmet werden sollte, würde unser Raum nicht reichen. Aber es gibt einen Zuwachs für die Partei, der eine große Berücksichtigung erheischt, und zwar namentlich dann, wenn er in hohem Grade zur Signatur der Zeit gehört, wenn konstatirt werden kann, daß ein Mann strengster Wissenschaft, der seine Stellung nach zu den so genannten „höheren“ Klassen der Gesellschaft gehört, sich aus wissenschaftlicher Ueberzeugung auf gleichem Boden mit den fortschrittlichen Bestrebungen der Arbeiterklasse stellt.

Einen solchen Zuwachs der geistigen und wissenschaftlichen Kräfte hat die Sozialdemokratie in der Person des Privatdozenten an der Berliner Universität Dr. E. Dühring erhalten. Hr. Dr. E. Düuring, dessen zahlreiche gelehrte Werke bisher wenig über den beschränkten Kreis wissenschaftlich gebildeter hinübergedrungen sein werden – bekannter wurde sein Name auch für das große Publikum durch seine literarische Fehde mit dem berüchtigtem Geheimrath Wagener, der die Nachahmung des Talents seines Herrn und Meisters im Annektiren soweit trieb, daß er sich an dem geistigen Eigenthum des Berliner Gelehrten vergriff und dafür von ihm derb auf die Finger geklopft erhielt – hat in seinem neuestem Werk „Entwurf der National = und Sozialökonomie, einschließlich der Hauptpunkte der Finanzpolitik“ ein Buch veröffentlicht, das in höchstem Grade unser Interesse in Anspruch nimmt. (…)

Nr. 33.                                                 Freitag 20. März.                                                    1874

 Ein neuer „Communist“. (Schluß)

Der in dieser Weise vollzogene Bruch mit allen bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen erstreckt sich natürlich auch auf die Religion. Er weist das falsche und Naturwidrige der Religion für den Sozialismus nach und wir möchten wünschen, daß namentlich der Theil unserer Partei, der den deutschkatholischen und freireligiösen Gemeinden, die weder Fisch noch Fleisch sind, glaubt Vorschub leisten zu müssen, das betreffende Kapitel studire.

Sämmtliche hier hervorgehobene Punkte begründet Hr. Dühring meist mit großer Schärfe.

Interessant ist auch sein Urtheil über die modernen sozialistischen Parteien. Den träumerischen oder kleinbürgerlichen Sozialismus, wie ihn St. Simon, Fourier, Proudhon und Andere lehrten, behandelt er nur nebenbei, als ernsthaft nicht in Betracht kommend, dagegen beleuchtet er das System Louis Blancs, Lassalle’s und den internationalen Sozialismus, wie er in Deutschland durch die  sozialdemokratische Arbeiterpartei vertreten wird. Den internationalen Sozialismus bezeichnet Hr. Dr. Dühring als den weitgehendsten und konsequentesten. (…)

Nr. 47.                                                  Freitag, 24. April.                                                  1874

Moral und Eigenthum. I.

Der so wenig ge = und so viel verkannte Philosoph Schopenhauer, dessen gut lesbares Deutsch schon von vornherein einen Philosophen ungewöhnlichen Schlages verräth – denn die Philosophen vom Fach schreiben sonst nur solches Deutsch, das unter 40 Millionen nur 10

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verstehen – hat vor 34 Jahren ein Buch „Die beiden Grundprobleme der Ehtik“ herausgegeben, das 1) „die Freiheit des menschlichen Willens“ und 2) „das Fundament der Moral“ behandelt. In diesem Buch, das außer einer vernichtenden Abfertigung der Willensfreiheitler und einer glänzenden Widerlegung des Kant’schen „kategorischen Imperstivs“ des Trefflichen in Fülle enthält – z. B. über die Unmöglichkeit des primum movens (ersten Beweggrundes, d. i. Gottes)

Infolge des Kausalitätsgesetzes (Ursachenwirkungsgesetz), welches ein Erstes und Letztes in Raum und Zeit anzunehmen verbietet (Seite 27 der zweiten Auflage), und (Seite 50) über die Unveränderlichkeit des menschlichen Charakters – ist auch eine für uns als Sozialisten sehr interessante, das Verhältniß der Moral zum Eigenthum betreffende längere Stelle, die hier unverkürzt folgen möge:

„Man würde sich in einem sehr großen und jugendlichen Irrthum befinden, wenn man glaubte, daß gerechten und legalen Handlungen der Menschen moralischen Ursprungs wären. Vielmehr ist zwischen der Gerechtigkeit, welche die Menschen ausüben, und der ächten Redlichkeit des Herzens meistens ein analoges Verhältnis, wie zwischen den Aeußerungen der Höflichkeit und der ächten Liebe des Nächsten, welche nicht, wie jene, zum Schein, sondern wirklich den Egoismus überwindet. (…)

Aber wie weit liegt nicht, in den meisten Fällen, unser bürgerlicher Besitz von jener Urquelle des natürlichen Eigenthumsrechts ab! Meistens hat er mit diesem einen sehr schwer oder gar nicht nachweisbaren  Zusammenhang; unser Eigenthum ist geerbt, erheirathet. In der Lotterie gewonnen, oder wenn auch das nicht, doch nicht durch eigentliche Arbeit im Schweiße des Angesichts, sondern durch kluge Gedanken und Einfälle erworben, z. B. im Spekulationshandel, ja, mitunter auch durch dumme Einfälle, welche, mittels des Zufalls, der Deus Eventus (Gott, Erfolg) gekrönt und verherrlicht. In den wenigsten Fällen ist es eigentlich die Frucht wirklicher Mühe und Arbeit, und selbst dann ist diese oft nur eine geistige, wie die der Advokaten, Aerzte, Beamten, Lehrer, welche, nach dem Blick der philosophisch rohen Menschen, wenig Anstrengung zu kosten scheint. Es bedarf schon der bedeutenden Bildung, um bei allem solchen Besitz (d. h. dem der Geistesarbeiter. Anmerk. d. Red.) das ethische (sittliche) zu erkennen und es demnach aus rein moralischem Antriebe zu achten.“ (…)

Es ist demnach unseres Erachtens – auch bei der vorwiegend geistigen Arbeit gar nicht möglich, abzuschätzen, wie viel Jemand infolge seiner eigenen Arbeit oder außerhalb seiner Macht liegende Zufälle erworben hat, bez. erwerben kann und soll. Denn, da jeder Mensch Collektivarbeit repräsentirt, so kann Niemand sagen: „Das und das habe ich aus mir selbst heraus „geleistet“. Alles was wir sind und was wir haben, verdanken wir vielmehr der Gesamtheit. Es fällt somit auch die in Deutschland seit Jahren übliche Redensart vom „Arbeitsertrag“ des Einzelnen – der sich unseres Erachtens aller Berechnung entzieht –, um dem viel deutlicheren System Platz zu machen.

Nr. 52.                                                 Mittwoch, 6. Mai.                                                    1874

Klassenkampf in England.

Am 24. April wurden in Exeter Hall, dem frömmsten und vornehmsten Versammlungssaale Londons, „Sympathiemeetings“ für die ausgesperrten Landarbeiter abgehalten. Den Vorsitz führte der liberale Bourgeois Morley, und verschiedene vornehme Herren waren zugegen. Die „Englische Correspondenz“ schreibt über das Meeting:

„Der Vorsitzende erklärte in seiner einleitenden Rede, der Kampf, um welchen es sich handle, lasse sich in wenigen Worten beschreiben. Einige Arbeiter in einem kleinen Dorfe, welche erklärten, daß sie mit dreißig Schilling die Woche  nicht auskommen könnten, beschlossen einen Strike, und als Antwort darauf hätten die Farmer in zwei Grafschaften alle Arbeiten, selbst solche, die an dem Strike keinen Antheil genommen hatten, entlassen, bloß, weil diese sich

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geweigert hatten, aus der Arbeiter = Verbindung, der sie angehörten, auszutreten. Dies sei eine Vergewaltigung der Rechte jedes Engländers, eine positive Tyrannei, und er hoffe, daß jeder Engländer (auch die Farmer?) daher diesen „ausgeschlossenen“ Arbeitern in ihrem Kampfe beistehen werde. Er (der Vorsitzende) sei einer der größten Fabrikbesitzer in dem Lande, aber er habe es bis jetzt, trotz aller Strikes immer noch möglich gefunden, auf dem Wege des Ausgleichs und eines Schiedsgerichts alle Streitigkeiten mit seinen Arbeitern zu schlichten; die Herren scheinen jedoch nicht gewillt, auf irgend einen derartigen Antrag einzugehen zu wollen, und sie werden daher auch alle Folgen tragen müssen. Hierauf hielt der Abgeordnete der Arbeiter aus Newmarket eine Rede, aus welcher wir folgende Punkte hervorheben: Man behaupte gewöhnlich, sagte er, die ländlichen Arbeiter seien roh und unwissend; wenn dem so sei. So wären nur ihre Arbeitgeber und ihre Verhältnisse daran Schuld, sie hätten nicht die Mittel, ihre Kinder ordentlich erziehen zu lassen, und man hätte sich stets bemüht, sie als Sklaven zu behandeln. Der jetzige Strike drehe sich gar nicht um die Lohnfrage, im Ganzen hätten bloß sechzig Mann in Exning gestrikt, daraufhin hätten sofort die Farmer allen Verbindungsarbeitern gekündigt; der Zweck der Herren sei,  die Verbindung als solche zu vernichten, weil sie einsehen, daß durch diese den Arbeitern erst klar gemacht wird, in welchem entwürdigendem Zustande sie sich befinden, und daß sie kaum besser als wie das Vieh behandelt würden. (…)

(…) Eine Sammlung, die nach dieser Rede in Exeter Hall abgehalten wurde, gab ein schönes Resultat, der Vorsitzende unterschrieb hundert Pfund und mehrere andere gleiche Beträge. – Unter dem Jubel  über den Erfolg der Versammlung zerstreute sich hierauf die große Menge.“

So die „Englische Correspondenz“. Wir haben zu diesem Bericht noch Folgendes zu bemerken: Was die „Arbeiterfreundlichkeit“ des Herrn Morley angeht, so kennzeichnet sich dieselbe durch die Thatsache, daß Herr Morley ein Intimus der Herren Bright und Gladstone ist. Er will mit Gewalt eine politische Rolle spielen, und glaubt seinen persönliche Interessen und den Interessen seiner Klasse dadurch am Besten dadurch zu dienen, daß er die Arbeiter nasführt. Er hat die Clique des „Beehive“ am Schnürchen und hofft durch geschickte Ausnutzung der Gewerkschaftsbewegung einst ein Ministerpöstchen zu bekommen, was seit zwanzig Jahren seine fixe Idee ist. (…)

Die Arbeiter können sich nur durch eigene Anstrengungen befreien; und sie können sich nur befreien, wenn sie ihren gesellschaftlichen Unterdrückern und Aussaugern durch Vernichtung des Klassenstaats die Macht zur Aussaugung uns Unterdrückung aus der Hand reißen.

Nr. 57.                                              Sonntag, 17. Mai                                                      1874

Die Kinderarbeit vor dem britischen Unterhaus.

Im „Crimmitschauer Bürger – und Bauernfreund“ finden wir einen guten Bericht über die Debatte über die Kinderarbeit im englischen Unterhause. Den wir hier zum Abdruck bringen:

„Das britische Unterhaus widmete die Nachmittagssitzung am 13. Mai ausschließlich der Diskussion über einen Gesetzesvorschlag zur Abänderung der Fabrikgesetze, dessen zweit Lesung Herr Mundella, der Abgeordnete für Sheffield und verunglückte Einigungsapostel, der aber im Uebrigen mit Wärme für die Arbeiter eintritt, in seiner zweistündigen Rede beantragte. Der Gesetzentwurf erhöht das Alter der in Fabriken auf Halbzeit beschäftigten Kinder von 8 auf 10 Jahre (der englische Capital = Moloch frißt mehr Kinderleben, als die Könige von Ashantee auf der Goldküste je Männerleben gefressen haben), so daß kein Kind unter 10 Jahren zur Arbeit in Fabriken angehalten werden kann, und das Alter derjenigen, welche die volle Zeit arbeiten, auf 14 Jahre; ferner setzt er die Arbeitsstunden  auf 54 in der Woche herab und schafft das Privilegium der Seidenfabrikanten, Kinder zwischen 8 und 11 Jahren als Halbzeitarbeiter und Kinder über 11 Jahre als Vollzeitarbeiter beschäftigen zu können, ab.

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Seine Auseinandersetzung der Bestimmungen der Vorlagen leitete Mundella mit einer Geschichte der früheren Gesetzgebung über den Gegenstand ein; dann recapitulirte er die bekannten sozialen, gesundheitlichen und Jugenderziehungs = Argumente gegen die übertriebene Beschäftigung von Frauen und Kindern, und legte dem Hause reichliche vergleichende Statistiken betreffs der verhältnißmäßigen Zunahme der Ausfuhr, der Zahl der im Betriebe verbindlichen Fabriken und des in denselben beschäftigten Personals vor, um zu zeigen, daß eine Tendenz (ein Bestreben) vorhanden ist, die physischen Kräfte  der Einzelarbeiter über Gebühr anstrengen. Der Gesetzentwurf, behauptete er, würde den Begehr nach weiblicher Arbeit erhöhen (!), und die allgemeine Besorgniß, daß er die auswärtige Concurrenz in gefährlicher Weise begünstigen würde. (…)

Nr. 58                                                 Mittwoch, 20. Mai                                                      1874

Die Schulen und die Arbeiter.

„Bildung macht frei, den Einzelnen wie Nationen!“ sagt irgendwo Varnhagen von Ense – Bildung macht frei von Sorge, Kummer und Noth – Bildung allein ist im Stande, dem Klassenkampf die Spitze abzubrechen, dem Arbeiter aus seiner verzweifelten Lage zu helfen, sagt so gern die heuchlerische Bourgeoisie, nachdem sie überall das Fett von der Suppe geschöpft. – Und darum gebehrdet sie sich so gern als Protectorin der Bildungsbestrebungen der Arbeiter, darum gründet und unterstützt sie die Volksbibliotheken, darum (wenn nicht darum, weshalb denn? Wissen Sie’s vielleicht Herr Biedermann?) hält sie den Arbeitern Vorträge über,  na worüber denn – ja, über Spectralanalyse, über Vervielfältigung von Schriftwerken im Alterthum, ja, vielleicht gar über die Zöpfe des vorigen Jahrhunderts und andere für Arbeiter allerdings hochwichtige Dinge. Darum sucht sie dem armen Arbeiter, der in der Schuld weinig gelernt, in seinem reiferen Alter wenigstens auf eine höhere Stufe des Wissens (?) zu erheben, damit er „frei“ werde, damit der theilnehmen könne an den geistigen Errungenschaften der Neuzeit, damit er mitgenießen könne, was die Seele hebt und das Herz erfrischt. Und wahrlich, es bedarf dessen, denn sein „Tischchen deck dich“ hat längst den Dienst versagt, und die Heckelthaler und Wünschelruthen gehören ja leider auch bereits zu den Erscheinungen einer längst verschwundenen Zeit. – Die Bestrebungen, welche also darauf hinauslaufen, den Arbeitern den Genuß geistiger Freuden zu erleichtern, sollten billig, wenn nicht gelobt. Do doch von uns anerkannt werden. Und so wäre ich denn dahin gekommen, das „heuchlerische“ oben streichen zu müssen und Abbitte thun. –

Doch halt! – Die Bourgeoisie will den geistigen Standpunkt der Arbeiter heben oder will sie es nicht. Eins von beiden kann nur richtig sein.

Will sie es, ja, dann müßte sie ja auch überall, wo  bietet sich nun mehr Gelegenheit, ein solches menschenfreundliches Streben zu bethätigen, als bei der Schule – speziell der Volksschule. – Allerdings hat so der „Staat“ kein Geld für solche Zwecke, der „Staat“ braucht Soldaten, viel Soldaten, der Staat braucht Beamte, viel Beamte, – muß viel Pfründen einrichten, um seine – verdienten Männer unterzubringen – wie sollte nun dieser Staat auch noch zu dem vielen Gelde kommen, das gute Volksschulen Kosten, – ja, gäbe es nur für die „Elite“ der Nation , das wäre einander Ding, – nein, nein, es geht glatterdings nicht, der Staat kann für die Volksschule nicht mehr thun, als er thut. – Gut, ich sehe ein, es geht nicht. (…)

Wenn nun der Bourgeoisie darum zu thun wäre, die Individuen zu heben, die Nation frei zu machen von jeglichem geistigem Druck, dann müßte er hier den Hebel ansetzen. Mag sie die Volksschule, als Anstalt besser dotiren, mag sie aber auch dann den Kindern geben, was den Kindern ist. – Verhältnißmäßig  wenig braucht dabei aus dem Staatssäckel kommen; Hauptsache ist, daß die Kinder fern bleiben können dem Ringen nach Erwerb, und da geht’s – der Bourgeoisie an den Säckel. – Hier ist aber ihre Achillesferse. – Fabrikinspektoren verbittet man sich höflichst, Gesetze – sind gemacht, um übertreten zu werden, und wirklich gute

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Schulen wären der Tod aller politischen ökonomischen Knechtschaft. Wenn die heutige Gesellschaft mangelhafte Schulen errichtet, so fristet sie damit nur ihre Existenz, der Existenz der heuchlerischen, stets von „Bildung“ schwatzenden Bourgeoisie.

Nr. 63.                                                   Mittwoch, 3. Juni.                                                1874

Wollen wir eine Gewerkschafts = Union oder nicht? (Schluß)

Gewerkschafts = Organ.

Wollen wir also den Gewerkschaften eine größere innere Festigkeit und Stabilität verschaffen, wollen wir, daß nicht nur die Minorität, sondern möglichst  alle Mitglieder in gleicher Weise für die Gewerkschafts = Bewegung und für den Bestand der Gewerkschaften sich ereifern, so müssen wir Sorge tragen, daß alle Mitglieder durch richtige Erkenntniß und innere Ueberzeugung zum unverbrüchlichen Festhalten an der selbstgeschaffenen Organisation gelangen. Dies ist das einzige aber auch unfehlbare Mittel, die Mitglieder mit unwiderstehlicher Gewalt an die Gewerkschaften zu fesseln. (…)

Der Congreß der nordamerikanischen Föderation der Internationalen Arbeiter = Assoziation in Philadelphia vom 11. – 13. April 1874.

Der große Finanzkrach in Amerika, im Spätherbst im vorigen Jahre, verursachte eine allgemeine und andauernde Krisis, welche in Folge der heutigen Produktionsweise mit Nothwendigkeit eintreten mußte. Tausende von Arbeitern kamen dadurch außer Beschäftigung und die Waare „Arbeitskraft“ fiel so rapid im Preise, wie es die amerikanische Bourgeoisie erhofft, um zu ihrer ferneren Ausbeutung die gehörige Reserve = Armee („Angebot von Händen) zur steten Verfügung zu haben. Lohnreduktionen traten allenthalben ein und die arme Bourgeoisie erklärte sich den Arbeiter gegenüber für bankrott und verweigerte ihm, mit Bezugnahme auf die Krisis, die Auszahlung seines schwer erarbeiteten Wochenlohnes. Eisenbahncompagnien und andere Industrielle vorenthielten Monate lang die fälligen Löhne oder zahlten nur theilweise aus.

Dieser Zustand brachte die Arbeiter Nordamerikas endlich zur Besinnung; ihre Kassenlage in der heutigen Gesellschaft fängt an ihnen jetzt bewußt zu werden. Arbeiter = Parteien, wie in New = York, Chicago und Gewerkschaftsverbände mit theilweise noch unklaren Programmen gruppiren sich in den industriellen Distrikten. (…)

Nr. 64.                                                    Freitag, 5. Juni                                                     1874

Unsere Schulen im Dienste gegen die Freiheit. I.

Unter diesem Titel hat der als gründlicher Schulmann und Schulreformator bekannte Eduard Sack soeben im Verlag von Bracke eine Broschüre veröffentlicht, welche die Schulfrage wesentlich im Sinne der Sozialdemokratie behandelt und die wir allen Parteigenossen aufs Wärmste empfehlen. (…)

Die Frage der Volksbildung ist auch eine Frage der Freiheit.

Darum aber sind auch von dem jetzigen Staat und allen Denen, welche durch ihn mit Privilegien ausgestattet sind, solche Gesetze und Einrichtungen nicht zu erwarten, welche es gestatten, die Bildung des Volks zu einer sichern, unzerstörbaren Grundlage der Freiheit und der sozialen Wohlfahrt zu machen.

Ja, wenn ich die Geschichte der Volksbildung durchgehe, wenn ich noch einmal die geschilderten Verhältnisse und Zustände in unseren öffentlichen Schulen betrachte und wenn ich bekennen muß, daß dieselben beseitigt werden könnten, wenn nur ernstlicher Wille dazu vorhanden wäre: dann kann ich dem Schlusse nicht ausweichen, daß unsere Volksschulen

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vortrefflich eingerichtet sind, um die Entwicklung des Volks zur Freiheit unmöglich zu machen. Die Schulen sind Stätten, wo das Volk zur Unfreiheit dressirt wird. (…)

Wahrlich, ein zweckmäßiger eingerichtetes Schulwesen läßt sich gar nicht denken, wenn der beabsichtigte, berechnete Zweck desselben nur die Verdummung des Volkes sein soll.* (…)

Schon 1856 citirte Diesterweg ein Urtheil des Amerikaners Sam. Laing über das preußische Unterrichtswesen als „einen Dämpfer auf unsere Begeisterung für deutsches Schulwesen“. Sam. Laing hatte geschrieben: „Wenn der Zweck der Erziehung darin besteht, den Menschen zum Selbstbewußtsein, zu einer richtigen Schätzung seiner Kräfte und seines Werthes zu erheben, ihm das Gefühl seiner Verantwortlichkeit gegen die Gesellschaft und das eigene Gewissen zu geben, ihn zur Würde eines selbstständigen denkenden Wesens zu werheben: dann ist das preußische Unterrichtssystem ein völliger Mißgriff. Denn von Kindheit an arbeitet der Staat diesem Zwecke entgegen – und wenn ein Baum nach seinen Früchten beurtheilt werden muß – so etc. Ist das männliche sittliche Erziehung? Nein, all diese Stufen, von der Wiege bis zum Grabe, sind grober Täuschung über die Bestimmung der menschlichen Natur; und diese Täuschung wird zum Staatszweck geübt, die den Menschen zu Instrumenten oder Sklaven der absoluten Regierungsgewalt machen“.

Nr. 77.                                                   Freitag, 5. Juli.                                                      1874

Politische Uebersicht.

Das  „Völkerrecht“. Zu dem Congresse in Brüssel, wo ein „internationales Kriegsrecht“ von den Vertretern der europäischen Militärstaaten festgestellt werden soll, hat Rußland bereits eine Vorlage eingebracht. In dieser Vorlage werden folgende Vorschläge für Repressalien im Kriege gemacht:

„Art. 68. Repressalien sind nur in den äußersten Fällen und unter thunlicher Beachtung der Gebote der Menschlichkeit zulässig, wenn unwiderleglich bewiesen wird, daß die Gesetze und Gebräuche des Krieges durch den Feind verletzt worden sind und er zu völkerrechtwidrigen Mitteln gegriffen hat.

„Art. 69. Die Wahl der Mittel und die Ausdehnung der Repressalien muß im Verhältniß stehen zu dem Grade der durch den Feind begangenen Rechtsverletzung. Uebermäßig strenge Repressalien sind den Satzungen des Völkerrechts entgegen.

„Art. 70. Repressalien sind nur zulässig mit Ermächtigung des Obercommandanten, der auch den Grad ihrer Strenge und ihre Dauer festzusetzen haben wird.“

Das sind also die Anschauungen, welche in dem großen Knutenreich als „Völkerrecht“ betrachtet werden und demzufolge von der deutsch = preußischen Macht gehorsamst acceptirt werden müssen, wenn’s der „Erbfreund“ befiehlt. (…)

Nr. 81.                                                  Mittwoch, 15. Juli.                                                 1874

Mit der Ausbreitung der sozialistischen Idee, daß eine völlige Wiedergeburt, eine radikale Neugestaltung der Menschlichen Gesellschaft nothwendig ist, um das Privilegium des Lebensgenusses einer kleinen Minorität zu entreißen und der Gesammtheit ein menschenwürdiges Dasein zu gewährleisten, nimmt nicht nur die Zahl Derjenigen ab, welche in thörichtem Wahn unsere heutigen gesellschaftlichen Einrichtungen gerecht und dauerbar finden, sondern es verringern sich auch jene, die das Ziel ihres Strebens gleich dem Krebse nicht vor, sondern hinter sich gesetzt haben, die unfähig sind, der historischen Entwicklung zu folgen und sich an die „gute alte Zeit“ anklammern. Der Sozialismus, welcher diese beiden Richtungen mit gleicher Energie und mit gleicher Unerbittlichkeit bekämpfen muß, hat wenig danach zu fragen, wer besser sei – die frühere oder die heutige Gesellschaft. Er überläßt das

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Mittelalter mit seiner raubritterlichen Herrlichkeit den Poeten, den Pfaffen und den Muckern, und über die moderne Gesellschaft hinweg geht sein Weg an der Hand einer unwiderstehlichen Entwicklung zu einer neuen Gesellschaft. (…)

Nr. 82.                                                    Freitag, 17. Juli                                                   1874

Eine Landarbeiterrevolte

hat anfangs voriger Woche bei Königsberg stattgefunden. Die liberale „Königsberger Hartungsche Zeitung“ berichtet darüber, in offenbar sehr voreingenommener Weise wie folgt: „Gestern (Montag, den 6. Juli) am frühen Abend noch wurde von dem eine Meile von der Stadt gelegenen Dorfe Quednau wegen einer dort unter den Leuten ausgebrochenen Revolte Militär requirirt. Es begaben sich denn auch sofort zwei Compagnien Infanterie und eine Abtheilung Cürassiere dorthin, welch letztere noch spät abends wieder hierher zurückkehrten, während die Infanterie = Mannschaften erst heute am frühen Morgen hier wieder eintrafen, und zwar mit 105 Gefangenen, die sie gemacht, welche vorläufig in dem Exerzierhause gehalten werden. – Wie wir hören, hat der Krawall in Samitten begonnen. Dort sammelten sich die Arbeiter nebst den Weibern, durchzogen die anliegenden Ortschaften, um überall Succurs (Hilfe) zu holen. Dann zogen sie nach Quednau; bewaffnet mit Messern, Forken (Mistgabeln), einer der Kerle (der Ausdruck läßt auf den Standpunkt des Schreibers schließen)  sogar mit einer Flinte, begaben sie sich nach der in der Nähe gelegenen Ziegelfabrik in Rothenstein, um die dort arbeitenden Leute gewaltsam zu nöthigen, daß sie sich ihnen anschließen. Nunmehr, bis auf die Zahl von 200 angewachsen, begaben sie sich zurück  nach Quednau, stürmten das Amtsgefängnis, um eine dort verhaftete Frau aus Samitten zu befreien, mißhandelten den Amtsschreiber, den Amtsdiener und den Gendarm  und erwählten sich als Endziel den Krug von Quednau. Dessen Schnapsvorräthe geplündert wurden. Dieselben wirkten so erregend auf die Gemüther der Tumultanten, daß dieselben noch den anrückenden Cürassieren Gewalt entgegensetzten, welche in Folge dessen von ihren Waffen  Gebrauch machen mußten und drei der Kerle (!) verletzten, die hier dem Krankenhause der Barmherzigkeit überwiesen worden sind. (…)

Ueber den Anlaß der Revolte verlautet noch nichts. Die Ursache kann aber für Niemand ein Geheimniß sein, der die traurige Lage der dortigen Landarbeiter kennt, die nicht blos elend bezahlt, sondern auch elend behandelt werden. Natürlich fehlt es trotzdem nicht an Versuchen, diese traurigen Vorgänge auf „sozialdemokratische Umtriebe“ zurückzuführen, obgleich die Sozialdemokratie in jenen Gegenden leider noch keine Wurzeln geschlagen hat. Wäre es der Fall, so hätten die unglücklichen Landproletarier ihr Heil nicht in einem kindischen Putsche gesucht. (…)

Nr. 85                                                 Freitag, 24. Juli                                                        1874

Die Offiziösen und die deutsche Presse.

Unsere Zeitungen, statt Soldaten und Vorkämpfer der Freiheit zu sein, sind nichts, als eine industrielle Kapitalanlage und Geldspekulation. (Ferdinand Lassalle)

Die Nachfolgenden Zeilen bezwecken nichts weniger, als erschöpfende oder  auch nur halbwegs umfassende Enthüllungen über den Reptilienfonds und seine Verwendung. Einmal können solche Enthüllungen der Natur der Sache nach niemals vollständig sein; verdanken wir doch die meisten genaueren Einblicke in das lichtscheue Treiben nur dem Brodneide der Gefütterten, der freilich bei den bissigsten, täglich aus einem Napfe fressenden Hunden nicht größer sein kann. (…)

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Nr. 87.                                                  Mittwoch, 29. Juli.                                                  1874

Die Parteipresse.  IV.

Wenn die Parteigenossen eines Orts oder eines Bezirks die Absicht hegen, sich ein Organ zu schaffen, so werden sie zunächst ein Comité einsetzen, das die Angelegenheit nach den in den früheren Artikeln aufgestellten Gesichtspunkten prüft. Man wird natürlich möglichst viele sachverständige, klarblickende Personen in das Comité wählen. Bejaht dasselbe die Vorfrage, d. h. findet dasselbe die seinem Gutachten unterworfene Idee durchführbar und nützlich, so geht es sofort daran, Vorschläge zur Verwirklichung auszuarbeiten. Man wird gut thun, dabei immer ein Blatt von einer bestimmten Größe ins Auge zu fassen und sich die Frage (A) zu stellen: Wie viel Abonnenten wird dasselbe haben müssen, um seine Kosten zu decken? Man erbitte sich von einigen unserer bereits bestehenden Blätter Kostenaufstellungen, welche jedoch auch selbst einen Anschlag nach den  örtlichen Preisen. Dieser Anschlag muß für jedes Format, das im Comité in Vorschlag gebracht wird, besonders gemacht werden. Auf Grund dieses Materials entscheide sich das Comité für eine bestimmtes Format, wobei die älteren Lokalblätter als Beispiel dienen mögen, und wobei namentlich auf die Billigkeit, die ein Arbeiterblatt auszeichnen muß, auf die geringen Mittel, die der Sozialdemokratie zur Verfügung stehen, und auf die Nothwendigkeit, mit diesen geringen Mitteln die Existenz des Blattes möglichst lange zu sichern, Bedacht genommen werden muß. (…)

Nr. 88.                                                      Freitag, 31. Juli                                                    1874

Die Presse und die Arbeiter.

Unter diesem Titel bringt die „Newyorker Arbeiterzeitung“ vom 10. d. M. (Nr. 18) einen Artikel, den wir mit Weglassung einer einzigen Stelle von rein lokaler Bedeutung vollständig zum Abdruck bringen, da er in mancherlei Hinsicht belehrend ist, und eine Frage behandelt, die auch für uns ein hohes Interesse hat. Jedenfalls ersehen unsere Leser daraus, daß die Corruption der heutigen Presse ein Ausfluß der gesellschaftlichen Verhältnisse ist, und keines Reptilienfonds bedarf, um zur vollsten Entwicklung zu kommen. (…)

Nr. 90                                                     Mittwoch, 5. August                                            1874

Die Religion der Sozialdemokratie. II.

Vierte Kanzelrede von J. Dietzgen.

Wir stehen noch vor dem Unterschiede zwischen religiöser und profaner Wahrheit. (…)

Das sozialistische Bedürfnis nach gerechter volksthümlicher Vertheilung der wirtschaftlichen Produkte verlangt die Demokratie, verlangt die politische Herrschaft des Volks, und duldet nicht die Herrschaft einer Sippe, die mit der Prätension des Geistes nach dem Löwenantheil schnappt. Um diesen anmaßlichen Eigennutz in vernünftige Schranken zurückweisen zu können, ist es geboten, das Verhältniß des Geistes zur Materie klar zu verstehen. Diese Philosophie ist demnach eine ganz nahe Angelegenheit des Arbeiterstandes. Doch soll, werthe Parteigenossen, damit durchaus nicht gesagt sein, daß nun jeder Arbeiter Philosoph werden,  das Verhältniß zwischen Geist und Materie studiren müsse. Weil wir alle Brod essen, deshalb ist nicht gefordert, daß wir nun alle das Mahlen und Backen verstehen. (…)

Der Glaube an Götter und Halbgötter, an Moses und die Propheten, der Glaube an den Papst, an die Bibel, an den Kaiser, seinen Bismarck und seine Regierung, kurz, der Autoritätsglaube findet seine endgültige Erledigung in der Wissenschaft des Geistes. Solange man nicht erkannt hat, wie und woher die Weisheit kommt und entsteht, ist man leichtlich dem Ungemach ausgesetzt, sich X für U machen zu lassen. Die klare Erkenntniß wie Gedankenspäne fabrizirt werden, stellt und theoretisch auf einen Standpunkt, der von Göttern, Büchern und Menschen

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unabhängig ist. Indem diese Wissenschaft den Dualismus zwischen Geist und Materie auflöst, nimmt sie der bisherigen Zweitheilung in Herrscher und Beherrschte, in Unterdrücker und Bedrückte die letzte theoretische Stütze. (…)

Ad rem!*) Der Geist ist kein Gespenst und kein Odem Gottes. Idealisten und Materialisten sein einverstanden: er gehört zur Kategorie „weltliche Dinge“, wohnt im menschlichen Kopf und ist nichts weiter, wie ein abstrakter Ausdruck, ein Sammelwort für die nacheinander folgenden Gedanken. Wenn nun der Geist nur ein anderes Wort ist für unsere Denkfähigkeit, wer könnte dann noch den zwar paradoxen, aber erfahrungsmäßigen Satz bestreiten: geistige Arbeit ist eine körperliche Anstrengung? Die werthen Zuhörer führe ich da auf einmal in das schwierige Kapitel von den Gegensätzen. Wie Linie und Punkt nur mathematische Begriffe, so sind Gegensätze keine wirklichen Dinge, sondern logische Flausen, d. h. sie gelten nur vergleichsweise. Vergleichsweise ist das Kleine groß, das Große klein. Ebenso sind Körper und Geist wohl logische, aber deshalb keine wirklichen Widersprüche. Unser Körper ist mit seinem Geist derart verbunden, daß physische Arbeit absolut unmöglich ist, ohne geistige Zuthat. Der simpelste Handlangerdienst erfordert die Mitbetheiligung des Verstandes. Andererseits ist der Glaube an die Metaphysik oder Unkörperlichkeit der geistigen Arbeit eine Gedankenlosigkeit. Auch die reinste Forschung ist unleugbar eine Anstrengung des Körpers. Alle menschliche Leistung ist geistig und körperlich zumal. Wer von der Wissenschaft des Geistes etwas versteht, weiß, daß die Gedanken nicht nur vom Hirn, also subjektiv von der Materie ausgehen, sondern immer auch irgend ein Material zum Gegenstand oder Inhalt haben. Hirnmaterial ist das Subjekt des Gedankens, sein Objekt das unendliche Material der Welt. (…)

Kinderarbeit.

Wie Recht wir mit der Behauptung hatten, daß der heutige Staat die Handhabung des Gesetzes betr.  die Kinderarbeit in den Fabriken mit thunlichster Schonung der kapitalistischen Interessen kontrolliren würde, beweisen wiederum auf’s  Schlagendste folgende neue Enthüllungen, mit welchen der „Crimmitschauer Bürger = und Bauernfreund“ seinen von uns in Nr. 84 abgedruckten Artikel ergänzt.

Daß die in dem Artikel „Handhabung des Gesetzes, die Kinderarbeit in den Fabriken betr. Kinderarbeit in Crimmitschau“, enthaltenen Mittteilungen nicht übertrieben gewesen sind, sondern vielmehr alles auf reiner Wahrheit beruhte, das wird gewiß der Beamte, welcher in der jüngsten Zeit in den hiesigen (Crimmitschauer) Fabriken zu controlliren hatte, bezeugen können.

„Doch weit mehr noch, als dieser Beamte selbst, können Arbeiter, welche in Fabriken arbeiten erzählen; sie können erzählen, was ein solcher Beamter nicht zu sehen bekommt. So war man’s z. B. in einer Fabrik gewahr geworden, daß der Controlleur ihr einen Besuch abstatten würde; sofort wurden sämmtliche zu jungen Kinder zusammengerufen und ihnen eine Kammer, in welcher Ruß und Staub in Massen lagerte, als Versteck angewiesen; als sie, nachdem der Controlleur wieder fortgegangen, das Versteck verließen, sahen sie eher den Scharzen ähnlich, als Weißen.(…)

Nr. 99.                                                 Mittwoch, 26. August                                              1874

Herr von Treitschke der Sozialistenfresser* mit Anmerkungen.

*“Der Sozialismus und seine Gönner I“ von Heinrich v Treitschke. Preußische Jahrbücher, 1. Heft, Seite 67-110.

S. 68. „Der Schopenhauer’sche Pessimimus stellt dem Volke Kants und Fichtes den Werdegang der Menschheit als ewige Krankheit dar. S. 106. Alle Theorien, welche die thatsächliche Gleichheit aller Menschen fordern, sei es auch nur in Form eines verschämten Programms für

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die Zukunft, sind leere Hirngespinste. Sie zerstören die Gesellschaft, zerreißen das Band zwischen ihrer Vergangenheit und Gegenwart und werden darum in jedem freien Volke, das sich selbst und die Arbeit der Väter achtet, einem kalten Nein begegnen.“

Anmerkung. Fichte war bekanntlich nicht nur einer der tiefsten Denker aller Zeiten, sondern auch einer der eifrigsten und größten Patrioten, welche Deutschland je hervorgebracht hat. In einer Zeit schmachvoller, politischer Erniedrigung, in welcher die weit überwiegende Mehrzahl der deutschen Adeligen durch ihre Haltung gegenüber Napoleon bewies, daß Fichte sie mit Recht als „nicht bösartig und gewaltthätig, sondern in der Regel blos dumm und unwissend, feige, faul und niederträchtig“ charakterisiren durfte, hielt dieser einfache Bürger und Gelehrte seine „Reden an die deutsche Nation“, welchen ein weltgeschichtlicher Antheil an der Entstehung und den Erfolgen der Befreiungskriege gebührt. Aber je edler und reiner sein Patriotismus war, um so ferner war er von jedem Chauvinismus. Ueber den Eindruck des königlichen Aufrufs „An mein Volk“ schrieb Fichte eine Reihe von politischen Betrachtungen nieder, welche bewiesen, daß er die politische Lage Durchlands mit schärfsten Blicke erkannte und von allen, damals herrschenden Illusionen frei war. Diese Betrachtungen waren nicht für den Druck bestimmt, sondern nur Vorarbeiten für eine größere Arbeit, an deren Ausführung ihn sein 1814 erfolgter Tod hinderte. Sie erschienen erst 1848 im siebenten Bande der gesammelten Werke Fichtes und man hat sie deshalb mit Recht sein „politisches Testament“ genannt. Ja in welchem Geiste sie geschrieben sind, erhellt sich am besten aus dem Schlußsatze: „Und so wird von ihnen (den Deutschen) aus erst dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller Begeisterung für die Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen der Menschen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von den Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da sind und ihm langsam entgegenreifen; ein anderes Element für diese Entwicklung ist in der Menschheit nicht da. (…)

S. 68. „Noch ist der deutschen Sozialdemokratie kein wahrhaft neuer, fruchtbarer Gedanke entsprungen, nicht, was nicht schon in Frankreich durch Wort und That seine Widerlegung gefunden hätte.“

Anmerkung. Kennen Sie, Herr v. Treitschke, das „Kapital“ von Marx und die an dies wissenschaftliche Hauptwerk des deutschen Sozialismus sich anschließenden volkswirthschaftlichen Schriften Lassalles – oder nicht? Im ersteren Falle machen sie sich der gröblichsten, wissentlichen Unwahrheit schuldig, im zweiten haben Sie nicht das Recht, auch nur eine Zeile über den Sozialismus drucken zu lassen. Und welche Idee von Lassalle oder Marx hat in Frankreich schon durch Wort und That ihre Widerlegung gefunden? Sollten Sie etwa an Lassalles Produktivassoziationen mit Staatskredit gedacht und dieselben für einen Abklatsch der Nationalwerkstätten von 1848 gehalten haben? Nahe genug liegt die Vermuthung, aber sie ist trotzdem unstatthaft, denn man müßte schon ein Treitschke sein, um ohne zwingendste Beweise einem politischen Gegner eine so kolossale Unwissenheit zu imputiren, zumal Lassalle selbst diese Verwechselung jedem Menschen, der lesen kann, einfach unmöglich gemacht hat.

S. 68. „Der leitende Gedanke der ganzen Richtung (Sozialismus) ist unzweifelhaft die nackte Sinnlichkeit, die grundsätzlich Verleugnung alles dessen, was den Menschen über das Thier erhebt.“

Anmerkung. Beweise, Herr v. Treitschke, Beweise und sei es nur ein Beweis, oder auch nur der Schatten eines Beweises aus irgend einem sozialistischen Programme, aus Rede oder Schrift auch nur eines Sozialisten! (…)

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Was Herr v. Treitschke über die Ehe sagt, daß nämlich die Monogamie die absolute Form der Ehe ist, welche wohl in Nebendingen verbessert, aber im Wesen nicht übertroffen werden könne, das hat noch kein Sozialist  bestritten, am allerwenigsten Lassalle, und bestreitet noch heute keiner. (…)

Natürlich kämpft Herr v. Treitschke mit seinem Plädoyer für die Heiligkeit und Unverletzlichkeit des Privateigenthums nicht gegen den Sozialismus – denn es ist eine einfache Lächerlichkeit, den Sozialismus, welcher das heiligste und höchste Eigenthumsrecht des Menschen, das Recht jedes Arbeiters an dem vollen Ertrage seiner Arbeit, auf die Fahne geschrieben hat zum Gegner des Eigenthums Stempeln zu wollen, – sondern gegen den Kommunismus, ein Unterschied freilich, den sich Herr v. Treitschke nie klar gemacht zu haben scheint. Der Kommunismus erstrebt allerdings eine Gemeinsamkeit der Arbeit und des Arbeitsertrages, zu welchem die Umwandlung des Privateigenthums in gesellschaftliches Eigenthum Vorbedingung ist. (…)

Endlich geht Herr v. Treitschle dazu über, auf Seite 81 bis 110 seiner Arbeit die „Gliederung der Gesellschaft abzuhandeln, die nach seiner Ansicht keine historische, sondern eine logische Kategorie sein soll. Auf diesen Theil trifft das grausame aber richtige Urtheil Braun = Spener’s, daß Herr v. Treitschke sein Thema nicht „systematisch deduktiv“, sondern „sententiös rhapsodisch“ behandele, am schärfsten und unerbittlichsten zu. Von einer folgerechten Gedankenentwicklung ist absolut keine Rede; auf den ganzen achtundzwanzig großen Seiten kommt kein einziger nationalökonomischer Begriff, keine einzige statistische Zahl, keine einzige Berufung auf irgend einen wissenschaftlichen Oekonomen, gleichviel welcher Richtung – abgesehen von einigen Nörgeleien gegen Brentano und Schmoller – vor; Hr. v. Treitschke, als ob Niemand vor ihm über volkswirthschaftliche Dinge geschrieben hätte, schafft eine neue Welt; nur schade, daß diese Welt das tollste, verwirrteste Chaos ist, welches je ein unklarer Kopf in der sachlichsten und trockensten aller Wissenschaften ersann. (…)

Nr. 100                                                   Freitag, 28. August                                              1874

Herr von Treitschke der Sozialistenfresser mit Anmerkungen. (Schluß)

S. 82. „Die Millionen müssen ackern, schmieden und hobeln, damit einige Tausend forschen, malen und regieren können. Umsonst versucht der Sozialismus durch leeres Wuthgeschrei diese herbe Erkenntniß aus der Welt zu schaffen.“

Anmerkung. Fällt dem Sozialismus gar nicht ein, Herr v. Treitschke. Was Sie hier gegen ihn vorbringen, hatte allenfalls einen Sinn, als er nur noch in der Form allgemeiner Weltbeglückungstheorien in phantastischen Köpfen existirte. Das ist freilich schon manches Jahrzehnt her; seitdem hat er eine lange Entwicklung gehabt und wissenschaftliche Form und Gestalt angenommen, und daß Sie heute noch mit den abgedroschenen Redensarten der Philister der dreißiger Jahre debutiren, beweist eben nur, daß Sie sich nie in Ihrem Leben mit nationalökonomischer Wissenschaft abgegeben haben.

S. 82. „Das Seherwort des Aristoteles: „wenn die Weberschiffchen von selber gehen, brauchen wir keine Sklaven mehr“, ist längst in Erfüllung gegangen.“ S. 83. „Andererseits gehen die Weberschiffchen nicht ganz von selbst. Man denke noch so hoch von der möglichen Vervollkommnung des Maschinenwesens; es wird doch ewig dabei bleiben, daß Millionen mit Schmutz und Unrath, mit häßlicher und eintöniger Arbeit sich befassen müssen.“

Anmerkung. Also, Hr. v. Treitschke, gehen die Weberschiffchen des Aristoteles von selbst oder nicht? Erst sagen Sie Ja, mit der Miene eines Mannes, der von einer längst bekannten Thatsache spricht; ein Dutzend Zeilen weiter aber sagen Sie nicht nur Nein, sondern erklären das Ideal des Aristoteles kurzweg für in alle Ewigkeit unmöglich. Und ein Kopf, in welchem eine so gräuliche

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Konfusion herrscht, will Lassalle und Marx, will Brentano und Schmoller meistern? (…)

Nr. 112.                                                Freitag, 25. September.                                           1874

ABC des Wissens für die Denkenden. (Fortsetzung)

Gesetzt, es wäre eine Fortdauer nach dem Tode möglich, und ihr Zweck wäre Lohn oder Strafe, so muß beides gerecht sein, wenn das Ganze glaubwürdig sein soll. Nun aber hat auf Erden schon die Menschennatur sich selbst gerecht und genügend belohnt und bestraft, so daß die jenseitige Vergeltung nachbeiden Seiten hin, und daß ihr Lohn zu viel thun, d. h. ungerecht ausfallen würde. Blos in dem Falle, daß die Menschengesellschaft zu der natürlichen Vergeltung noch eine weitere gefügt hätte, und daß ihr Lohn oder ihre Strafe ins Mißverhältnis zum Verdienste getreten wäre, bliebe dem Jenseits etwas auszugleichen übrig. Für alle hienieden unbestraft gebliebenen Verbrechen und Vergehen würde dort die Strafe, für alle hier unbelohnt, für alle hier unbelohnt gelassenen bürgerlichen Verdienste würde dort der Lohn nachgeholt. Da jedoch der Fall alltäglich ist, daß ein und derselbe Mensch in dem anderen Falle eine Schuld, im andern ein Guthaben im Buche des Lebens stehen hat, so müßte Jedermann in die Hölle und auch in den Himmel kommen. Aber wie ist das möglich? Nur so, daß zuerst eine Zeitlang Hölle und dann die ganze Ewigkeit Himmel käme, oder umgekehrt. Allein damit hört ja die Ewigkeit des Lohns und der Strafe auf welche vorausgesetzt war, und das Mißverhältnis wird nur immer schreiender. Verdienstüberschuß, der auch noch so gering wäre, würde nach einem kurzen Aufenthalt in der Hölle mit einer ewigen Himmelsfreude ausgeglichen; Schuldüberschuß, wenn auch noch so gering, würde nachdem vorher der Geschmack an der ewigen Seligkeit recht geschärft worden wäre. Durch hoffnungslose Verdammiß vergolten- Und wenn nun der biblische Wink dabei berücksichtigt wird, daß die Seligen sollen die Qualen der Verdammten mit ansehen können, sowie umgekehrt die in der Hölle schmachtenden ihre Qualen durch das Anschauen des Glücks der Seligen verschärft finden: so tritt die bodenlose Ungerechtigkeit, welche dieser ganzen Weltanschauung zu Grunde liegt in ein abschreckendes Licht.

Sollten wir annehmen, daß Gott selbst solche Ungeheuerlichkeiten zu glauben und vorgeschrieben habe? – Das wäre Gotteslästerung; wir können und keinen so ungerechten Gott vorstellen, geschweige denn als heilig anbeten. (…)

Nr. 120.                                                 Dienstag, 13. Oktober.                                          1874.

Politische Uebersicht.

Die Affäre Arnim – Bismarck liegt den Freunden des „Genialen“ ebenso schwer im Magen, wie diesem selbst. Sie merken, daß es sich um ein Spiel handelt, das gewonnen werden muß, wenn der Spieler nicht bankrout machen soll; und trotz der Bemühungen Wageners, der mit Stieber in Companie arbeitet, hat es nicht gerade den Anschein, als werde das Spiel gewonnen werden. Das Reptiliengesindel streut die blödsinnigsten Lügen und Verdächtigungen aus, sucht aber, was sehr charakteristisch, den Glauben zu erwecken, Fürst Bismarck habe mit der ganzen Geschichte nichts zu thun; die Gerichte seien aus eigenem Antrieb eingeschritten, – die preußischen Gerichte, deren Unabhängigkeit ja Jedermann kenne. Nun, das Papier ist geduldig, und Tessendorf läßt’s sich schon mal gefallen, daß man ihn zum selbstständigen Aktor auf den Brettern der hohen Politik macht. Ja, es muß ihm schmeicheln. Man denke nur falls die Sache schief geht, wäre Tessendorf nicht der von Bismarck nach Nassenheide „kommandirte“ Staatsanwalt, der einfach Ordre parirte, sondern der unbestechliche unbeeinflußbare Rechtsfanatiker, der furchtlos den Weg der Pflicht wandelte, auch auf die Gefahr hin, dem großen Staatsmann den Hals zu brechen, und ihm auch wirklich den Hals brach. – Doch letzteres ist noch nicht geschehen, und en attendant (in Erwartung dessen) sucht

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Fürst Bismarck möglichst viel Heu einzuheimsen, solange der Sonnenschein dauert. Schreibt man z. B. aus Lauenburg an die „Schleswig Holstein’sche Landeszeitung“, der herrliche „Sachsenwald“ werde in einer Weise ausgenutzt, die zwar dem momentanen Eigenthümer sehr vortheilhaft sei, aber den Wald ruinire. Der Eigenthümer des, beiläufig auf 4 Millionen taxirten Sachsenwaldes ist Fürst Bismarck, der diesen fetten Bissen bekanntlich zum Lohn für den heiligen Krieg einverleibte.

Aus sicherer Quelle erfahren wir, daß Herr Wagener (von Dummerwitz) dem Kathedersozialistenkongreß im Auftrag des Fürsten Bisamrck und als dessen Vertreter beiwohnt. Wir gratuliren den Kathedersozialisten, dem Hrn. Wagener und dem Fürsten Bismaarck.

Nr. 127.                                                Freitag, 30. Oktober.                                               1874.

Die Kathedersozialisten und der Arbeitsvertragsbruch*).

Der Verein der Kathedersozialisten oder, wie er sich später verschämt genannt hat, für Sozialpolitik, hat durch den Beschluß über die Strafbarkeit des Kontraktbruchs seine eingene Todtenglocke geläutet. Es war von vornherein für jeden halbwegs Verständigen nicht zweifelhaft, daß eine Vereinigung von so heterogenen Elementen, wie sie allgemach in Eisenach zusammenfanden, auf die Dauer unmöglich Stand halten konnte. Männer, wie die Professoren Adolf Wagner, Gustav Schmoller konnten unmöglich auf die Dauer mit nationalliberalen Realpolitikern von dem Schlage eines Gneist und Sybel oder gar mit Anhängern des plattesten = vulgärökonomischen Manchsterthums à  la Cras an einem Srange ziehen. (…)

Möge nun ein solcher Plan in Wahrheit bestanden haben oder nicht, der Erfolg ist jedenfalls eingetreten, das hat die diesjährige Verhandlung über die Bestrafung des Bruchs des Arbeitsvertrags aufs evidenteste ergeben. Dieses platte Project bornirtester Afterweisheit ist von dem Verein mit 31 gegen 27 Stimmen angenommen worden, nachdem der Referent Professor Held aus Bonn, Max Hirsch und Professor Rösler dagegen, der Correferent Redakteur Dannenberg aus Hamburg, Landrath Tiedemann und Professor von Sybel dafür gesprochen hatten. Interessant wäre es, die Namen sämmtlicher Votanten zu erfahren, das Gewicht der 27 Stimmen der Minderheit würde sich der Spreu der Majorität gegenüber imposant (?) genug ausnehmen. (…)

Doch wir thaten den 31 beinahe schon Unrecht. Die Begründung hinkt ja in der dritten These nach, nachdem ihr in der zweiten These ein mächtiges Fundament errichtet ist. „Die civilrechtliche Schadensersatz = Klage hat sich – so heißt es – in den meisten Fällen als gänzlich unwirksam zur Verhütung und Bestrafung**) des Kontraktbruches erwiesen“ und „deshalb“ – nun deshalb ist eine strafrechtliche Verfolgung desselben und der Verleitung hierzu nicht nur zulässig, sondern sogar nothwendig. Papinian und Feuerbach, Hegel und Kant und wie Ihr Juristen in Himmel und Hölle alle heißen möget, helft meinem armen zermarterten Menschengehirn doch über dieses Dilemma hinweg. Ich hatte in Eurer Schule gelernt, daß die Göttin der Strafrechts zwar eine strenge, aber hehre und erhabene Göttin sei, welche nicht nach Nutzen, Vortheil und Zweckmäßigkeit, sondern nur danach fragt, ob die zu bestrafende Handlung eine Verneinung des allgemeinen Rechtsstandes ist, – nämlich die Nichterfüllung eines Vertrages – blos deshalb, weil die Schadensersatzklage wahrscheinlich ohne Erfolg, d. h. weil der Betreffende ein armer Schlucker ist. Und es wird noch toller, eine neue Periode der Rechtswissenschaft beginnt und Eure alte schweinslederne Gelehrsamkeit wird kläglich zu Schanden. (…)

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Nr. 139.                                                Sonntag, 29. November                                          1874

Politische Uebersicht.

Der Culturkampf hat zwei Wirkungen, die für den Culturkampf, die von den Culturkämpfern nicht vorausgesehen worden sind: aus der einen Seite stärkt er den Katholizismus in fast beängstigender Weise, auf der anderen Seite schwächt er den Protestantismus, ja löst ihn in rapider Weise auf. Und Dies kann und schon für Jenes entschädigen. Woher die Verschiedenheit der Wirkung auf die zwei christlichen Konfessionen? Antwort: Der Katholizismus ist noch eine Religion, und der Protestantismus ist keine Religion mehr. Der Protestantismus hat aus alter Gewohnheit noch ein religiöses Mäntelchen, das er jedoch nur bei besonderen Festlichkeiten trägt, und für’s  Werktagleben nicht brauchen kann. Natürlich giebt’s viele Protestanten, die Religion haben, und viele Katholiken, die keine haben, allein im Durchschnitt läßt sich sagen: der Katholik glaubt, der Protestant glaubt nicht. Der Gläubige wird durch jeden Angriff auf seinen Glauben in diesem seinen Glauben befestigt. Anders der Ungläubige, der durch Angriffe auf das, was er nur gewohnheitsmäßig oder aus Convenienz Glauben nennt, vollends gleichgültig gemacht wird. Nun sind aber die Glaubenssätze des Protestantismus im Wesentlichen identisch mit denen des Katholizismus, und jeder Hieb, der während des Kulturkampfes gegen den Katholizismus geführt worden, hat auch den Protestantismus getroffen, und die nothwendige Folge ist, daß während der gläubige Katholik für den Katholizismus fanatisirt wird, dem Ungläubigen Protestanten der letzte Rest von Respekt vor dem Protestantismus abhanden kommt. (…)

Nr. 150.                                               Freitag, 25. Dezember                                         1874

Parteigenossen! Arbeiter! Männer des Volks!

Ein neues Quartal beginnt in den nächsten Tagen; der „Volksstaat“ wendet sich an Euch. Er fordert Eure Unterstützung, und er hat ein Recht dazu, denn in kehr als fünfjährigem Kampf ist er bereits für die Arbeiterrechte und die Besserung Eurer Lage eingetreten. Maßregelungen und Verfolgungen sind ihm dafür zutheil geworden, wie kaum einem anderen Blatt der deutschen Presse. Aber wie auch die Feinde der Arbeitersache von allen Seiten ihn anfallen und bekämpfen mögen, kühn und unentmuthigt verfolgt er seinen Weg, das Banner hochhaltend, auf dem geschrieben steht: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit! Tod der Noth und dem Müßiggang! (…)

Nr. 152.                                                Donnerstag, 31. Dezember.                                    1874

Politische Uebersicht.

Amerikanische Zustände. Man schreibt uns aus Philadelphia:

„Ich traute meinen Augen nicht, als ich in Nr. 134 des „Volksstaat“ die Correspondenz aus preußisch Schlesien las, laut welcher 75 junge Leute nach Amerika geschachert werden sollen. – Hierher , wo die Noth der Arbeiter geradezu schrecklich ist, wo Hunderttausende von Arbeitern brodlos sind, wo Tausende um das Essen arbeiten würden, wo Fabrikschließung und Lohnreduktion an der Tagesordnung sind – angesichts solcher Thatsachen sucht man noch 75 Arbeiter mehr in eine solche traurige Lage zu bringen? Giebt es wohl einen zu starken Ausdruck des Abscheues für solche Unmenschlichkeit? Die amerikanischen Bourgeois wälzen frecher als irgend andere, die Folgen ihrer Mißwirthschaft auf die breiten Schultern der Arbeiter ab. „Ihr habt zu viel producirt“ wirft man uns vor. „Ueberproduktion! Ueberprodultion! Jammern die Tagesblätter; und gleich in der nächsten Nummer verkünden sie, daß der achtstündige Normalarbeitstag die Fabrikanten ruinire. Welche Logik! Und wenn es wirklich so wäre, daß durch die Verkürzung der Arbeitszeit die Fabrikanten ruinirt würden, daß sie arbeiten müßten – wäre es dann nicht besser, wenn ein paar Tausend Faulenzer zu Arbeitern gemacht würden, als das Millionen von braven Arbeitern im Elend verderben?

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