Christliches Manifest
Christliches Manifest

 

                                       Der Volksstaat

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Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der internationalen   Gewerksgenossenschaften.

Zum Jahreswechsel.

Die deutsche Sozialdemokratie hat alle Ursache mit Befriedigung auf das Jahr 1875 zurückzublicken. Bei Beginn desselben in zwei, wenn auch nicht mehr feindliche, doch noch immer auseinanderstehende Organisationen geschieden, ist sie heute in eine Organisation zusammengewachsen, ein Körper, eine festgeschlossenen Phalanx, unter eine Fahne maschirend. Der Einigungsprozeß von Gotha wurde das Grütli der deutschen Arbeiter, und die Brüder, die sich wieder gefunden haben, sie werden in keiner Noth sich trennen und Gefahr. (...)

Nr. 15.                                                       Sonntag, 6. Februar.                                                  1876

Die Regierung des deutschen Reichs und der Reichstag in ihrer Stellung zu Sozialdemokratie.

In welcher Stellung die gegenwärtige Regierung des deutschen Reichs und die „Volksvertretung“ im Reichstage der sozialistischen Partei gegenüberstehen, wurde, wie bereits erwähnt, durch die Verhandlungen der 39. Reichstagssitzung, v. 29. Januar v. J., so offen und klar, wie bislang noch nie, gezeigt. Nachfolgend der stenographische Bericht.

Bevollmächtigter zum Bundesrath für das Königreich Preußen, Staatsminster und Minister des Inneren Graf zu Eulenburg: Meine Herren, der § 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Was Sozialdemokratie ist, welche Bestrebungen, welche Erfolge sie hat, werde ich mir erlauben, Ihnen mit wenigen Worten auseinander zu setzen, und ich will das an dieser Stelle thun, weil ich befürchte, daß, soviel auch von diesem Thema gesprochen und darüber geschrieben wird, doch nur verhältnißmäßig Wenige sich eine richtige Vorstellung von den

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bestehenden Zuständen machen, während die Mehrzahl diese wenn auch im Allgemeinen als

gefährlich von ihr erkannte Frage, von sich fern zu halten sucht, weil sie eben nicht zu dem Entschluß kommen kann, dieselbe fest anzusehen und fest anzugreifen. Ich bleibe dabei ganz sachlich und werde am Schlusse meiner Darstellung die Bitte an Sie richten, dem Staate diejenigen Waffen in die Hand zu geben, die er gegen staatsfeindliche Tendenzen braucht. (…)

Nr. 17.                                                  Freitag, 11. Februar.                                                 1876

Bau und Leben des sozialen Körpers. Von Johann Most  IV. (Schluß des vierten Abschnitts)

Der Raum, welcher mir gesteckt ist, gestattet mir, wie gesagt, im Allgemeinen kein näheres Eingehen auf Einzelheiten, doch will ich, gleichsam als Probe, das Wesentliche von dem anführen, was Schäffle über die Klassen sagt. Er führt die Klassenschichtung auf gleiche Besitzverhältnisse zurück und läßt sie „im Unterschiede der Größe und der Art des Besitzes von Einkommensquellen“ wurzeln.

„….Der Reichthum an Profit und Zins gebenden Vermögen erklärt die Macht, welche die besitzenden Klassen erlangen und behaupten, eine Macht, welche auch die Fähigkeit verleiht, in Staat und Kirche den Löwenantheil der Macht und Besoldung zu erlangen, Wissenschaft Kunst,  und Intelligenz dem Besitz dienstbar zu machen oder ihm zu verschwistern…. In unserer Zeit hat denn auch die nichtbesitzende Klasse ganz scharf den privaten Besitz an den Produktions = und Umsatzmitteln, d. h. am Kapital, in Frage gestellt. Man kann mit vollem Recht behaupten, daß der Unterschied des wirthschaftlichen oder Erwerbsbesitzes bis auf den heutigen Tag die Klassenbildung hauptsächlich beherrscht hat und auch fortan so lange beherrschen wird, als die bisherige Organisation des sozialen Stoffwechsels, d. h. die Ueberweisung der sozialen Produktions = und Umsatzberufe an konkurrirende Privatinteressen andauern wird. Den Klassengegensatz aus der Geschichte, die er bisher so stark beeinflußt hat, tilgen, gleichwohl aber eine Volkswirthschaft der Privaterwerbskonkurrenz beibehalten wollen, ist theoretisch ein innerer Widerspruch und praktisch ein vollkommen hoffnungsloses Unterfangen. (…)

Nr. 21.                                                      Sonntag, 20. Februar.                                               1876.

Auch unser Fürst = Reichskanzler.

Steckt mit dem genialen Kopf tief in den Plattheiten der Bourgeois = Oekonomie. Er ließ am 9. Februar im Reichstage die schlechte Presse ein Erhebliches zum Ruin der Geschäfte beitragen, „durch Entstellung der Tatsachen in Bezug auf Krieg und Frieden, durch Hetzereien in der auswärtigen Politik“. „Die Geschäfte leiden auch unter einer anderen Art von Presse, die im Dunkeln wirkt, nur bei dem Lichte ihrer eigenen Blendlaterne, in den Kreisen der ärmeren und unzufriedenen  Theilen der Bevölkerung. Der gemeine Mann kann diese Blätter in keiner Weise controliren; er glaubt, und mit Recht, daß er in einer schlimmen Lage ist; aber er glaubt mit Unrecht, daß dieser Lage durch weniger Arbeit und durch Anweisung auf das Vermögen seiner Mitbürger dauernd abgeholfen werden kann. Die sozialdemokratischen Umtriebe sind wesentlich mit Schuld an den gegenwärtigen Nothständen. Sie haben die Arbeits = und Cocurrenzfähigkeit des Volkes vermindert.“

„Sorgen Sie dafür,“ sagte er zu den Reichstagsleuten, „daß wir nicht in ein gewisses Maß der Verarmung gerathen, und schaffen sie andere Abhilfe.“

Arbeiter, hört, hört! Der Kanzler und der Camphausen pfeifen aus einem Loch. Sie beschuldigen die Sozialdemokraten, geholfen zu haben, daß während der flotten Geschäftszeit

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Eure Prinzipale den Lohn um ein paar Groschen erhöhen und Euch ein Stündchen Zeit bewilligen mußten zum Nachdenken, ob Ihr neben dem Beruf, „rohe Arbeit“ zu thun für die herrschenden Klassen. (…)

Politische Uebersicht.

Einen Denkzettel für Bismarck hat die „Kreuzzeitung“ in einer ihrer letzten Nummern mit vielem Geschick zu Stande gebracht. Der „Herr Reichskanzler“ erklärte bekanntlich in der Reichstagssitzung vom 9. Januar, die „Kreuzzeitung“ habe „ehrlose Verleumdungen“ gegen Minister geschleudert, aber diese Verleumdungen in eine Form gekleidet, die sie „juristisch nicht verfolgbar“ mache. Nachdem er diesen Scherz ganz ernsthaft an den Mann gebracht, forderte der Reichsgewaltigste die Leser der „Kreuzzeitung“, welche noch auf „Ehre, Anstand, christliche Gesinnung und Sitte“ hielten, auf, ein solches Blatt fernerhin nicht durch ihr Abonnement zu unterstützen, widrigenfalls sie für dessen Handlungsweise mit verantwortlich gemacht werden könnten. Dieser unzweideutigen Achterklärung gegenüber dreht die „Kreuzzeitung“ den Spieß um und erinnert den Kanzler an die Kampfweise, welche sie zu verfolgen genöthigt war „als Herr Wagener das Blatt leitete und Herr Otto von Bismarck = Schönhausen ein regelmäßiger Mitarbeiter war.“ (…)

Nr. 22.                                                      Mittwoch, 23. Februar.                                               1876

Rede des Abgeordneten Hasselmann in der Reichstagssitzung vom 31. Januar bei der zweiten Berathung über das Hülfskassengesetz.

Meine Herren, es wurde soeben gefragt, wie sich die Sozialdemokratie zu dem vorliegenden Entwurf respective zu den Zwangskassen stelle, und deswegen seitens derselben nicht weiter vorliege als ein Antrag, der nur ein eventueller ist, um festzustellen, daß die Knappschaftskassen der Bergleute in derselben Weise einer Besserung bedürftig sind, wie jene der Fabrikarbeiter und gewerblichen Gehilfen. Der Grund dieser Haltung ist sehr einfach. Die Sozialdemokraten verhalten sich vollständig ablehnend zu diesem Entwurf, indem sie ihn für unverbesserlich erachten. Es gibt drei Dinge, welche den Entwurf gänzlich durchdringen, und welche vollständig von den Arbeitern verworfen werden: einmal die Betheiligung der Fabrikanten an den Kassen, zweitens die Mitwirkung der Gemeindebehörden, welche bekanntlich aus einem sehr reactionären Klassenwahlsystem hervorgehen, und drittens eine Anzahl Punkte dieses Entwurfs, welche sich dem freien Kassenwesen und dem Nutzbringenden, welches die Arbeiter bis jetzt auf statistischem Wege in Erfahrung gebracht haben, entgegensetzen. Dies veranlaßt eine große Menge Arbeiter, und zwar nicht blos sozialistische, von diesem Entwurf, selbst wenn er „verbessert“ werden sollte, nichts Gutes weiter zu erwarten. (…)

Nr. 29.                                                      Freitag, 10. März.                                                   1876

Liebknecht’s Rede in der Reichstagssitzung am 10. Februar bei der dritten Berathung der Strafgesetznovelle zu § 353 a (siehe das i. V. angedruckte Gesetz.*)

Meine Herren, der Gesetzesparagraph, über den ich jetzt rede, widerspricht einem allgemein anerkannten Grundsatz, nämlich dem, daß die Politik nicht in die Jurisprudenz eingeführt werden soll. Dieser Grundsatz ist deshalb angenommen, weil politische Vergehen, politische Verbrechen nicht in so scharfer Weise getrennt werden können wie gemeine Verbrechen, ja weil sie überhaupt nicht definirt werden können, und zwar aus dem Grunde, weil auf politischem Gebiete das ,was in den Augen des Einen ein Vergehen und Verbrechen ist, dieses nicht in den Augen des Andern ist, sondern häufig geradezu eine verdienstliche Handlung.

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Darum hat man wohlweislich diesen Grundsatz festgestellt; und wenn man von demselben abweicht und sich einmal auf die schiefe Ebene der Praxis begiebt, die Politik in das Strafgesetz einzuführen, so wird dadurch das Rechtsgefühl im Volke erschüttert, der Glaube an das Gesetz wankend gemacht, denn das Volk sieht, daß das als Verbrechen hingestellt wird, was nach dem Gefühl des Volkes kein Verbrechen ist. (…)

*) Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Liebknecht sich zu diesem Paragraphen  blos in der Absicht zu Wort gemeldet hatte, dem Fürsten Bismarck (wenigstens indirekt) auf seine „Genialitäten“ vom Tage vorher  repliciren zu können. – Der Ordnungsruf, den eine Anzahl Nationalliberaler in servilen Uebereifer forderten, konnte nicht ertheilt werden, weil der angeblich unparlamentarische Ausdruck (verbrecherische Thorheit) Tags zuvor von Bismarck gegen die Sozialdemokraten, einschließlich gegen die sozialistischen Abgeordneten gebraucht, und vom Präsidenten nicht beanstandet worden war. Fürst Bismarck, das sei noch bemerkt, befand sich, während Liebknecht sprach, im Hause, antwortete jedoch nicht, er scheint also binnen 24 Stunden seine Ansicht, daß man den sozialistischen Reichstagsrednern entgegentreten müsse, geändert zu haben. (…)

Nr. 33.                                                    Sonntag, 19. März                                                    1876

C. Die Lage in Frankreich.

Wenn wir die Gewißheit vor uns sähen, daß sich die heutige Klassenherrschaft auf dem Wege des Parlamentarismus, der bis jetzt ihr Werkzeug gewesen ist. Unter der bloßen Anwendung des allgemeinen Stimmrechts, wie es heute gehandhabt wird, in eine unseren Idealen entsprechende Gesellschaftsform umwandeln ließe, so müßten wir über den Ausfall der Deputirtenwahlen in Frankreich sehr betrübt sein. Denn unter den 520 bis jetzt gewählten Mitgliedern der Deputirtenkammer befinden sich kaum acht bis zehn, , die wir als Sozialisten, als Gesinnungsgenossen begrüßen können; alle übrigen sind mehr oder weniger eifrige, mehr oder weniger energische der heutigen bürgerlichen Produktionsweise und somit, wenn auch nicht der rechtlichen, so doch der faktischen Kapitalprivilegien. (…)

Darf uns jedoch deshalb die Zusammensetzung der gesetzgebenden Versammlungen gleichgültig sein? Keineswegs und am wenigsten die Zusammensetzung solcher Vertretungskörper die aus dem gleichen und direktem Wahlrecht aller Staatsbürger hervorgehen.

Ist das allgemeine Stimmrecht kein Zaubermittel, keine Wunderlanze, so ist es darum doch für die Arbeiter ein wichtiges, ja unentbehrliches Instrument zu ihrer Befreiung. Sie benützen es als ein Mittel, sich zu zählen, Propaganda zu machen, sich zu organisiren und zu diszipliniren, die starken und die schwachen Seiten ihrer Gegner kennen zu lernen, deren Gesetzgebungs = und Regierungskunst zu durchschauen, ihr Gutes nachzuahmen, ihre Fehler zu vermeiden, ihr Streiche aufzudecken. Mit ihr treten wir ein in den Rath der herrschenden Gesellschaft, wenn auch als scheel von der Seite angesehene Gäste; wir ergreifen Besitz, machen unsere Ansprüche geltend und formuliren die Streitfrage. (…)

So geht man schon längst mit dem Plane um, in Deutschland das allgemeine Stimmrecht wieder zu beschränken. In Frankreich that dies bekanntlich die Bourgeoisie 1849 und verhalf dadurch Bonaparte zur Herrschaft, der das allgemeine Stimmrecht wieder einführte, um die damit in Schach zu halten, was so lange gut ging, bis es wieder unangenehm wurde und der Dezemberheld, trotz des Wohlwollens seiner „guten Brüder“ im In = und Ausland, den Weg seiner Vorgänger Carl X. und Louis Philippe gehen mußte. (…)

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Nr. 35.                                                  Freitag, 24. März.                                                    1876

Sozialdemokratische Philosophie. Von J. Dietzgen  II. (Schluß)

Bekanntlich gingen die Scholastiker des Mittelalters darauf aus, die religiösen Dogmen mit der Vernunft zu begründen. Sie thaten damit etwas, was sie nicht wollten und ahnten, sie setzten dir vernünftige Begründung über die religiöse, machten also thatsächlich die Vernunft zum „höchsten Wesen“. Aehnlich erging es der Philosophie. Indem sie die große Lebensfrage wissenschaftlich lösen wollte, verdrehte sich ihr die Sache, die sie nicht anzugreifen wußte, und die wissenschaftliche Lösung, die Theorie der Kopfarbeit, wurde zum eigentlichen Gegenstande, zur Lebensfrage. Alle hervorragenden philosophischen Werke, die neuesten am deutlichsten, bestätigen, nicht bewußt, aber thatsächlich, diesen Hergang. Ja, schon die Titel der betreffenden Hauptwerke, Bacon von Verulams „Organon“ bis auf Hegel’s „Logik“ von Schopenhauers „Vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“, verrathen den Sachverhalt. (…)

Die Philosophie „theilt mit den besonderen Wissenschaften den Gegenstand ihres Forschens: das All mit seinem gesamten Inhalt, und bedient sich desselben Mittels zu ihrer Arbeit, nämlich des Gedankens“. Aber worin besteht denn nun der Unterschied, das charakteristische der Philosphie? V. Kirchmann sagt, in der Methode. Angenommen: die Philosophie und die Naturwissenschaften haben denselben Gegenstand und dasselbe Instrument, aber verschieden Handthierung. Dann fragt sich, was kommt bei der Verschiedenheit heraus? Die Resultate der Naturwissenschaft sind bekannt. Was hat nun die Philosophie aufzuweisen? V. Kirchmann verräth das Geheimniß: sie schützt Religion, Staat, Familie und Moral. Die Philosophie ist keine Wissenschaft, sondern ein Schutzmittel wider die Sozialdemokraten. Da ist es denn kein Wunder, daß die Sozialdemokraten ihre eigene, ihre Spezialphilosophie haben.

Und nun glaube man nicht, v. Kirchmann bilde eine Ausnahme, er sei kein echter Philosoph. Er ist im Gegentheil ein Mann von anerkanntem Ruf und spricht hier genau im Sinne der Facultät. Besonders das Wort von der absoluten Voraussetzungslosigkeit ist eine allgemein anerkannte treffende Bezeichnung der philosophischen Methode. Die „besonderen Wissenschaften“, wie der gesunde Menschenverstand, beziehen Wissen mit Hilfe des Intellects aus der Erfahrung, aus dem Material der Welt. Sie forschen mit offenen Augen und Ohren, und was sich also sehen und hören läßt, nennt die Philosophie „Voraussetzung“. In ihrem überspannten Dünkel, der nach dem „ewigen Schatz“ sucht, sind ihr die „Erscheinungen“ der Welt und des Lebens ein nichtiger Rost = und Mottenfraß. Zwar heißt es, sie fuße auf allen ihr zugänglichen Ergebnissen der besonderen Wissenschaften, doch ist das nur eine Concession, die man zu machen sich gezwungen findet, eine Inconsequenz, die ganz der allgemeinen philosophischen Confusion entspricht. Sie spricht nun mit dem linken Mundwinkel, mit dem rechten spricht sie von dem an „die Spitze gestellten Prinzip“ der Voraussetzungslosigkeit, dem sie grundsätzlich nachjagt, das sie jedoch nimmer hat erreichen können. Der ganze Wischiwaschi will sagen, daß die Philosophie keine Wissenschaft ist, sondern der radicale Holzweg im Gebrauch des Intellects. Ihr Resultat ist die Einsicht, daß mit dem innern Kopf allein keine Wahrheit, kein Prinzip zu finden ist, keine Lebensräthsel zu lösen sind, das vielmehr das menschliche Erkenntnißvermögen ein inductives Instrument ist, welches stets und überall Erfahrungsmaterial voraussetzt.

Dies lehrt die classische Philosophie. Ihre heutigen Nachtreter und Widerkäuer aber haben aus leicht erklärlichen Gründen diese Lehre nicht capiren können. Sie sind berufen, Religion, Staat, Familie und Moral zu schützen. Sobald sie diesem Beruf untreu werden, hören sie auf Philosophen

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zu sein und werden Sozialdemokraten. Was sich „Philosoph“ schreibt, Professor und Privatdozent, alles steckt trotz der scheinbaren Freigeisterei mehr oder minder im

Aberglauben, in der Mystik, alles ist Speck wie Schwarte, von einer Art, und bildet gegenüber der Sozialdemokratie eine einzige Punkto Punkti ungebildete reactionäre Masse.

Nr. 42.                                                   Sonntag, 9. April.                                                     1876

Die Schöpfung und Ausbreitung sozialistischer Institutionen

Vollzieht sich vor den Augen und unter den Händen des Klassenstaats. So sehr auch Regierung und Bourgeoisie die Sozialisten hassen, so fanatisch sie auch am individuellen Eigenthum und Grundsatz der freien Beraubung Aller durch Alle hängen, so wenig können sie doch die immer ausgeprägtere und weitgreifendere sozialistische Gestaltung der wirthschaftlichen Institutionen hindern. Der Troß der Liberalen und aller nichtsozialistischen Parteien ahnt kaum, um welch‘ gewaltige Prinzipienrevolution in erster Linie und um was für eine allumfassende praktische Umgestaltung in letzter Instanz es sich handelt, wenn heut z. B. riesige Versicherungsgesellschaften gegen alle möglichen schadenbringenden Zufälle entstehen, oder wenn an Stelle der Privatunternehmerschaft im Eisenbahnwesen das Reich als Repräsentant der Volksunternehmerschaft tritt. Aber schon tönen ziemlich vernehmliche Stimmen im Bourgeoisielager, die über das Umsichgreifen sozialistisch angehauchter Wirthschaftsgestaltungen Gewalt schreien. In der „Concordia“ finden wir unter anderem eine von dem wüthenden Sozialistenhasse Schulze, vom „Mittelrhein“ geschriebenen Artikel, der da zeigt, daß auch einmal einem verbohrten Manchestermann das Licht zeitweiliger Erkenntniß aufgehen kann. (…)

Durch unser modernes Staats = und Gesellschftsleben geht, das kann nur der gänzlich Urtheilslose verkennen, ein mächtiger sozialistischer Zug. Schulwesen, wirthschaftliche Vereine, Post = und Telegraphengesetzgebung – sie alle reiche Belege hierfür, und sie alle wirken fortwährend in dieser Richtung. Eine für unsere ganze moderne Entwicklung so wichtigen Grundsatz wie der des Versicherungswesens trägt unzweifelhaft eine sozialistische Tendenz in sich. Das Actienwesen, mit seiner Leitung des Geschäfts durch bloße Beauftragte, tendirt in gleicher Richtung. Unser ganzes Staatswesen, mit der Unbeschränktheit der Aufgaben, die es sich stellt, und der absoluten Berechtigung, die es für sich in Anspruch nimmt, ist erfüllt von sozialistischen Keimen;  und was gar die moderne Gesellschaftswissenschaft betrifft, die neuestens in Schäffle’s Physiologie des gesellschaftlichen Körpers einen so drastischen Ausdruck gefunden hat, so ruht sie geradezu auf der Grundlage von Anschauungen, die wesentlich sozialistischer Art sind. (…)

Aus Großbritannien.                                                             Glasgow, 29. März 1876.

Die alte „Jungfrau“ Europa, deren renommirtes Gleichgewicht durch die jüngst erfolgte Constituirung der französischen Republik in Gefahr gerathen war, wird bald wieder hergestellt sein. Die Königin Victoria von England wird sich den Kaisertitel beilegen. Der betreffende Gesetzentwurf hat bereits in dritter Lesung das Haus der Gemeinen passirt. Die Liberalen haben wohl, gedrängt vom wachsenden öffentlichen Unwillen gegen diesen Titel, verschiedene Versuche gemacht, dem Volke die bittere Pille zu versüßen, allein ihre schwachherzigen Angriffe wurden von der geschlossenen Majorität der Regierung entschieden abgeschlagen. Die Resolution Lord Hartington’s: „Es sei unpassend, die alte königliche Würde der Krone durch die Annahme der Art und des Titels Kaiserin zu schädigen“ wurde mit einer Majorität von mehr als hundert Stimmen verworfen. Die Amendements, dahin gehend, daß der neue Titel blos und ausschließlich in Indien angewendet werden, daß er für die Kolonien keine Geltung haben und

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daß wenigstens England damit verschont werden solle, wurde von den betreffenden Antragsstellern noch vor der Abstimmung zurückgezogen. Der neue Titel der englischen Regentin wird also lauten: Ihre allergnädigste Majestät, des vereinigten Großbritanniens und Irlands Königin, Vertheidigerin des Glaubens und Kaiserin von Indien“.

Der Widerwille und die  Opposition gegen diesen Titel sind fortwährend im Steigen. Bei der gedankenlosen Masse ist er blos darum unpopulär, weil er unenglisch, zu ausländisch klingt.  Die Liberalen befürchten mit Recht, daß der höher klingende Titel „Kaiserin“ bald den ehrwürdigeren der „Königin“ verdrängen werde, während die Demokraten und Republikaner – die hier allerdings dünn gesät sind – davon eine Discreditirung des monarchischen Prinzips überhaupt hoffen und sich des Kaiserschwindels freuen: Cäsar hatte seinen Brutus; Karl I. seinen Cromwell; und Georg III. hätte von ihrem Beispiel profitiren können. Er that es aber nicht; und so verlor er die amerikanischen Kolonien, welche jetzt die größte Republik der Erde repräsentiren.“ (…)

Herr Disraeli hat der allgemeinen Bewegung, deren Intensität durch die Bezeichnung „Panik“ zugegeben wurde, übrigens bereits Rechnung zu tragen versucht, indem er das Parlament versicherte, daß er der Königin nicht den Rath geben wolle, den kaiserlichen Titel auf England anzuwenden oder auf die Kinder auszudehnen. Andererseits suchte er in der Debatte, gelegentlich der dritten Lesung des Gesetzentwurfs, der Titeländerung eine gewichtige politische Bedeutung zu geben. Angesichts des Vordringens der Russen in Asien, meinte er, sei es gewiß gut, durch die Annahme des Titels „Kaiserin von Indien“ zu zeigen, daß England mehr denn je entschlossen sei, Indien nicht aus der Hand zu lassen. (…)

Nr. 48.                                                      Mittwoch, 26. April.                                                   1876

Der Aufstand in der Herzegowina und Bosnien und die Stellung der Parteien in Serbien.

Von einem Serben. (Schluß statt Fortsetzung)  II.

Der Türkenhaß ist dem serbischem Volke sozusagen eingeboren und keine Türkenfreundliche Partei wäre bei und Serben möglich. Es ist dies auch kein Wunder. Alle Unterdrückten hassen ihre Unterdrücker, und je brutaler, je barbarischer der Unterdrücker vorgeht, desto größeren, desto intensiveren Haß erzeugt er bei den Unterdrückten. Ob die Unterdrückter und die Unterdrückten derselben oder nicht derselben Nationalität angehören, das ändert an der Sache in dieser Hinsicht gar nichts. Es giebt freilich doch einen Unterschied, und dieser ist: Wenn der Unterdrücker und die Unterdrückten derselben Nationalität angehören, so kann der nationale Dusel nicht so große Dimensionen, wie wenn das nicht der Fall wäre, annehmen, und das Volk tritt mit seinen freiheitlichen Forderungen viel bewußter auf, während wenn die Unterdrücker und die Unterdrückten verschiedener Nationalität sind, so haßt der Unterdrückte auch die Nationalität des Unterdrückers, was die „ehrlichen“ nationalistischen Parteien nach Möglichkeit ausbeuten. Die unterdrückte Nationalität sehnt sich nach „Befreiung“ und – was das Schlimmste für die Volksfreiheit ist – nach Herren, die dieselbe Sprache reden, obwohl sie (die Nationalität) im eigenen Interesse zu handeln glaubt. Erst durch handgreifliche Thatsachen wird das Volk gescheit, und erst nach Befriedigung des „nationalen Gefühls“ sieht es ein, daß es mit einem „nationalem Staate“ nichts gewonnen hat, und das jetzt zwischen den „nationalen“ Ausbeutern und zwischen den früheren kein wesentlicher Unterschied besteht, und dann ist das Volk dem internationalen Sozialismus zugänglicher. Dasselbe sehen wir in Italien, dasselbe in Deutschland, wo die sozialistische Bewegung erst nach der famosen „Vereinigung“ des deutschen Volkes große Dimensionen anzunehmen anfing. Und so wird es auch überall sein,

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wenn zur rechten Zeit die sozialistische Culturbewegung den culturfeindlichen Nationalismus verdrängt. (…)

Nr. 54.                                                    Mittwoch, 10. Mai.                                                 1876.

Der Uebergang der preußischen Staatseisenbahnen in Reichsbesitz.  I.

In einem möglichst gedrängtem Ueberblick über die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses, betreffend den sogenannten Eisenbahn = Gesetzentwurf, und durch eine kurze Beleuchtung der dabei in Betracht gezogenen wirthschaftlichen und politischen Fragen wollen wir unsern Lesern das Material für eine zutreffende Beurtheilung der neuesten Wendung in der inneren Politik Bismarck’s vor Augen legen.

Was der preußische Ministerpräsident, der zugleich deutscher Reichskanzler ist, mit der Uebertragung des Eigenthumsrechts an den preußischen Staatsbahnen auf das Reich bezweckt, das hat er – offenherzig, wie er immer war – weislich verschwiegen. Die Motive des fraglichen Gesetzentwurfs lehnten sich an die Artikel 41 bis 47 der Reichsverfassung an, durch welche dem Reiche die Ermächtigung gegeben wird, die zum Zwecke der Landesvertheidigung nöthigen Bahnen anzulegen und beständig die oberste Controle über die deutschen Eisenbahnen in Bezug auf Verwaltung, Tarifwesen etc. auszuüben. Das Reich könne die verfassungsmäßige Controle und Beeinflussung nur durchführen, so entwickelten die Motive, wenn es selbst im Besitze eines ausreichenden Verwaltungsgebietes sei; die preußische Staatsverwaltung umfasse ein Bahngebiet von 10,000 Kilometern, das engere Staatsinteresse Preußens habe mit dem Eisenbahnverkehr viel weniger zu schaffen, als das des Teichs, Preußens Verkehrslinien erstecken sich theilweise weit über die Landesgrenzen hinaus und verursachen daher arge Verwaltungsschwierigkeiten, darum sei es sowohl für Preußen als auch für das Reich von Vortheil und nöthig, den projectirten Besitzwechsel vorzunehmen. (…)

Nr. 64.                                                       Freitag, 2. Juni.                                                        1876.

Die militärische Barbarei und ihre Vertheidiger.  IV.

Auch darin stimmen wir also mit Dr. Engel überein, daß der Militärdienst an sich nicht als vorwiegend zum Selbstmord gedacht werden kann. Thäte der Staat in vollem Umfange und allein dem Interesse der Gesamtheit dienend seine Pflicht – sorgte er dafür, daß alle Unteroffiziere und Offiziere mit erheblich höherer sittlicher Bildung ausgerüstet ihre Posten antreten könnten, dann würde die auffallende Häufigkeit der Selbstmorde beim Militär zu bestehen aufhören. (…)

Die blutige Woche.

Die Geschichte der Bartholomäusnacht der Bourgeoisie darf selbst in der Form der Zusammenstellung trockner Aktenstücke und nackter Auszüge in Frankreich noch nicht geschrieben werden. Die „Menschenrechte“, welche den Versuch gemacht, finden sich, nachdem sie einmal unter nichtigen Vorwand mit Beschlag belegt worden, zu nachstehender Erklärung genöthigt (S. Nr. vom 28. Mai):

„Wir haben seit einigen Tagen die Veröffentlichung von Dokumenten begonnen, die auf die blutige Woche vom Mai 1871 Bezug hatten und um so interessanter waren, als sie fast aus lauter Auszügen aus den reaktionären Blättern jener Zeit bestanden. Der Belagerungszustand existirt nicht mehr, aber die Lage der Presse hat sich nur in einem Punkte geändert: unter dem Belagerungszustande wurde eine Zeitung unterdrückt, ohne verurtheilt worden zu sein; ohne den Belagerungszustand kann man ein Blatt nach Verurtheilung, Gefängniß und Geldstrafe unterdrücken.

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Die Preßgesetzgebung ist reich und mannigfaltig genug, um die Leute, die die gute Absicht dazu haben, in den Stand zu setzen, ein Blatt zu tödten, ohne zu sagen, warum sie es eigentlich thun. (Tout comme chez nous.*) Nach gewissen Privatmittheilungen aber, die durch die Beschlagnahme unserer vorgestrigen Nummer kräftig bestätigt worden sind, sehen wir uns genöthigt, unsere Veröffentlichung zu unterbrechen, um nicht die Existenz unseres Blattes in Frage zu stellen.“ (…)

*) ganz wie bei uns.

Nr. 65.                                                         Sonntag, 4. Juni.                                                       1876

Internationale Arbeiter = Assoziation.

Die Gedenkfeier der Schlacht bei Legnano und die blutige Woche.

Die Arbeitervereine von Rom an das deutsche Volk.

Brüder in Deutschland!

Die ganz italienische Bourgeoisie feiert heut den Gedenktag der Schlacht von Legnano.*) Die Bourgeoisie bebt zurück vor dem mächtigen Gedanken der Liebe und der Solidarität, welche trennende Berge und Meere nicht kennt, der die Menschen von Pol zu Pol einigt und auf beiden Halbkugeln zu Brüdern macht; sie erblickt in der erhabenen Verbrüderung das Ende der Ungerechtigkeit, durch welche sie besteht, und sucht darum Gründe der Trennung zu schaffen und zu erhalten. Indem unsere Bourgeoisie jetzt die Erinnerung an eine schmerzhafte Vergangenheit erneuert, das Volk der Verbrechen seiner Fürsten, die alten Namen des Vaterlandes und der Nationalität ausruft, hat sie die Absicht, zwischen Italienern und Deutschen den Haß und die Eifersucht wieder anzufachen, damit wir wie ehedem beim ersten besten Anlaß bewaffnet aufeinander losstürzen und unsere gemeinsamen Feinde durch unsere Zwietracht stark machen. (…)

Nr. 70.                                                      Sonntag, 18. Juni                                                     1876

Der Preis des Fortschritts.

(Ein Kapitel aus den „Historischen Briefen von P. L. Lawroff.) Für den „Volksstaat“ aus dem Russischen übersetzt.  (Schluß)

Auf Grund dieser Betrachtungen müssen wir gestehen, daß die Vortheile der modernen Civilisation nicht nur mit unvermeidlichem Uebel, sondern dazu noch mit einer kolossalen Masse von absolut unnöthiger Qual bezahlt werden, und für dieses sind die früheren Generationen der civilisirten Minorität verantwortlich, theils ihrer Sorglosigkeit, theils der jeder civilisatorischen Wirksamkeit direkt entgegenwirkenden Thätigkeit wegen. Das Uebel in der Vergangenheit können wir natürlich nicht mehr gut machen. Die leidenden Generationen der Majorität starben, ohne daß ihnen irgend eine Erleichterung ihrer Arbeit zu statten kam. Die jetzige civilisirte Minorität zeiht ihren Nutzen von ihrer Arbeit und ihren Leiden. Noch mehr: sie verwendet zu ihrem Vortheil die Leiden und die Arbeit einer großen Zahl ihrer Zeitgenossen und kann auch in der Richtung der Steigerung der Leiden und Arbeit ihrer Nachkommenschaft wirken. Und da wir für das letztere vor der Nachkommenschaft moralisch verantwortlich sind und sein werden, so sind wir durch diese historische Untersuchung über den vollbrachten Fortschritt zu der folgenden praktischen Frage geführt worden: Was für Mittel stehen der jetzigen Generation zur Verfügung, um ihre Verantwortlichkeit zu vermindern? – Würden sich unsere Zeitgenossen, die Verschiedenheit ihrer Entwicklung zugegeben, folgende Frage vorlegen: Was haben wir zu thun, um die Verantwortlichkeit für neue Leiden vor der

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Nachkommenschaft zu entgehen? – und wären sich alle über ihre persönlichen Interessen vollkommen im Klaren, so hätten sie diese Frage selbstverständlich verschiedentlich beantwortet.

Ein Mitglied der um die physische Existenz gleich ihren Vorfahren in den ersten Zeiten des Lebens der Menschheit kämpfenden Majorität hätte sie in folgender Weise beantwortet: Kämpfe, wie du weißt und kannst! verteidige das Recht auf das Leben für sich und für diejenigen, die du lieb hast! Das war das Gesetz deiner Väter; deine Lage ist nicht besser als die ihrige; es sei dasselbe auch für dich das ewige Gesetz“.

Nr. 71.                                                  Mittwoch, 21. Juni.                                                 1876

Die hundertjährige amerikanische Republik.                              Chicago, Ende Mai 1876.

Immer näher rückt der Tag heran, an welchem die amerikanische Republik ihr hundertjähriges Bestehen feiern wird, und überall werden Vorkehrungen getroffen, diesen Tag – den nächsten 4. Juli – auf die großartigste und geräuschvollste Weise zu begehen.

Das amerikanische Volk glaubt, zumal in dem gegenwärtigen Jubeljahr der Republik, von allen Völkern das freisinnigste zu sein. Vor mir liegt ein genauer Abdruck des Dokuments der Unabhängigkeits = Erklärung vom 4. Juli 1776 mit den Unterschriften der Repräsentanten der damaligen dreizehn Staaten Nordamerika’s, die sich nachher die „Vereinigten Staaten“ nannten. Jenes Schriftstück bezeichnet eine That und athmet einen Geist, worauf jeder Bürger dieses Landes mit Stolz und Befriedigung hinweist. Aber weil die Gründer dieser Republik so freiheitlich gesinnt waren, sind es darum auch ihre Nachkommen? Jeder aufmerksame Beobachter des amerikanischen Volks wird mit einem entschiedenen „Nein!“ antworten und sich sagen müssen, daß leider in der mächtigsten der Republiken bereits Alles faul geworden ist. Wenn Volksmänner zur Zeit der jungen Republik wirklich so zahlreich waren, wie sie die Geschichte aufzählt, dann ist es in That sehr zu bedauern, daß ihr Stamm gänzlich ausgestorben ist. Zur Zeit entdeckt man nur im politischen Karnevalszuge hier und da eine Maske, die eines Volksmannes Larve trägt. Für prachtvolle Schmetterlinge, die sich aus einer Seidenraupen = Larve entpuppen, scheint das amerikanische Klima höchst ungünstig zu sein; es erzielt größtentheils das Gegentheil. Der einige Tage stolz einherfliegende  Schmetterling entpuppt sich gewöhnlich als eine gefräßige Raupe, die die zarten Keime einer vielversprechenden Frucht vertilgt. (…)

Nr. 73.                                                     Sonntag, 25. Juni                                                     1876

Politische Uebersicht.

Die Polen = Petition. Die preußische Regierung, welche vor kurzem Hand in Hand mit der russischen Beschützerin der Nationalitäten in der Türkei eintrat, führt im eigenen Land unerbittlichen Krieg gegen die polnische Nationalität. Der neueste Streich, den sie gegen dieselbe zu führen gedenkt, ist das Amtssprachegesetz, welches den amtlichen Gebrauch der polnischen Sprache verbietet – eine sehr verschärfte Copie des französischen Sprachegesetzes, das, auf Elsaß = Lothringen angewandt, einst die sittliche Entrüstung unserer Liberalen und Nichtliberalen erregte. Um die Annahme des preußischen Amtssprachegesetzes, das die Zustimmung des Abgeordnetenhauses bereits erhalten hat, und nun vor das Herrenhaus kommen soll, zu verhindern – freilich ein hoffnungsloses Beginnen! – hat der polnische Abgeordnete Riegolewski nachstehende Petition an das Herrenhaus gerichtet:

„An das Hohe Herrenhaus im preußischen Landtage.

Wenn es im Sprichwort heißt: „Verbum nobile debet esse stabile“ (Ein edles Wort muß Dauer haben), sollte doch das Wort eines Monarchen desto unverbrüchlicher sein.  Schön ist die Devise

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des Kaiser Conrad III. von Hohenstaufen: was der Kaiser sagt muß „steif und streng“

gehalten werden. Sollte denn das Haus Hohenzollern weniger erhaben sein als das der Hohenstaufen?

Hohe Herren! Sie werden es verzeihlich finden, wenn ich hier beifolgend den Abdruck meine an das hohe Abgeordnetenhaus am 22 d. J. eingereichte Petition beilege. Es schmerzt mich sehr, daß meine im vollen Vertrauen an die Vertreter des preußischen Volkes eingesandte Petition ihr Herz nicht erweicht hat und meiner gerechten Bitte nicht willfahrt worden ist, vielmehr und Polen auf Grund falschester historischer Angaben in verhöhnender Weise Gerechtigkeit nicht zu Theil geworden und obendrein jegliches menschliche Recht niedergetreten worden ist. (…)

Meine Herren! Ich beschwöre Sie, tragen Sie nicht dazu bei, das größte Unrecht zu unterstützen, welches ein Mensch einem andern zufügen kann, nehmen Sie nicht unser theuerstes Kleinod:

Unsere Muttersprache. Strafen Sie nicht Lügen das oft angerufene Suum Cuique.“

Ja suum cuique! Jedem das Seine – nehmen  (suum cuique – rapere –), sagten die Polen vor 90 Jahren. Die Petition wird natürlich wirkungslos verhallen. Höchstens wird mit mitleidsvollem Achselzucken an das finis Poloniae! (Mit Polnen ist’s aus) Koscinsko’s erinnert werden. Die Geschichte hat aber ihr letztes Wort noch nicht gesprochen, und der Tag der allgemeinen Völkerbefreiung wird auch der Tag der Wiederauferstehung Polens sein. Möglich, daß die orientalische Krise den Zeitpunkt beschleunigt. Den Mördern und Todtengräber Polens, sowie den Kleingläubigen, die an den Sieg der gerechten Sache verzweifeln, rufen wir zu: Noch ist Polen nicht verloren!

Nr. 78.                                                    Freitag, 7. Juli                                                   1876

Wer trägt die Schuld?

Wer trägt die Schuld an der „Niederlage“ der deutschen Industrie auf der Weltausstellung von Philadelphia? Natürlich die Arbeiter! Schreit im Chorus von Nationalliberalen – nicht alle, die Vernünftigeren und Anständigeren stehen beschämt in der Ecke und halten zerknirscht Inschau – natürlich die Arbeiter! Und das geht dann die bekannte Litanei los, von den zu hohen Lohnforderungen und nicht entsprechenden Arbeitsleistungen, und der durch sozialdemokratische Umtriebe verminderten Arbeitszeit und Arbeitslust. Dieser Blödsinn hat zwar mit anderem Blödsinn das gemein, daß er hohe Autoritäten, ja eine sehr hohe Autorität für sich hat, allein Blödsinn ist Blödsinn, und wir haben zu viel Respekt vor unseren Lesern und vor uns selbst, um die Dinge zu widerlegen, die nur bodenlose Unwissenheit oder auf die bodenlose Unwissenheit des Philisters spekulirende Gemeinheit behaupten, und deren Widersinnigkeit jeder der Elementarklasse entwachsene Schuljunge nachweisen kann. (…)

„Endlich vernehmen wir, und zwar von jenseits des atlantischen Oceans, eine fachverständige Stimme, welche den Niedergang der deutschen Industrie und die in geometrischer Progession anwachsende Ueberflügelung auf dem Weltmarkte beim rechten Namen nennt und auf die richtigen Motive zurückführt. Es ist der vorsitzende der deutschen Commission bei der Weltausstellung zu Philadelphia, Herr Reuleaux, welcher es nicht allein offen ausspricht, daß Deutschland auf der Philadelphia = Ausstellung eine schwere Niederlange erlitten hat, sondern welcher es auch verschmäht, diese Niederlage in der sonst üblichen schönfärberischen und verlogenen Weise zu bemänteln und zu beschönigen. Leider war es ja bisher eines der schwersten Gebrechen unserer Zustände, daß so Viele, welche sonst klar genug sahen, bald aus falsch verstandenen Patriotismus, bald aus strebermäßiger Liebedienerei sich bewogen fanden, das deutsche Volk über seine Lage zu täuschen und den manchesterlichen Machthabern zu schmeicheln und nach dem Munde zu reden. Herr Reuleaux besitzt den Muth und die Ehrlichkeit offen auszusprechen, daß die Niederlage der deutschen Industrie wesentlich auf drei Gründe zurückzuführen sei. Der erste liege darin, daß Deutschlands Industrie das Grundprinzip

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habe „billig und schlecht.“ Der zweite Grund sei der, daß Deutschland in den gewerblichen und bildenden Künsten keine anderen Motive mehr kenne als tendenziös = patriotische und dadurch den anderen Nationen seine Industrie als Repräsentation des Chauvinismus und Byzantinismus erscheinen lasse. Als dritten Grund endlich bezeichnet Herr Reuleaux Mangel an Geschmack im Kunstgewerblichen und Mangel an Fortschritt im rein Technischen. (…)

Nr. 80.                                                  Mittwoch, 12. Juli.                                                   1876

Sozialdemokratische Philosophie.

Von J. Dietzgen. IV. (Schluß)

Ein Scherflein der gesuchten übergeschnappten Wahrheit soll von Cartesius entdeckt worden sein; wenigstens lebt seither die Philosophie von diesen Bröckchen. Die damals noch gang und gäbe pfäffische Wahrheit, das passive glauben, war dem Philosophen zu wenig. Er begann seine Forschung mit dem Zweifel, den er so weit trieb, an allem zu zweifeln, was sich sehen und hören läßt. Dabei merkte er, daß ihm eine Gewißheit übrig blieb, nämlich die leibliche Empfindung seines eigenen Zweifels. Cogito ergo sum. (Ich denke, folglich bin ich.) Die Nachfolger haben seither den übergeschnappten Zweifel und die Forschung nach übergeschnappter Wahrheit nicht los werden können.

Es sei fern, die historische Bedeutung und Genialität des berühmten Zweiflers zu verkennen. Er hat Recht: die leibliche Empfindung des Daseins, mein Bewußtsein, Denken, Fühlen u. s. w. oder „meine Seele“, wie der Pfaff sagt, ist über allen Zweifel erhaben. Doch sei bemerkt, daß ich den Cartesius einen größeren Sprung habe machen lassen, als er in Wirklichkeit gethan hat. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Der Philosoph hatte zwei Seelen, eine hergebrachte religiöse und eine wissenschaftliche. Seine Philosophie war von beiden ein gemischtes Produkt. Die Religion hatte ihm weiß gemacht, die Sinnenwelt sei nichtig, während seine wissenschaftliche Gegenströmung das umgekehrte beweisen wollte. Mit der Nichtigkeit, mit dem Zweifel an der sinnlichen Wahrheit hob er an, und mit der leiblichen Empfindung des Daseins bewies er das Gegentheil. Doch sollte so consequent die wissenschaftliche Strömung noch nicht zu Durchbruch kommen. Erst ein unbefangener Grübeler, der das Cartesianische Experiment wiederholt, findet, daß wenn sich im Kopf Gedanken und Zweifel umtreiben, es die leibliche Empfindung ist, welche uns das Dasein des Denkprozesses versichert. . Der Philosoph verdreht die Sache, er wollte die unleibliche Existanz das abstrakten Gedankens bewiesen haben, er vermeinte, die übergeschnappte Wahrheit einer religiösen oder philosophischen Seele wissenschaftlich beweisen zu können, während in der That er die gemeine Wahrheit der leiblichen Empfindung constatirte. Aus der Empfindung des profanen Daseins wollte Cartesius ein höheres Dasein herleiten. Sein Malheur ist das Generalmalheur der Philosophie, sie ist idealistisch oder rappelköpfisch. (…)

Nr. 81.                                                     Freitag, 14. Juli.                                                    1876

Politische Uebersicht.

Phrasenheld und Oberreptil. Herr v. Treitschke giebt in einem „die Türkei und die Großmächte betitelten Artikel in den „Preußischen Jahrbüchern“ über die Orientfrage sein Gutachten ab als „großer Historiker“, zu der ihm die Mitstrolche emporgelogen haben.

Während Rußland derjenige Staat ist, „welcher die lebendigen Kräfte des Jahrhunderts zu würdigen weiß“, redet er in folgender Weise von England: „Denke man noch so hoch von britischer Freiheit, in der Völkergesellschaft ist das heutige England unzweifelhaft eine Macht der Reaktion. Seine Machtstellung ist ein offenbarer Anachronismus. In dem Jahrhundert der nationalen Staaten und der großen Volksheere läßt sich eine solche cosmopolitische Handelsmacht auf die Dauer nicht mehr behaupten; die Zeit wird und muß kommen,

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da Gibraltar den Spaniern, Malta den Italienern, Helgoland den Deutschen und das Mittelmeer den Völkern der mediterranischen Lande gehören wird…“

„England ist heute der unbeschämte Vertreter der Barbarei im Völkerrechte. Sein ist die Schuld, wenn der Seekrieg, zur Schande der Menschheit, noch immer den Charakter des privilegirten Raubes trägt; sein Widerspruch vereitelte auf den Brüsseler Conferenzen den Versuch Deutschlands und Rußlands, den Verheerungen der Landkriege einige Schranken zu setzen.“

Für Ritter vom Geiste – Peter der Große – ist Rußland freilich der Repräsentant des Fortschritts und England, das einzige europäische Reich, dessen sich ein freiheitliebender Europäer nicht gerade allzu sehr zu schämen braucht, der Vertreter der Barbarei. Solche Subjekte schreiben Geschichte, d. h. sie machen sie, wie der Falschmünzer Geld macht, während diese Sorte von Geschichtsprofessoren ihre Fälschungen im Interesse und im Auftrage ihrer Regierungen vornimmt.

Nr. 83.                                                   Mittwoch, 19. Juli.                                                    1876

Politische Uebersicht.

Ein höchst friedliebender Herr ist der Kronprinz des deutschen Reiches und von Preußen. Als man demselben vor einigen Tagen bei der Brüsseler Ausstellung die Ambulanzen zeigen wollte, entgegneter er ablehnend, er habe deren schon viele gesehen und ziehe es vor, die Instrumente des Frieden zu betrachten. Natürlich sind die liberalen Blätter über die so ungemein viel zukünftigen Segen versprechende kronprinzliche Friedensliebe ganz begeistert. – Warum sollten sie auch nicht? Sind sie doch viel zu vergeßlich und unschuldig, um zu wissen, daß bei so erhabenen Menschenkindern, wie die Thronfolger, die in den meisten Fällen eine merkwürdige Zuneigung zum Frieden, und Freiheit sogar, kundgeben, von dem Augenblicke an, wo sie Thronfolger geworden sind, gewöhnlich das sonst allbewährte Sprichwort: On revient toujour à ses primiers amours – alte Liebe rostet nicht – seine Geltung verliert! Freilich gibt es dann wieder einen anderen Thronfolger, der die Friedens = und Freiheitsliebe seines Vorgängers erbt – Schade nur, daß die friedlich und freiheitlich gesinnten Mitglieder der Fürstenhäuser gewöhnlich nicht herrschen und daß bei den herrschenden diese für die Völker für die wohltuende Gesinnung gemeinhin bestenfalls kühler, sehr kühler Zurückhaltung gewichen ist.

Nr. 89.                                                      Mittwoch, 2. August.                                                    1876

Sozialistische Erfolge und antisozialistische Thorheiten.

Nachdem in ein wenig mehr als einem Jahrzehnt die sozialistische Partei sich aus den bescheidenen Anfängen heraus zu einer allen Gegnern imponirenden Macht entwickelt hat, fühlen die falschen Freunde und offenen Feinde des arbeitenden Volks, daß der energische Kampf gegen den Sozialismus für sie zur Lebensbedingung geworden ist.

Bisher hatte man mit anerkennenswerther Consequenz die Methode des Todtschweigens versucht. An den sozialistenfeindlichen Blättern gingen die unermüdlichen Anstrengungen der sozialistischen Agitation spurlos vorüber; sozialistische Reden hörte man nicht, sozialistische Blätter las man nicht und sozialistische Erfolge gab es nicht –  – in den liberalen, conservativen und ultramontanen Zeitungen, Versammlungen und Vereinen.

Aber außerhalb des antisozialistischen Lagers wucherte in Folge dieser geistreichen Manier des „passiven Kampfes“ seitens der Feinde der sozialistische Gedanke so recht ungestört und üppig fort; und da die liberalen Heerschaaren nicht durch eine chinesische Mauer von der mehr oder weniger zweifelhaften Außenwelt abgesperrt und auch nicht total des Gehörs und des Gesichts, ja nicht einmal ganz der gesunden Vernunft beraubt werden konnten, so rückte denn das

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„sozialistische Gift“ sehr bald den Unfehlbaren des Liberalismus, wenn sie den Kreis der Ihren auch noch so fest geschlossen zu haben glaubten, auf den Leib.

Das Todtschweigen erwies sich als unzulänglich, ja es mochte sich mancher liberale Held im Stillen bereits eingestanden haben, daß man damit eine neue Dummheit den vielen alten hinzugefügt hatte. Als nun schließlich in der letzten Reichstagssession auch die Reichs = Pythia*) – der Fürst Bismarck – zum allseitigen Angriffe gegen die Reichs = und Eigenthumsfeinde geblasen hatte, da war das Eis des Schweigens gebrochen.

Der Versuch des Todtschweigens ist – „Se. Durchlaucht“ hat das der ganzen Welt kund und zu wissen gethan – kläglich gescheitert; nun gilt es den Sozialismus todtzureden und todtzuschreiben; gemordet muß er nun einmal werden. (…)

*) Priesterin des Orakels von Delphi.

Nr. 92.                                                Mittwoch, 9. August                                                     1876

Ein sozialistisches Lebenszeichen aus Südamerika.

San Louis (Argentinische Republik), 28. Mai 1876.

Endlich trafen heute die Märznummern des „Volksstaat“ ein, – eine Freude für den Sozialisten, der im fremden Lande sich mit widrigen Verhältnissen herumschlagen muss, und leider nicht theilnehmen kann, direkt wenigstens nicht, an der der großen sozialistischen Bewegung im Vaterlande.

Es treibt den Schreiber dieses, der Redaktion des „Volksstaat“ seine vollste Zustimmung zu der Haltung Ihres Blattes und seine Freude über die ausgezeichneten Fortschritte der sozialistischen Agitation in Deutschland auszudrücken. Allen Kämpfern für das Evangelium der Gleichheit und Gerechtigkeit meinen wärmsten Händedruck.

Auch hier im Lande giebt es Sozialdemokraten, freilich wenige, und viele, viele Meilen auseinander wohnend. Der „Volksstaat“ aber erhält die Verbindung mit der deutschen Bewegung und geht von hier bis in die Andes*) hinein, und deutsche Gesinnungsgenossen sind eifrig daran, auch hier im Lande im Sinne des Sozialismus zu arbeiten. (…)

*) Die Anden sind der vom Kap Frossard bis zum Antillenmeere reichende Theil des riesigen Cordillerengebirges, welcher ein Kammhöhe von 11,000 Fuß aufzuweisen hat.

Der „Culturkampf“ und die Volksschule in Preußen.

Eine Skizze vom Verfasser des Artikels: „Die Volksschule und die Lage ihrer Lehrer in der Provinz Preußen“.  (Fortsetzung)

Es ist ein alter aber sehr wahrer Satz: Wer die Schule hat, dem gehört die Zukunft. Dies haben sowohl im Alterthum als im Mittelalter vor Allen die Priester aller Völker, im ersteren namentlich der Ägypter und Juden, im letzteren die römischen und in der Neuzeit die Fürsten klar erkannt. Die Priester, im Alleinbesitze aller damaligen Kenntnisse und Wissenschaften, weihten die Fürsten, die sie zur Durchführung ihrer Herrschgelüste über Leib und Seele der Völker benutzten, sich jedoch auch diese dienstbar erhielten, nur soweit in diese Kenntniß ein, als es ihnen nöthig schien; die Völker jedoch wurden in geflissentlicher Unwissenheit und Geistesnacht gelassen und als Entschädigung für alles hier auf Erden erduldete Elend auf die Freuden im Jenseits verwiesen. Gegen Ende des Mittelalters, mit der Eroberung Constantinopels durch die Türken und durch das, den geflüchteten griechischen Gelehrten zu verdankende Aufblühen der Wissenschaften im westlichen Europa und namentlich durch die Reformation Martin Luthers gestaltete sich dies freilich anders. Die Fürsten und Völker, längst der Herrschaft einer durch und durch corrumpirten, in alle erdenklichen Laster und

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Sinnengenüssen versunkenen dabei aber unermeßlich reichen und übermüthigen Geistlichkeit müde, ergriffen mit Freuden die Gelegenheit, um dieses ihnen verhaßte Joch abzuschütteln. Bei den Fürsten, die damals in beständiger Geldnoth waren und häufig zur Beschaffung der nöthigen Geldmittel zu Anleihen bei reichen Städten, denen sie dafür die wichtigsten Privilegien verliehen, ihre Zuflucht nehmen mußten, war es weniger die Ueberzeungung von der Wahrheit der lutherischen Lehre, sondern die Habsucht nach den in den Kirchen und Klöstern aufgehäuften Schätzen und den liegenden Gründen derselben, was sie zum Anschluß an die Reformation bewog. Auch trat noch der Wunsch hinzu, sich von Kaiser und Reich unabhängig zu machen, also souveräne Herren ihrer Länder zu werden. Das Volk dagegen faßte die Reformation in anderer Weise auf. Die drückende Herrschaft der Geistlichkeit war freilich auch ihm verhaßt, nicht minder aber auch die des Adels und der Fürsten, und verband es mit richtigem Takt die religiöse mit der politischen und sozialen Freiheit, wie dies aus den Bestrebungen Karlstadt’s, Thomas Münzer’s, Ulrich’s von Hutten und Franz von Sickingen zur Genüge erhellt, die in den Bauernkriegen ihren Gipfel, jedoch auch leider ihren Untergang fanden. Die Fürsten, jetzt da die Macht des Adels und der Geistlichkeit gebrochen und beide ihnen dienstbar geworden waren, waren nun souveräne Herren ihrer Länder geworden, unterdrückten in Gemeinschaft mit dem zum Hofadel herabgesunkenen Adeligen und der ihnen blind ergebenen  lutherischen Geistlichkeit das Volk und schrieben diesem nicht allein das, was es glauben sollte, sondern auch das Maß des Wissens vor, indem sie Schulen einrichteten, die ihren Zwecken angepaßt, und zu deren Aufsehern sie die Geistlichen, die in jeder Hinsicht von ihnen bevorzugt und begünstigt wurden, einsetzten, die Schule also ganz und gar den Pfaffen überlieferten, welche dadurch die Volkserziehung in die Hände bekamen und hiervon zu ihren Gunsten den ausgiebigsten Gebrauch machten.

Eduard Sack sagt in seinem vortrefflichen Schriftchen: „Unsere Schulen im Dienste  gegen die Freiheit, Braunschweig, W. Brake jun. 1874“, welches wir unseren Lesern und überhaupt Jedem, der sich für das Volksschulwesen interessirt, nicht genug empfehlen können, hierüber sehr treffend:

„Unsere Volksschule ist ein echtes Produkt unserer sozialen und politischen Entwicklung. Ihre Geschichte beginnt mit der letzten Epoche des Mittelalters. Als nach dem dreißigjährigen Kriege die letzten Reste einer sehr beschränkten Volksfreiheit von den Fürsten vernichtet wurden, und diese den blanken Despotismus begründeten, zwangen sie auch die Schule in ihre Gewalt und die Herrschaft über dieselben theilten sie nur mit ihren treuesten Verbündeten, den Priestern. Die Regierenden und die Priester haben mit voller Absicht, nach einem wohl durchdachten Plan, die Schule zu dem gemacht, was sie heute ist, und sie gefällt ihnen, denn sie entspricht vollkommen ihren Zwecken. Nur einmal täuschten sie sich, oder vielmehr sie begriffen damals noch nicht, welche große Bedeutung die Schule im sozialen Organismus einnahm, und das in ihr das Ferment zu jeder Umgestaltung bereitet würde. Das war nach dem Siege über Napoleon und die revolutionären Ideen. Sie glaubten nicht, daß diese Ideen auch die untersten Volksschichten durchdringen könnten, und die Entwicklung der geistigen Kräfte, wie sie durch die Pestalozzische Methode erreicht würde, glaubten die Regierenden zu ihrem eigenen Vortheil gut verwenden zu können. Die Priester, die sich überhaupt auf den Geist des Volkes besser verstehen, als die Fürsten, Minister und Generale, waren die ersten welche erkannten, daß eine gute Schule jeder Despotie die Wurzeln abgrabe und fruchtbaren Boden der Demokratie bereite. Als die Privilegierten der Monarchie zu dieser Erkenntniß ebenfalls gelangten, da beeilten sie sich, die Schule in ihren Dienst zu zwingen und sie von ihrem willen ebenso abhängig zu machen, wie die Armee. Ihren Zwecken sollte sie jetzt allein dienen, und damit sie für die Demokratie vollständig verloren sei, wurde ihr die Regulativ = Pädagogik dekretirt.

Solange die Partei, welche im Jahre 1849 zur Herrschaft gelangte, die Macht behält, ist nicht zu hoffen, daß die Pestalozzi’sche Pädagogik je wieder Raum gewinne. Nur wo die  Macht

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dieser rücksichtslosen Partei nicht hinreicht, oder wo ihr Abbruch geschehen kann, wird man das Volksschulwesen verbessern können. Wenn hierzu in diesem Augenblick keine Aussicht vorhanden ist, so darf doch der Glaube nicht aufgegeben werden, daß die Demokratie bald hier, bald dort der Reaktion Vortheile abringen und so allmählich überwältigen werde. Ja, das ist nicht nur Glaube, sondern Gewißheit. Freilich nur dann Gewißheit, wenn die Demokratie unermüdlich weiter kämpft und namentlich für die Volksbildung eine größere Thätigkeit entwickelt, als sie bis jetzt gethan. (…)

Die Raumer = Stiehle’schen Regulative sind zwar durch den jetzigen Cultusminister Dr. Falk aus Anlaß des jetzigen „Culturkampfes“ beseitigt. Statt aber das längst verheißene Unterrichtsgesetz dem Landtage zur Berathung vorzulegen, zog Herr Dr. Falk es vor, eine Anzahl Schulmänner, unter denen unseres Wissens jedoch kein einziger Volksschullehrer, wohl aber mehrere Geistliche sich befanden, nach Berlin zu berufen und berieth mit ihnen – neue Regulative, die um nichts besser als die alten, sondern womöglich noch schlechter sind als diese.

Um die Vertheilung der Unterrichtsgegenstände nach diesen Regulativen unseren Lesern zu veranschaulichen, wollen wir denselben einen Stunden = und Lektionsplan für eine ungetheilte einklassige Elementarschule – wie die weitaus größte Zahl der Volksschulen es in der That sind – und zwar für die Sommer = Semester mittheilen, wobei wir bemerken, daß die Unterrichtsgegenstände im Winter = Semester dieselben sind und nur der Unterschied stattfindet, daß die Unterrichtsstunden später beginnen.

Resümiren wir nun die in diesem Stunden = und Lektionsplan aufgeführten Unterrichtsgegenstände, so finden wir, daß Religion d. h. wie Sack in seiner vorgenannten Schrift sagt: „Das Einüben religiöser Bräuche aus der Bibel, alten steifen Kirchenliedern und Glaubensartikeln, den größten Theil der Unterrichtszeit beansprucht, und die übrigen Unterrichtsgegenstände sehr kümmerlich, Naturgeschichte und Naturlehre gar nur mit einer Stunde bedacht sind. Fragen wir nun billiger Weise, was nützen dem Volke alle diese Geschichten, Lieder und Sprüche, mit denen man nicht einmal einen Hund aus dem Backofen locken, geschweige denn im Leben ein Fortkommen begründen kann? Wir werden als Antwort darauf nur Phrasen, dunkel und unbegreiflich wie die Glaubensartikel erhalten, und damit die Katechismusweisheit rechtfertigen und preisen hören, jedoch kann niemand von einem Nutzen, von einer Förderung der Einsicht durch religiösen Unterricht, von einer Klärung und Festigung der Sittlichkeit durch religiösen Unterricht die Rede sein, wohl aber wird dadurch ein großer unberechenbarer Schaden herbeigeführt, daß dem Kinde nicht allein Unverständliches und Unbegreifliches gelehrt, sondern dasselbe zum Wunder und Aberglauben systematisch hinübergeführt und verleitet wird.   (Fortsetzung folgt)

Nr. 96.                                                     Freitag, 18. August                                                       1876

Sozialdemokratische Philosophie.  V.  Von J. Dietzgen. 

Der liebe Gott formte des Menschen Leib aus einem Lehmklumpen und die unsterbliche Seele hauchte er hinein. Seit dieser Zeit besteht der Dualismus oder die Zwei = Welten = Theorie. Die eine, die leibliche materielle Welt, ist Dreck, und eine andere geistliche  oder geistige Geisterwelt ist Gotteshauch. Dieses Histörchen wurde von den Philosophen säkularisirt, d. h. dem Zeitgeist angepaßt. Das Sichtbare, das Hör = und Fühlbare, die Leibliche Wirklichkeit wird immer noch wie dreckiger Lehm behandelt; dem denkenden Geiste dagegen hängt man das Reich einer überspannten Wahrheit, Schönheit und Freiheit an. Wie in der Bibel „die Welt“ einen üblen Beigeschmack hat, so auch in der Philosophie. Unter allen Erscheinungen oder Objekten, welche die Natur bietet, findet sich nur eins, welches sie ihrer Aufmerksamkeit würdigt, den Geist nämlich, den alten Gotteshauch; und das nur darum, weil derselbe ihrem vertracktem Sinne wie ein unnatürliches, wie ein transmundanes, metaphysisches Ding erscheint.

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Sich auf ein Einzelnes beschränken, mag der Forscher, aber er soll sein Objekt nicht verhimmeln, nicht aus dem Zusammenhang herausreißen und ihm keine überspannte Verehrung zollen. Der Philosoph, welcher sich den Menschengeist nüchternen Sinnes, wie einen Gegenstand unter anderen Gegenständen als Ziel der Erkenntniß vorsetzt, hört auf Philosoph, d. h. einer von Denen zu sein, die das Räthsel des Daseins generaliter  oder in der blauen Allgemeinheit studiren. Er wird dadurch Spezialist und die „besondere Wissenschaft“ der Erkenntnißtheorie sein Spezialfach. (…)

Die demokratische Gleichheit der Natur, des Leibes und der Seele ist es, welche den „Philosophen“ nicht in den Kopf will. Meyer setzt mit seiner „voraussetzungslosen“ Wissenschaft voraus, der Odem Gottes, die unsterbliche Seele oder der philosophische Intellekt sei eine höhere, eine unmittelbare Wahrheit. Solange er daran festhält, ist leicht zu beweisen, daß er die ganze „Außenwelt“ dreckig ist und nicht auf der Wissenschaft, sondern auf den Glauben fußt. (Schluß folgt)

Nr. 97.                                              Sonntag, 20. August                                                   1876

Sozialdemokratische Philosophie.  V.  Von J. Dietzgen.  (Schluß)

Jürgen möge selbst reden: „Es muß der grundsätzlich Ungläubige immer wieder auf die philosophisch erwiesene Wahrheit hingewiesen werden, daß all unser Wissen schließlich doch auf irgend einen Glauben beruht. Schon das Dasein der Sinnenwelt nimmt auch der Materialist auf Glauben an. Ein unmittelbares Wissen von der Sinnenwelt besitzt er nicht, unmittelbar gewiß ist ihm nur die Vorstellung von ihr, die er in seinem Geiste hat; er glaubt, daß diese seiner Vorstellung das vorgestellte Etwas entspricht, daß die vorgestellte Welt so ist, wie er sie sich vorstellt, er glaubt also an die sinnliche Außenwelt auf Grund der Aussage seines Geistes. Sein Glaube an die Sinnenwelt ist zunächst ein Glaube an den eigenen Geist. Und warum glaubt er, daß die vorgestellte Außenwelt so sein wird, wie der Menschengeist sie vorstellt oder vorstellen muß? – wie es ihm als ein zweckwidriges Mißverständniß erscheinen würde, wenn wir annehmen müssen, der Menscheigeist, der den Trieb und die Kraft besitzt, sich die Außenwelt vorzustellen, werde in Ausübung dieser Kraft nothwendig getäuscht…So ist der Sinnenglaube also im letzten Grunde ein geistiger Zweckglaube. Die gläubige Voraussetzung von der Zweckmäßigkeit der Welt bildet somit die letzte Grundlage auch der materialistischen Weltanschauung.“

Das ist das Cartesianische Kunststück in neuer verschlechterter Auflage. „Unmittelbar gewiß ist nur die Vorstellung“; aber auch diese Gewißheit ist ungewiß, denn er spricht vom „Glauben an den eigenen Geist“. Meyer’s Glaube ist „philosophisch erwiesen“, und doch weiß er, daß er nichts weiß, daß alles Glaube ist. Er ist bescheiden im Wissen und in der Wissenschaft, aber unbescheiden im Glauben und in der Religion. Wissenschaft und Glaube laufen ihm durcheinander, sind wohl beide nicht wichtig. (Schluß)

Nr. 100.                                                 Sonntag, 27. August.                                                1876

Der „Culturkampf“ und die Volksschule in Preußen.

Eine Skizze vom Verfasser des Artikels: „Die Volksschule und die Lage ihrer Lehrer in Preußen“. Anhang. (Fortsetzung)

Die Anordnungen, welche wir noch zur Verhütung ungebührlicher – namentlich körperlicher – Züchtigung theils wiederholen, theils neu treffen, sind folgende:

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  1. Niemals darf der Lehrer sich erlauben, die Kinder zu mißhandeln.  Zu den Mißhandlungen gehören das Schlagen oder stoßen mit der Hand oder Faust, mit einem Stocke, Lineale, oder überhaupt mit einem harten Werkzeuge, das Reißen an den Haaren oder an den Ohren.
  2. Wenn der Lehrer zu strafen genöthigt ist, so thue er es nie im Zorne, sondern jederzeit mit der väterlichen Theilnahme, welche die Besserung des Schülers im Auge hat. Jede in leidenschaftlicher Aufregung oder liebloser Gesinnung vollzogene Bestrafung ist an sich schon tadelnswürdig und kann leicht in Mißhandlungen ausarten.
  3. Die körperliche Züchtigung, welche der Lehrer ohne Zuziehung des Schul = Insektors oder Rektors vollzieht, darf nur mit einer aus dünnen Zweigen gefochtenen Rute in die flache Hand ertheilt werden.
  4. In der Regel darf nur nach geschlossenen Unterricht körperlich gestraft werden. Sollte nach den vorstehenden Andeutungen dieser Verfügung, eine derartige Ahndung während der Lehrstunden nöthig erscheinen, so soll sie nur auf dem freien Raume des Lehrzimmers erfolgen, niemals darf ein Schüler geschlagen werden, so lange er noch zwischen den Tische und Bänken steht.
  5. Die Ertheilung jeder körperlichen Strafe hat der Lehrer in das Klassenbuch – unter Angabe der Gründe und der Beschaffenheit der Strafe – einzutragen .
  6. Alle bedeutenderen Vergehungen dürfen in der Regel nur nach Berathung im Schulvorstande und in Gegenwart des Schul = Inspektors, oder – in den größeren Schulen – auf Beschluß der Lehrer = Conferenz und im Beisein des Rektors bestraft werden. Bei diesen Bestrafungen sind auch andere – jedoch niemals harte – Züchtigungswerkzeuge als die vorerwähnte Ruthe zulässig.
  7. Bei der Bestrafung der Mädchen ist jederzeit die nöthige schonende Rücksicht auf ihren schwächeren Körperbau und auf ihr in der Regel zarteres Gefühl zu nehmen.
  8. In den Städten, in welchen es mehrere gleichen Ranges giebt, werden einzelne bedeutende Vergehungen durch die Ausschließung oder Entfernung des strafwürdigen Schülers zu ahnden sein.
  9. Die zur Züchtigung bestimmten Werkzeuge werden jederzeit im Schulschranke zu bewahren sein, bis sie gebraucht werden sollen. Es ist unschicklich, wenn der Lehrer dieselben während des Unterrichts in der Hand führt.
  10. Zugleich untersagen wir noch jede Bestrafung – auch wenn sie nicht eine körperliche wäre – welche das Ehrgefühl tief verletzt, oder bei den Mitschülern Schadenfreude erregt. Dahinrechnen wir das Anhängen von Schandtafeln, Knieen = Lassen, Schimpfworte u. A. (…)

Nr. 101.                                                   Mittwoch, 30. August.                                             1876

Mit dem 1. Oktober a. c. werden laut Congreßbeschluß unsere bisherigen zwei offiziellen Parteiorgane „Volksstaat“ und „Neuer Sozialdemokrat“ zu erscheinen aufhören und wird an deren Stelle als einziges offizielles Parteiorgan treten der

                                                                  „Vorwärts“

                                   Centralorgan der Sozialdemokratie Deutschlands.

                                   Redakteure: W. Hasenclever und W. Liebknecht.

                                   Ort des Verlags: Leipzig.

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Nr. 103.                                              Sonntag, 3, September.                                           1876

Waldverwüstung und Ueberschwemmung.

Ein Kapitel der Grund = und Bodenfrage.  Von Georg Vollmer. I.

Seit etwa zwei Jahrzehnten wird halb Europa: Deutschland, Oesterreich, die Schweiz, Frankreich und Norditalien, mit fürchterlicher Regelmäßigkeit jeden Frühling und Sommer von den verheerenden Ueberschwemmungen heimgesucht: Hunderte von Menschenleben gehen zu Grunde, Werthe aller Art werden beschädigt und vernichtet, Grund und Boden wird verwüstet und auf Jahre oder für immer der Cultur entzogen, in den betroffenen Gegenden Jammer, Elend, Armuth und Krankheiten hervorgerufen.

Und diese Kalamität, ist sie durch „Zufall“ entstanden, durch unabwendbare Naturereignisse erzeugt? Weshalb war sie denn unseren Vorfahren fremd und ist erst in neuerer Zeit entstanden?

Diese regelmäßigen Ueberschwemmungen sind kein nothwendiges Uebel, kein „Zufall“, keine unabwendbaren Naturereignisse, sondern die unvermeidlichen Folgen der räuberischen Eingriffe in den Haushalt der Natur, vor allem der maßlosen Waldverwüstung, die eine habsüchtige Spekulation besonders seit Beginn der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts treibt, sind die naturmäßigen Strafen der wirthschaftlichen Sünden, die unausbleiblichen Folgen der ungezügelten Ausbeutungssucht des Kapitals. (…)

Nr. 111.                                                    Freitag, 22. September                                                  1876

Die materialistische Richtung in der Wissenschaft.

Von S. Markowic.   (Aus dem Serbischen übersetzt von L. M.)  (Fortsetzung)

Die Verschwörung der beiden Gracchen, der Sklavenaufstand in Sizilien, alle diese Versuche, die Tyrannei Roms zu vernichten, beweisen uns klar, daß sich die Reaktion gegen die sozialen Gebrechen des römischen Staats selbst regte. Dadurch kann man auch das zu schnelle Verbreiten des Christenthums, das im Anfange des römischen Kaiserreichs verkündet wurde, erklären. In dieser Zeit war die Wissenschaft zu schwach, um ein wissenschaftlich = soziales System auszuarbeiten und moralische Prinzipien für Staat, Gesellschaft und Familie aufzustellen. Ein solches in allen Einzelheiten ausgeführtes System hat die Wissenschaft auch heute noch nicht. –

Das religiöse System des alten Roms war eben kein System. Draper charakterisirt dasselbe wie folgt: „Sein Gegner (der Gegner des Christenthums), das Heidenthum, zeugte von angeborener Schwäche und Treulosigkeit und hatte nur öde Aussichten aufzuweisen, ein System, wenn es so genannt werden kann, welches keine leitende Idee, keine Grundsätze, keine Organisation besaß, sich nicht um Proselyten kümmerte, dessen Priester vielen Göttern ergeben waren und kein politisches Ganze bildeten, sich mit Leitung des öffentlichen Gottesdienstes und dem Vorhersagen zukünftiger Ereignisse befaßten, ohne sich in das häusliche Leben zu mischen, ohne sich um die Niedrigen und Unglücklichen zu kümmern…“

Die christliche Religion, wenn sie mit den Religionen, an deren Stelle sie trat, vergleicht, war in der Zeit ihrer Entstehung ein geistiger Fortschritt. Die strenge christliche Moral war eine fürchterliche Kritik der damaligen Demoralisation der höheren Klassen. Die Gleichheit der Menschen vor Gott, die gegenseitige Liebe unter sich, die Barmherzigkeit mit den Sündern, Wohltätigkeit gegen die Armen und Verzicht auf die irdischen Güter wegen der Belohnung in der anderen Welt nach dem Tode predigend, gewann die christliche Religion die ganze niedere Klasse für sich, alle, welche von der höheren Klasse verfolgt und unterdrückt waren, d. h. das Christenthum bekam die Majorität. Das Christenthum aber war so lange ein Fortschritt, so lange es noch nicht über seine Gegner gesiegt hatte. Schon in der Zeit, als in Alexandrien unter dem Heidenthum die Wissenschaft blühte, griff dieselbe das christliche Priesterthum an. Als das Christenthum siegte, als es eine Staatsreligion wurde, da zeigte es sich gleich, daß es, wie alle anderen Religionen die Stagnation, Intoleranz und Unfreiheit zur Folge haben muß. Die christlichen Historiker berichten und über alle Verfolgungen und Metzeleien, die die ersten Christen von den Bekennern anderer Religionen erduldeten, aber sie sind sehr ungerecht und erwähnen nicht einmal mit einer Silbe die Verhältnisse

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zwischen Christenthum und anderen Religionen. Jener große Haß zwischen den verschiedenen Sekten beweist, daß in dieser Beziehung das Christenthum eben jene Eigenschaften wie alle anderen Religionen hatte. Die zahlreichen Concile brachten keine Einigkeit zu Stande: gewöhnlich excommunicirte man einander. Feuer und Schwert! Die Ausrottung auch des letzten Ketzers! Das waren die Prinzipien der ersten „heiligen Väter“, und sie thaten das in der festen Ueberzeugung, daß sie damit Gottes Befehle vollbringen. Wenn man die verschiedenen Auffassungen der Gotteslehre zuließe, wäre dann diese Lehre göttlich? Wer die Geschichte des Christenthums durchstudirte, wird überzeugt sein, daß unendlich mehr Christen von der christlichen als von der heidnischen Hand gefallen sind. Der christliche Glaube, wie ihn die ersten Apostel predigten, war eine moralische Lehre. Das Christenthum schuf sich keine besondere Lehre von der Welt und der Lage in derselben – es nahm alles dies aus anderen Religionen, besonders aus der hebräischen. Das Christenthum lehrte die Menschen, wie sie hier auf der Erde leben müssen, um des Himmelreichs würdig zu sein. Die Apostel sprachen in ihren Predigten sehr oft von einem anderen Leben, in dem alle Gerechten  aberbelohnt werden; aber was für Leben dieses zweite sein solle, das beschrieben sie sehr dunkel und unvollkommen. Sie verkündeten keine Lehre, die ein philosophisches System war, wie z. B. der Buddhismus oder Mohamedanismus. Das Christenthum war hauptsächlich eine Morallehre, darum erwarb es so viele Bekenner in der ersten Zeit. – Die menschliche Vernunft aber konnte sich von der Lösung der Fragen, die sie einmal zu lösen versuchte nicht lossagen.  Was ist die Welt? Wie entstand die Welt? Was ist der Mensch? Wie entstand er? Was ist sein Ziel? Das waren Fragen, die seit je den menschlichen Geist beschäftigen. Das Christenthum mußte auf diese Fragen antworten. Was uns Allen, die wir den Katechismus und die kirchliche Geschichte lehrten, bekannt ist, nahm das Christenthum die Antwort auf die vier ersten Fragen aus der hebräischen Religion, aus dem Alten Testamente. (…)

Nr. 112.                                                   Sonntag, 24. September.                                                1876

Die materialistische Richtung der Wissenschaft.

Von S. Markovic. (Aus dem Serbischen übersetzt von L. R.) (Fortsetzung)

Die kirchliche Hierarchie lebte in Saus und Braus, plünderte die „Herde“ unbarmherzig aus, und vom goldgesticktem Talar umhüllt, predigte sie dem unglücklichem Volke die Entsagung von irdischen Gütern um des Himmelsreiches willen. Sie stellte die Männer der Wissenschaft als Abtrünnige von Gott und als Teufelsbrut dar. Denn die Gelehrten, so lehrte sie, wollen die „Herde“ in die Verderbniß ziehen, sie wollen den „göttlichen Glauben“, der allein der wahre, heilige und seligmachende sei, die Moral und die Grundlagen der Familie, des Staates und der Gesellschaft überhaupt vernichten. In jener Zeit, wie auch heute, griff man die Wissenschaft an, sobald sie den kirchlichen Nimbus zu vernichten drohte. Die demoralisirten Staatslenker, die von den Gottesstellvertretern in Gottes Namen gesalbt waren, wodurch ihnen ehemals im Gottes Namen das Recht gegeben wurde, das Volk auszubeuten und es von allen irdischen Gütern zu „befreien“ (jedenfalls nur in der Absicht, die Männer aus dem Volke für ihren Weg in’s Himmelreich leichter zu machen), diese Staatslenker also, welche an die pfäffischen Heiligkeit nicht glaubten, die sogar sehr gut wußten, daß man das Volk damit schändlich belügt und betrügt, die von ihrem Tische als Gäste die bekanntesten Atheisten empfingen, diese Staatslenker waren stets bereit, die Verbreitung der ketzerischen Ansichten in der Herde d. h. in die Masse des unwissenden Volkes mit Gewalt zu verhindern.  Wäre doch dadurch die Autorität der Kirche und der Herrscher von Gottes Gnaden untergraben worden. Die Tyrannei der Kirche und des Staates wurde dem Volke schon unerträglich. Die Wissenschaft zeigte auf die Quelle des Uebels, und darum haben die Pfaffen mit dicken Bäuchen und goldenen Kreuzen geschrieen: sie vernichten die Moral und die Religion. Die ehrlichen Repräsentanten der Wissenschaft wiesen auf die unzähligen Verbrechen jener hin und fragten: welche Moral = Prinzipien können jene sein, welche ihr, das Ideal der Verdorbenheit den

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Menschen predigt. Das fragten alle unbefangenen Männer jener Zeit. Die Philosophen der sensualistische Schule aber, wie Holbach begnügten sich nicht, wie Voltaire und Rousseau, nur das äußere Uebel, die Mißbräuche der Hierarchie anzugreifen, sondern gingen der Basis des Aberglaubens auf den Leib: der Annahme einer übernatürlichen Kraft in der Natur, auf welche hauptsächlich die kirchliche Hierarchie gegründet war. Die Sensualisten erwiesen zuerst, daß es keines Aberglaubens (wie z. B. des Glaubens an ein Himmelreich) bedürfe, um die Menschen zu versittlichen, sondern daß man zu diesem Zwecke die Bedingungen  der Demoralisation in der Gesellschaft vernichten und die Gesellschaft umformen müsse, daß die Moral eine nothwendige Folge der gesellschaftlichen Einrichtungen sei.

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