Christliches Manifest
Christliches Manifest

 

Artikel 7 Christentum und deutsche Geschichte in ihrem Kontext

 

a) Sozialpolitische und sozialethische Sicht

Der christliche Glaube in seinen vielfältigen Ausprägungen hat tiefe Wurzeln in der deutschen Geschichte in Gnade und Gericht. Der letzte Einschnitt hierzu in weltgeschichtlichem Ausmaß war die Reformation Marin Luthers (1483 -1546), die besonders darin bestand, die Ausbreitung des Wortes Gottes durch seine Bibelübersetzungen in bis dahin nie gekanntem Ausmaß zu vollbringen. Aber es gab in der deutschen Geschichte auch Gegenbewegungen.

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Dem Philosophen Friedrich Nietzsche (1844-1900) wird in seinen Schriften ein brillanter Stil, vergleichbar dem Stil Martin Luthers, nachgesagt. Von ihm stammt auch der ziemlich verwegene Satz: „Gott ist tot.“

Die Reformation Martin Luthers wäre beinahe an der sozialen Frage gescheitert, viel hatte nicht gefehlt und die Bauernkriege um 1525, wenige Jahre nach dem Thesenanschlag am 31. Oktober 1517, hätten alles zum Einsturz gebracht. Der Thesenanschlag, der eigentliche Auslöser der Reformation, enthielt keine auf gesellschaftliche und soziale Veränderungen abzielende Forderungen. Die Bauern hatten entsprechende Forderungen in „Zwölf Artikeln“ formuliert, von denen sich Luther insoweit distanzierte, als er es ablehnte, soziale und politische Bestrebungen mit der Verkündung des Evangeliums gleich zu setzen.

In seiner „Zwei-Reiche-Lehre“ unterscheidet Luther das Reich des Glaubens von den politischen Reichen dieser Welt. Luther ging es ausschließlich um eine Reform des Glaubens, was nicht mit völliger politischer Abstinenz gleichzusetzen ist. Luther hat auch nicht einseitig das Vorgehen der Bauern, das sich oft in besonders bestialischen Racheakten vollzog, verurteilt. Er hat auch die Obrigkeiten der Zeit auf das Schärfste ermahnt, was gerne, je nach politischem Standpunkt, übersehen wird.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat im Zuge der industriellen Entwicklung die Soziale Frage drängend und unübersehbar in das gesellschaftliche Leben der Zeit. Zuvor hatte ein weiteres historisches Ereignis von weltgeschichtlichen Dimensionen, ausgelöst durch die Französische Revolution 1789, seinen Verlauf genommen, die in der Forderung nach einem Staatsaufbau auf verfassungsrechtlichen Grundlagen bestand. Aus der Christenheit kam kein nennenswerter Beitrag zur notwendigen Reform des gesellschaftlichen und politischen Lebens. Die Revolution selbst war zeitweise sogar bemüht, das Christentum überhaupt zu beseitigen. Die christlichen Kirchen hatten zuvor dem Missbrauch absolutistischer Herrscher, die sich auf ein von Gott begnadetes Herrscherrecht beriefen, wenig entgegengesetzt. Die drei markanten Begriffe „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ hätten auch der Botschaft des christlichen Evangeliums entnommen werden können. Die Französische Revolution erwies sich als politisches Experimentierfeld verschiedener gesellschaftlicher und verfassungsrechtlicher Entwürfe, begleitet von exzessiver Gewalt, die schließlich in die napoleonische Herrschaft mündete. Es vergingen mehr als hundert Jahre, bis sich demokratische Verfassungsstrukturen festigten.

Ein erster ernst zu nehmender Versuch wurde in Deutschland 1848/49 mit der Gründung der Frankfurter Nationalversammlung unternommen. Es war der Versuch ein einiges Deutschland auf demokratischer und verfassungsrechtlicher Grundlage zu schaffen, nachdem solche Hoffnungen auf dem Wiener Kongress 1815 zunichte gemacht worden waren, wo nach Revolution und Krieg Frankreich niedergerungen worden war und eine europäische Neuordnung ausgehandelt wurde. Deutschland erreichte seine Einheit erst nach drei Kriegen durch die Politik des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck (1815-1898): 1864 gegen Dänemark, 1866 zwischen Preußen und Österreich und schließlich 1870/71 gegen Frankreich. Um diese drei Kriege hat es Darstellungen und Interpretationen gegeben, die in ihrem Ergebnis besonders nach dem Zweiten Weltkrieg einen Ausgang nahmen, die einem auf Versöhnung ausgerichteten Geschichtsverständnis nicht dienlich waren. Eine Geschichtsbetrachtung, die das Prinzip von Schuld und Vergeltung in den Vordergrund stellt, daran hat sich in Jahrzehnten wenig geändert, obgleich  historische Fakten eine andere Betrachtungsweise  erlauben und ermöglichen, andere Wege zu beschreiten.

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Es beginnt mit der irreführenden Darstellung, Bismarck habe zielstrebig die Einheit Deutschlands durch die genannten drei Kriege herbeigeführt. Nicht einer dieser drei Kriege ist von Bismarck begonnen worden, eben so wenig stimmt die Behauptung, dem 1871 gegründetem Reich habe die demokratische Legitimation gefehlt. Das Wahlrecht zum Reichstag der Kaiserzeit war ausgesprochen fortschrittlich im Kontext der Zeit, es war frei, gleich, geheim und direkt, und der föderalistische Staatsaufbau hat sich fortgesetzt in der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg und in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, so wie er mit der Frankfurter Nationalversammlung 1848/49 begonnen hatte. Der Reichstag hatte das Budgetrecht und das Gesetzgebungsrecht, und kein anderes Verfassungsorgan konnte am Reichstag vorbeiregieren.

Die deutsche Geschichte ist in ihrer Gesamtbetrachtung eingeteilt worden in Erstes, Zweites und „Drittes Reich“. Alle die genannten Zeitabschnitte und Reichsgründungen hatten keine Gemeinsamkeit, auch wenn die Bezeichnungen eine auf Kontinuität ausgerichtete Entwicklung schließen lassen.

Das Erste Reich gründete auf den universalen Staatsgedanken, wenngleich die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zumeist deutschen Herrscherhäusern entstammten, so war das nicht zwingend, jedes andere Herrscherhaus im Bereich des weströmischen Staatsverständnisses hätte diesen Platz einnehmen können. Die Bezeichnung „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“ ist erst mit dem Beginn der Neuzeit mit diesem Zusatz „deutscher Nation“ bedacht worden, als es in seinem Ursprung nicht mehr bestand. Kein Herrscher seit Karl dem Großen hatte in Europa eine solche Machtfülle in sich vereinigt wie Kaiser Napoleon I., der sich am 2. Dezember 1804 in Notre Dame im Beisein des Papstes zum Kaiser krönte.

Er hatte es aber abgelehnt, den universalen Staatsgedanken, wie er von Karl dem Großen begründet worden war, wo nationale oder gar rassische Gegebenheiten nicht im Vordergrund standen, zu erneuern. Ihm hatte sich die Möglichkeit geboten, die ungenutzt blieb, Tradition und Moderne miteinander zu verknüpfen.

Das Zweite Reich war ein Nationalstaat im Sinne der Zeit und wollte sich auch so verstanden wissen. Ein Nationalstaat in der Mitte Europas war mit einer besonderen Herausforderung behaftet. Wie sollte dieser Staat mit seinen nationalen Minderheiten umgehen, mit Franzosen im Westen, Dänen im Norden und besonders Polen im Osten. Ein Rückgriff auf den universalen Staatsgedanken mittelalterlicher Prägung war undenkbar.

Es wäre aber auch ungerecht, den Deutschen das Recht abzusprechen, einen Nationalstaat zu begründen. Preußen, dessen Machtstellung schließlich die deutsche Einheit herbeiführte, hatte sich zuvor nicht als Nationalstaat verstanden, es hat gegenüber seinen polnischen Bevölkerungsteilen keine rücksichtslosen Eindeutschungsversuche unternommen.

Das Zweite Reich hatte zwei innenpolitische Erschütterungen zu überwinden: Die soziale Frage, die mit der aufkommenden Sozialdemokratie drängend in den Vordergrund rückte und dem Kulturkampf, der in einem Ringen mit der katholischen Kirche bestand, und das Reich noch einmal in ferne Zeiten entrückte, was in dem markigem Satz Bismarcks im Reichstag seinen Niederschlag fand: „Nach Canossa gehen wir nicht.“ Der Kulturkampf fand ein Ende und der Streit wurde beigelegt. In Glaubensfragen stand Bismarck sehr unter dem Einfluss seiner Frau Johanna von Puttkamer, die pommerschen Pietistenkreisen entstammte. Bismarcks dezidiert protestantische Haltung hat hier ihren Ursprung.

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In der sozialen Frage verliefen die Gegensätze nicht so glimpflich. Der Kampf mit der Sozialdemokratie erreichte 1878 mit dem Sozialistengesetz seinen Höhepunkt. Die Sozialdemokratie, die sich 1875 auf dem Kongress in Gotha zu einer Einheit fand, wurde in ihrer Tätigkeit empfindlichen Einschränkungen unterworfen, durfte aber weiter an Reichstagswahlen teilnehmen, und steigerte ihren Stimmenanteil von 7,6% im Jahre 1878 auf 19,8% im Jahre 1890 dem Ende des Sozialistengesetzes, weil es vom Reichstag entgegen der Absicht Bismarcks nicht erneuert wurde.

Die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts markieren die Einführung der Sozialgesetzgebung in der Krankenversicherung, Unfallversicherung und Rentenversicherung. Es ist oft behauptet worden, Bismarck habe diese Gesetzgebung auf Druck der wachsenden Sozialdemokratie eingeführt. Sollte er tatsächlich diese Absicht verfolgt haben, so erwies sich dieser Versuch als ein Fehlschlag. Bismarck hatte sich aber schon viel früher der sozialen Frage zugewandt. Er hatte sich mehrfach mit Ferdinand Lassalle getroffen, bevor dieser im Mai 1863 den ADAV (Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein) gründete. In der Reichstagsdebatte am 17. September 1878 zur Vorlage des Sozialistengesetzes fand Bismarck lobende Worte für Ferdinand Lassalle.

Im Juni 1863 folgte dann die Gründung des VDAV (Vereinigung Deutscher Arbeitervereine), der marxistisch ausgerichtet war, mit Wilhelm Liebknecht und August Bebel an der Spitze. Beide Parteien standen zunächst im Gegensatz zueinander, bis 1875 der Zusammenschluss erfolgte. 1890, mit dem Ende des Sozialistengesetzes, endete auch die Ära Otto von Bismarcks.

1891 formierte sich die Sozialdemokratie auf dem Kongress in Erfurt neu und gab sich den Namen SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands). Programmatisch überwog die marxistische Richtung. Ein Ereignis ließ in gravierendem Ausmaß soziale Spannungen steigen und aufrechterhalten: Der „Gründerkrach“ 1873. Erschütterungen an der Börse hinterließen einen wirtschaftlichen Niedergang, der mehr als zwanzig Jahre andauerte. Erst mit dem Ende des 19. Jahrhunderts erholte sich die Wirtschaft im Deutschen Reich spürbar, was sich auch in verbesserter Lebensqualität für die Arbeiter niederschlug, und innerhalb der SPD nicht ohne Auswirkungen blieb. Die Revolution, die den völligen Zusammenbruch des Systems nach historischen Gesetzmäßigkeiten herbeiführen sollte, war ausgeblieben, was zu einem Umdenken führte. Die „Revisionisten“ in der SPD gewannen an Einfluss, hinzu kam das Werben um die SPD, die ihren Stimmenanteil bei Wahlen kontinuierlich gesteigert hatte, bis sie 1912 zur stärksten Fraktion im Reichstag anwuchs. Von außerhalb der Partei wurde unentwegt versucht, sie für den Staat zu gewinnen, dem sie immer ablehnend gegenüber gestanden hatte.

Die katholische Kirche begegnete der sozialen Herausforderung im Mai 1891 mit der Enzyklika „Rerum Novarum“ (wörtlich: Neue Sachen) durch Papst Leo XIII., dem Arbeiterpapst, die 45 Thesen dieser Enzyklika werden durch Zitate aus dem hebräischen und christlichen Kanon der Heiligen Schrift untermauert. These 1 beginnt mit dem Satz: „Der Geist der Neuerung, welcher seit Langem durch die Völker geht, mußte, nachdem er auf politischem Gebiete seine verderbliche Wirkung entfaltet hatte, folgerichtig auch das volkswirtschaftliche Gebiet ergreifen. Viele Umstände begünstigten diese Entwicklung; die Industrie hat durch Vervollkommnung der technischen Hilfsmittel und seine Produktionsweisen mächtigen Ausschwung genommen; das gegenseitige Verhältnis der besitzenden Klasse und der Arbeiter hat sich wesentlich umgestaltet; das Kapital ist in den Händen einer geringen Zahl angehäuft, während die große Menge verarmt; es wächst in den Arbeitern das Selbstbewußtsein, ihre Organisation erstarkt, dazu gesellt sich der Niedergang der Sitten“.

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Wer denkt bei diesen Sätzen nicht an die Theorie von Karl Marx von der Akkumulation des Kapitals, indem sich das Kapital ständig vermehrt und sich in immer weniger werdende Hände konzentriert, einer Entwicklung, der Marx die Verelendungstheorie gegenüberstellt mit der Folge einer steigenden Verelendung breiter Bevölkerungsschichten.

In der These 17 heißt es weiter: „Vor allem ist es die Pflicht der Arbeitsherrn, dem Grundsatz: Jedem das Seine, stets vor Augen zu behalten. Dieser Grundsatz sollte auch unparteiisch auf die Höhe des Lohnes Anwendung finden, ohne daß die verschiedenen für die Billigkeit mit zu berücksichtigenden Momente übersehen werden. Im Allgemeinen ist in Bezug auf den Lohn wohl zu beachten, daß es wider göttliches und menschliches Gesetz geht, Notleidende zu drücken und auszubeuten um des eigenen Vorteils willen. Dem Arbeiter den gebührenden Lohn vorzuenthalten, ist eine Sünde, die zum Himmel schreit. „Siehe“ sagt der Heilige Geist, „der Lohn der Arbeiter, den ihr unterschlagen habt, schreit zu Gott, und ihre Stimmen dringen zum Herrn Sabaoth“. (Aus dem Brief des Apostels Jakobus Kapitel 5, Vers 4) Die Reichen dürfen endlich unter keinen Umständen die Besitzlosen in ihrem Erworbenen schädigen, sei es durch Gewalt oder Trug oder Wucherkünste: und das um so weniger, als ihr Stand minder gegen Unrecht und Übervorteilung geschützt ist. Ihr Eigentum, weil gering, beansprucht eben deshalb um so mehr Unverletzlichkeit. Wer will in Abrede stellen, daß die Befolgung dieser Vorschriften allein imstande sein würde, den bestehenden Zwiespalt samt seinen Ursachen zu beseitigen?“

Der Gegensatz zwischen national und sozial und der damit verbundenen Begriffswelt war damit nicht beseitigt. In zwei gegenläufigen Richtungen hatten sich national und sozial aufeinander zu und aneinander vorbeibewegt, was in der Folgezeit im 20. Jahrhundert nicht ohne Auswirkungen blieb. Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 warf alles aus der Bahn, was in geordnete Bahnen hätte gelenkt werden können. Friedrich Naumann (1860-1919) hatte einen Weg gewiesen und von einem nationalen Sozialismus und einem „Volkskaiser“ als obersten Monarchen gesprochen. Er war evangelischer Theologe und christlich sozialer Politiker; gründete 1896 den „Nationalsozialen Verein“ mit einem Programm, um die Arbeiterschaft für den Staat zu gewinnen, zudem die Sozialdemokratie sich seit ihrer Gründungsphase auf Distanz gehalten hatte.

Mit der Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifestes“ im Februar 1848 durch Marx und Engels wurde im Rahmen eines historischen unabänderlich sich vollziehenden Prozesses das Erreichen einer klassenlosen Gesellschaft beschrieben und damit die Beseitigung aller Klassenherrschaft in einer Gesellschaft, wo die Freiheit der Entwicklung des einzelnen, die Gewähr ist die freie Entwicklung aller. Als Hindernis zu diesem Ziel wurde der Privatbesitz an Produktionsmitteln gesehen, die es in die Hände des Proletariats zu überführen galt, dem gesellschaftlichen Gegenstück zur bürgerlichen Gesellschaft. Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit hatten demzufolge also ihren Ursprung in der Produktionssphäre und der Zirkulation der Arbeitserzeugnisse, während Wirtschaftskrisen und soziale Verwerfungen auch  im Bereich der Zirkulationssphäre des Geldes zu suchen und zu finden sind.

Friedrich Engels schrieb dazu in seinem „Anti-Dühring“, veröffentlicht 1877 im „Vorwärts“ in mehreren Folgen:

In der That, seit 1825, wo die erste allgemeine Krise ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisirten Güter und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen.

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Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das baare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehen still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie zu viel Lebensmittel produzirt haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Waarenmassen unter größerer oder geringerer Entwerthung endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kreditlichen und spekulativen Steeple-chase, um endlich nach den halsbrecherischen Sprüngen wieder anzulangen – im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechsten Mal. Und der Charakter dieser Krisen ist so scharf ausgeprägt, daß Fourier sie alle traf, als er die erste bezeichnete als: crise plétorique, Krise aus Überfluß.

Was Engels hier niederschrieb, hat sich fortgesetzt, und die Welt steht solchen Erscheinungen offensichtlich hilflos gegenüber, obgleich die Widersprüche, die hier aufgezeigt werden, unübersehbar sind.

Ein Ausweg könnte in der Gegenüberstellung eines reibungslosen Austausches zwischen Sachkapital und Geldkapital bestehen, dargestellt am Zahnradmodell der Wirtschaftskreisläufe:

Die Zahnradmodelle der Wirtschaftskreisläufe

Besitzansprüche werden unterschiedlich formuliert und sind oft abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung. Besitzansprüche werden in Sachwerten oder Geldwerten ausgedrückt.

Sach- und Geldwerte sind abhängig von der Arbeitsleistung, die dafür erbracht werden muss, und sie sind abhängig von der reibungslosen Zirkulation des Geldkreislaufes und des Kreislaufes der Arbeitserzeugnisse.

Durch ein Bild mit den zwei Zahnrädern kann das anschaulich gemacht werden.

1. Zahnrad- Warenzirkulation                        2. Zahnrad- Geldzirkulation

Geistige und materielle Güter, die durch       Das Zahnrad der Geldzirkulation ist mit der

Arbeitsleistung erzeugt werden.                     Antriebswelle verbunden, und bewegt so die

                                                                               gesamten Wirtschaftskreisläufe.

Dort, wo beide Zahnräder drehend ineinander greifen, entsteht der Austausch von Geld- und Sachwerten.

Geld- und Warenzirkulation müssen aufeinander abgestimmt sein, wenn ein reibungsloser Güteraustausch und eine gerechte Verteilung der Arbeitserzeugnisse gewährleistet sein soll.

Vier Möglichkeiten gibt es, dargestellt an Zahnrädern, die sich bewegen und ineinander greifen.

1Möglichkeit: Beide Zahnräder sind gleich groß. Das Zahnrad der Geldzirkulation befindet

sich auf der Antriebswelle. Beide Zahnräder sind so in Größe und Geschwindigkeit aufeinander abgestimmt. Ein reibungsloser Güteraustausch ist die Folge.

2. Möglichkeit: Das Antriebszahnrad der Geldzirkulation ist größer als das Zahnrad der    Warenzirkulation. Es entsteht durch Geldüberhang eine Entwertung des Geldes und eine Flucht in die

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Sachwerte. Die Verteilung der vorhandenen Güter erfolgt mit steigender Geschwindigkeit bis alles aus den Fugen gerät, was im Extremfall die Rückkehr zur Naturalwirtschaft bedeuten kann.

(Inflation in Deutschland 1923 und 1948)

3. Möglichkeit: Das Antriebszahnrad der Geldzirkulation ist kleiner als das Zahnrad der Warenzirkulation. Es entsteht ein Überhang der erzeugten Güter und eine Flucht in den ständig steigenden Geldwert. Die Verteilung der erzeugten Güter verlangsamt sich, die Produktion gerät ins Stocken, bis Heere von Arbeitslosen die Straßen bevölkern. (Deflation zwischen 1929 und 1933)

4Möglichkeit: Das Antriebszahnrad der Geldzirkulation wird von dem Zahnrad der Warenzirkulation losgelöst. In dem Maße, wie sich die Geldzirkulation von der Warenzirkulation entfernt, wird der Geldwert nicht mehr auf Sachwerte bezogen. Die bunt bedruckten Geldscheine werden schließlich zu einem wertlosen Fetzen Papier. Es entstehen Geldwerte nur innerhalb einer Geldzirkulation, was schließlich dazu führt, dass selbst Milliardäre sich vor den fahrenden Zug werfen. Das Zahnrad der Geldzirkulation ist so seiner eigentlichen Funktion beraubt, dann müssen, um den gänzlichen Zusammenbruch der Wirtschaftskreisläufe zu umgehen, Ersatzzahnräder mit Ersatzantriebswellen bereit gestellt werden, als da sind: Konjunkturprogramme, Staatshilfen und Staatskredite, Ausfallbürgschaften, Schuldenschnitt und schließlich Geldschöpfung durch die Notenpresse. Geholfen haben solche Antriebsmechanismen noch nie richtig. (Heinz Drews)

Eine wesentliche Ursache wirtschaftlichen Ungleichgewichts und sozialer Verwerfung ist zumeist in einer steigenden Staatsverschuldung zu suchen. Sie stand ursächlich vor dem Ausbruch der Französischen Revolution, als die Staatsverschuldung vor 1789 in ihrem Höhepunkt den Stand der Staatseinnahmen erreichte. Adel und Geistlichkeit, die herrschenden Stände, verweigerten sich nötigen Reformen. Es war nicht das erste Mal in der Geschichte, dass Reformverweigerung sich in revolutionären Gewaltausbrüchen Bahn brach.

Ein weiteres Beispiel zu einer solchen Entwicklung bildet das russische Zarenreich. Die Verweigerung nötiger Reformen zur notwendigen Veränderung von Gesellschaft und Staatsaufbau führte 1917 zur marxistisch – leninistischen Oktoberrevolution.

Kennzeichnend für die Entwicklung der Weltwirtschaft zwischen den beiden Weltkriegen im vorigen Jahrhundert war die Staatsverschuldung, denn alle maßgeblich am Ersten Weltkrieg beteiligten Mächte waren mit einer hohen Staatsverschuldung aus dem Krieg hervorgegangen, einschließlich der Vereinigten Staaten von Amerika, die schließlich den Ausgang des Krieges entschieden hatten. Die Vereinigten Staaten waren Hauptgläubiger der interalliierten Kriegsschulden durch die Aufnahme von Schulden durch Frankreich und Großbritannien in Amerika. Dazu einige Zahlen, um sich mit den Größenordnungen vertraut zu machen. Das deutsche Kaiserreich hatte durch Anleihezeichnungen eine Kriegsschuld von 154 Milliarden Goldmark aufgehäuft. Dem stand eine Reparationsforderung der Siegermächte des Ersten Weltkrieges, vor allem Frankreichs und Großbritanniens durch das Londoner Schuldenultimatum vom Mai 1921 gegenüber mit einer Forderung von 132 Milliarden Goldmark. Die innere Schuld wurde beseitigt durch eine Inflation, Gläubiger, Sparer und Anleihezeichner wurden durch unentwegtes Drucken von Banknoten enteignet. Am Tage der Währungsumstellung von Mark auf Rentenmark, dem 20. November 1923, kostete 1$ 4,2 Billionen Mark und die gesamte deutsche Kriegsschuld von 154 Milliarden Goldmark hatte einen Wert von 15,4 Pfennig in der Kaufkraft des Jahres 1913. Zuvor hatten belgische und französische Armeeeinheiten das Ruhrgebiet besetzt, das industrielle Herz Deutschlands mit der Begründung, Deutschland habe die auferlegten Reparationsverpflichtungen nicht pünktlich erfüllt, wodurch die deutsche Wirtschaftsleistung erheblich geschwächt wurde. Es ergab sich die Notwendigkeit einer Neuregelung, sie wurde 1924 vorgenommen durch den Dawes-Plan, benannt nach dem amerikanischen Finanzexperten Charles Dawes. Dieser Plan sah eine

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Ratenzahlung vor von einer Milliarde Goldmark jährlich ab 1924 und ab 1928 2,5 Milliarden Goldmark, was einen Anteil an den Staatsausgaben von 12,4% ausmachte. Eine endgültige Höhe der Summe und ein Zeitplan wurden nicht festgelegt. Dazu wurde eine internationale Anleihe von 800 Millionen Goldmark aufgelegt mit entsprechenden Rückzahlungsverpflichtungen. Die Wirtschaft entwickelte sich zunächst zufriedenstellend, so dass zum Ende hin von den „Goldenen Zwanzigern“ gesprochen wurde, die mit dem „Schwarzen Freitag“ an der Wallstreet in New York im Oktober 1929 ein plötzliches Ende fanden. Die Weltwirtschaft geriet in Turbulenzen, ausgelöst durch Börsenspekulation an der Wallstreet, dem internationalen Finanzzentrum. Die deutsche Wirtschaft wurde davon besonders hart getroffen, woraus sich die Notwendigkeit einer weiteren Regelung der Reparationsforderungen ergab. Sie wurde gefunden durch den Young-Plan, der im Januar 1930 den Dawes-Plan abgelöste. Eine Volksabstimmung dagegen, besonders durch die aufkommende NSDAP gefördert, scheiterte. Die Verhandlungen führte der amerikanische Wirtschaftspolitiker Owen Young. Der Young-Plan sah Reparationen in Höhe von 121 Milliarde Reichsmark vor, zahlbar in 59 Jahresraten bis 1988. Die Annuitäten sollten von 1,7 Milliarden auf 2,1 Milliarden steigen und ab 1965 auf 1,65 Milliarden zurückgeführt werden. Die Wirtschaftskrise, die 1929 eingesetzt hatte, führte zum Zusammenbruch der nach dem Young-Plan ausgehandelten Zahlungen, die 1931 im Rahmen des nach dem amerikanischen Präsidenten Hoover bezeichneten „Hoover-Moratoriums“ aufgeschoben, und 1932 auf der Konferenz von Lausanne gänzlich ausgesetzt wurden, nachdem eine Einmalzahlung von 3 Milliarden Reichsmark vorgesehen war. Im Gegensatz dazu weigerten sich die Vereinigten Staaten auf die Rückzahlung der interalliierten Kriegsschulden zu verzichten. Frankreich und Großbritannien weigern sich bis heute diese Schulden zu begleichen. Der Kapitaldienst für aufgenommene Kredite, besonders in Zusammenhang mit dem Dawes-Plan, musste von Deutschen Reich weiter geleistet werden, bis die nationalsozialistische Regierung im Juni 1934 die Zahlungen ersatzlos einstellte, was auf außenpolitischer Ebene ohne Folgen blieb. Die Zahlungen wurden 1990 wieder aufgenommen, die Zahlung der letzten Rate erfolgte im Oktober 2010, womit auch eine Anerkennung des Kriegsschuldparagraphen 231 des Versailler Friedensvertrages verbunden ist.  

Nachdem Zweiten Weltkrieg wurde die Politik der Reparationszahlungen, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg betrieben worden war, nicht fortgesetzt. Auf der Londoner Schuldenkonferenz 1952 wurde eine Einmalzahlung von 14 Milliarden festgesetzt, und eine weitere Regelung auf einen noch zu schließenden Friedensvertrag verschoben. Deutschland leistete dennoch beträchtliche Zahlungen, dazu gehören Währungsspekulationen gegen die Deutsche Mark, durch die jeweils Milliardenbeträge abflossen, die durch Stützungskäufe für andere Währungen durch die Deutsche Bundesbank geleistet wurden. Gegenwärtig entsteht der deutschen Wirtschaft durch Cyber-Angriffe eine jährlicher Schaden von mehr als 50 Milliarden Euro.

Was 1923 durch die Währungsreform nur in unzureichendem Maße gelang, weil die deutsche Wirtschaft durch Reparationsforderungen Belastungen ausgesetzt war, die kaum zu verkraften waren, das wurde durch die Währungsreform vom Juni 1948 erreicht, ihr folgte ein wirtschaftlicher Aufschwung, der in aller Welt Staunen aber auch Achtung auslöste. Bereits 1964, noch nicht einmal zwanzig Jahre nach dem Zeiten Weltkrieg, galt die Deutsche Mark neben dem US $ und dem Schweizer Franken als eine der härtesten Währungen der Welt. Der Wiederaufbau der Trümmerlandschaft vollzog sich ohne Staatsverschuldung, bis 1969 wiesen die deutschen Bundeshaushalte einen Überschuss aus. Eine Verschuldenspolitik begann erst in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, sie wurde massiv fortgesetzt nach der Wiedervereinigung 1990. Der „Aufbau Ost“ wurde über die Staatsverschuldung organisiert, ein Wirtschaftswunder, wie in den zwanzig Jahren nach der Währungsreform, auf das viele Menschen innerhalb und außerhalb Deutschlands gehofft hatten, ereignete sich nicht. Bis heute

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hat sich kein DAX-Unternehmen in den „neuen Bundesländern“ niedergelassen. Seit „Freizügigkeit“ herrscht, sind mehr als zwei Millionen in den Westen übergesiedelt.

Ein Beitrag vom November 2004:

Die Einführung des Euro, der europäischen Gemeinschaftswährung im Jahre 2002, sei der Preis gewesen für die Wiedervereinigung, ist manchmal geäußert worden. Das Argument ist ebenso oft dementiert worden. Der Euro werde so hart sein wie die DM wurde beschwichtigend versichert. Der Euro ist in jüngster Vergangenheit sehr hart geworden, er hat den Dollar überflügelt. Aber die so gezeigte Stärke täuscht über seine Schwächen hinweg, die tief verborgen liegen und auch im Verborgenen gehalten werden. Der Präsident des Federal Reserve Board (Fed) der amerikanischen Notenbank, Allen Greenspan, war skeptisch, der Euro werde kommen, prognostizierte er, aber keinen Bestand haben. Ob der Dollar besser dasteht, darüber ist keine solche Einschätzung überliefert. Die Entwicklung der Weltwirtschaft mit der Begriffsdefinition „Globalisierung“, die alles überlagert, suggeriert internationale Harmonie. Die wirtschaftspolitische Realität lässt das Gegenteil erkennen.

Nach dem Ersten Weltkrieg ließ ein Wirtschaftskrieg das Wirtschaftsgefüge auseinanderbrechen. Es gibt gegenwärtig bedrohliche Anzeichen für eine Entwicklung gleichen Ausmaßes. Die historische Erfahrung sollte gelehrt haben, solche Entwicklungen zu verhindern, und wenn der politische Wille dazu vorhanden wäre, dann ließe sich das auch verwirklichen. Davon wird die Zukunft abhängen. (Heinz Drews)

Zu den Zukunftsaussichten des Euro ist in einem Schreiben vom 8. März 1997 der Französischen Botschaft eine Einschätzung übermittelt worden. Der nachfolgende Inhalt dieses Schreibens steht in einem gewissen Zusammenhang mit dem Schreiben vom 20. August 1990 an die Ständige Vertretung der DDR. Ein begleitender Kommentar wird dazu angefügt.

 

Französische Botschaft                                                                 Hamburg, 8. März 1997

Kapellenweg 1a

53179 Bonn

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Grundlage, um gegenüber der Französischen Botschaft eine Stellungnahme abzugeben, ist ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen“ in der Ausgabe vom 20. Februar 1997, den ich als Ablichtung beigefügt habe.

Zur geplanten Einführung des „Euro“ als gemeinsame europäische Währung, beabsichtige ich ein System zur Diskussion zu stellen, und ich wende mich damit an die Französische Botschaft, weil ich der Überzeugung bin, daß Frankreich das nötige politische Gewicht besitzt, um Reformvorschlägen zu den Maastricht-Verträgen Geltung zu verschaffen.

Dazu möchte ich vorschlagen, die gemeinsame Währung den „Euro“ bestehen zu lassen, und ihm die Funktion zu übertragen, die der Goldmechanismus vor dem Ersten Weltkrieg gehabt hat. Der Goldmechanismus trat bei Währungsschwankungen in Kraft. Gläubiger ließen sich bei erheblichen Währungsschwankungen ihre Forderungen in Gold auszahlen, um so Verluste zu vermeiden, weil der Goldstandart gegenüber den verschiedenen Währungen festgesetzt war, Floß aus einem Schuldnerland Gold ab, so mußte die umlaufende Menge der Banknoten nach einem festgesetzten Schlüssel verringert werden. Das führte dann bei drohender inflationärer Entwicklung zu einer Rückläufigkeit des Preisgefüges. Dieses System hatte zum Ziel, das Preisstandgefüge im Gleichgewicht zu halten. Es hat funktioniert nicht aufgrund des

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Stoffwertes, den das Gold hatte, oder der ihm beigemessen wurde, sondern ausschließlich wegen der Funktion des Goldes, die heute durch den „Euro“ ersetzt werden könnte. Dieses System, das in seinen Grundzügen nicht von mir entwickelt worden ist, möchte ich in Zukunft weiter präzisieren.

Auf der gleichen Grundlage wie der Goldmechanismus beruhte auch der „Lateinische Münzvertrag“, der zwischen den Ländern Frankreich, Italien, Belgien, der Schweiz und Griechenland geschlossen worden war, der bis 1921 bestanden hat, in dem ein Fünffrankenstück als gleichberechtigtes Zahlungsmittel neben den nationalen Zahlungsmitteln umlief.

Die Einführung des „Euro“ auf dieser Grundlage brächte viele Vorteile: Die Verfechter der europäischen Einheitswährung wären ebenso zufriedengestellt wie die Vertreter, die sich für den Erhalt der nationalen Währungen einsetzen. Die verschiedenen Volkswirtschaften mit ihren unterschiedlichen Strukturen hätten die Möglichkeit zu einer freiheitlicheren und unabhängigeren Entwicklung, die jetzt nicht gewährleistet ist.

Die Einführung des „Euro“ nach dem gegenwärtigen Stand birgt erhebliche Risiken mit sozialem Zündstoff, der zur Explosion führen kann, und Europa eher zu spalten als zu einen droht.

 

Im August 1990 hatte ich einen Briefwechsel mit einem Botschaftsrat der damals noch bestehenden Ständigen Vertretung der DDR. Darin habe ich darauf hingewiesen, daß die Einführung der Währungsunion, die zwischen den beiden deutschen Staaten damals gerade vollzogen worden war, Deutschland in eine Wirtschaftskrise stürzen werde. Meine damaligen Ausführungen haben sich ohne Einschränkung bewahrheitet.

Ich möchte hier keine prophetische Begabung vortäuschen. Alles kann auf der Grundlage volkswirtschaftlicher Kriterien vernunftgemäß begründet werden.

 

Mit freundlichen Grüßen  gez. Heinz Drews

 

Nicht nur die Eurozone mit der europäischen Gemeinschaftswährung ist reformbedürftig, sondern auch das Dollarimperium steht auf unsicheren Füßen. Die amerikanische Staatsverschuldung hat die astronomische Summe von 19 Trillionen Dollar erklommen und erhöht sich seit Langem ständig im Jahrestakt. Die gegenwärtige Lage der internationalen Finanz-und Währungswelt weist allzu deutlich Symptome auf, vergleichbar denen zwischen den beiden Weltkriegen im vorigen Jahrhundert: Mit Inflation, Deflation und der Gelddruckmaschine wird versucht, alles im Gleichgewicht zu halten, was nicht ohne Unsicherheiten und soziale Verwerfungen gelingt. Die Gefahr eines weiteren „Schwarzen Freitags“ wie im Oktober 1929 ist täglich gegeben mit allen wirtschaftlichen und politischen Folgen, einschließlich eines weltweiten sozialen Massenelends. Ein politischer Wille zur notwendigen Reform des Systems mit Regelungen die für alle verbindlich sind, ist nirgendwo erkennbar. Helmut Schmidt hat mehrfach darauf hingewiesen und dazu ein Bild gebraucht: Als Charles Lindbergh 1927 allein mit der „Spirit of St. Louis“ die einsamen Weiten des atlantischen Ozeans überquerte gab es keine für alle verbindlichen Luftverkehrsregeln, heute gibt es sie, sonst könnte ein internationaler Luftverkehr nicht staatfinden.

Mit dem gegenwärtigen System, dem das wirtschaftliche Geschehen weltweit unterworfen ist, hätte Ludwig Erhard als Wirtschaftsminister unter Bundeskanzler Konrad Adenauer das Wirtschaftswunder nicht vollbringen können. Der Rheinische Kapitalismus gründete auf

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Arbeitsleistung und nicht auf Börsenspekulation. Auf eine Trümmerlandschaft, wie sie sich 1945 in Deutschland darbot, lässt sich keine Börsenspekulation begründen. Die Geldmenge, die so in Umlauf gebracht wird, kann nicht gänzlich ohne durch Arbeitsleistung erbrachte Sachwerte auskommen. Abraham Lincoln, Präsident der Vereinigten Staaten von 1861 bis 1865 hat diese Tatsache in die Sätze zusammengefasst: „Arbeit war zuerst und ist unabhängig vom Kapital. Kapital könnte nicht existieren, wenn es nicht vorher Arbeit gegeben hätte. Arbeit steht über dem Kapital und bedarf weit höherer Wertschätzung“. Ein weiterer Faktor der Ausbeutung und Ursprung sozialer Ungerechtigkeit sind die Währungsparitäten der Währungen unterschiedlicher Volkswirtschaften untereinander. Es hat geheißen, in der Volksrepublik China betrügen die Löhne ein zwanzigstel der in Deutschland gezahlten Löhne; das hieße, wenn ein deutscher Lohnempfänger 1500 Euro netto monatlich verdiente, dann bekäme sein Gegenüber in China 75 Euro. Für 75 Euro reicht es in Deutschland nicht einmal zu einem Leben unter der Brücke.

Extremfälle von Inflation und Deflation zeigen sich in ihren Auswirkungen in der Inflation von 1923 und in der Phase der Deflation von 1929 bis 1933, wo Reichsbankpräsident Luther den Umlauf der Banknoten an die in der Reichsbank befindlichen Goldreserven koppelte und entsprechend die umlaufende Geldmenge verringerte mit der Bedeutung, wie sie weiter oben beispielhaft an dem Zahnradmodel der Wirtschaftskreisläufe dargestellt ist. Die umlaufende Geldmenge ist nicht allein ausschlaggebend, hinzu kommt die Umlaufgeschwindigkeit der im Wirtschaftskreislauf befindlichen Geldmenge, was an einem einfachen Beispiel Erklärung findet: Der Besitzer einer Banknote von zehn Euro verlässt des Morgens seine Wohnung, um zum Arbeitsplatz zu gelangen. Er könnte den nächsten Kiosk ansteuern, um eine Zeitung zu erwerben. Der Kioskbesitzer nimmt das so erworbene Zahlungsmittel, um seine Vorratsbestände aufzufüllen. Theoretisch könnte die Banknote an einem Tage mehrfach den Kauf oder Tausch einer Ware vermitteln; sie könnte aber auch in der Geldbörse seines ursprünglichen Besitzers verbleiben, der sie abends nach vollbrachter Arbeit wieder mitbringt, ohne Einfluss auf den Wirtschaftskreislauf genommen zu haben.

Ein System zur Steuerung der Umlaufgeschwindigkeit der in Umlauf gebrachten Banknoten hat Silvio Gesell (1862-1930) als argentinischer Geschäftsmann entwickelt, der nach Argentinien ausgewandert war, und dort das Auf und Ab der Währungsturbulenzen im praktischen Geschäftsleben kennen gelernt hatte. 1916 veröffentlichte er seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen in seinem Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“.[11] Er hielt sich im Laufe seines Lebens an unterschiedlichen Orten in Argentinien, Deutschland und der Schweiz auf. Geboren wurde er in St. Vith, das zum Zeitpunkt seiner Geburt preußisches Staatsgebiet war. In der Volkswirtschaft wird sein Name nicht genannt, obwohl sein Werk Anerkennung gefunden hatte bei namhaften Persönlichkeiten der Wissenschaft wie John Maynard Keynes oder Albert Einstein, mit dem Silvio Gesell gut bekannt war.

Ein System zur Sicherung und Steuerung der Umlaufgeschwindigkeit hatte es bereits im Mittelalter gegeben. 1152 erhob der Erzbischof Wichmann von Magdeburg eine Prägesteuer. Einmal im Jahr wurde durch einen Münzverruf eine Prägesteuer erhoben. Jeder musste seine Münzen (Papiergeld gab es nicht) gegen eine Steuer umtauschen und bekam dafür neue Münzen mit anderer Prägung. Die zum Umtausch gebrachten Münzen waren zum Zeitpunkt des Umtausches ungültig. Um dieser Steuer zu entgehen, brachte jeder den größten Teil seines Münzbesitzes in Umlauf, was zu einem wirtschaftlichen Wohlstand führte. Das System kam zum Erliegen, weil damit Missbrauch getrieben wurde. Es hatte ja auch nicht die Absicht bestanden, soziale Ziele zu verfolgen, es sollte nur der Erhöhung der Steuereinnahmen dienen.

[11] Silvio Gesell: Die natürliche Wirtschaftsordnung. Nürberg 1984

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Haben Marx und Engels die Bedeutung des Geldes im Wirtschaftsleben unterschätzt und darum vernachlässigt? Marx hat die Bedeutung des Geldes im Wirtschaftskreislauf ganz klar erkannt, wie eine Aussage, untermauert mit einem Goethe-Text, erkennen lässt:

Das Geld, indem es die Eigenschaft besitzt, alles zu kaufen, indem es die Eigenschafft besitzt, alle Gegenstände sich anzueignen, ist also der Gegenstand im eminenten Besitz. Die Universalität seiner Eigenschaft ist die Allmacht seines Wesens; es gilt daher als allmächtiges Wesen…Das Geld ist der Kuppler zwischen dem Bedürfnis und dem Gegenstand, zwischen dem Leben und dem Lebensmittel des Menschen. Was mir aber mein Leben vermittelt, das vermittelt mir auch das Dasein des anderen Menschen für mich. Das ist für mich der andere Mensch.[12]

„Was Henker! Freilich Händ‘ und Füße  

Und Kopf und Hintre, die sind dein!        

Doch alles, was ich frisch genieße,

Ist das darum nicht weniger mein?

Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,

sind ihre Kräfte nicht die meinen?

Ich renne zu und bin ein rechter Mann,

Als hätt‘ ich vierundzwanzig Beine.“[13]

Karl Marx schreitet zur Auslegung dieses Zitates aus Goethes Faust:

Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen, d. h., was das Geld kaufen kann, das bin ich der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschafften des Geldes sind meine-seines Besitzers-Eigenschaften und Wesenskräfte. Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. (…) Ich, der durch das Geld alles, wonach das menschliche Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen? Verwandelt also mein Geld nicht alle meine Unvermögen in ihr Gegenteil?[14]

Obwohl Marx die Bedeutung des Geldes im Wirtschaftsleben absolut setzt und umfassend erkannt hat, setzen Marx und Engels hier nicht den Hebel an. Im Kommunistischen Manifest ist als Ziel die klassenlose Gesellschaft definiert. Auf diesem Wege sollte die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigt werden. Die Ursache dieser Ausbeutung wird im Privatbesitz der Produktionsmittel gesehen, also in der Produktionssphäre und nicht in der Zirkulationssphäre des Geldes. Das dieser Grundgedanke nicht ganz abwegig ist, zeigt eine Entwicklung: Wenn fleißige Hände und Köpfe ein Unternehmen zum Erfolg geführt haben, folgen Phasen der „Rationalisierung“, Arbeiter, die zuvor unentbehrlich waren, werden nicht mehr benötigt und somit „freigesetzt“.

Marx und Engels wollten dieser Entwicklung durch die Expropriation der Expropriateure (Enteignung der Enteigner) begegnen, ohne die Geldpolitik zu berücksichtigen, die alles ermöglicht, denn mit der Erledigung des freien Unternehmertums übernimmt die Börse mit der damit verbundenen Spekulation. Die Spekulation führt auch zugleich zur Einschränkung des freien Wettbewerbs. Berichte über Elefantenhochzeiten, der Fusion großer Konzerne, machen oft die Runde, eine Bestätigung der von Marx entwickelten Theorie von der „Akkumulation des Kapitals“.[15] Ein wirksames Gegengewicht ist durch einen wirtschaftlich starken Mittelstand gegeben.

Um eine gut gehende Wirtschaft, die soziale Missstände beseitigt und allgemeinen steigenden Wohlstand bewirkt, ist der Aufbau des Staates und dem Umbau der Gesellschaft nicht ausschlaggebend. Eine Währungs-und Finazpolitik, die materiellen Wohlstand schafft, kann

[12] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. Geschrieben von April bis August 1844. Nach einer Handschrift. Leipzig 1970

[13] Goethe "Faust" (Mephisto) Erster Teil 4. Szene

[14] Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manskrpte. S. 223

[15] Theimer, Walter: Der Marxismus Lehre-Wirkung-Kritik. Bern München S. 17

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auch in einer Diktatur herbeigeführt werden. Der Nationalsozialismus hat in der ersten Jahren seiner Herrschaft  einen wirtschaftlichen Aufschwung bewirkt, womit breite Bevölkerungsschichten getäuscht wurden. Es war ein durch Währungsspekulation erzeugtes Blendwerk, verunden mit der Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hat eine solche Entwicklung verschleiert.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es in zwei Jahrzehnten nach der Währungsreform im Juni 1948 die gewaltigen Kriegsschäden zu beseitigen auf der Grundlage einer entsprechenden Währungs-und Finanzpolitik.

Die gegenwärtige Wirtschaftspolitik ist täglich von Gefahren umgeben. Drei Billionenblöcke stehen sich gegenüber, der Billionenblock der Staatsverschuldung, der Billionenblock der Spekulationsgelder, die irgenwo unerkannt geparkt werden und die Billionenbeträge, die von den Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und dem amerikanischen Federal Reserve (FED) in Umlauf gebracht werden durch das Drucken von Banknoten. Die Notenbanken mit dem Monopol der Geldschöpfung sitzen am längeren wirtschaftlich-machtpolitischen Hebel.

Wenn von "Kapitalismus" die Rede ist, so verbinden sich damit oft verschwommene Vorstellungen, die einer genaueren Definition bedürfen. eine Dreiteilung ist notwendig und gegeben: Der Kapitalist ist kein Unternehmer seine Aufgabe besteht darin, die Wirtschaft mit Kapital zu versorgen, und zwar ausschließlich mit Geldkapital gegen eine entsprechende Gegenleistung, die aus Zins und Dividende besteht. Der Unternehmer ist kein Kapitalist, er versorgt die Wirtschaft mit durch Arbeitsleistung erzeugten Sachkapital, um dahinzu gelangen besteht die Abhängigkeit vom Kapitalisten, der als Individuum oder als Kollektiv einer Bank auftritt. Schließlich kommen breite Bevölkerungsschichten, die auf unterschiedliche Weise durch Lohn, Gehalt oder Honorare am Produktionsprozess teilnehmen.

Karl Marx unterscheidet an einer Stelle seines umfangreichen Werkes zwischen Unternehmergewinn und einkünften aus Kapitaldienstleistungen.[16] Dort heißt es: Für den produktiven Kapitalisten, der mit geliehenem Kaptital arbeitet, zerfällt der Bruttoprofit in zwei Teile: Den Zins, den er dem Verleiher zu zahlen hat und den Überschuss über den Zins, der seinen eigenen Anteil am Profit bildet. [17]

Eine Frage hat besonders Theologen und Wissenschaftler anderer Disziplinen beschäftigt: Wie geht Reichtum und Anhäufung von Reichtum mit ethischen Grundsätzen zusammen, wie sie uns in den Schriften des heräischen und christlichen Kanons der Heiligen Schrift entgegentreten. Die Propheten in Israel zur Zeit der Antike haben nicht nur ihre Angriffe gegen Glaubensungehorsam gerichtet, sondern auch soziale Missstände mit Schärfe verueteilt. Das Gleiche gilt auch für den christlichen Kanon.

[16] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie im Zusammhang ausgewählt und eingeleitet von Benedikt Kautsky. Stuttgart 1957 S. 668 f

[17] ebd. S. 669

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Max Weber (1864-1920) hat hier als Soziologe einen bedetusamen Beitrag geleistet mit der Aufsatzsammlung unter dem Titel: "Die protestantische Ethik. [18] Die Theologie des Genfer Reformators Johannes Calvin (1509-1564) nimmte darin einen breiten Raum ein, aber auch die Entwicklung protestatischer Kirchen in ihrer ganzen Breite auch im Vergleich zur katholischen Kirche. Max Weber zeigt eine beachtliche Kenntnis der historischen Entwicklung protstantischer Theologie und Kirchen in ihren verschiedenen Ausprägungen. Sein Werk und die Interpretationen befassen sich mit den Auswirkungen der protestantischen Reformation auf das Wirtschaftsleben in den folgenden Jahrhunderten, die im Kapitalismus ihren Ausdruck fand, worauf die Frage aufbaute der Vereinbarkeit mit den ethischen Normen protestantischer Theologie. Im Mittelalter waren Mönche und Nonnen Träger kultureller und wirtschaftlicher Entwicklung in einer Welt, die agrarisch geprägt war. Das änderte sich mit dem Ausgang des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit. Der Frühkapitalismus hielt Einzug. Mit dem Beginn der Kolonialherrschaft entstanden die großen Handelskompanien, und im Zentrum Europas, in Augsburg, erlangte das Kaufhaus der Fugger eine dominierende Stellung auch als Bankhaus und Kreditgeber. Mit der Ausweitung des Handels auf die Ozeane verloren die Hanse im Nord-und Ostseeraum und Florenz und Venedig im Mittelmeerraum ihre zuvor beherrschende Stellung. Protestantismus und Katholizismus sahen sich einem Wettbewerb ausgesetzt, in dem die protestantische Welt die Oberhand gewann, insbesondere der vom Calvinismus beherrschte Raum. Hier setzt Max Webers Untersuchung nach den Gründen ein, verbunden mit der Frage: Wie können protestantische Ethik und Kapitalismus zusammengehen?[19]

Eine genaue Definition, was Kapitalismus ist und bedeutet, ist auch bei Max Weber nicht zu finden. Er sieht darin eine schicksalsvolle Macht des modernen Lebens.[20] Ob damit eine hinreichende Umschreibung gegeben ist im Hinblick auf die sozial-ethische Komponente, darf bezweifelt werden. Weiter wird ausgeführt: Kapitalismus sei nicht gleichzusetzen mit schrankenloser Erwerbsgier. Kapitalismus kann identisch sein mit Bändigung und rationaler Temperierung dieses irrationalen Triebes.[21] Gleich nach dieser Feststellung wird eingeräumt, Kapitalismus sei identisch mit Streben nach Gewinn und nach immer neuen Gewinn, in einem kontinuierlichen, rationalen kapitalistischen Betrieb stünde die Rentabilität des eingesetzten Kapitals im Vordergrund. Ein Betrieb, der sich nicht an diese unumgänglichen Gegebenheiten hält, ist zum Untergang verurteilt.[22] Diese Umschreibung unterscheidet nicht Geldkapital und Sachkapital, sprich Produktionsmittel und Arbeitserzeugnisse, ein Unterschied, der wesentlich ist und nicht vernachlässigt werden sollte. Geldkapital muss mit dem Sachkapital in Beziehung stehen, und auf dem Absatzmarkt denselben dynamischen Bedingungen unterworfen sein, damit alles reibungslos zirkulieren und seinen Zweck erfüllen kann.  

Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts, vornehmlich Luther und Calvin, sahen den Mangel in einer zu geringen Möglichkeit, in den fortschrittlichsten Ländern Einfluss zu nehmen auf die ökonomischen Gegebenheiten.[23]

In einem Aufsatz mit der Überschrift: Der „Geist des Kapitalismus“ werden Schwierigkeiten eingeräumt, eine Definition zu geben.[24]

Karl Marx unterscheidet den „produktiven Kapitalismus“, womit ohne Zweifel die unternehmerische Tätigkeit gemeint ist, die darauf abzielt, den Markt mit Produkten

                                                                                    

[18] Weber, Max: Protestantische Ethik. Band I Schleswig 1969

19] Eine Aufsatzreihe unter dem Titel: die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. S. 27 ff

20] Weber, Max Protestantische Ethik S. 12

[21] ebd. S. 12

[22] ebd. S.12 f

[23] ebd. S. 31

[24] ebd. 39


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unterschiedlichster Art zu beliefern, vom eigentlichen Kapitalismus, der ausschließlich darauf ausgerichtet ist, den Markt gegen Zins und Dividende mit Geldkapital zu versorgen.[25]

Max Weber bemüht mehrfach in dem oben genannten Aufsatz Benjamin Franklin (1706-1790), einem der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, mit einem Zitat: Bedenke, daß Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbarer Natur ist, und die Sprößlinge können noch mehr erzeugen und so fort….[26] Es lässt sich leicht nachweisen, dass diese Art Kapitalbildung, losgelöst ist vom Sachkapital, das nur durch Arbeitsleistung gebildet werden kann, nicht fruchtbarer Natur ist, sondern eher eine zerstörerische  Wirkung entfaltet, weil diese Art Kapitalbildung nicht der Arbeit dient, was Voraussetzung  für eine ausgewogene sozial gerechte Entwicklung in Wirtschaft und Gesellschaft ist.

Es soll insgesamt vom westeuropäisch-amerikanischen Kapitalismus gesprochen werden. Kapitalismus hat es in China, Indien, Babylon, der Antike und im Mittelalter gegeben, aber ihm fehlte ein eigentümliches Ethos,[27] ob dieses Ethos mit der Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus in Einklang gebracht werden kann, ist die alles entscheidende Frage. Die heutige kapitalistische Wirtschaftsform ist ein ungeheurer Kosmos, in den der Einzelne hineingeboren wird und der für ihn, wenigstens als Einzelnen, als faktisch unabänderliches Gehäuse gegeben ist, in dem er zu leben hat.[28] Der Kapitalismus kann keine auf Unabhängigkeit drängende Arbeitnehmer als nützlich empfinden, eben so wenig, wie Benjamin Franklin es lehrt, den skrupellosen Geschäftsmann.[29]

Im Protestantismus gelangt der „Beruf“ im Sinne von „Berufung“ zu einer besonderen Bedeutung, anders als in der Welt des katholischen Glaubens. Sie führt zur Unterscheidung zwischen mönchischer Askese und der „innerweltlichen Askese“ im Protestantismus über alle Denominationen hinweg.[30]

Herausragend können auf katholischer Seite die tridentinischen Reformen genannt werden, die ab 1546 zur Gegenreformation führten, für die der Name Ignatius von Loyola steht, der in der Fortsetzung mönchischer Tradition und Askese die Erneuerung der Kirche erblickte. Es kann in dieser Erneuerung von einer „außerweltlichen Askese“ gesprochen werden, weil sie außerhalb des weltlichen Getriebes von statten ging. Anders die „innerweltliche Askese“, die ihre Bewährung und Bewahrung ethischer Grundsätze innerhalb des weltlichen Getriebes auch im Wirtschaftsleben sucht. Hierin ist auch die Ursache zu suchen, warum die katholische Welt vergleichsweise zurückblieb, weil die Mönchstradition weniger geeignet war in der Welt großer Handelsgesellschaften, dem Manufakturwesen, das schließlich im 18. Jahrhundert mit der Erfindung der Dampfmaschine in der industriellen Revolution ihre Fortsetzung fand, zu bestehen.

Eine Ausprägung besonderer Art zeigt die französische Geschichte, die unter König Ludwig XIV. (1652-1715) wirtschaftlich, politisch und kulturell auf dem europäischen Kontinent eine beherrschende Stellung einnahm, die aber in der Prunkentfaltung des „Sonnenkönigs“ und dem damit verbundenen sittlichen Verfall zu einem Niedergang führte. Die calvinistisch orientierten Hugenotten verloren durch das Edikt von Nantes, erlassen durch Ludwig XIV, ihre zuvor garantierte Glaubensfreiheit und flohen, um Verfolgungsmaßnahmen zu entgehen, in die europäischen Nachbarländer, wo sie einen wichtigen Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt leisteten, während dieser Verlust für Frankreich sich nachteilig auswirkte. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. (1640-1688)

[25] Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. S. 669

[26] Weber, Max: Protestantische Ethik S. 40

[27] ebd. S. 43

[28] ebd. S. 45

[29] ebd. S. 47

[30] ebd. S. 67

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setzte 1685 das Edikt von Potsdam dagegen, das verfolgten Hugenotten Aufnahme in Brandenburg-Preußen gewährte.

Der Stil Ludwig XIV. fand Nachahmer besonders unter Fürsten in Deutschland, so auch bei Preußens König Friedrich I. (1688-1713). Dieser prunkhaften Verschwendung machte sein Nachfolger Friedrich Wilhelm I. (1713-1740), der als „Soldatenkönig“ in die Geschichte einging, abrupt und rigoros ein Ende. Er stand unter dem Einfluss der pietistischen Ausbreitung in Preußen, hatte besonderen Kontakt zu ihren führenden Vertretern wie August H. Francke und Nikolaus Graf von Zinzendorf und Jakob Spener. 1717 wurde in Preußen die Einführung der allgemeinen Schulpflicht verfügt. In seinem politischen Testament von 1722 schärfte er seinem designierten Nachfolger Friedrich II (1740-1786) ein, dem die Geschichte später Größe bescheinigte, nie einen ungerechten Krieg zu beginnen, das führe zu einem Strafgericht Gottes.

Diesem König widmete Jochen Klepper (1903-1942) den Roman „Der Vater“, der 1937 in zwei Bänden erschien, der als Gegenbild zum Führerkult angesehen,  ein Verkaufsschlager wurde und besondere Verbreitung fand in preußisch gesinnten Offizierskreisen, aber auch sonst für Offiziere als Pflichtlektüre  angesehen wurde. 1931 heiratete er die jüdische Rechtsanwaltswitwe Stein, die sich 1938 taufen ließ. 1941 wurde er wegen dieser „nichtarischen“ Ehe aus der Wehrmacht entlassen. Die ältere Stieftochter konnte kurz vor Ausbruch des Krieges 1939 über Schweden nach England ausreisen, 1942 scheiterte die Ausreise der zweiten Stieftochter. Frau und Kind drohte die Deportation. Am 11. Dezember 1942 schied die Familie gemeinsam aus dem Leben. (Aus Wikipedia)

Luther verurteilte die mönchische Tradition, weil sie sich den Weltpflichten entzog, ohne die gesellschaftlichen Veränderungen und Produktionsweisen im Verlauf der Geschichte zu berücksichtigen, in der mönchische Lebens-und Produktionsweise nicht mehr gefragt war.

Karl Marx hätte von einer Veränderung der Produktivkräfte gesprochen, die der technische Fortschritt und damit auch den gesellschaftlichen Umbau mit sich brachte. Der mittelalterliche Ritterstand verlor seine die Gesellschaft beherrschende Stellung, und mit der Erfindung der Buchdruckerkunst verloren Mönche und Klöster das Bildungsmonopol. Im Kontrast dazu erscheint die weltliche Berufsarbeit als äußerer Ausdruck der Nächstenliebe, die aber zu Zeiten von Adam Smith (1723-1790) einen weltfremden Charakter annimmt, der als Moralphilosoph und Volkswirt eine andere Sicht vermittelte, dass in der zunehmenden Arbeitsteilung der Einzelne gezwungen werde für andere zu arbeiten.[31] „Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Bäckers oder Bauern erwarten wir unser Mittagessen, sondern von ihrer Rücksicht auf ihren eigenen Vorteil; wir wenden uns nicht an ihre Nächstenliebe, sondern an ihre Selbstsucht, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern stets nur von ihrem Vorteil.“[32]

Die sittliche Qualifizierung des weltlichen Berufslebens gehört zu den folgenschwersten Leistungen der Reformation,  ist eine unabänderliche historische Gegebenheit, an der besonders Luther seinen Anteil hat.[33] Der Begriff Kapitalismus, und was später und heute damit in Verbindung gebracht wird, war Luther sicher fremd. Luthers Bibelauslegung als Gewissensunterweisung betrifft auch die Frage der Wirtschaftsethik in einer Zeit des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus. Luther bejahte die Funktion des Geldes als Zirkulationsmittel, er bekämpfte dagegen die Verselbständigung des Geldes als Kapital.[34] Luther konnte auch die Entwicklung zu Formen des Industriekapitalismus nicht vorhersehen, die erst mehr als zwei Jahrhunderte später einsetzte. 1540 erließ Luther eine Vermahnung an die Pfarrherren wider den Wucher zu predigen. Luther hätte die Formen des Kapitalismus, wie

[31] Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 68

[32] ebd. S. 197 zitiert aus Adam Smith: The Wealth of Nations

[33] ebd. S. 68

[34] Luthers Werke (Hrsg. Karin Bornkamp, Gerhard Ebeling) Band IV Frankrfurt a. M. S. 9

 

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sie sich nach der Reformation im Verlauf der Geschichte darboten, verworfen, die sich aber schon zu seinen Lebzeiten und davor in ihren Anfängen zeigten. Die Lombarden, genannt nach der norditalienischen Region Lombardei, hatten dort bereits im 12. Jahrhundert das Bankwesen und das darauf gegründete Wechselgeschäft  zum festen Bestandteil des Handels gestaltet, dass sich dann von Norditalien ausgehend, über die ganze Welt ausbreitete. Der auf Calvin gegründete Protestantismus sah in den Auswüchsen dieses Systems, die von Anbeginn nie überwunden wurden, bis in die unmittelbare Gegenwart, gestützt auf große Handelsgesellschaften und Großbanken eine Gefahr, gegen welche die Hugenotten und später die Puritaner in England einen erbitterten Kampf führten.[35]Cromwell (1649-1658), der in England den Sieg des Parlaments gegen den absolutistischen Machtanspruch der Monarchie erfocht, schrieb nach der Schlacht bei Dunbar im September 1650, als König Karl I. (1625-1649) bereits hingerichtet worden war, an das Lange Parlament: „Bitte stellt die Missbräuche aller Berufe ab, und gibt es einen, der viele arm macht, um wenige reich zu machen, das frommt einem Gemeinwesen nicht.“[36]

Die geistigen Nachfahren Luthers erkannten im Calvinismus einen anderen Geist, was sich dann auf die Beziehungen zwischen Lutheranern und Reformierten auswirkte. Max Weber vertrat den Standpunkt, Luthers Reformation sei verknüpft mit seinem religiösen erleben, sein Werk wäre aber ohne den Calvinismus nicht von äußerer Dauer gewesen. Katholiken und Lutheraner hätten den gleichen Grund zur Abneigung gegen den Calvinismus, der in seiner ethischen Eigenart begründet sei, die in einer andersartigen Beziehung zwischen religiösen Leben und irdischen Handeln begründet sei.[37] Er wendet sich aber besonders gegen die Auffassung, Kapitalismus sei ein Erzeugnis der Reformation gewesen.[38]

Vier Vorrausetzungen können als Träger des asketischen Protestantismus angesehen werden: Der Calvinismus in der Gestalt, wie er ihn in den westeuropäischen Hauptgebieten im 17. Jahrhundert annahm, der Pietismus, der Methodismus und den Gemeinschaften der  Bewegung der Täufer, den Baptisten.[39]

Der Pietismus, hatte besonders in Preußen Ausbreitung gefunden und Einfluss auf die Geschicke des Landes erlangt, gefördert wurde diese Entwicklung von König Friedrich Wilhelm I., an dessen Hof August Hermann Francke Andachten hielt. Friedrich II., sein Nachfolger hatte keine Neigungen in diese Richtung. Dennoch, in einem Punkt hatte er sich seinen Vater zum Vorbild genommen, der in einer rastlosen Tätigkeit für den Staat bestand, dessen erster Diener er sein wollte. Auf ihn geht auch der Begriff vom aufgeklärten Absolutismus zurück. Einiges zu seinen finanz-und wirtschafspolitischen Vorstellungen findet sich in seinem Politischen Testament von 1752:

Wenn ein Land glücklich sein soll, und der Fürst geachtet sein will, ist es nötig, Ordnung in den Finanzen zu halten; niemals hat eine arme Regierung sich Ansehen verschafft. Europa hat gelacht über die Unternehmungen Kaiser Maximilian I. (1493-1519), weil dieser Kaiser gierig war, Einnahmen zu sammeln, um sie verschwenderisch auszugeben, und daher niemals Geld hatte, wenn er etwas unternehmen wollte; die Italiener, die ihn kannten, nannten ihn Massimiliano senza denari (Maximilian ohne Geld). Weiter heißt es darin: …wir besitzen weder ein Peru noch reiche Handelskompanien noch eine Bank noch so viel andere Hilfsquellen wie Frankreich, England und Spanien, aber durch Gewerbefleiß können wir dahin gelangen, neben ihnen eine Rolle zu spielen.

[35]  Weber, Max: Proteatantische Ethik

[36]  ebd. zitiert S. 69

[37]  ebd. S. 73

[38]  ebd. S. 77

[39]  ebd. S. 115

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Mit der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert gewann die „Soziale Frage“ an Bedeutung, bis sie in den Mittelpunkt des Geschehens rückte. Eine neue Gesellschaftsschicht hatte sich gebildet: Das Industrieproletariat, das in allen aufstrebenden Industrienationen den gleichen Lebensbedingungen unterworfen war. Die Entstehung des Proletariats war eine der herausragenden Auswirkungen der industriellen Revolution. Aus Bauern und Handwerkern war eine neue, andere Gesellschaftsschicht entstanden. Es gab soziale Not in Deutschland schon vor Beginn der industriellen Revolution in einem Ausmaß, die das Leben in der Industrieproduktion als erstrebenswert erscheinen ließ.[40] Die ersten zwei oder drei Generationen bescherten den Fabrikarbeitern mit Frauen und Kindern ein Leben mit außergewöhnlichen Härten. Die Arbeitszeit betrug um die Mitte des 19. Jahrhunderts in den günstigsten Fällen zwölf Stunden. Hinzu kam die Zeit der Hin-und Rückwege zum Arbeitsplatz, denn die Verkehrsanbindungen waren zu der Zeit unzureichend. Frauen und Kinder mussten im selben Umfang mitarbeiten, um das Existenzminimum für die Familie zu sichern. Kinder arbeiteten in der schlesischen Leinenindustrie ab dem vierten Lebensjahr. Kinder wurden auch zu arbeiten in Bergwerken herangezogen, um in besonders niedrigen Schächten zu arbeiten. Ab dem 13. Lebensjahr galt eine Arbeitskraft als Erwachsen. In der staatlichen Fabrikgesetzgebung in Preußen wurde zuerst die Nachtarbeit für Frauen und Kindern verboten, und 1839 ein Gesetz erlassen, das Kinderarbeit erst nach Vollendung des 9. Lebensjahres erlaubte. 1853 wurde das Mindestalter auf zwölf Jahre festgesetzt.[41] Fabrikordnungen aus der Zeit gewähren einen Einblick in die Arbeitsverhältnisse: „Der gewaschene und gekämmte Arbeiter macht sich in reinlicher Kleidung ehrerbietig grüßend auf den Weg zur Fabrik und geht pünktlich durch das Tor. Er verrichtet fleißig an seinem Arbeitsplatz seine Arbeit, raucht nicht, trinkt keinen Alkohol. In der Mittagspause kommen weder Frau noch Kinder noch Freunde. Und nach dreizehn Stunden putzt er seinen Arbeitsplatz und geht ehrerbietig grüßen nach Hause“.[42]

Der obrigkeitsstaatliche Charakter dieser Vorschrift lässt erkennen, dass es nicht nur um Vorschriften zur Arbeitsverrichtung ging, denn die gebrachten Opfer, die in dieser Vorschrift erkennbar sind, finden keine Anerkennung. Die Lebensverhältnisse des Industrieproletariats waren durch Wohnungsnot, Unterernährung und Krankheiten gekennzeichnet. In den meisten Fällen waren die Familien dicht zusammengedrängt in Mietskasernen, Keller-und Dachgeschosswohnungen untergebracht, was die Ausbreitung von Infektionskrankheiten aller Art förderte. Besonders verbreitet war die Tuberkulose.[43] Um der finanziellen Not zu steuern wurden, trotz beengter Wohnverhältnisse, Betten an „Schlafgänger“ vermietet. Betten wurden Schichtweise gemeinsam benutzt. Die Lebensverhältnisse wurden zusätzlich durch unzulängliche Wasserversorgung erschwert. Erst um 1875 besaßen fast alle deutschen Großstädte eine zentrale Wasserversorgung.[44] Die Antwort war das Anwachsen sozialistischer und sozialdemokratischer Bestrebungen. Den größten Einfluss übten Marx und Engels aus mit dem Erscheinen des Kommunistischen Manifestes 1848, aber schon in dem Zeitraum davor hatten sich die Frühsozialisten zu Wort gemeldet, die auf  Marx nicht ohne Einfluss geblieben waren. Der Marxismus sah in ihnen die Utopisten, was durch Engels zu einer Veröffentlichung führte mit dem Titel „Der Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“, zur ersten Auflage schrieb Engels 1882 das Vorwort. Zu den markantesten Frühsozialisten gehören Henri Saint-Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837) oder Robert Owen (1771-1858). Genau wie  die Französische Revolution hatte  auch der Sozialismus seine geistigen Wegbereiter, was sich in Literatur und Geistesströmungen niederschlug. Die Französische Revolution ergab sich aus dem Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum, der Sozialismus aus dem Gegensatz zwischen Bürgertum und dem wachsendem Industrieproletariat, was der marxistischen These vom Klassenkampf besonderen Auftrieb verlieh. Für das wachsende Aufkommen sozialistischer und sozialdemokratischer Bestrebungen suchte Bismarck ein Gegengewicht zu schaffen. In den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts begann die Errichtung eines Sozialversicherungssystems, 1883 wurde die Krankenversicherung eingeführt, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Rentenversicherung. Bismarck wollte die Arbeiterschaft für den von ihm konzipierten Staat gewinnen.

Beachtung unter den Frühsozialisten verdient Saint-Simon. Mit seiner Schrift „Das neue Christentum“ wurde er einer der Väter der katholischen Soziallehre, die darauf abzielte eine

[40]  Kuhn, Axel: Die deutsche Arbeiterbewegung. S. 62

[41]  ebd. S. 62                                                                                                     

[42] Kuhn, Axel: Die deutsche Arbeiterbewegung. S 64 zitiert nach Rainer Wirtz

[43]  ebd. S. 67 ff

[44] ebd. S. 69

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Alternative zum atheistischen Sozialismus zu entwickeln. (Aus Wikipedia) Der materialistische Sozialismus gewann bei weitem die Oberhand, die christlichen Kirchen hatten nicht die Kraft zu einem wirksamen Gegengewicht, weshalb auch die Verkündigung des Evangeliums in den breiteren ärmeren Bevölkerungsschichten keine Wirkung erzielte, davon wurden vorwiegend die sozialen Mittelschichten erfasst. Die vielen theologischen Streitigkeiten hatten nur eine kleine Schicht von Akademikern berührt. Dogmatische Kontroversen zeigen in den meisten Fällen wenig Bezug zur konkreten Lebenssituation.

Der Glaube, der in den am weitesten entwickelten kapitalistischen Kulturländern: Den Niederlanden, England und Frankreich, wo im 16. Und 17. Jahrhundert Glaubenskriege geführt wurden, war in der Lehre Calvins von der Gnadenwahl begründet, wobei strittig war und ist, ob sich diese Gnadenwahl auf das irdische Wohlergehen, dem Leben nach dem Tode in der zukünftigen ewigen Welt oder auf beides bezieht.[45] Die Differenzen erstrecken sich auf die Frage, inwieweit der Mensch zu einer freien Entscheidung fähig ist, und sich die von Gott gewährte Gnade verdienen kann, was Calvin strikt verneint in einer polemischen Entgegnung zu seinen theologischen Gegnern.[46] Es ist unmöglich, dass die Ratschlüsse Gottes, die vor Beginn aller Zeit beschlossen worden sind und feststehen, durch menschliche Einwirkung eine Änderung erfahren könnten. Gottes Ratschlüsse stehen unwandelbar fest für die Erwählten, wie für die Verworfenen, sie sind einer menschlichen Einflussnahme und Entscheidung nicht zugänglich.[47] Die Interpretation geht soweit, der Opfertod Christi gelte nur für die Erwählten.[48] Hier zeigt sich bereits ein Gegensatz zu Aussagen der Heiligen Schrift auf. Das Wort, das Gott an die Menschen richtet, findet sich in dem Brief des Apostels Paulus im 1. Timotheus Kapitel 2, Verse 1-4 (1) …so ermahne ich nun, daß man vor allen Dingen zuerst thue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit, auf daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen in aller Gottseligkeit und Ehrbarbarkeit. (3) Denn solches ist gut und angenehm vor Gott, unserm Heiland, (4) welcher will, daß allen Menschen geholfen werde, und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.[49] Diese Zusage müsste als eine Täuschung angesehen werden, denn es heißt allen Menschen, dann wäre es eine Irreführung, wenn in Wahrheit die Nichterwählten nach Verständnis der Prädestinationslehre vom Heil ausgeschlossen wären. In einer seiner theologischen Aussagen geht Calvin soweit, zu behaupten, Gott hätte die Menschen auch als Hunde erschaffen können, als er sie nach seinem Bild erschuf. Ein Dogma, das nicht nur jeder Vernunft widerstrebt, sondern bei genauer Betrachtung als eine Unmöglichkeit erscheint.[50] Philipp Melanchthon (1497-1560), der die Reformation Martin Luthers in intellektuelle Formen gegossen hat, ganz im Gegensatz zu Luthers volkstümlichen Auftritten, nannte Calvins Lehre dunkel und gefährlich[51] und war nicht bereit diese Lehre in die „Augsburger Konfession“, seit 1530 Bekenntnisgrundlage der lutherischen Kirche und Konfession, einzubeziehen. Für das Luthertum stand es dogmatisch fest, dass die von Gott gewährte Gnade verloren gehen, und durch Umkehr und gläubiges Vertrauen auf Gottes Wort und die Sakramente neu gewonnen werden kann. Bei Luther wird die Gnade erlebt, bei Calvin erdacht. Max Weber spricht von der Überlegenheit des Calvinismus, dessen Wesen und Inhalt es ist, ein Leben zum Ruhme Gottes zu führen.[52] Diesen Charakter trägt auch die Berufsarbeit, welche im diesseitigen Leben im Dienste der Allgemeinheit steht. Schon bei Luther findet sich die Ableitung der arbeitsteiligen Berufsarbeit

[45]  Weber, Max: Protestantische Ethik S. 118

[46]  Calvin, John: Institutes of the Christian Religion. Londen 1962, Band II S. 212 f

[47]  Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 122 f

[48]  ebd. S. 123

[49] Revidierte Überstzung nach Martin Luther. Stuttgart 1954

[50] Calvin, John: Institutes of the Christian Religion. S. 213

[51]  Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 120 f

[52]  ebd. S. 125

 

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aus der Nächstenliebe. Was aber bei Luther nicht ausschlaggebend war, geriet im Calvinismus zu einem wesentlichen Bestandteil des ethischen Systems. Der Calvinist sieht seine berufliche Leistung im Rahmen dieses Systems als eine Verehrung Gottes. Dieser Dienst soll dem Nutzen der ihn umgebenden Gesellschaft gelten, und zugleich dem Ruhme Gottes dienlich sein.[53]

Zwischendurch wird die Frage entstehen, warum nicht nur Max Weber dem Calvinismus eine umfangreiche Studie gewidmet und in Zusammenhang gestellt hat mit dem Kapitalismusbegriff. Die Resonanz findet sich in einer Anzahl von Kritiken und Antikritiken.[54]

Wer von der Theologie spricht, die auf Johannes Calvin zurückgeführt werden kann, dem wird die Lehre von der Prädestination, die Erwählung, als zentrales Anliegen calvinistischer Theologie begegnen, in der die unabänderliche Erwählung zum Heil oder zur Verdammnis festgelegt ist. Gottes Gnade ist, da seine Ratschlüsse unwandelbar feststehen, ebenso unverlierbar für die, welchen er sie zuwendet, wie unerreichbar für die, welchen er sie versagt.[55] Richtig gefährlich wird es, wenn diese Gnade und Erwählung auch dann erhalten bleibt, wenn ein Verstoß gegen die Gebote Gottes vorliegt, und dieses theologische Dogma Einfluss auf politische Entscheidungen gewinnt, die auf machtpolitischer Willkür gründen. Mit einem solchen Einfluss auf die Politik gewinnt der Calvinismus eine besondere Bedeutung, die über Konfessionsgrenzen und politische Grenzen hinausreicht.

Wie kann ein Mensch dieser Erwählung sicher sein? Calvin verwirft grundsätzlich die Annahme, es sei möglich am äußeren Verhalten, die Erwählung zu erkennen. Er sieht darin einen unzulässigen vermessenen Versuch in die Geheimnisse Gottes und seines Handelns einzudringen. Eine ähnliche Ehrfurcht ist in Friedrich von Schillers Gedicht „Der Taucher“ zu finden: …Der Mensch versuche die Götter nicht

                Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

                Was gnädig sie bedecken mit Nacht und Grauen.

Die Erwählten unterscheiden sich in diesem Leben in nichts von den Verworfenen, denn alle subjektiven Erfahrungen seien auch bei den Verworfenen erkennbar, mit Ausnahme des  gläubigen Festhaltens an die Erlösungstat Jesu Christi. Im christlichen Kanon der Heiligen Schrift ist dazu eine gegenteilige Aussage und Forderung zu finden, in dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom, Kapitel 12, Vers 2: Macht euch nicht die Art dieser Welt zu eigen, sondern wandelt euch um durch die Erneuerung eures Denkens, um zu erforschen, was der Wille Gottes ist, was gut, wohlgefällig und vollkommen.[56]

An Stelle der demütigen Sünder, denen Luther, wenn sie in Einsicht im Glauben sich Gott anvertrauen, die Gnade verheißt, werden in Calvins Reich selbstgewisse „Heilige“ herangebildet, die wir in stahlharten, puritanischen Kaufleuten jenes heroischen Zeitalters des Kapitalismus und in einzelnen Exemplaren bis in die Gegenwart wiederfinden. Andererseits wurde, um jene Selbstgewissheit zu erlangen, als hervorragendstes Mittel rastlose Berufsarbeit eingeschärft. Sie allein verscheuche den religiösen Zweifel und gebe Sicherheit des Gnadenstandes.

Nachdem solchermaßen das Arbeits-und Berufsethos zum zentralen Anliegen des christlichen, insbesondere des protestantischen christlichen Glaubens erhoben wurde, muss gefragt werden, wie diese Haltung der Arbeiterschaft des beginnenden Industriezeitalters beigebracht werden sollte?

[53]  Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 126

[54]  Weber, Max: Protestantische Ethik. Kritiken und Antikritiken. Band II. Gütersloh 1978

[55]  Weber, Max: Protestantische Ethik. Band I S. 122

{56]  Überstzung nach Josef Kürzinger (kath)

 

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Wie dichtete doch Heinrich Heine:

1. Im düsteren Auge keine Träne,                           2. Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:   In Winterskälte und Hungersnöten;

Deutschland, wir weben dein Leichentuch,             Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch –                Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –

Wir weben, wir weben!                                            Wir weben, wir weben!

 

3. Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, 4. Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Den unser Elend nicht konnte erweichen,              Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Der den letzten Groschen von uns erpresst             Wo jede Blume früh geknickt,

Und uns wie Hunde erschießen lässt –                    Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt

Wir weben, wir weben!                                            Wir weben, wir weben!

 

5. Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

Wir weben, wir weben!

 

Zu den Bewunderern Heinrich Heines gehörte auch Otto von Bismarck.[57] 

Die Unterhandlungen Ferdinand Lassalles mit Bismarck, bevor er im Mai 1863 den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gründete, trugen ihm den Zorn von Marx und Engels ein, weil er gegen die Gewährung des Stimmrechtes dem Kanzler die Unterstützung der Arbeiter angeboten hatte. „Ein ganz kommuner Schuft…ein Verrat der ganzen Arbeiterbewegung an die Preußen“, kommentierte Friedrich Engels.[58] Als Heinrich Heine Deutschland verlassen hatte und nach Paris übersiedelte, erhoben sich Stimmen, die ihn als „Landesverräter“ brandmarkten. Bismarck urteilte: „Ich hätte, wäre ich an seiner Stelle gewesen, kaum anders gehandelt. Hätte es mir, wenn ich wie Heine als Jude geboren wäre, gefallen können, dass man um 8 Uhr abends die Tore der Judenstadt zusperrt, überhaupt die Juden unter die schwersten Ausnahmegesetze gestellt hat? Ein Heine muss naturgemäß in dem Manne, der die französische Gesetzgebung in die Rheinlande brachte, die Ausnahmegesetze insgesamt aufhob, einen Erlöser vom martervollem Drucke preisen…und vergessen die Herren denn ganz, dass Heine ein Liederdichter ist, neben dem nur noch Goethe genannt werden darf, und dass das Lied gerade eine spezifisch deutsche Dichtungsform ist?“[59]

Am 3. September 1867 erhielten die Juden im Rahmen der Verfassung des Norddeutschen Bundes, die auch für das Deutsche Reich nach 1871 beibehalten wurde, mit der Gewährung der Religionsfreiheit die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung. Von da ab begann ein rasanter Aufstieg des deutschen Judentums, wie es das zuvor nie gegeben hatte, ohne die Deutschlands Weltgeltung vor und nach dem Ersten Weltkrieg nicht gedacht werden kann, und sie waren überwiegend patriotisch gesonnen, die nationalsozialistische Geschichtsfälschung wird an

[57] T. Gidal: Die Juden in Deutschland. Von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Gütersloh. 1988. S. 216

[58] ebd. S. 225

[59] zitiert ebd. S. 296

 

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dieser historischen Tatsache nichts ändern. Der Einfluss jüdischer Wissenschaftler an deutschen Universitäten wuchs, und selbst nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg war die Wissenschaftssprache weltweit Deutsch. Es wurde von einer deutsch-jüdischen Symbiose gesprochen, es sei an große Namen erinnert, wie Albert Einstein und Max Planck.

Sir Christopher Clark, Professor für Geschichte an der Universität Cambridge, bekannt geworden durch sein Buch „Die Schlafwandler“ in dem er sich zur Schuldfrage am Ausbruch des Ersten Weltkrieges äußerte, leitete kürzlich eine Fernsehserie unter dem Titel: „Deutschland Saga“ und erläuterte darin, Wissenschaftler außerhalb Deutschlands hätten zu dem Zeitpunkt eigens die deutsche Sprache erlernt, um teilhaben zu können an Forschungsergebnissen in Deutschland. Hitler habe die besten von Deutschlands Elite außer Landes gejagt. Heute, so erklärte er weiter, publizieren deutsche Wissenschaftler gleich in englischer Sprache. Historische Wahrheiten und Gegebenheiten, die nicht vernachlässigt werden sollten.

Ferdinand Lassalles Forderung nach Einführung des allgemeinen Stimmrechts fand Erfüllung im Wahlrecht des Norddeutschen Bundes und des Reichstages des Kaiserreiches. Lassalle starb in Folge eines Duells im August 1864, eine seiner vielen Taktlosigkeiten, die er in seinem Leben begangen hat, urteilte Karl Marx.[60] Lassalles Einfluss auf die Geschichte der Sozialdemokratie blieb unauslöschlich erhalten, trotzdem ihm nur eine kurze Zeit seines Wirkens beschieden war.

1895 verweigerte der Reichstag Bismarck die Gratulation zum 80. Geburtstag, der Reichstag, dem Bismarck im Kontext der Zeit ein ausgesprochen fortschrittliches Wahlrecht beschert hatte. Der französische Botschafter, der keinen Anlass hatte im historischen Rückblick, Bismarck irgendwelche Sympathien entgegen zu bringen, äußerte dazu: „Die Deutschen können sagen und tun, was sie wollen, sie werden nie ein großes Volk werden.“[61] Eine wahrhaft prophetische Aussage.

Friedrich Engels entstammte einer Familie, die dem Pietismus nahe stand. Im Frühjahr 1839 begann Engels in Zeitschriftenbeiträgen mit dem radikalen Pietismus seiner Geburtsstadt Elberfeld, heute Wuppertal, abzurechnen. Er schilderte, wie der religiöse Mystizismus alle Lebensbereiche durchdrang, und machte, aus seiner Sicht, auf den Zusammenhang zwischen der pietistischen Lebenshaltung und dem sozialem Elend aufmerksam. (Aus Wikipedia) Höhepunkt seiner lebenslangen publizistischen Tätigkeit bildete die Veröffentlichung des „Kommunistischen Manifestes“ im Februar 1848 zusammen mit Karl Marx. Frühsozialisten und der Einfluss von Marx und Engels auf die einsetzende sozialistische und sozialdemokratische Arbeiterbewegung haben eine Wirkung vollzogen, sie haben den breiten Gesellschaftsschichten der industriellen Arbeiterschaft ein Selbstbewusstsein vermittelt, das es zuvor nicht gab, gegründet auf ein diesseits gerichtetes materialistisches Weltbild und Geschichtsverständnis, sie haben Arbeitern eingeschärft, sie seien nichts weniger als die entscheidenden Stützen der Gesellschaft.

Grundlage des Marxismus ist der Dialektische Materialismus. Wenn bei Marx von Materialismus gesprochen wird, ist nicht Stofflichkeit gemeint, sondern es wird Bezug genommen auf die wirtschaftlichen Verhältnisse einer Gesellschaft. Das System, das Marx hierzu entwickelt hat, ist dem Denken des Philosophen Georg Wilhelm Hegel (1770-1831) entlehnt. Der Hegelsche Dreischritt beschreibt eine dialektische Entwicklung, die sich aus Widersprüchen ergibt nach Art eines Dialogs. Zuerst wird eine These aufgestellt, die Antwort dazu ist eine Gegenthese, denn die Diskussion verfolgt das Ziel, bestehende Widersprüche in

[60] T. Gidal, Nahum: Juden in Deutschland. S. 225

[61] Massie, Robert K. Die Schalen des Zorns. Großbritannien, Deutschland und das Heraufziehen des Ersten Weltkrieges. Aus dem Englischen von Walter Brumm. Frankfurt a. M. 1998 S. 132

 

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einer Synthese aufzulösen. Die Synthese ist zugleich die These für den nächsten dialektischen Prozess. Hegel war überzeugt, dass die Geschichte nach diesem Rhythmus fortschreitet, Geschichte war für ihn zugleich Ideengeschichte.[62] Hegel war ein klassischer Vertreter des deutschen Idealismus, für ihn gehören die Ideen in das Reich der herrschenden geistigen Welt, von dem die historischen Vorgänge nur den Reflex darstellen. Bei Marx ist es umgekehrt, beherrschendes Element sind die materiellen Lebensverhältnisse und die daraus hervorgehenden Ideen nur ihre Widerspiegelung, weshalb Marx überzeugt war, er habe Hegels Weltsicht vom Kopf auf die Füße gestellt.[63] Er äußert dazu: „Meine dialektische Methode ist nicht nur verschieden von der Hegelschen, sondern ihr gerades Gegenteil. Für Hegel ist der Lebensvorgang, der Denkprozess, den er unter dem Namen „die Idee“ sogar in ein unabhängiges Subjekt verwandelt, der Schöpfer der realen Welt. Bei mir ist im Gegenteil die Idee nicht anderes als die vom menschlichen Geist reflektierte und in gedankliche Formen übersetzte materielle Welt…“[64]

Ein weiterer Eckpfeiler marxistischer Denkweise findet die Bezeichnung Historische Materialismus. In der Geschichte unterscheidet sich der „materielle Unterbau“, die Produktionsverhältnisse und die Produktivkräfte, die bestimmt sind durch den technischen Fortschritt vom „ideologischen Überbau“, bei Hegel sind es die Ideen, die Denken und Handeln bestimmen. Nach Marx bestimmen die Eigentumsverhältnisse und die darauf gegründete Wirtschaftsordnung den Gang der Geschichte. Hinter allen Ideen, Religionen, Weltanschauungen, Rechtsbegriffen und Rechtsordnungen, Staatsformen, Verfassungen, Sitten, Traditionen steht ein wirtschaftliches Klasseninteresse, dessen „ideologischer Überbau“ sie sind. Hegel sagt: Rechtsbegriffe, staatliche Einrichtungen, Religionen, Philosophie haben dieselbe gemeinsame Wurzel, den Zeitgeist.[65] Wo Ideen in der Politik auftreten, soll der Marxist nach ihren klassenmäßigen Grundlagen forschen; in der Luft hängende Ideen gibt es nicht.[66] Marx blieb lebenslang auf Hegel fixiert. Der Dreischritt mit der These bürgerliche Gesellschaft, der Antithese Proletariat folgt als Synthese die klassenlose Gesellschaft. Das Geschichtsgesetz seines Vorbildes hatte Marx übernommen, die Geschichte strebt danach unabänderlich einem festgesetzten Ziel zu: die Verwirklichung von Vernunft und Freiheit. Der Hauptunterschied liegt im Denken beider, was Marx auf materialistischer Grundlage erstrebte, war bei Hegel geistig idealistisch angelegt.[67] Grundgedanke einer Synthese ist nicht ein Kompromiss, sondern die Aufhebung der Gegensätze zu etwas gänzlich Neuem, das sich zum Vorhergehenden entscheidend abhebt. Versöhnung und Aufhebung der Gegensätze sind das zentrale Anliegen.

Hegel erlangte maßgeblichen Einfluss auf das Denken der Zeit, während seiner Zeit als Professor an der Universität Berlin von 1818-1831, die mit seinem Tode von 61 Jahren ein Ende fand. Wie konnte es sein, dass ein maßgeblicher Vertreter des deutschen Idealismus ausgerechnet maßgeblich wurde für die materialistische Denkweise des Marxismus mit allem, was er im Gefolge hatte?

Der Theologe Karl Barth entwirft ein ganz anderes Bild, ein geradezu christliches Bild von Hegel. Er stellt die Frage, warum Hegel nicht einen ähnlichen Einfluss auf die Protestantische Welt ausgeübt hat, wie der Scholastiker Thomas von Aquino (1224-1274) in der katholischen Kirche,[68] einer der maßgeblichen und herausragenden Kirchenlehrer der katholischen Kirche durch sein Werk „Summe der Theologie“. Ein Unterschied besteht zwischen Hegel und Thomas von Aquino.

[62] Theimer, Walter: Der Marxismus. S. 10

[63] ebd. S. 11

[64] ebd. zitiert auf S. 13

[65] ebd. S. 13

[66] ebd. S. 15

[67] ebd. S. 11

[68] Barth, Karl: Die protestantische Theologie im 19. Jahrhundert. Ihre Vorgeschichte und Geschichte. Zürich 1952. S. 343

 

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Hegel schreibt in einem Stil, der seine Gedankenwelt nur schwer zugänglich macht. Das ist bei Thomas anders, sein Stil zeichnet sich aus durch klare tiefgehende Gedankenführung, die dennoch allgemein verständlich ist. Karl Barth war reformierter Theologe und hat mit seiner „Kirchlichen Dogmatik“ ein theologisches Werk hinterlassen, das zu den umfangreichsten in der ganzen Kirchengeschichte gehört. Er trat 1931 der SPD bei und hat weitgehend die „Barmer Erklärung“ vom Mai 1934 verfasst, Bekenntnisgrundlage der „Bekennenden Kirche“, die eine völlige Gleichschaltung der evangelischen Kirche durch die NS-Ideologie verhinderte.

Auf den Lehrstuhl Hegels gelangten Professoren, die ihrem Vorgänger nicht ebenbürtig waren. Die Zeit Hegels und die Zeit der Überwindung Hegels verhalten sich zueinander wie die Schlacht von Sedan am 2. September 1870 und die Schlacht an der Marne zu Beginn des Ersten Weltkrieges, die als Ausgangspunkt für den Verlauf dieses Krieges angesehen werden kann.[69]

Die Philosophie Hegels, die ausgerichtet ist auf die Versöhnung der Gegensätze, ist mit der Botschaft des Evangeliums und seinem ethischen Inhalt vereinbar, in dem alle Gegensätze in Jesus Christus aufgehoben sind, heißt es doch in dem Brief des Apostels Paulus an die Galater in Kapitel 3, Vers 28: Jetzt gilt nicht mehr Juden oder Heiden, nicht mehr Sklaven oder Freie, nicht mehr Mann noch Weib, denn ihr alle seid Einer in Christus Jesus.[70]Karl Barth spricht im Hinblick auf Hegel vom Tag des Gerichts und dem Tag der Freiheit, den er zuvor in die Vergangenheit verlegt hatte, er könnte der Menschheit in Zukunft bevorstehen. Wir können nicht mit Sicherheit wissen, ob die Zeit Hegels schon abgelaufen oder erst recht im Kommen ist.[71] Wirkliche Freiheit kann nur in der Hinwendung zu Jesus Christus bestehen. Das Selbstvertrauen, das die Philosophie Hegels verkündet, und zu dem sie aufruft, ist zugleich als solches qualifiziertes, wahres, eigentliches Gottvertrauen, dass sie so ausdrücklich wie möglich Gott und nicht Menschen die Ehre gibt.[72]

Hegel hat Novalis (Friedrich Hardenberg 1772-1801) nahe gestanden, näher als andere Geistesgrößen der Zeit wie Kant, Fichte, oder Schelling der Philosoph der Romantik.[73] Ein Gedicht aus „Hymnen an die Nacht“, die als eine Synthese aus Licht und Nacht, was als Vorausdeutung auf die Aufhebung aller Grenzen und die neue Einheit angesehen werden kann, (Aus Wikipedia) gewährt einen Einblick:

Eins in allem,

Das All in einem,

Gottes Bild auf Kräutern und Steinen,

Gottes Geist in Menschen und Tieren,

Dies muss man sich zu Gemüte führen,

Keine Ordnung mehr nach Raum und Zeit,

Hier Zukunft in der Vergangenheit.

Was sich in diesen Worten offenbart, geht über die vierte Dimension noch hinaus. Novalis wandte sich zurück in die europäische Geschichte, und als Romantiker stand er für ein Europa, wie es sich im Mittelalter formiert hatte. Es ging aber nicht um die Rückkehr zu mittelalterlichen Herrschaftsformen. Das mittelalterliche Staatsverständnis gründete auf den universalen Staatsgedanken, was im Europa der Zeit, wo der Nationalstaatsgedanke seit der

[69] Barth, Karl: Geschichte des Protestantismus. S. 346

[70] übersetzt nach Riesler (kath)

[71] Barth, Karl: Geschichte des Protestantismus. S. 349

[72] ebd. S. 353

[73] ebd. S. 350

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Französischen Revolution das beherrschende Thema war, keinen Anklang fand. Einfluss auf Hegel und Novalis hatte auch der schlesische Theosoph und Schuhmacher Jakob Böhme (1575-1624) gewonnen. Hegel bezeichnete ihn als den „ersten deutschen Philosophen“. Der Mensch müsse neu geboren werden, wolle er das Reich Gottes schauen, so Jakob Böhme in seiner Schrift: Die Menschwerdung Christi. (Aus Wikipedia) Ein Satz Jakob Böhmes lässt die Tiefe seiner Gedankenwelt erkennen: „Wem Zeit ist wie die Ewigkeit, und Ewigkeit wie die Zeit, der ist befreit von allem Streit.“ Eine Aussage, die von Gefahren umwoben ist, und von leichtfertigen Gemütern leicht missverstanden werden kann.

Das reale Eingehen des Göttlichen in die Menschenseele war durch die absolute Transzendenz Gottes ausgeschlossen. Finitum non est capax infniti. (Das Endliche kann nicht das Unendliche umfassen). Immanenz bedeutet die endliche mit den Sinnen wahrnehmbare Erfahrungswelt, die vergänglich ist, Transzendenz die ewige-unendliche Wirklichkeit, die sich der sinnlichen Wahrnehmung verschließt. Die Gemeinschaft Gottes konnte mit denen, die Gnade erlangt hatten, nur stattfinden und zum Bewusstsein kommen, indem Gott in ihnen wirkte, und das der Mensch sich dessen bewusst wird. Der Mensch kann sich seines Gnadenstandes versichern in einem Leben der Gefühlskultur oder in einem asketischen Handeln, im ersten Fall ist die Nähe zu Luther, im letztgenannten der Calvinismus erkennbar.[74]

Calvin lässt auch den Glauben an eine Vorsehung nicht gelten, konsequent duldet er keinen Widerspruch und besteht auf die exakte Vorherbestimmung, die keinen gedanklichen Spielraum lässt.[75] In diesem dogmatischen Gegensatz darf die menschliche Vernunft zu Wort kommen. In der Christenheit besteht Konsens über Eigenschaften, die Gott und seinem Handeln zugeschrieben werden: Allmächtig, allwissend und allgegenwärtig. Alle drei Eigenschaften können einer Betrachtung unterzogen werden. Allwissenheit bedeutet, dass Gott vor allem Anfang den Lauf der Schöpfung in der mikrokosmischen und makrokosmischen Welt nach einem vorgefassten Plan gelenkt hat. Er konnte vorhersehen in welches geographische und gesellschaftliche Umfeld jedes  nach seinem Ebenbild geschaffene  menschliche Individuum hineingestellt sein würde, und die damit verbundene Kausalität vorhersehen, wie ein Mensch, allerdings in einem begrenzten Wahrnehmungsvermögen, von möglichen Vorgehensweisen seiner Mitmenschen oder technischen Vorgängen vorausschauend Entwicklungen einschätzt. Allmacht wird gedeutet, dass dem nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Mensch kein freier Wille zuerkannt werden kann. Wenn aber alles menschliche Handeln nach einem fest gefassten unabänderlichen Plan abläuft, dann entsteht hier ein Widerspruch, denn eine Allmacht, die Pläne nicht ändern kann, ist keine Allmacht. Die Allmacht muss aber den Anspruch stellen, dass außerhalb dieser Allmacht keine Entscheidungsbefugnis besteht, sonst könnte sich der Mensch über Gott erheben, und das Geschöpf sich an die Stelle des Schöpfers setzen, womit dann jede Ordnung aufgehoben wäre, und nur noch das Chaos bliebe. Allgegenwart bedeutet, dass es für die unendliche ohne Raum und Zeit definierte Allgegenwart nur Gegenwart gibt, während es für das Geschöpf nur Vergangenheit und Zukunft gibt. Ein gegenwärtiger Augenblick verschwindet in einer unendlichen nicht darstellbaren Zeit. Unendlichkeit kann nur gedacht, aber nicht dargestellt werden, ein solcher Versuch scheitert an seinem Widerspruch, darum sollte der Mensch auch nicht versuchen, das Handeln Gottes mit seiner begrenzten Vernunft zu erfassen. Immanuel Kant (1724-1804) hat verlauten lassen, der Mensch könne „das Ding an sich“ nicht erkennen, weil unser Erkenntnisvermögen dazu nicht ausreicht, trotz des ständigen immer schneller und häufiger werdenden Vordringen des  Menschen in die makrokosmische und mikrokosmische Welt. Besäße der Mensch die göttlichen Eigenschaften

[74] Weber, Max: Protestantische Ethik S. 130

[75] Calvin, John: Institutes of the Christian Religion. S. 212 f

 

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der Allwissenheit, der Allmacht und der Allgegenwart, dann könnte er „das Ding an sich“ vollumfänglich erkennen.[76]

Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, anders kann es nicht sein, denn sonst hätte er die Erlösung der Menschheit und der gefallenen Schöpfung nicht vollbringen können. Nur der Erwählte kann ein wirksames Glaubenszeugnis bekennen, nur er ist fähig, vermöge der Wiedergeburt und der darauf folgenden Heiligung, die ihm die Kraft verleiht, die nicht nur gottgewollt, sondern auch gottgewirkt ist. Auf diesem Wege erlangt er das höchste Gut, nachdem diese Religiosität strebte: Die Gnadengewissheit. In dem 2. Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Korinth im 13. Kapitel, Vers 5 wird die Möglichkeit bestätigt, sie zu erlangen: (5) Überprüft euch, ob ihr im Glauben seid; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? Dann hättet ihr euch nicht bewährt.[77] So absolut ungeeignet gute Werke sich als Mittel zur Erlangung der Seligkeit sind, denn auch der Erwählte bleibt Kreatur, und alles, was er tut, bleibt in unendlichen Abstand hinter Gottes Anforderungen zurück, so unentbehrlich sind sie als Zeichen der Erwählung.[78]

Dem katholischen Christen steht die Sakramentsgnade seiner Kirche als Ausgleich eigener Unzulänglichkeit zur Verfügung, der Geistliche als geweihter Amtsträger verfügt über die Autorität, bei ernsthaften Verlangen die Absolution zu erteilen. Sie spendet Sühne Gnadenhoffnung, Gewissheit der Vergebung und gewährt damit Entlastung von einer ungeheuren Spannung. Der Gott des Calvinismus verlangt von den Seinigen nicht einzelne „gute Werke“, sondern eine zum System gesteigerte Werkheiligkeit.[79]

Die ethische Praxis des Alltagsmenschen wurde so ihrer Plan-und Systemlosigkeit und zu einer konsequenten Methode der ganzen Lebensführung ausgestaltet. Es ist ja kein Zufall, dass der Name „Methodisten“ ebenso an den Trägern der letzten großen Wiederbelebung puritanischer Gedanken im 18. Jahrhundert haften geblieben ist.[80] Die damit verbundene Selbstbeherrschung findet sich auch bei Ignatius von Loyola (1491-1556), der den ausschlaggebenden Stoß der Gegenreformation führte und nicht nur hier, sondern auch bei den Puritanern zu einem Lebensideal.[81] Zur Beichte in der katholischen Kirche ist oft angemerkt worden, sie führe zu Macht und Einfluss des Pfarrers und Amtsträgers über die Gemeindeglieder. Solche Bedenken könnten in jedem Fall zutreffen, darum fühlt der reformierte Christ selbst „den Puls“.[82]

Philipp Jakob Spener (1635-1705), August H. Francke (1663-1727) und Nikolaus Graf Zinzendorf (1700-1760) gelangten in Preußen zu einem besonderen Einfluss mit Breitenwirkung, der von König Friedrich Wilhelm I gefördert wurde. Sie standen auf dem Boden des Luthertums, was eine Abkehr von der Prädestinationslehre bedeutete. Die Berufsarbeit war auch für A. H. Francke das asketische Mittel wie auch bei den Puritanern.

Für ihn stand fest, dass Gott selbst es sei, der die Glaubenden mit seinem Segen bedenkt.[83] In alledem manifestiert sich die spezifisch lutherische Art, das Heil zu suchen, für welche nicht die Vergebung der Sünden, sondern die praktische Heiligung das Entscheidende ist.[84] Zunächst wurde im Gegensatz zum Calvinismus, der alles Gefühlsmäßige, aus der die Sicherheit des Glaubenden herrühre, als Täuschung ansah. Nach der Lehre John Wesleys sollte der Glaubende

[76] Kant, Immanuel: Die Drei Kritiken in einem Zusammenhang mit dem Gesamtwerk. Mit verbindendem Text zusammengefasst von Raymund Schmidt. Stuttgart 1956 S. 39

[77] Nach der revidierten Übersetzung nach Marin Luther. Wollerau 2009

[78] Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 131

[79] ebd. S. 133

[80] ebd. S. 134

[81] ebd. S. 135

[82] ebd. S. 139

[83] ebd. S. 146 f

[84] ebd. S. 151

 

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Zeit und Stunde nennen können, in der er die Heilsgewissheit erlangt habe, entsprechend wurden auch die äußeren Gnadenmittel, insbesondere die Sakramente entwertet[85] Wesley war unter Einwirkung der Brüdergemeinde lutherischen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Ein Erlebnis war dabei nicht ohne Bedeutung geblieben, 1735 kam es auf der Überfahrt nach Amerika zu einer Begegnung mit Anhängern der auf Zinzendorf zurückgehenden Herrenhuter Brüdergemeinde, die unbekümmert geistliche Lieder sangen, als das Schiff in einen bedrohlichen Sturm geraten war. Die Methodistenkirche spaltete sich, ein Teil wurde von John Wesley (1703-1789) geführt, der dem freien Willen des Menschen in seiner Theologie Raum gab, aus diesem Grunde trennte sich der Mitbegründer John Whitefield (1714-1770), der theologisch ein Anhänger Calvins und der Prädestinationslehre war, und gründete einen eigenen Zweig des Methodismus. Trotz dieser theologischen Differenzen haben beide in ihrer Verkündigung eine Breitenwirkung erzielt. Zinzendorf hat nicht nur auf John Wesley und andere Theologen eingewirkt, sein Einfluss erstreckte sich auch auf andere Geistesgrößen der Zeit, wie Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Johann Gottfried Herder (1744-1803) und Daniel Friedrich Schleiermacher (1768-1834), (aus Wikipedia)was nicht bedeutet, das alle die genannten auf Zinzendorfs geistliche Linie eingeschwenkt wären. Karl Barth nannte Zinzendorf den ersten echten Vorläufer der Ökumene. Etwas von dieser Linie ist in Goethes Faust zu finden in dem vielfach erwähnten und bekannten Osterspaziergang:

Chor der Engel:                        Chor der Weiber:                      Chor der Engel:

Christ ist erstanden!                 Mit Spezereien                          Christ ist erstanden!

Freude dem Sterblichen,          Hatten wir ihn gepflegt,            Selig der Liebende,

Den die verderblichen,             Wir, seine Getreuen,                 Der die betrübende,

Schleichenden, erblichen          Hatten ihn hingelegt;                Heilsam und übende

Mängel umwanden.                  Tücher und Binden                   Prüfung bestanden.      

                                                  Reinlich umwanden wir, –      

                                                  Ach und wir finden

                                                  Christ nicht mehr hier.

Die so verkündete Osterbotschaft zertrümmert Faust wie mit einem Hammerschlag:

Was sucht ihr mächtig und gelind,

Ihr Himmelstöne, mich am Staube?

Klingt dort umher wo weiche Menschen sind,

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind,

Zu jenen Sphären wag ich nicht zu streben,

Woher die holde Nachricht tönt;

Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,

Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben. (Goethes Faust, der Tragödie erster Teil)

Immanuel Kant nimmt Stellung zum Verlangen der Menschen ein Wunder zu sehen, und sieht eine vernunftgemäße Begründung darin, das Wunder etwas Seltenes sein müssten, da sie sonst

[85] Weber, Max: Protestantische Ethik. S. 153 ff

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nicht mehr als Wunder angesehen werden könnten. In einer Abhandlung mit dem Titel erläutert Kant die Zusammenhänge:

Wunder und übernatürliche Begebenheiten

Es ist eine bekannte Regel der Weltweisen oder vielmehr der gesunden Vernunft überhaupt: dass man ohne die erheblichste Ursache nichts für ein Wunder oder eine übernatürliche Begebenheit halten solle. Diese Regel enthält erstlich, dass Wunder selten seien, zweitens, dass die gesamte Vollkommenheit des Universums auch ohne viele natürliche dem göttlichen Willen gemäß nach den Gesetzen der Natur erreicht werde; denn jedermann erkennt: dass, wenn ohne häufige Wunder die Welt des Zwecks ihres Dasein verfehlte, übernatürliche Begebenheiten etwas Gewöhnliches sein müssten.[86]

Der Glaube Immanuel Kants ist rein philosophisch auf die Vernunft gegründet, und verzichtet daher auf theologisch begründete Gottesbeziehungen: Nun war es Pflicht für uns, das höchste Gut zu befördern, mithin nicht allein Befugnis, sondern auch mit der Pflicht als Bedürfnis verbundene Notwendigkeit, die Möglichkeit dieses höchsten Guts vorauszusetzen, welches, da es nur unter der Bedingung des Daseins Gottes stattfindet, die Voraussetzung desselben mit der Pflicht unzertrennlich verbindet, was bedeutet, es ist moralisch Notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen.[87]

An der Spitze des Staates müssen Philosophen stehen, so die Vorstellung Platons, die dafür gebildet und in eigens dafür geschaffenen Einrichtungen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Mann und Frau haben in der platonisch ausgerichteten Gesellschaft gleiche Rechte und Pflichten, eine für seine und spätere Zeit revolutionäre Ansicht. Oberstes Gebot für das Individuum ist die Pflichterfüllung, „jeder tut das Seine“. Für Philosophen als Wächter über das Gemeinwesen und Staatenlenker wird Besitzlosigkeit gefordert. Die Hauptgefahr für die Stabilität seines Staates sah Platon in der Spaltung der Wächterklasse durch Streit um Güter. Wächter des Staates trügen das Gold in ihrer Seele, so die Idealvorstellung. Nach Platons Vorstellungen kann der gerechte Staat nur bestehen, wenn in ihm das Göttliche beherrschendes Element ist, das gegen unwahre Darstellungen und Fälschungen geschützt werden muss. Er fordert die Reinigung der griechischen Mythologie von „Lügen“ über Gott. Geschichten von Göttern, die sich streiten, intrigieren, Inzest praktizieren und stehlen, seien mit der wahren Natur des Göttlichen, des Guten und Wahren, unvereinbar. Platons Sicht des einen Gottes war ein radikaler Bruch mit dem Polytheismus, der bestimmend war für das griechische Leben der Zeit in Politik und Gesellschaft. Hierin und in Platons Lehre vom Weiterleben der Seele nach dem Tode sahen Augustinus (354 – 430) und andere Kirchenväter Gemeinsamkeiten mit der christlichen Vorstellungswelt.[88] 

[86] Kant, Immanuel: Die drei Kritiken. S. 66

[87] ebd. S. 276

[88] Klassische Staatsphilosophie. Texte und Einführungen von Platon bis Rousseau. Oberndorfer, Dieter/Rosenberg, Beate (Hrsg) München 2000 S. 17 f

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Platon hat nicht einen Staat nach modernen Vorstellungen angestrebt. Ebenso unübersehbar sind die Unterschiede in seinen Ausführungen vom gerechten Staat zum christlichen Verständnis, worin die Gerechtigkeit des Individuums Ausgangspunkt christlicher Lehre ist und nicht die Gerechtigkeit staatlicher und politischer Ordnung.[89]

Erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt platonischer Philosophie ist die Ideenlehre. Die durch die Sinne wahrnehmbare Natur (physis) ist für Platon die Welt der Vergänglichkeit. Die bleibende unzerstörbare Realität sind die „hinter der Natur liegenden“ (Metaphysik) Ideen. (griech. Eidos = Bild, Gestalt). Die sinnlich erkennbare Welt ist nur ein „Schatten“ der eigentlichen Wirklichkeit der Ideen, die als unzerstörbar, unveränderlich und ewig gelten. Im „Höhlengleichnis“ ist veranschaulicht, wie die irdische Welt in dem Maße Realität gewinnt, als es ihr gelingt sich der Wirklichkeit der Ideen anzunähern. Auf die Politik bezogen ist es Aufgabe des Staates die „Idee des guten Staates“ zu verwirklichen. Platon wird als der geistige Vater des Idealismus angesehen. Der deutsche Idealismus, mit Hegel als einem ihrer führenden Vertreter, hat seine Wurzeln in der platonischen Ideenwelt.[90]

Ein weiterer Einfluss auf Theologie und christliches Denken, besonders der Scholastik im Mittelalter, ist von dem griechischen Philosophen Aristoteles (324-322 v. Chr.) ausgegangen. Herausragender Vertreter dieser theologischen Richtung ist Thomas von Aquino (1224-1274). Er sieht in der Theologie eine Wissenschaft neben der Philosophie. Davon ausgehend, wäre es nicht notwendig, neben der Philosophie noch eine andere Wissenschaft zu betreiben. Dagegen spricht das Wort des Apostels Paulus in dem Brief an Timotheus (2. Tim. Kapitel 3, Vers 16): „Jede göttlich eingegebene Schrift dient zur Lehre, zur Überzeugung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit“. Nun erstreckt sich aber die göttlich eingegebene Schrift nicht auf die Fächer der Philosophie, die sich die menschliche Vernunft nach ihrem Bedürfnis geschaffen hat. Also ist es zweckdienlich, dass außer der Philosophie noch andere, göttlich eingebebene Wissenschaft bestehe. Thomas antwortet: Es war notwendig zum menschlichem Heile, dass außer den philosophischen Fächern, in welchem die Vernunft des Menschen forscht, noch eine Wissenschaft besteht, die auf der göttlichen Offenbarung gründet.[91] Alles Geschaffene, alles historisch Gewordene hat eine Ursache, alles beruht auf Kausalität. Nur Gott, der Schöpfer aller Dinge hat keine Ursache, er ist der „Unbewegte Beweger“.[92] Diesen Ausdruck aus der Physik des Aristoteles identifiziert Thomas mit dem christlichen Gott. Er stellt in seiner Gotteslehre die Bedeutung der Offenbarung heraus, die für philosophische Überlegungen unerreichbar sei. (aus Wikipedia)

Im Jahre 529, nach dem das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion erklärt worden war, wurde die auf den Philosophen Platon zurückgehende Akademie in Athen geschlossen. Damit ging nicht nur philosophisches Wissen verloren, sondern auch die übrigen Wissenszweige und die damit verbundenen Erkenntnisse. Die Heilige Schrift ist kein Buch der Wissenschaften, den pythagoreischen Lehrsatz für das rechtwinkelige Dreieck a²+b²=c² suchen wir dort vergeblich, aber der Lehrsatz gilt auch für Christen, auch wenn sein Entdecker kein Christ war. Erst im Hochmittelalter gelangten über die in Spanien herrschenden Mauren wissenschaftliche Erkenntnisse des antiken Griechenland nach Europa, und erst mit dem Beginn der Renaissance gelang es, an die wissenschaftlichen  Errungenschaften der griechischen Antike anzuknüpfen.

Auf den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) geht die Lehre von der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes, zurück, in der es heißt, Gott habe die beste aller

[89] Klassische Staatsphilosophie. S. 18 f

[90] ebd. S. 19

[91] Aquino, Thomas vom: Summe der Theologie. Zusammengefasst und erläutert von Josef Bernhart. Band I Stuttgart 1954 S. 3

[92] ebd. S. 15

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möglichen Welten geschaffen.[93] Leibniz gehört neben dem christlichen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) und dem unermüdlichen Forscher Isaac Newton (1642-1727) zu dem Dreigestirn herausragender Wissenschaftler. Sie waren zugleich Angehörige einer europäischen Gelehrtenrepublik, zu der viele große Namen hinzugefügt werden müssten, in der nationale Eifersüchteleien nicht tonangebend waren. Es kann hier von einem Spitzentrio europäischer Wissenschaft gesprochen werden. Leibniz verfocht die Realität der sittlichen Welt, so in der Theodizee, wo diese Welt eben die „beste“ sei, weil sie eine ewige Aufgabe enthält, die sich von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag neu stellt.[94] Aus der Unvereinbarkeit eines freien Menschenwillens mit dem Kausalprinzip folgt aber nicht, dass Strafe und Belohnung nicht kausalfrei, also mit der Kausalität nicht verträglich sind. Lohn und Strafe sind nämlich keine auf Naturgesetze beruhende Naturerscheinungen, welche determiniert sein müssen, sondern Moralphänomene, welche indeterminiert sind. Die Handlungsdeterminiertheit steht nicht der Schuld im Wege, weil durch sie keine Bestimmung erfolgen kann. Schuld wird nur durch indeterminierte Moralgründe bedingt. Noch mehr vertragen sich Lohn und Strafe mit dem Gottesgedanken – lauter freie Ideen, welche als solche dem Naturgesetze nicht unterworfen sein können. Wer denn bestraft und belohnt, wenn nicht Gott? Besteht doch gerade seine Allmacht in dem Vermögen der zuteilenden Vergeltung.[95]  Was hier nicht betont wird, ist die Möglichkeit zwischen mehreren Kausalitäten oder Beweggründen zu wählen. Freiheit vom kausal bedingten Geschehen ist zur Belohnung und Bestrafung unerlässlich. Es ist dies keine Freiheit des Menschen. Wessen Freiheit aber dann? Es ist die Freiheit der göttlichen Gebote. – Dieu agit très librement…Les décrets de Dieu sont toujour libres…Gottes Handeln wird durch Freiheit bestimmt, seine Dekrete sind freie Entscheidungen. Die Behauptung: „Dieu a fait l’homme libre Gott hat dem Menschen die freie Entscheidung ermöglicht, ist widerspruchsvoll, da das Gemachte nicht der Meister, und das dadurch Bewirkte nicht frei von Ursachen sein kann.[96] Es gibt aber Freiheit, wenn auch keine Handlungsfreiheit, so doch Urteilsfreiheit, nur wenn es keine Werturteile gäbe, ginge die Freiheit gänzlich verloren.[97]

Theologen unterschiedlicher Richtungen haben von Anbeginn der christlichen Kirche die Behauptung vertreten, Gott hätte ohne  Leiden gelitten.[98] Eine irrige und abwegige Behauptung. Gott hat die Leiden erduldet wie ein Mensch ohne Abstriche. Gott ist in Jesus Christus geworden, was alle Menschen sind, er hat die Leiden des menschlichen Individuums und der Menschheit auf sich genommen und sich damit identifiziert, so wie auch die Schuld des gefallenen Menschen und der Schöpfung, ohne in Sünde zu fallen. In seinem Gebet im Garten von Gethsemane (Evangelium nach Matthäus Kapitel 25) bittet er, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge, und auf dem Berg der Versuchung macht der Teufel ihm das Angebot, ihm alle Reiche der Welt zu übergeben, wenn er niederfalle und ihn anbete. (Evangelium nach Matthäus Kapitel 4) Es hätte also für Jesus Christus die Möglichkeit bestanden anders zu entscheiden. Er ist also von den Leiden der Schöpfung und der Menschheit betroffen, und sein Ziel ist es alles herzurichten und nicht hinzurichten.

Ebenso haben auch Schriftsteller unterschiedlicher Art den Standpunkt vertreten, die Heilige Dreieinigkeit stünde im  Widerspruch mit der großen mathematischen Wahrheit: Sind zwei Größen einer dritten gleich, so sind sie untereinander gleich, oder wenn A und B einerseits, C und B andererseits gleich sind, dann müssten A und C untereinander gleich sein. Denn dieses Prinzip folgt unmittelbar aus dem Satz vom Widerspruch und bildet das Fundament der ganzen

[93] Leibniz, Gottfried Wilhelm: Die Theodizee.Übersetzung von Arthur Buchenau. Hamburg 1968. Einführender Essay von Morris Stockhammer, hier S. V

[94] ebd. einführender Essay S. VI

[95] ebd. S. X

[96] ebd. S. XIII

[97] ebd. S. XIV

[98] Leibniz: Die Theodizee. Einleitende Abhandlung über die Übereinstimmung des Glaubens mit der Vernunft. S.50

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Logik; fällt sie, dann gibt es kein Mittel, vernünftig zu urteilen. Wenn daher gesagt wird der Vater ist Gott, der Sohn ist Gott und der Heilige Geist ist Gott, und es gibt dennoch nur einen Gott, obgleich diese Personen untereinander verschieden sind, so muss der Schluss folgen, dass dieses Wort Gott am Anfang und Ende nicht den nämlichen Sinn hat. Es bezeichnet in dem einen Falle die göttliche Substanz (ein Ding das zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf) in einem anderen Fall eine der drei göttlichen Personen. Die gewöhnliche Unterscheidung zwischen dem, was über die Vernunft hinausgeht und dem, was gegen die Vernunft gerichtet ist, deckt sich ungefähr mit der oben beigebrachten Unterscheidung der zwei Arten von Notwendigkeit. Eine Wahrheit geht über die Vernunft hinaus, wenn unser Geist (oder der geschaffene Geist überhaupt) sie nicht begreifen kann; und so verhält es sich meines Erachtens mit der Dreieinigkeit, mit dem Gott allein vorbehaltenen Wundern, wie z. B. die Schöpfung, mit der Wahl der Weltordnung, die von der allgemeinen Harmonie und der klaren Erkenntnis unendlich vieler Einzeldinge zugleich abhängt.[99] Denn was gegen die Vernunft gerichtet ist, ist auch gegen gewisse absolute  Wahrheiten, die nicht aufgehoben werden können, gerichtet, was jedoch über die Vernunft hinausgeht, widerstreitet nur der gewöhnlichen Erfahrung und der üblichen Auffassung, eine Wahrheit, jedoch, kann nicht gegen die Vernunft gerichtet sein.[100] Nachdem wir die Rechte des Glaubens und der Vernunft so geregelt haben, fährt Leibniz fort, dass die Vernunft dem Glauben dient, und weit davon entfernt ist, ihm zu widersprechen, wollen wir sehen, wie man sich dieser Rechte bedient, um das, was uns das natürliche Licht und die Offenbarung über die Stellung Gottes und des Menschen zum Übel lehrt, zu stützen und in Einklang zu bringen. Die Stellungen zu den gegebenen Schwierigkeiten können in zwei Klassen aufgeteilt werden, die einmal auf die Unvereinbarkeit menschlicher Freiheit und göttlicher Natur hinauslaufen, und die Grundlage bilden von Schuld und Strafe des Menschen. Weiter geht es um das Verhalten Gottes, dem ein Anteil an der Existenz des Bösen zugeschrieben wird, selbst dann, wenn der Mensch frei wäre und seinen Anteil hätte. Wie lassen sich so Gottes Güte, Heiligkeit und Gerechtigkeit in Einklang bringen, da Gott am physischen und moralischen Übel mitwirkt? Im Reich der Natur werden die Übel genauso wahrgenommen wie im Reich der Gnade Gottes, und diese Übel treten im zukünftigen ewigen Leben mehr und härter hervor als im vergänglichen Leben.[101] Im zukünftigen Leben werden Lohn und Strafe noch ärger offenbar werden, da die Anzahl der Geretteten, zum Heil bestimmten, sich von der großen Masse, die nicht des Heiles teilhaftig wird, abhebt.[102] In einem gemäßigten theologischen System heißt es, Gott habe alle Menschen retten wollen. Gott gab seinem Sohne Menschennatur, um die Erlösung zu bewirken, die aus vollem Herzen ohne Zagen glauben. Dieser Herzensglaube ist eine Gottesgabe, der Mensch bedarf dazu der vorgreifenden Gnade, von der das Wollen und das Gelingen abhängig ist.[103]

Leibniz schürft tiefer und greift etwas auf, was ebenso tiefes Nachdenken auslöst, und die Frage entstehen lässt, wie eine Schöpfung zu bewerten ist, die zu einem immerwährenden Verderben verurteilt ist. Eine Theologie, die den Standpunkt vertritt, im zukünftigen Leben sei eine Rettung vom Weg des Verderbens ausgeschlossen, hat keine Gottesfurcht bewirkt, das zeigt insbesondere die Geschichte der christlichen Kirchen mit all den grausamen Exzessen, die sie sich gegenseitig angetan haben, aber auch in die übrige Welt hinein. Die Lehre von der immerwährenden Verdammnis ist deshalb aufrechterhalten worden, weil die Befürchtung bestand, der Mensch könne in diesem Leben dadurch zu Leichtfertigkeit und Leichtsinn gebracht werden. Es bleibt die Tatsache bestehen, der Mensch ist zum Ebenbilde Gottes geschaffen, durch Jesus Christus ist Gott geworden, was der Mensch auch ist, und der Mensch

[99] Leibniz: Die Theodizee. Einleitende Abhandlung. S. 50 f

[100] ebd. S. 51

[101] Leibniz: Die Theodizee. 1. Teil der Versuche über die göttliche Gerechtigkeit, die Freiheit des Menschen und der Ursprung des Übels. S. 95

[102] ebd. S. 97

[103] ebd. S. 98

 

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soll auf den Weg geführt werden, zu werden, was Gott auch ist. Ziel ist es, den Menschen in dieses Ebenbild zu verwandeln, aus dem er herausgefallen ist.

Hier kommen wir zurück auf Leibniz mit der unumwundenen Feststellung, Gott habe „die beste aller möglichen Welten“ geschaffen. Voltaire (1694-1778), einer der herausragenden geistigen Wegbereiter der Aufklärung, hat sich mit dieser Theologie, müssen wir schon sagen, auseinandergesetzt mit seiner märchenhaften Darstellung „Candide oder der Optimist“. Mit beizender Ironie lässt Voltaire „die beste aller Welten“ vorüberziehen. Candide, der „Held“ wird den Leiden der Zeit unterworfen, die im absolutistischen Herrschaftssystem einen Höhepunkt erreichten durch den mit ausgesuchten Grausamkeiten erhobenen Herrschaftsanspruch, begleitet von absoluter Willkür, dem Adel und Monarchie sich hingaben. Am Ende, nach dem vielen Auf und Ab von Glück und Unglück, von Armut und Reichtum, sieht Candide mit seiner endlich erlangten und Erfüllung gefundenen Liebe zu seiner Conégonde den Ausweg in einem bescheidenem Dasein, gegründet auf das Arbeitsethos.

Beachtenswert sind die Beziehungen zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen. Die Beziehung zwischen Voltaire und Friedrich II. (der Große) gehört zu den ungewöhnlichsten Männerfreundschaften der Geschichte.[104] „Europa hatte zu dieser Zeit zwei Könige, den König von Preußen und König Voltaire. Der eine verwandelte das Denken, der andere die Landkarte Europas“.[105] Der Briefwechsel zwischen beiden, beginnend 1736 hielt ein Leben lang, trotz eines zwischenzeitlich schweren Zerwürfnisses, das nicht zuletzt aus fragwürdigen Geldgeschäften Voltaires herrührte. Der Kapitalismus, im wahrsten Sinne des Wortes, hatte bereits große Fortschritte gemacht. Friedrich urteilte über Voltaire: „Sie sind eine Fackel, welche die Welt erleuchten muss“ oder Voltaire in einem seiner letzten Briefe: „Mehr denn je werfe ich mich ihnen zu Füßen, von Herzen hoffe ich, dass sie nicht mehr geschwollen sind“.[106] Friedrich sah sich als Philosoph auf dem Königsthron. Er verkörperte ein anderes Preußen, als das, was später aus Preußen und Friedrich II. gemacht wurde.

Idealistische Philosophie und materialistische Philosophie, und der daraus resultierende Gegensatz durchziehen die  Menschheitsgeschichte. Zielsetzung platonischer Staatslehre ist ein gerechter Staat. Es besteht hier ein Unterschied zum christlichen Verständnis, wo die Gerechtigkeit des Individuums im Vordergrund steht und nicht die Gerechtigkeit staatlicher und politischer Ordnung. Im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth im 1. Korintherbrief Kapitel 7, Vers 22: Ein Sklave, der im Herrn berufen ist, ist ja ein Freigelassener des Herrn, so wie auch, wer als Freier berufen ward, ein Sklave Christi ist,[107] also auf die innere Überzeugung kommt es zuerst an. Hier beginnt der steinige und dornige Weg des Individuums im Ringen mit dem Kollektiv. Im christlichen Kanon der Heiligen Schrift findet sich nirgendwo ein Aufruf zum Umsturz der politischen Verhältnisse. Es wäre aber abwegig, sich hinter dem Glauben an eine zukünftige Welt nach dem Tode zurückzuziehen, und die irdischen Lebensverhältnisse in Staat und Gesellschaft unberücksichtigt zu lassen.

Der Marxismus gründet auf das materialistische Staats-und Gesellschaftsverständnis, wobei kein Verständnis dafür aufgebracht werden kann, warum in der angestrebten klassenlosen, Gesellschaft, der Atheismus zur Staatsreligion erhoben werden musste.

Platonisches und marxistisches Staatsverständnis treffen sich in einem Punkt, beide setzen darauf, dass ein gerechter Staat, gerechte Individuen schafft. Es geht also hier tatsächlich alles von oben nach unten. Ein marxistischer Kernsatz lautet: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Die Ideen, und mit ihnen die ethischen Werte, werden zwar relativiert, wenn sie nur als Reflexe der materiellen Verhältnisse erscheinen. Dennoch ist der marxistische Materialismus nicht

[104] Spiegel Online. Spiegel Geschichte 2/2011

[105] Spiegel Geschichte 2/2011 zitiert nach Jean Orieux (1907-1990) durch seine Biographien über Voltaire und Talleyrand, die in zahlreiche Sprachen überstzt wurden.

[106] Aus Spiegel Geschichte 2/2011

[107] Übersetzung nach Riesler (kath)

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unethisch, sonst hätte er nicht als Fundament eines sozialistischen Systems dienen können. Unabhängig davon, ob jemand für oder gegen den Sozialismus ist, kann nicht geleugnet werden, dass seine Ziele von einem ethischen Fundament getragen werden. Der Widerspruch löst sich dadurch, dass nach Marx die materielle Entwicklung, ganz wie Hegels Weltgeist, die Tendenz zu Vernunft und Freiheit in sich trägt. Wer sich also mit ihr identifiziert, wird gut und vernünftig wie sie selbst. Materialismus und Ethik werden eins. Eine autonome Idee des Guten wird überflüssig, weil die materielle Entwicklung ohnedies zum Guten hinführt. Es gibt materialistischen Anschauungen, die zu anderen Ergebnissen, zur Entwertung der Ethik führen. Der Marxismus gehört, entgegen vielen Behauptungen, nicht dazu. Marx war ganz von der Idee der Gerechtigkeit beseelt; sie war, obwohl seine Lehre es leugnet, der Ausgangspunkt seines Denkens.[108] Es ist in der Geschichte aber oft zu beobachten gewesen, dass steigender materieller Wohlstand aus christlicher Sicht zu frivolen unsittlichen Handlungen führt.

Im Reich des Glaubens und der Gnade steht im Zentrum der Satz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Schon im hebräischen Kanon der Heiligen Schrift in Levitikus (3. Buch Mose) Kapitel 19, Vers 18 steht dieser Satz, und im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom ist zu lesen, Kapitel 12, Verse 8-9: (8) Bleibt niemand etwas schuldig, außer dem, dass ihr euch einander liebt; denn wer seinen Nächsten liebt hat das Gesetz erfüllt. (9) Denn die Gebote: „Du sollst nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, [nicht falsches Zeugnis geben,] nicht begehren, und jedes andere Gebot ist in diesem einen Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“.[109] Diese Gebote sind auch dem Lohn und der Strafe ausgesetzt, wenn Verstöße dagegen vorliegen. Was hier für das Reich des Glaubens gilt, findet auch im Reich der Vernunft Anwendung. Im „Kategorischen Imperativ“ bei Immanuel Kant ist dazu ausgesagt: „Handle so, dass die Maxime deines Willens, jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“, was auch für das Zusammenleben der Menschen die gleiche Bedeutung hat wie der einfache Satz des Glaubens. Ein Verstoß dagegen wird auch im Reich der Vernunft geahndet, nur ist hier nicht die persönliche Beziehung zu einem strafenden Gott gemeint, hier wird die Entwicklung von Staat und Gesellschaft die angedrohte Konsequenz herbeiführen. So sieht es Voltaire im Hinblick auf die christliche Kirche, wenn er schreibt: „Ihr habt euch die Zeiten der Unwissenheit, des Aberglaubens, des Wahnsinns zunutze gemacht, um uns unser Hab und Gut zu rauben und uns mit Füßen zu treten, um euch auf Kosten der Unglücklichen zu mästen. Zittert vor dem anbrechenden Tag der Vernunft“.[110] Voltaire kann als Wegbereiter angesehen werden zu dem, was in der Französischen Revolution angestrebt wurde, ob er die Exzesse der Gewalt gebilligt hätte, ist unwahrscheinlich.

Was gegenwärtig bedrückend wirkt, ist das wirtschaftliche Geschehen im Weltmaßstab. Ratlosigkeit ist überall erkennbar. Für mehr als zwanzig Monate beabsichtigt die Europäische Zentralbank (EZB) jeden Monat 60 Milliarden Euro auf den Markt zu werfen, um Staatspapiere aufzukaufen, deren Wert mindestens zweifelhaft ist. Um Geldkapital in den Wirtschaftskreislauf zu locken, damit auch Sachkapital wieder den nötigen Absatz findet, ist in Erwägung gezogen worden, Bargeldkäufe auf 5000 € zu reduzieren oder den Bargeldverkehr gänzlich abzuschaffen, um dann durch negativen Zins, den Geldumlauf zu erzwingen, denn ohne Geldumlauf bleiben die durch Arbeitsleistung erzeugten Sachwerte in ihrem Depot. Es wäre ein Umlaufzwang, der unter den gegenwärtig herrschenden ökonomischen Bedingungen nicht zum Erfolg führen kann, weil eine Geldmengenregulierung über den Preisindex ausgeschlossen werden muss, denn die Billionenbeträge, die aufgehäuft worden sind durch Staatsverschuldung, Spekulationsgewinne und durch das Drucken von Banknoten, könnten auf den Markt drängen und alles überschwemmen. Das Wirtschaftssystem, dem die Weltwirtschaft unterworfen ist, lässt freies Unternehmertum, insbesondere mittelständische Unternehmen nur schwer gedeihen, und es wird zunehmend schwieriger. Freier Wettbewerb wird unmöglich gemacht. Großkonzerne, die immer größer werden und kaum noch von einem Staatsmonopol zu unterscheiden sind, entfalten sich zu einem Diktat, das Demokratie und freien Wettbewerb einschränkt oder ganz abschafft.

Gründerkrach (1873), Weltwirtschaftskrise, Oktober 1929, und Bankenkrise 2008 sind nur einige Stationen, die soziale Ungerechtigkeit mit unermesslichem Leid und Elend markieren. Dieser Kapitalismus kann mit dem ethischen Gehalt des Evangeliums von Jesus Christus keine Gemeinsamkeiten aufweisen, ja nicht einmal mit der protestantischen Ethik, die Max Weber

[108] Theimer, Walter: Der Marxismus. S 11 entnommen aus Dahrendorf "Die Idee des Gerechten bei Karl Marx" Hannover 1952

[109] Übersetzung nach Josef Kürzinger (kath)

[110]  Zitiert in Kirchen-und Dogmengeschichte in Quellen: Ein Arbeitsbuch/hrsg. A. Obermann. Band IV. Vom Konfessionalismus zur Moderne/begründet von Martin Greschat. Neunkirchen-Vluyn. S. 102 unter dem Titel Voltaires Krichenkritik.

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ausführlich beschrieben hat. Es dürfen hier keine Missverständnisse entstehen. Der „Kapitalist“ oder Kapitalismus, den Marx vom produktiven Kapitalismus unterscheidet, ist in seiner Funktion unentbehrlich, es erweist sich die Notwendigkeit einer Einrichtung mit der Aufgabe, die Wirtschaft mit Geldkapital zu versorgen, damit auch Sachkapital fließen kann, entscheidend sind nur die Bedingungen, unter denen Geldkapital fließen soll und muss, denn auf den „Kapitalisten“ kann die Wirtschaft nicht verzichten, genau so wenig auf den Produzenten von Waren, Dienstleitungen und geistigen Erzeugnissen, wesentlich sind nur die Auswirkungen und Angebote, unter denen sich Kapital zur Verfügung stellt.

Die Botschaft des Evangeliums enthält mit aller Eindeutigkeit und Konsequenz eine sozialethische Verpflichtung. Soziale Hilfsprojekte, wie „Misereor“ oder „Brot für die Welt“, wie sie von den großen Kirchen betrieben werden oder die Menge sozialer Projekte von Orden und Freikirchen, sind gut und nützlich, sie lindern aber die Not nur in geringem Umfang, am System selbst ändert sich dadurch nichts.

Im Evangelium nach Matthäus im 25. Kapitel, den Versen 34-40, wird eine sozialethische  Verpflichtung formuliert, die Individuum und Kollektiv gleichermaßen betreffen, denn es ist hier von den Völkern der Welt die Rede. (34) Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! (35) Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. (36) Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. (37) Dann werden ihnen die Gerechten antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dich gespeist? Oder durstig und haben die getränkt? (38) Wann haben wir dich als einen Gast gesehen und beherbergt? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen und sind zu dir gekommen? (40) Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.[111]

b) Der christliche Glaube in der deutschen Geschichte in ihrem Kontext.

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